Wer liest denn so was?

Trivial-Literatur Keine(r) gibt es zu, aber heimlich tun es viele: Liebesromane lesen. Ein Bericht aus der Herzkammer des Buchgeschäfts

Vor drei Jahrhunderten wurden Autoren der Trivialität geschmäht, deren Romane im Titel Frauennamen trugen wie „Camilla“ oder „Cecilia“ und die den Leser in Schauerromanen wie Die Geheimnisse von Udolpho das Gruseln lehrten.

„,Und was lesen Sie gerade, Miss ...?‘“ – ,Oh, nur einen Roman!‘, erwidert die junge Dame und legt mit gezwungener Gleichgültigkeit oder plötzlicher Scham das Buch auf den Tisch.“ Diese fiktive Szene spielt im 18. Jahrhundert, und zwar in dem Roman Die Abtei von Northanger von Jane Austen. Sie könnte sich aber ebenso gut dieser Tage in einer Buchhandlung ereignet haben. Die junge Frau, derart angesprochen, wäre dort mit einer der bunten Schwarten von Autorinnen wie Charlotte Link, Nicole C. Vosseler oder Christina Dodd ertappt worden, die sie auf dem voll gepackten Katzentisch der Belletristik entdeckt hätte.

Das Vergnügen an der Populärliteratur, bleibt auch heute meist ein heimliches, ein guilty pleasure, wie es im Englischen so schön heißt. An der abschätzigen Einstellung zum Liebesroman hat sich nicht viel geändert. Dieser leidet trotz Millionenauflagen und Platzierungen in den Bestsellerlisten hierzulande unter einem Imageproblem. Gilt er mit seiner Neigung zum Sentimentalen und dem Zwang zum Happy End doch als weltfremd, unkritisch und systemkonform. Wer etwas auf seinen Ruf hält, lässt sich nicht mit einem der Taschenbücher aus dem Buchhandel oder gar mit den dünnen Romanheftchen aus dem Zeitschriftenladen in der Öffentlichkeit erwischen. „Das Feuilleton belächelt uns“, sagt Bettina Hennig, die neben ihrer Tätigkeit als Redakteurin bei der Neuen Post Pressesprecherin der 2003 gegründeten Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren (DeLiA) ist.

Eigentlich müsste es Autorinnen heißen, denn unter den 70 Vollmitgliedern befinden sich gerade mal sieben Männer. „Der Liebesroman genießt in Deutschland keine Anerkennung. Hin und wieder werden unsere Romane besprochen. Aber man betrachtet uns eher als Pausenclowns aus der Kitsch- und Trash-Ecke.“ Die 46-Jährige kennt den Markt der bunten Blätter. Sie promoviert über Klatschjournalismus und debütierte im vergangenen Jahr als Autorin mit Luise – Königin aus Liebe, einem Roman über die preußische Hoheit, die vor 200 Jahren starb. Ihre Lieblingsautoren sind unter anderem William M. Thackeray und Thomas Mann. „Es ist ein großes Vorurteil, anzunehmen, Liebesromane seien kitschig. Das Genre hat viele Facetten – Krimis, historische Romane, Heftromane, Romantic Fantasy, Mystery.“

Romantik aus England

Besonders die letzten beiden Gattungen sind zurzeit populär. Der Cora-Verlag in Hamburg kann sich auf die Fahnen schreiben, im Bereich Mystery seit 1986 vertreten zu sein. „Bei uns sind auch zuerst – und zwar schon 2002 – die Vampire Diaries von Lisa J. Smith erschienen, die jetzt erfolgreich im Fernsehen laufen“, sagt Miran Bilic. Der 41-jährige Produktmanager arbeitet seit vier Jahren beim Marktführer der Taschenheftromane, der fast alle Geschichten aus dem Englischen übersetzen lässt. Deutsche Autoren, so scheint es, haben wenig Erfahrung mit Romance Novels. Sie treffen nicht immer den Ton dieser eigenen Literaturform, der auch bei der deutschen Leserin ankommt. Bettina Hennig sieht andere Ursachen für die mangelnde Präsenz heimischer Autorinnen: „Je mehr Lizenzen die Verlage einkaufen, desto weniger Budget bleibt für deutsche Autoren übrig. In den USA werden die Autoren durch die Verlagswelt unterstützt, in ihrer Wirtschaftlichkeit und im Handwerk gefördert. Das Selbstvertrauen unserer Autoren sollte gestärkt werden – warum sollten unsere Bücher schlechter sein?“

Tatsächlich ist das Potenzial beachtlich, das sich unter dem Dach von DeLiA versammelt. „Wir haben eine Marktmacht. Unsere zwölf Gründungsmitglieder kommen auf eine Millionenauflage.“ Autorinnen wie Kerstin Gier, Iny Lorentz und Charlotte Thomas stehen auf den Bestsellerlisten. Einmal im Jahr vergibt der Verband, der Autoren aufnimmt, die in einem kommerziellen Verlag veröffentlicht haben, einen mit 1.000 Euro dotierten Literaturpreis. Verlage wie Diogenes, Eichborn, Rowohlt und Piper reichen ihre Bücher ein. „So ein Preis kann etwas bewirken“, meint Bettina Hennig.

Die Hannoveranerin Michaela Rabe, die 2008 für ihren Roman Perfektion ausgezeichnet wurde, veröffentlichte vergangenen Juli unter dem Namen Michelle Raven beim Fantasy-Label Lyx, das zum Egmont-Verlag gehört, den ersten Teil ihrer Ghostwalker-Reihe. In Die Spur der Katze steht eine Journalistin im Mittelpunkt, die eines Nachts auf ihrer Veranda einen mysteriösen nackten Mann antrifft. Ohne zu viel zu verraten, sei erwähnt, dass sich über die 500 Seiten zahlreiche, explizite Sexszenen ziehen, die in ihrer sprachlichen Drastik jedem Männermagazin Konkurrenz machen können.

Bei den Leserinnen um die 30 kommt die Mischung aus Fantasie und Erotik gut an. „Als glorreiches Beispiel ging der amerikanische Markt voraus, auf dem die Paranormal Romance ein längst etabliertes und akzeptiertes Genre darstellt“, sagt Christina Knorr. Die 28-jährige Pressereferentin von Lyx verweist auch auf die deutschen Autorinnen im Programm. „Wir arbeiten viel mit amerikanischen Lizenzen, sind aber auch um deutschsprachige Autorinnen bemüht.“

Ein Magazin für Leserinnen

Liebesromanleser sind klassische „Viel-Leser“ stellte Cordula Günther in einer qualitativen Studie über „Heftromanleser in den neuen Bundesländern“ fest. Sie räumt mit Eskapismusklischees auf und attestiert eine „Tendenz zur instrumentellen Lektüre“. So werde parallel in Heftromanen und so genannter Weltliteratur geschmökert. Die Berlinerin Kris Alice Hohls nennt als Lieblingsautoren Truman Capote und Jane Austen. Lässt sich das mit einer Vorliebe fürs Triviale vereinbaren? „Ich bin kein Snob. Ich lese jedes Genre und lege ein Buch nur beiseite, wenn es mich langweilt, die Charaktere nerven oder der Autor sein Handwerk nicht versteht.“

Die 36-Jährige gibt ein Literaturmagazin für leidenschaftliche Liebesromanleserinnen heraus, das die Anhänger dieses Genres verstehen und ernst nehmen will. Auf der Leipziger Buchmesse vor fünf Jahren verteilte sie die erste Ausgabe von Love Letter in einer Auflage von 500 Stück. „Ich bekam viel mehr Feedback, als ich erwartet hatte“, sagt sie. Frauen zwischen 17 und 70 greifen regelmäßig zu der monatlich erscheinenden Zeitschrift, die Rezensionen und Interviews bietet. Im Februar vergab sie den zweiten Love Letter Award.

Welche Strömungen gibt es in den USA, die bald für ein deutsches Publikum interessant sein könnten? „Besonders beliebt und hier noch nicht sehr stark vertreten sind Weitererzählungen und Neuinterpretationen von Jane Austens Romanen sowie christliche Liebesromane. Es zeichnet sich ein Revival des historischen Liebesromans ab und ein wachsendes Interesse an Science-Fiction und Steampunk.“ Wenn Sie also das nächste Mal jemanden sagen hören: „Ich lese niemals Romane! Ich habe Besseres zu tun“ – glauben Sie der Person kein Wort. Sie will es wahrscheinlich nur nicht zugeben.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

21:10 16.03.2010

Ausgabe 15/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1

Avatar
rainer-kuehn | Community