Wer kann, der muss

Medientagebuch Von "Let´s dance" bis "Stars auf Eis" - sogenannte Laien-Shows auf allen Kanälen

Wie das Leben berühmter Menschen aussieht, das weiß der Pressetext zum Perfekten Promidinner ganz genau: "Sie sind exklusive Dinner-Partys gewöhnt, genießen auf VIP-Galas die köstlichsten Speisen und bekommen im Edel-Restaurant von Profi-Kellnern die erlesensten Weine serviert." Was auch immer "Profi-Kellner" sein mögen: Wenn schon renommiert werden soll, dann wenigstens von Menschen, die wissen, dass es "Sommeliers" gibt und wozu die so gut sind. Doch das nur am Rande. Denn die Vox-Sendung Das perfekte Promi-Dinner will ja gerade keine Profis, sondern Amateure in Sachen Tischdecken, Kochen, Servieren, Gastgeben. Laut Wörterbuch also "jmd., der nicht beruflich, sondern nur aus Freude an der Sache auf einem künstler., wissenschaftl. oder sportl. Gebiet tätig ist."

Da sind die Redakteure von Vox nicht die einzigen. Beinahe alle Sender lassen gerade mehr oder weniger medienbekannte Menschen irgendetwas öffentlich tun oder lernen, was nicht ihrem Beruf entspricht. Dabei wird seltener gekocht, als viel öfter gesportelt - siehe Wok-WM, Let´s dance oder Stars auf Eis. Und manchmal wird auch gesungen wie jüngst bei der ZDF-Show Deutschland wählt das Traumpaar. Tendenziell also alles Sachen, bei denen eine üble Blamage droht. Heide Simonis, deren Auftritte bei Let´s dance oft den höhnischen Beifall der Boulevardpresse ernteten, kann davon vermutlich ein Liedchen singen. Oder vielleicht auch besser nicht.

Herausforderungen muss man annehmen - nichts anderes scheinen diese Shows uns immer wieder vorführen zu wollen. Nicht aufgeben! Weitermachen! Frage nicht, was dein Publikum für dich tun kann, sondern was du für dein Publikum tun kannst! Zudem sind die meisten dieser Sendungen live, also tendenziell riskanter, wenn man sich mal verplappert oder sonstigen Unsinn redet. Es ist der Moment, der zählt, nach oft wochenlangem Training haben Magdalena Brzeska, Pierre Geisensetter, Ex-No-Angel Lucy und ihre Promi-Kollegen nur die paar Minuten, um zu zeigen, was sie gelernt haben. Um sich zu beweisen nicht innerhalb ihrer Profession, sondern gleichsam als öffentlich ehrgeiziger Privatmensch.

Einige von ihnen haben mittlerweile sogar schon beträchtliche Erfahrung als Amateur aufzuweisen. Lucy etwa war 2004 Siegerin im TV-Total-Turmspringen, was die Pro-Sieben-Biografie stolz als jüngsten Erfolg der Sängerin ausweist. Und Geisensetter, seines Zeichens Profi-Moderator, war nicht nur beim RTL-Promiboxen und beim Großen Pro-Sieben-Tanzturnier, sondern auch bei Stefan Raabs Wok-WM 2006 dabei. Ist das nun Sucht oder Pflicht?

Natürlich tut sich das niemand an, der diese fachfremde Zurschaustellung nicht nötig hat. Die Shows der Amateure sind so etwas wie die Minijobs für Hartz-IV-Empfänger: Ablehnen geht kaum, denn sonst rutscht man schnell heraus aus der Liste derjenigen, die überhaupt noch Geld beziehungsweise die Medienwährung Aufmerksamkeit bekommen. So sind diese Sendungen für schlecht bis gar nicht beschäftigte TV-Starlets vielleicht die beste Plattform, um wieder ins Geschäft zu kommen: Seht her, was ich alles mache, um auf dem Bildschirm zu erscheinen, wie sehr ich mich anstrenge, welche Zusatzqualifikationen ich zu bieten habe!

Das gilt vor allem, wenn es um körperliche Arbeit geht. Denn diejenigen mal schwitzend und keuchend zu erleben, die sonst vorwiegend leicht und hübsch durch die Gegend parlieren, beweist uns, dass sie ganz und gar keine Wesen von einem anderen Stern sind. Der Sport bringt das Menschliche im Promi hervor. Und schaltet in der Erschöpfung manches Mal auch ein wenig das Hirn aus, so dass tatsächlich der ein oder andere sich lautstark dem Augenblick hingibt, bevor er lange überlegt, welchen Text ihm sein Agent nun am liebsten in den Mund geschoben hätte.

Sicherlich gefällt zudem das Vereins-Aroma, das all diese Sendungen verströmen: Nachdem man die Familie ordentlich über den Schirm gehetzt hat, lässt man nun Menschen miteinander auskommen, die privat wohl niemals gemeinsame Sache machen würden, sich nun aber zusammentun, um dem Amateurdasein zu frönen. Wie eben der Sport schon immer private Unterschiede weitgehend unbeachtet ließ. Bei der Körperertüchtigung trifft sich das Volk fast aller Schichten und sieht sich bei seltsam entfremdeten Tätigkeiten zu - ob nun auf dem Laufband im Fitnessstudio oder im Yogakurs des örtlichen Sportvereins.

Und das Wichtigste: Die so genannten Promis können´s auch nicht besser als unsereins. Mag sein, dass die Sportler unter den Teilnehmern ein paar Vorteile bei Koordination oder Kondition haben. Doch Diskuswerfer als Eistänzer geben trotzdem ein ungewohntes Bild ab. Das Wörtchen "Amateur" ist mithin kein Schimpfwort mehr, im Gegenteil: Das ist einer, der erst gefördert wurde und deshalb anschließend vom Publikum gefordert werden darf. Moderatoren wie Preisrichter nehmen ernst, was eigentlich nicht ernst zu nehmen ist, alle Shows imitieren bis ins Detail die großen, "echten" Veranstaltungen dieser Art. So wäre wieder einmal bewiesen, wie schnell aus einem Laien ein Experte werden kann: Jeder kann das schaffen - wenn er nur will! Als ob es von solchen "Profi-Kellnern" nicht schon mehr als genug im deutschen Fernsehen gäbe.


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00:00 24.11.2006

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