„Wer höhere Preise festlegt, hat verloren“

Interview Billige Bananen sind ein Problem, erklärt Oxfam-Referentin Franziska Humbert. Es geht auch anders
Nora Marie Zaremba | Ausgabe 08/2016 3
„Wer höhere Preise festlegt, hat verloren“
Die Leidtragenden der deutschen Bananenpreise sind die Kleinbauern
Foto: Luis Acosta/AFP/Getty Images

der Freitag: Frau Humbert, Sie untersuchen seit Jahren die Nachfragemacht deutscher Supermarktketten. Was bedeutet die für Produzenten in Entwicklungsländern?

Franziska Humbert: Besonders betroffen ist die Fruchtbranche, das zeigen unsere Studien am Beispiel des Bananenmarktes. Die Banane ist bei den Deutschen beliebt und obendrein sehr günstig. Das Kilogramm gibt es oft schon für weniger als einen Euro. Hauptlieferländer für den hiesigen Markt sind Kolumbien und Ecuador. In Ecuador gibt es sogar einen offiziellen Mindestpreis für Bananen, um gerade Kleinbauern zu unterstützen. Deutsche Ketten aber sind in der Lage, den Preis bei ihren Bananen-Lieferanten so stark zu drücken, dass Letztere den offiziellen Mindestpreis regelmäßig unterlaufen.

Haben die Lieferanten gar keine Möglichkeit, beim Preis mitzureden?

Nein. Es ist leider so, dass viele froh sind, wenn sie überhaupt an deutsche Ketten liefern können. Denn da kommt überhaupt nur ran, wer gewaltige Mengen liefern kann. Und das Prinzip Niedrigpreis funktioniert ja nur darüber, dass die Supermärkte diesen über die verkaufte Menge auszugleichen versuchen. Es ist aber gängige Praxis, dass Supermärkte von Woche zu Woche neu entscheiden, was sie dem Lieferanten abnehmen.

Welche Konsequenzen hat das?

Wenn der Händler weniger abnimmt als eigentlich vereinbart oder er die Bananen woanders noch mal günstiger bekommt, bleibt der Lieferant auf seinen Früchten sitzen. In der Fruchtbranche verdirbt die Ware schnell. Wenn er Pech hat und seine Ware nicht abgeben kann, trägt er die vollen Kosten. Dieses Risiko gibt er an die Lieferkette weiter. Da hängen Exporteure, Zwischenhändler und die Produzenten auf den Bananenplantagen dran. Sie sind die eigentlichen Leidtragenden. Niedrigpreise führen zu Löhnen unterhalb der Armutsgrenze bei südamerikanischen Bauern und dazu, dass viele kleine Betriebe dichtmachen müssen.

Zur Person

Franziska Humbert, 42, ist Referentin für Soziale Unternehmensverantwortung bei Oxfam Deutschland

Foto: Presse

Wie kommen Sie denn an Ihre Informationen?

Wir sprechen mit zahlreichen Lieferanten aus dem In- und Ausland, mit Produzenten, großen genauso wie kleinen. Aber das geschieht in höchster Diskretion, denn in dieser Branche herrscht ein regelrechtes Klima der Angst. Jeder befürchtet, ausgelistet zu werden, wenn er sich beschwert. Außerdem hat das Bundeskartellamt gerade vertikale Preisabsprachen zwischen Lebensmittelhändlern und Konzernen wie Haribo oder Ritter Sport aufgedeckt und mit einer Millionenstrafe belegt. Seitdem hat die Verschwiegenheit in der Branche zugenommen.

Warum ist der Lebensmittelhandel in Deutschland so konzentriert?

Wir finden das durchaus auch in anderen europäischen Märkten, etwa in Frankreich, den Niederlanden oder in Großbritannien. Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel gilt aber als der härteste. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Macht der Discounter. Aldi fing mit der Idee an, an allem zu sparen: an der Einrichtung oder mittels des Einsatzes von Herstellermarken in seinem Sortiment. Aldi hat einen neuen Maßstab beim Billigpreis gesetzt. Und der Wettbewerb läuft fast nur über den Preis und weniger über die Qualität der Produkte. Dieses Konzept wurde von Penny, Netto und Lidl übernommen. Andere wie Edeka und Rewe ziehen da dann mit.

Was halten Sie denn davon, dass Edeka nun bald Kaiser‘s Tengelmann übernehmen darf?

Edeka geht es darum, seine Marktmacht zu vergrößern. Der Wirtschaftsminister will die Arbeitsplätze für mindestens fünf Jahre sichern. Aber die große Frage ist doch: Was bleibt von diesen Jobs nach diesen fünf Jahren? Die kurzfristige Übernahme der Beschäftigten nimmt Edeka jetzt in Kauf. Aber über kurz oder lang wird der Konzern seine Märkte privatisieren und das wird zulasten der Beschäftigten gehen. Die Jobsituation in der Branche ist ohnehin sehr prekär. Kaum 50 Prozent der Beschäftigten haben Vollzeitstellen, in privatisierten Filialen droht Zahlung unter Tarif.

Was tut die Politik?

Lange geschah nicht genug, jetzt zeichnen sich ein paar Fortschritte ab. Es ist durchaus ein Erfolg, dass das Bundeskartellamt 2014 das ungleiche Machtverhältnis zwischen Lebensmitteleinzelhandel und Herstellern aufgezeigt hat. Die EU hat sich der Themen Aufklärung und Transparenz angenommen, es wurde die CSR-Berichterstattungsrichtlinie verabschiedet. Unternehmen, die im öffentlichen Interesse stehen, also etwa börsennotierte Firmen, Banken und große Versicherungen, müssen Informationen zu Umweltstandards, Arbeitsbedingungen oder Menschenrechten veröffentlichen. Die Frage ist, wie nun die Mitgliedstaaten diese Richtlinie ausgestalten. Es ist durchaus zu befürchten, dass nur sehr wenige Unternehmen der Branche erfasst werden. Aldi, Edeka und Co. sind keine DAX-Unternehmen. Somit wären sie nicht betroffen.

Und fein raus.

Deswegen sind wir in Gesprächen mit dem Justiz- und Verbraucherschutzministerium. Das Gesetz, das die Richtlinie in Deutschland umsetzen wird, muss entsprechend erweitert werden. Es braucht mehr Transparenz der Lieferketten.

Wie offen sind die Konzerne für Verbesserungen?

Das kommt auf die Kette an. Als wir die Unternehmen mit unseren Ergebnissen zu unfairen Arbeits- und Handelsbedingungen in der Bananen-Lieferkette konfrontiert haben, haben wir schnell und von fast allen eine Antwort bekommen. Lidl zeigt sich interessiert und gesprächsbereit. Edeka eher nicht, die Antwort fiel knapp aus. Meist bestreiten die Ketten den Zusammenhang zwischen den Niedrigpreisen und den prekären Arbeitssituationen der Beschäftigten auf den Plantagen. Ihre Begründung: Dafür seien die Produzenten verantwortlich. Was aber viele Konzerne auch klarmachen wollen: Einer alleine kann es nicht richten. Wenn ein Supermarkt höhere Preise festlegt, hat er den Wettbewerb um die Kunden gleich verloren.

Dann kommt es also doch vor allem auf den Verbraucher und sein Kaufverhalten an.

Na ja, die Möglichkeiten des Verbrauchers halte ich für recht begrenzt. In Deutschland kommt man ja leider kaum um die großen Ketten herum. Alternativen sind Bio- und Wochenmärkte. Aber das kann sich vielleicht nicht jeder leisten. Ein Problem ist, dass der Verbraucher oft nicht ausreichend informiert ist. Im Supermarkt freut er sich über die günstigen Lebensmittel, weiß aber überhaupt nicht, welche schlimmen Auswirkungen die auf Lieferanten, Produzenten und Beschäftigte haben. Hier braucht es mehr Aufklärung.

Edeka und Co. könnten sich über höhere Preise und entsprechend gute Qualität von den Discountern abgrenzen. Dass es allen Kunden einzig um den Preis geht, stimmt doch so nicht.

Definitiv, diese Annahme ist problematisch. Allerdings lässt sich beobachten, dass auch bei den Discountern ein Umdenken stattfindet und sie heute nicht mehr nur über die Billigschiene werben. Lidl etwa nimmt immer mehr Fairtrade-Produkte in sein Sortiment auf, auch das ist ein kleiner Fortschritt.

Gibt es ein Vorbild in Bezug auf faire Handelspraktiken?

Im Vergleich zu den deutschen Ketten tut sich das englische Unternehmen Tesco hervor, wenn es um faire Einkaufs- und Preispolitik geht. Tesco will all seinen Bananenproduzenten Preise zahlen, die die Kosten einer nachhaltigen Produktion decken und Bauern Löhne ermöglichen, die ihre Existenz sichern. Das will der Konzern dadurch schaffen, dass er vor Ort direkt beim Produzenten kauft, in diesem Fall also in Kolumbien oder Costa Rica. So wird die ganze Lieferkette transparenter.

06:00 09.03.2016

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