Wer ist „wir“?

Hanau Nach dem Terroranschlag gedenkt die Stadt der Opfer: Kurden, Linke, Hanauer mit und ohne Migrationshintergrund beschwören die Einheit in der Trauer – getrennt voneinander
Wer ist „wir“?
Gedenken vor der „Arena Bar“, dem zweiten Tatort

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Ein Bahnsteig voller Jecken. Hanau, Samstag der 22. Februar um die Mittagszeit, Tag drei danach. Am Bahnhof warten Karnevalisten auf einen Zug, der sie dorthin bringt, wo der Karnevalsumzug nicht abgesagt wurde. Nicht abgesagt wie in Hanau, jener Stadt, in der am 19. Februar zehn Menschen einem Rechtsterroristen zum Opfer fielen. Und gleichzeitig kommen hier Menschen an, viele, um zu demonstrieren und zu trauern. Am Freiheitsplatz in der Innenstadt will man sich versammeln.

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Nur wenige Hundert Meter entfernt, am Grimm-Denkmal, wurde ein Gedenkort eingerichtet. Kerzen, Fotos, Schilder, Briefe säumen das Monument der berühmtesten Söhne dieser kleinen Großstadt, von der bis vor wenigen Tagen kaum jemand wusste, wo genau sie liegt. Um die 20 Menschen stehen hier, weinen, halten sich gegenseitig. Manch einer hält inne.

Gegenüber ist an einem Baukran ein großes Banner angebracht, auf dem steht: „Die Opfer waren keine Fremden – 19-02.2020 – #hanaustehtzusammen“. Es ist das große Versprechen der Stadt an ihre Bürger, von denen seit Mittwochnacht elf nicht mehr sind. Neun Opfer – ausgewählt nach rassistischen Motiven – starben an Orten, die als migrantisch gelten: Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nessar El Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu und Vili Viorel Pāun sind tot, weitere Menschen verletzt. „Wir stehen zusammen, wir gehören zusammen“, versprechen Politiker seither immer und immer wieder. Frank-Walter Steinmeier und Volker Bouffier taten dies am Donnerstag in Hanau. Der Hanauer Bürgermeister wiederholt dieses Versprechen immerzu.

„Ich habe kein Vertrauen mehr in die Mehrheitsgesellschaft“

„Ich habe kein Vertrauen mehr in die Mehrheitsgesellschaft“, sagt Semih Doğanay und senkt den Blick. Er schaut auf die Kerzen vor sich. Doğanay hat Freunde und Verwandte in Hanau, er lebt seit über 30 Jahren in Deutschland. Er ist müde, sagt er. Er hat nicht viele Worte, er knetet die Hände. „Was sollen wir tun?“ Ich starte einen Versuch: „Auf dem Banner steht: alle zusammenstehen“. Meine Stimme wird zum Ende des Satzes höher, so dass es nicht wie eine Aussage klingt, sondern wie eine Frage. Herr Doğanay seufzt. Als Merkel gesagt habe, „Wir schaffen das“, hätten Leute empört zurückgefragt: Wer ist wir? Wer soll es schaffen? Jetzt heißt es: Wir stehen zusammen „und diesmal frage ich zurück“, sagt er: „Wo? Wer ist wir?“

Ein paar Schritte weiter ist ein Zelt aufgebaut. Winzer Glühwein. Etwa 50 Menschen trinken hier auf dem Marktplatz, und es ist an dieser Stelle angebracht zu erwähnen, dass es weiße Menschen sind, die keine sichtbare Einwanderungsgeschichte mit sich herumtragen, sie lachen, einige sind verkleidet, ausgelassen. Und wieder ein paar Schritte weiter: nur noch Schmerz. Hier am ersten Tatort, in der Straße Heumarkt, Klagerufe sind zu hören, wo in der Shisha-Bar „Midnight“ und im „La Votre“ gegen 22 Uhr in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag die ersten Menschen starben. Menschen kommen, halten inne, gehen wieder, andere bleiben. Hinter Absperrband steht uniformierte Polizei. Das Glühweinzelt und die Blumen, Kerzen, Fotos: verschiedene Dimensionen. Es passiert alles gleichzeitig.

An der Ecke vom Freiheitsplatz – bald soll die Kundgebung beginnen – steht ein Clown. Kein Karnevalist, ein Straßenkünstler. So einer, der ganz still steht, wie eine Statue. „Clowns sind gruselig“, sagt einer. Seine Freunde lachen. Alle sind schwarz gekleidet, einige haben bunt gefärbte Haare, schwenken Antifa-Fahnen, laufen in Richtung Platz. Sie müssen an Vertretern politischer Kleingruppen vorbei, die hier am Eingang zum Platz ein Spalier gebildet haben und ihre Zeitschriften und Broschüren anpreisen. „Wie die Leute manchmal in ihrer Routine drin sind“, sagt eine Frau, die an ihnen vorbei will.

„Wir brauchen hier keine Politik“

Hinter dem Spalier: die Trauer. Tausende Menschen drängen sich hier. Es ist sehr still. Newroz Duman von der Gruppe We´ll come united spricht. Langsam, ruhig. Sie verliest die Namen der Opfer. Dann übergibt sie das Mikro an Überlebende, Angehörige von Überlebenden, Menschen, die Grußworte von Überlebenden verlesen. Es sind sehr viele: Von der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş 2012 in Berlin Neukölln, von den Angehörigen der NSU-Opfer, von Überlebenden des rassistischen Attentates in München 2016, des Brandanschlages in Duisburg 1984, des Brandanschlages in Mölln 1992. Und so weiter. In den Reden fächert sich das ganze Ausmaß rechten Terrors, der Verschleppungen von Aufklärung und des Verrats an den Hinterbliebenen und Überlebenden auf. Ihr Schmerz. Alle, die da sind, hören zu. Manchmal werden zwischen den Beiträgen kurz Sprechchöre skandiert. Sonst herrscht Stille.

Wenige Geh-Minuten entfernt – wieder am Tatort Heumarkt – haben sich unterdessen Vertreter der Kurdischen Gemeinde Deutschlands versammelt. Unterstützt werden sie von mehreren Grünen-Politikern – unter anderem ist Cem Özdemir aus dem Bundestag gekommen. Stephan Wirtz vom Förderverein Roma e.V. aus Frankfurt ist da. Viele kannten das Opfer Mercedes Kierpacz, eine Romni. Die kleine Gruppe steht hinter dem Absperrband, ein paar Medienvertreter haben sich um sie herum versammelt, der kurdisch-irakische Sender Rudaw ist mit einem Kamerateam da. Die Mitarbeiter von TRT World, dem türkischen Staatssender, drücken sich 20 Meter weiter an der Straßenecke herum und versuchen, den Vorgang so gut es geht zu ignorieren.

Auch hier wird in den Ansprachen vielfach das „Wir“ beschworen. Und es wird gefordert, zu diesem dazugehören zu können. Mehmet Tanrıverdi von der Kurdischen Gemeinde wünscht sich, dass nicht nur Islamverbände und türkische Vereine von der Regierung eingeladen und angehört werden, sondern auch kurdische Organisationen und Roma-Verbände. Mehrere der Opfer waren Kurden oder Roma, darauf weißt er noch einmal hin. Er fürchtet eine religiöse Vereinnahmung der Betroffenen. Tanrıverdi will die kleine Pressekonferenz schon beenden, da ergreift ein weiterer Vertreter der Kurdischen Gemeinde spontan das Wort. Er kritisiert die türkische Regierung und die Bundesregierung, die ihr gegenüber zu lasch sei. Dann macht sich die Gruppe auf den Weg. Man will in die Kesselstadt, um am zweiten Tatort einen Kranz niederzulegen. Die Stimmung ist kurz angespannt. Ein paar Männer, die von der anderen Straßenseite aus das Geschehen verfolgt haben, rufen der davonziehenden Gruppe wütend hinterher: „Wir brauchen hier keine Politik. Hier soll keine Politik gemacht werden!“

Die 500 Meter zurück zum Freiheitsplatz, zur Kundgebung, wieder vorbei am Glühwein-Zelt. Es sind weniger geworden dort, gelacht und gefeiert wird aber immer noch. Wieder vorbei am mit Kerzen übersäten Grimm-Denkmal, um die Ecke. Die Kundgebung ist offenbar beendet, die Demonstration hat sich in Bewegung gesetzt. Fahnen von der Linkspartei, von Gewerkschaften, die Omas gegen Rechts. Menschen, die Schilder mit Namen der Opfer tragen. Man bemüht sich um ein würdiges Gedenken. Nicht immer gelingt das. Als sich der Zug nach einem großen Bogen durch die Stadt später wieder dem Tatort nährt, müssen Ordner die Demo ablaufen und um Stille bitten. Als dort die Namen aller Opfer verlesen und eine Schweigeminute abgehalten wird, hört man von hinten fröhliche Gesänge: One Solution, Revolution. Es passiert alles gleichzeitig.

Was sollen „wir“ jetzt tun?

Semih Doğanay, der Frankfurter, der am Grimm-Denkmal getrauert hat, ist nicht mit zur Demo gekommen. Aber seine Fragen laufen mit: Wer soll, wer muss zusammenstehen? Wer ist „wir“? Und: Was sollen „wir“ jetzt nur tun?

Auf der Abschlusskundgebung werden Forderungen verlesen: Umfassende, unabhängige Aufklärung aller Morde mit Rassismusverdacht. An die hessische Landesregierung: Herausgabe der NSU-Akten. Entwaffnung aller Rechtsextremen, Vollstreckung der anhängigen Haftbefehle gegen Neonazis. Ein Ende von Racial Profiling und von Abschiebungen. Ein Fonds der Bundesregierung für Betroffene.

„Keine Forderungen mehr an die Politik! Wir brauchen migrantische Selbstorganisation“, ruft indes Gürsel Yıldırım von der Hamburger Initiative zum Gedenken an Ramazan Avcı, der 1985 von Neonazis zu Tode gehetzt wurde. Er schlägt einen migrantischen Streik, einen „Tag des Zorns“ vor. „Wir nehmen uns das Recht, uns selbst zu verteidigen“, sagt Newroz Duman von We´ll come united. Das „Wir“ muss eingegrenzt werden, scheint es, weil auf Viele kein Verlass ist, die in den vergangenen Jahren wortreich bekundet haben, den Kampf gegen Rechts ernst zu nehmen: Behörden, die Aufklärung verschleppen. Politiker, die aus folgenlosen Betroffenheitsroutinen nicht hinauskommen.

Sonntag, 23. Februar, Tag vier danach. Über Hanau hängen schwere graue Wolken. Um 14 Uhr versammeln sich im Stadtteil Kesselstadt Tausende Menschen. Hier liegt der zweite Tatort: die „Arena Bar“ und der Kiosk, in und vor denen weitere Menschen starben. Der Trauermarsch setzt sich in Bewegung. Organisatoren sind die Islamverbände und türkische Organisationen in Kooperation mit der Stadt, unterstützt von jüdischer und evangelischer Gemeinde. Viele Menschen tragen schwarz oder grau.

Alles passiert gleichzeitig

Anders als am Samstag sind hier keine kurdischen Fahnen zu sehen, im Gegenteil: Hier herrscht teils offene Feindseligkeit gegenüber kurdischen Symbolen. Eine junge Frau hat ein Schild gemalt: „Kein Platz für die Werbung anderer Terrororganisationen. #FckPKK #Fck YPG“. Türkische Nationalisten und Funktionäre der DITIB gehen neben Nachbarn, Freunden, Lehrern, Kollegen und Angehörigen der Opfer. Alles passiert gleichzeitig.

Unter den Angehörigen ist Abaned Rodriguez, eine der Besitzerinnen jenes Kiosk, der in der Kesselstadt angegriffen wurde und in dem Gökhan Gültekin starb, ein Schwager von Rodriguez. Eigentlich sollte an jenem Abend ihr Sohn Cenk im Kiosk arbeiten. Doch weil er auf einen Geburtstag gehen wollte, sprang eben „Gökhan Abi“ ein. Cenk sollte ihn später ablösen. Als die ersten Meldungen eintrafen, versuchte Abaned Rodriguez verzweifelt, ihren Sohn zu erreichen. Dann lief sie runter zum Kiosk. Sie schluckt, als sie das erzählt, Tränen steigen ihr in die Augen. Cenk lebt, Gökhan Gültekin aber ist tot.

Der Umzug endet am Marktplatz, wieder Grimm-Denkmal. Ein muslimisches Gebet wird verlesen, es gibt Reden von Islamverbänden, Forderungen nach Aufklärung des NSU-Komplexes, wie schon am Samstag bei der Demonstration. Der Hanauer Oberbürgermeister spricht. „Wir alle stehen zusammen“, ruft er. Applaus. Angehörige der Opfer und der türkische Botschafter sprechen. Vertreter der jüdischen und der evangelischen Gemeinde beschwören die Einheit in der Trauer. Kurdische Organisationen, Sinti- und Romaverbände sind nicht auf der Bühne.

Während sich am Sonntag die Kundgebung auf dem Marktplatz auflöst, halten wenige Hundert Meter entfernt am Freiheitsplatz schon wieder die Busse. Der Verkehr normalisiert sich. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes ein Hochhaus: Deutscher Gewerkschaftsbund. Weit oben schlackert ein kleines Transparent im Wind, das sich gelöst hat, nun halb herabhängt. Mit zusammengekniffenen Augen lässt sich noch erkennen, was dort steht: „Solidarität statt Rassismus.“ Auf dem Platz eine einsame Karnevalistin im Schneewittchenkostüm. Alles gleichzeitig.

Nelli Tügel ist Redakteurin bei der linken Monatszeitung ak - Analyse und Kritik. Sie wurde als Tochter einer ostdeutschen Mutter und eines türkischen Vaters in der DDR geboren

14:30 24.02.2020

Ausgabe 21/2020

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