Wer hat’s erfunden?

Bühne Das Theater ist jetzt nicht mehr nur dran an den Romanen, sondern der Buchpreisjury sogar voraus
Wer hat’s erfunden?
Schneller als der Buchpreis: Witzels Roman ist bereits auf dem Weg auf die Bühne

Foto: Sven Simon/Imago

Frank Witzel kann sich mit dem Deutschen Buchpreis für Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 nun auch noch über die Ankündigung seines 800-Seiten-Romans fürs Theater freuen. Einen Tag nach der Preisverleihung meldet die Berliner Schaubühne die Premiere für April 2016, Bearbeitung und Regie: Armin Petras.

Das ist Vom-Buchpreis-zur-Bühne-Rekord. Uwe Tellkamps nicht weniger umfangreicher Roman Der Turm (2008) brauchte zwei Jahre bis zur Uraufführung in Dresden durch den Regisseur Wolfgang Engel, an der bühnenschlanken Fassung schrieb damals auch schon Armin Petras mit. Für Kruso von Lutz Seiler, dem Gewinner im vergangenen Jahr, sind die Bearbeitungspremieren des vielschichtigen Hiddensee-Romans gerade angelaufen. Zunächst in Magdeburg, wo eine etwas schroffe, revueartige Version angeboten wird, gefolgt von Gera, Potsdam und Greifswald, in immer wieder anderen Textfassungen. Es scheint, das Theater nimmt’s in munterer Hast mit jedem Buch auf, das im Preissog der Aufmerksamkeit gerade von allen gelesen wird – und hat dabei die wegen der viel längeren Produktionsvorbereitung trägeren Bestsellerverfilmungen mühelos abgehängt.

Was will uns das Theater signalisieren, wenn es schneller als der Durchschnitt einen Roman nicht nur gelesen hat, sondern bereits in der noch laufenden Erstrezeptionsphase mit eigenwilliger Akzentsetzung in dessen Sphäre vordringt? Witzels Erfindung hat als episches Werk erst mal wenig, was gleich auf die Bühne drängt. Mal abgesehen von seinem Großthema, der über die vielen Geschichten aus der DDR etwas ins Abseits geratenen, aber gerade sehr angesagten Wiederentdeckung von Mentalitätslagen der alten BRD. Das haben Petras, Intendant des koproduzierenden Schauspiels in Stuttgart, und die Schaubühne natürlich schon vor dem Buchpreis erkannt und entsprechend vorbereitet. Insofern sagt das Theater, wir sind nicht nur dran, sondern wir waren, so der frohlockende Unterton der Pressemeldung, sogar einer Buchpreisjury voraus.

Auch „Kruso“-Fans staunen

Dieses Co-Writing der schnellen Zweitfassung für die Bühne müsste als Verwertung gerade die Autoren verwundern und eigentlich auch beunruhigen, die ihre Romanwerke erst mal nur für Leser in die Welt lassen und sehen wollen, was diese Bücher bewirken. Natürlich liegt das Buch immer auch dabei, in Magdeburg das gerade erschienene Suhrkamp-Taschenbuch gleich an der Garderobe. Auf der Bühne schüttelte Lutz Seiler bei der Premiere jedem Schauspieler die Hand – echte Kruso-Fans staunten über so viel Großzügigkeit für eine ganz offensichtlich den Roman in seinem Wesen nur streifende Inszenierung.

Bei älteren Werken mag man anders rangehen. Romanklassiker des 19. Jahrhunderts wie Dostojewski und Tolstoi haben eine lange Geschichte im Theater, die praktisch das Genre sich ausbilden ließ, lange bevor Frank Castorf mit seinen sagenhaften Dostojewski-Adaptionen an der Volksbühne neu ansetzte. Jüngere Beispiele von in der Gegenwart gereiften Klassikern, zuletzt am Hamburger Thalia Theater mit Siegfried Lenz’ Deutschstunde (Regie: Johan Simons) und Günter Grass’ Blechtrommel (Luk Perceval), zeigen in ihren durchaus radikalen Zugriffen, wie die Gegenwart des Theaters mit seinen Mitteln – und auch seinem besonderen Gedächtnis – solche Werke auf den Punkt bringt. Ein solcher Abstand ist durch diesen Wettlauf nicht mehr gegeben. Nur Schnelligkeit.

06:00 04.11.2015
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