„Wer ist in der Mitte?“

Interview Tobias Zielony bezweifelt, dass er als Fotograf das Leben anderer Leute dokumentieren kann
„Wer ist in der Mitte?“
„Aral-1“ (2004) aus der Serie „Tankstelle“: In Zeiten von Instagram sind alle geübt darin, Posen abzurufen

Foto: Courtesy Kow, Berlin/©Tobias Zielony

Tobias Zielony ist ein einfühlsamer Beobachter seiner zumeist jüngeren Protagonist:innen und ihrer Lebenswirklichkeiten. So gelingt es ihm, sie einerseits als individuelle Charaktere zu portraitieren, sie zugleich aber auch in größere subkulturelle Zusammenhänge zu setzen – was dem Fotografen die Zuschreibung eines Chronisten der Jugendkulturen eingebracht hat. Mit seiner Mid-Career-Ausstellung The Fall im Folkwang-Museum in Essen blickt Tobias Zielony zurück auf die vergangenen 20 Jahre, positioniert die Arbeiten aber durch neue Fotografien und ein vernetztes Ausstellungs-Setting auch deutlich in der Gegenwart.

der Freitag: Herr Zielony, Sie sind 1973 in Wuppertal geboren, Ihre Arbeiten sind aber mittlerweile Dokumente Ihrer Reisen um die ganze Welt. Sie haben unter anderem in Kalifornien („Trona“, 2009), Kiew („Maskirovka“, 2017), Nagoya („Hansha“, 2019) und auf Malta („Hurd’s Bank“, 2020) fotografiert und gefilmt. Wie wichtig sind spezifische Orte für das, was Sie interessiert?

Tobias Zielony: Die Phänomene, die mich interessieren, gibt es an sehr vielen Orten in der Welt. Nicht dass sie austauschbar sind, aber etwas verbindet diese Orte. Diese damals in den Nullerjahren für mich neue Erfahrung prägte meine Arbeiten der ersten zehn Jahre – damit meine ich auf der einen Seite so Phänomene von Markenklamotten, Orientierung an Musikvideos und Filmen und auf der anderen Deindustrialisierung und die Frage der Arbeiter:innen-Klasse, die ihre Identität verliert oder verändern muss.

Was ist das überhaupt, was Sie an Begegnungen mit bestimmten Menschen dazu anregt, diese zu dokumentieren?

Das hat natürlich immer auch was mit der Frage zu tun, wen ich gut fotografieren könnte. Darüber hinaus gibt es so etwas wie eine telepathische Verbindung, die ich nicht so genau definieren kann. Das ergibt sich oft im Verlauf einer Arbeit, davon lebt auch meine Fotografie. Es sind auf jeden Fall nicht nur äußerliche Dinge. Natürlich interessiere ich mich aber auch für Mode und Klamotten und denke manchmal: „Wow, was für ein Outfit! Was für ein Styling!“

Trifft da der Begriff Dokumentieren für Sie denn überhaupt zu?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin eben schon darüber gestolpert, als Sie ihn benutzt haben. Dokumentarfotografie ist eine historisch und politisch sehr problematische Praxis. Sie ist nicht unschuldig oder neutral. Das muss man immer mitdenken, wenn man fotografiert und über Fotografie spricht. Ich untersuche in meinen Arbeiten immer auch, welche Möglichkeiten die Fotografie heutzutage noch hat, über die Welt und mit ihr zu sprechen. Sie haben eben zu mir gesagt: Sie dokumentieren Leute. Aber was dokumentiert man da? Leben diese Menschen ihr Leben normalerweise so, als ob es keine Fotografie gäbe, und dann kommt auf einmal jemand vorbei und filmt oder fotografiert sie? Da glaube ich nicht dran, es gibt ein Wechselspiel zwischen den Bildern und dem eigenen Leben – und das hat sich dadurch, dass wir alle nun ständig Fotos machen, posten und austauschen, potenziert in den letzten 20 Jahren. Die Feedbackschleife ist viel schneller und intensiver. Das ist es, was mich interessiert.

Zur Person

Tobias Zielony, geb. 1973, ist Fotograf und Filmemacher. Er studierte u.a. Dokumentarfotografie in Newport. Zu seinen bekanntesten Serien zählt Trona (2009) aus einer Chrystal-Meth-Hochburg in den USA. 2015 thematisierte er im Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig mit The Citizen die Lebensumstände von Geflüchteten in Deutschland. Zielony lebt in Berlin

Bemerken Sie, dass die Leute heute schneller natürlich werden in Ihrer Anwesenheit, da das Fotografiertwerden eben so sehr zu ihrem Alltag gehört?

Erstens ist es schon so, dass ich mich heute oft gezielt mit Menschen verabrede, um sie zu fotografieren, dass mich also das Inszenieren, das Künstliche sehr interessiert. Trotzdem versuche ich natürlich, dass sie sich irgendwie entspannen – und das geht heute tatsächlich schneller. Auf der anderen Seite ist es aber so, dass wir alle viel mehr Posen abrufen können, weil wir viel geübter sind mit der Kamera. Früher habe ich eher gedacht, dass die Imagination des eigenen Bildes etwas Vorbewusstes, Unbestimmtes hatte.

Geben Sie auch Anweisungen?

Ja, das tue ich schon. Das habe ich ganz, ganz früher tatsächlich nicht gemacht. Ich habe ja damals Dokumentarfotografie studiert, aber mir war die Künstlichkeit der dokumentarischen Erzählung von Anfang an bewusst. Deswegen habe ich auch schon früh damit angefangen, solche Sachen zu sagen wie „Guck mal in die andere Richtung“ oder „Komm, wir gehen da rüber, da ist es heller“. Mich hat diese Behauptung vermeintlicher Objektivität nie interessiert. Lieber ist es mir nach wie vor, wenn ich an einem Ort bin, wo Leute sowieso rumhängen. Aber die Situationen sind oft anders. Und ich bringe inzwischen gerne Taschenlampen oder LED-Panel zur Beleuchtung mit – da entsteht schnell das Gefühl eines Fotoshootings.

Im Titel der Ausstellung stecken multiple Möglichkeiten: „The Fall“ – wie in „Der Herbst“ oder wie in „Der Sturz“ oder wie in „Der Untergang“?

Es macht mir natürlich Spaß, solche offenen Begriffe zu nutzen. Den Titel habe ich letztes Jahr gewählt, als gerade die Pandemie losging und der erste Lockdown anstand – ich hatte ein Projekt an einer Skaterampe in Düsseldorf abgebrochen, weil ich wegen des Lockdowns nicht mehr hinfahren konnte. Damals fragte ich mich: Ist das nun der Beginn des Weltuntergangs? Das kann man natürlich auch übertragen auf Pop- und Jugendkulturen, haben die überhaupt noch eine subversive Kraft?

Das frage ich mich schon. Auch ob sie es je hatten. Das Interessante an dem Ort in Düsseldorf ist, dass der ganz unterschiedliche Leute anzieht, die ganz unterschiedliche Musik hören: Hip-Hop, Punk, Pop – das waren auch so verschiedene Styles: Emo, punkig, ein Red Skin war auch da, den ich später in Wuppertal dann fotografiert habe und der in der Ausstellung auch zu sehen ist. Gerade so etwas wie ein Red Skin, das sind so Formen, die ich aus meiner Jugend kenne, aber was ist das heute, wenn Leute das aufgreifen? Eine Mode, eine postmoderne Referenz, ist das etwas, was weiterlebt?

Was reizt Sie an spezifischen soziokulturellen Milieus?

Früher habe ich oft gesagt, dass mich die Leute interessieren, die irgendwie durchs Raster fallen, Leute, die sich einen Fishbone-Pulli anziehen und irgendeine Kappe tragen, die aber nicht explizit sagen: „Wir sind jetzt Skater:innen oder Skinheads“. Vielleicht habe ich da auch schon antizipiert, wie Konsumkultur die verschiedenen Jugendkulturen durchdringt oder in vielen Teilen auch ersetzt.

Ein Wandzitat stammt aus dem Text „392 Tage der Visionen“ von Mazlum Nergiz und hinterfragt unsere Tendenz, die wichtigen Zusammenhänge immer im Zentrum zu vermuten, und sensibilisiert den Blick auf die Peripherie. Das scheint mir aber beim Betrachten Ihres Werks für Sie nie ein potenzieller Irrweg gewesen zu sein, Sie haben von Anfang an eher periphere Charaktere und ihre Handlungen interessiert und eben nicht die Populär-Charaktere oder die Hauptakteure, die den politischen und wirtschaftlichen Takt vorgeben. Oder sehen Sie das anders?

Ich habe ein Problem mit dem Begriff „peripher“. Ich bin immer vorsichtig, zuzuschreiben, wer an der Peripherie ist und wer in der Mitte. Natürlich ist es so, dass man meine Serien und Videos als Arbeiten über Klassenverhältnisse auffassen kann. Meine Protagonist:innen sind oft Menschen, die man früher traditionell als aus der Arbeiter:innenklasse stammend bezeichnet hätte, oder Leute, die irgendeiner prekären Arbeit nachgehen oder arbeitslos sind – eben nicht die Taktgeber der Wirtschaft. Das stimmt aber so auch nicht, sie sind es ja, die die Arbeit machen. Die Menschen sind im Zentrum ihres eigenen Lebens – das ist mir wichtig. Auch wenn man sagt, dass sie marginalisiert sind, so ist doch ihr eigenes Leben immer das Zentrum.

Info

Tobias Zielony. The Fall Museum Folkwang, Essen, bis 26. September 2021. Bei Spector Books erscheint hierzu eine Publikationsreihe mit Arbeiten von Zielony und Texten von Dora Koderhold, Sophia Eisenhut, Joshua Groß, Mazlum Nergiz, Enis Maci und Jakob Nolte

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06:00 10.09.2021

Ausgabe 38/2021

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