Wer ist der beste Christ?

US-Vorwahlen (II) Die Republikaner pflegen den robusten Glaubenskampf

"What would Jesus do?" - Nach einem ungläubigen Blick auf diesen Vorwahlkampf würde der sich vielleicht nach Kanada absetzen und in Sicherheit bringen vor all den - vorzugsweise republikanischen - Bewerbern, die sich jetzt gegenseitig auf die Füße treten, um den von der Christlichen Rechten verlangten Jesus Litmus Test abzugeben.

Die von christlichen Linken unterstützten Spitzenkandidaten der Demokraten, Hillary Clinton und Barack Obama, hielten sich beim "faith talk" zwar vergleichsweise bedeckt, doch der Mormone Mitt Romney sah sich in akuter Erklärungsnot. Letzten Endes kommt niemand am Urteil der christlichen Rechten vorbei: Kandidaten, die sich nicht permanent, enthusiastisch und in aller Öffentlichkeit zum Glauben bekennen, können ihre präsidialen Ambitionen in weiten Teilen der Vereinigten Staaten begraben.

Wer mit dem Ende der Ära Bush den Abgang dieser Spezies sowie den Niedergang der ihr nahestehenden Neocons und Israel hörigen Zionisten verknüpft hat, sieht sich getäuscht. Der immense Einfluss ihrer Denkfabriken - American Enterprise Institut, Project for the New American Century oder Heritage Foundation - hat sich nur temporär verringert. In akuten Krisenzeiten werden sie wieder zu alter Form auflaufen, denn das imperiale America-First-Weltbild der Neocons wird von den Demokraten voll geteilt. Zwar herrschte bei den rechten Christen noch vor wenigen Monaten das große Chaos, weil sie sich nicht auf einen allseits akzeptablen Kandidaten einigen konnten, doch seitdem Mike Huckabee für Schlagzeilen sorgt, ist die Eintracht perfekt. In dem Ex-Baptistenprediger hat sich ein Wunschkandidat offenbart. Ein bigotter Populist, der imstande ist, der angeschlagenen Bewegung eine neue, bisher kaum abschätzbare Stoßkraft zu verleihen Der republikanischen Parteiführung ist der humorige Provinzler zwar eher peinlich, der Businessflügel der Republikaner lässt kein gutes Haar an Huckabee, und die National Review, die Bibel der Konservativen, warnt vor einem selbstmörderischen "Huckacide" - doch den von Bush enttäuschten rechten Christen hält der unverblümte Anhänger der Schöpfungslehre das Heilsversprechen bereit: "Ich spreche nicht für euch - ich bin einer von euch. Mein Glaube prägt mich nicht nur, er macht mich aus."

Unter Gleichgesinnten lässt Huckabee keinen Zweifel an seiner Nähe zum rapide gewachsenen radikalen Flügel der Evangelikalen, den theocrats and dominionists. In ihrem Lager finden sich weniger Fundamentalisten als politisch motivierte Ideologen, die darauf beharren, dass Amerika als "christian nation" gegründet wurde. Die in der US-Verfassung verankerte Trennung von Kirche und Staat halten sie für ein Gerücht, die zehn Gebote für das Fundament des Rechtssystems - öffentliche Schulen, Gewerkschaften und Bürgerrechtsgesetze für ein Sakrileg.

Kirchenangehörige hätten immer versucht, mit ihren Bibelinterpretationen Amerikas Moral zu beeinflussen, das sei der von der Verfassung verbriefte American way, kommentiert der renommierte Fernsehjournalist Bill Moyers. "Aber was wir heute sehen ist einmalig: die erfolgreiche Übernahme einer der beiden großen amerikanischen Parteien durch die religiöse Rechte. Das Land ist noch keine Theokratie, aber die Republikanische Partei kann man nicht anders bezeichnen."

Dieser politisch aufgeladenen Christenheit steht - jedenfalls auf dem Papier - ein gleichfalls massiver Wählerblock gegenüber: Rund 60 Millionen Katholiken. Ihr konservativer Flügel stimmte einst für Bush und Cheney, doch entsetzt über die Katastrophe im Irak neigen viele seit den Kongresswahlen 2006 wieder den Demokraten zu. Kandidat Huckabees vehementes Nein zu Abtreibung, Stammzellenforschung und Schwulen-Ehe rechnen ihm die Katholiken zwar als Plus an, doch schwerer wiegen sein Ja zum Krieg im Irak, zur Todesstrafe sowie zur Konfrontation mit den Gewerkschaften. US-Katholiken verfolgen mit Misstrauen die wachsende Macht der restaurativen christlichen Evangelikalen. Sie mögen den Populisten Huckabee, doch sie trauen ihm nicht über den Weg. Besonders Amerikas Hispanics sind skeptisch. Wer ihre Stimme will, muss eine großzügige Position zur Einwanderung vertreten, und da haben Clinton und Obama weit bessere Chancen als die gesamte Republikaner-Riege.

Beide können auch mit der Hilfe der christlichen Linken rechnen, der sich heute 28 Prozent der Amerikaner zuordnen lassen. Hier treffen sich Friedensaktivisten, progressive Geistliche, schwarze Kirchen und moderate Protestanten - entschlossen, die Vorherrschaft der konservativen Clans in der Debatte um moralische Werte zu brechen. Das ehrgeizige Unterfangen verspricht Erfolg. Millionen Amerikanern liegt der Kampf gegen Armut und Aids, Folter und Völkermord mehr am Herzen als ein Abtreibungsverbot. Obama ins Weiße Haus zu katapultieren, Amerikas ersten schwarzen Präsidenten vereidigt zu sehen - linke Christen halten die Zeit für reif.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare