Wer jagt hier wen?

Kino Im Zeitalter digitaler Mobs versuchen sich Luca Guadagnino und Sam Levinson an einem alten Thema

Als im Jahr 1693 in Salem, Massachusetts, 19 Menschen nach einem Hexenprozess gehängt werden, nutzt niemand das Hashtag #witchhunt. Als im Jahr 2017 Harvey Weinstein sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung vorgeworfen werden, ist #witchhunt auf einen Schlag ziemlich populär. Eine markante Umkehrung findet statt: Plötzlich warnen die einstigen Jäger selbst vor der Jagd, weil sie sich als Beute sehen. So etwa Woody Allen, der in einem Interview mit der BBC das Gruselbild einer „witch hunt atmosphere“ zeichnet und sich angesichts der Ereignisse um Weinstein an die Zustände in Salem vor über 300 Jahren erinnert fühlt.

Matthew Whitaker, vor einigen Tagen kommissarisch zum Justizminister der USA berufen, gebraucht das W-Wort ganz ähnlich, nämlich in Bezug auf seinen Dienstherrn und dessen Verwicklung in eine Beeinflussung der Präsidentschaftswahl durch Russland. Das ist wenig originell von Whitaker. Auf dem Twitter-Account von @realDonaldTrump finden sich bereits 274 Einträge mit dem Begriff „witch hunt“. Heißt das, dass sich der amerikanische Präsident und sein Minister von Hexen verfolgt fühlen? Oder macht es die beiden, Allen, Weinstein und alle anderen Männer in Machtpositionen mit Verfolgungswahn in einer ironischen Wendung selbst zu Hexen?

Auf jeden Fall bedeutet das: Es kann heikel werden, wenn sich dieser Tage Männer ans Thema Hexen wagen. Luca Guadagnino und Sam Levinson haben es trotzdem getan. Sollten die Hexenzirkel der Zukunft vor allem in den Boys Clubs von Hollywood und Washington, D. C., zu finden sein, dann bringen die beiden Regisseure jetzt die vielleicht letzten Hexenfilme alter Schule in die Kinos. Nach dem Erfolg seines Liebesfilms Call Me by Your Name veranstaltet Guadagnino mit seiner Neuinterpretation von Dario Argentos Klassiker Suspiria einen Hexensabbat im Deutschen Herbst. Levinson verlegt in Assassination Nation die Hexenjagd aus dem 17. Jahrhundert ins Social-Media-Zeitalter.

Salem meint hier Suburbia

Assassination Nation spielt in Salem, besser gesagt in einem der zig Salems, die es in den USA gibt. Damit stellt der Film eine direkte Verbindungslinie her und meint doch das gesamte US-Suburbia. Die 18-jährige Lily und ihre drei Freundinnen – weiß, Transgender, afroamerikanisch – werden zur Zielscheibe eines blutrünstigen Mobs, in den sich die Kleinstadtbevölkerung verwandelt, nachdem jemand die privaten Daten der Bewohner im Internet leakt: Nachrichten, Fotos, Videos – jede Menge kompromittierende Inhalte, die Karrieren und Leben kosten. Levinson rumpelt durch diese Story mit der Überdrehtheit von Harmony Korines Spring Breakers, er schlägt kritische Misstöne aus Dave Eggers’ Privacy-Abgesang The Circle an und steigert sich in ein Action-Finale mit Samurai-Ikonografie. Der Film ist so plakativ wie vielschichtig. Zugleich Anklage der Mob-Dynamiken in den USA dieser Tage sowie im Internet generell und Slasher-Spaß mit einer knallig verpackten feministischen Agenda.

Kann man ableiten: Hexe ist da, wo es Verfolgung gibt? Wo eine hysterische Meute ein Ziel für ihre Wut braucht? In der Logik von Assassination Nation stimmt das, doch in der Hermetik des Horrorfilms wird die Sache weniger durchschaubar. Bei Guadagnino ist die Bedrohung von außen nur Kulisse. Er verortet die Handlung von Suspiria in Berlin, und zwar in dem Jahr, als Argentos Original ins Kino kam: 1977. Der Terror der RAF, die Enge der geteilten Stadt und die Folgen des Holocaust laden den Film mit gewaltigem historischen Ballast und einer Spannung auf, die in der Handlung nicht aufgelöst wird. Die ist ganz nach innen verlagert und dreht sich um den Machtkampf in einem als Tanzschule getarnten Hexenzirkel. Suspiria zeigt mit exquisitem Stilwillen die Zurichtung von Körpern und Seelen (famos: ein Knochenbrechertanz in Parallelmontage), die Abhängigkeit der Frauen von- und die Gewalt gegeneinander. Die „toxische Männlichkeit“, vor der Assassination Nation warnt, scheint hier überwunden. Abgesehen vom Psychiater Josef Klemperer – er wird in einem bewusst ausgekosteten V-Effekt von Tilda Swinton gespielt, die zugleich auch die Leiterin der Schule gibt – sind die Männer fast verschwunden. Einmal besuchen zwei Polizisten das Institut, um dem mysteriösen Treiben auf den Grund zu gehen. Sie landen als hypnotisierte Witzfiguren in einer versteckten Kammer, in der die Hexendamen an ihren schrumpeligen Weichteilen herumspielen, bis sie sich vor Lachen nicht mehr einkriegen.

Es muss dieses Lachen sein, das Trump & Co. so viel Angst macht. Was sie zum Kampfbegriff ihres ach so bedrohten Patriarchats machen wollen, wurde längst auch von der anderen Seite vereinnahmt. So geht es dem „Project WitchHunt“ darum, jeden Mann in einer Machtposition, der sich sexueller Übergriffe schuldig macht, durch eine Frau zu ersetzen. Das Symbol der Initiative ist eine Gestalt mit Hut, die auf einem Besen durch die Lüfte saust.

Luca Guadagnino erweist sich da als gelehriger Schüler. Zugegeben, er veranstaltet viel unnötigen Historienzauber. Das Entscheidende aber: Seine Hauptfigur ist das Gegenteil eines Opfers. Sie fiebert ihrer Herrschaft als Oberhexe ihr Leben lang entgegen. Und Lily aus Assassination Nation weiß sich im Kollektiv siegessicher. Sie schickt eine Warnung an alle Boys Clubs dieser Welt: Vielleicht schafft ihr es, mich umzubringen. Aber gegen uns alle habt ihr keine Chance.

Info

Assassination Nation Sam Levinson USA 2018, 110 Min.

Suspiria Luca Guadagnino USA/Italien 2018, 152 Min.

06:00 17.11.2018

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