Wer macht Steves Job?

Apple Die Gerüchte um einen Rücktritt von Apple-Guru Steve Jobs mehren sich. Wer könnte den Hightech-Giganten in die Zukunft führen?

Als Apple in der vergangenen Woche seine Macworld genannte jährliche Produktpräsentation in Los Angeles veranstaltete, hatten nur wenige Beobachter einen Blick für die neuen Produkte übrig. Stattdessen stand eine Frage im Raum, die der kalifornische Technologie-Gigant so noch nicht oft zu beantworten hatte: Wo ist Steve Jobs?

Im Dezember hatte Apple bekannt gegeben, sein charismatischer Chef werde in diesem Jahr zum erstmals seit seiner Rückkehr in die Firma im Jahr 1997 keine Ansprache bei der Macworld halten, was zu wilden Spekulationen über seinen Gesundheitszustand geführt hatte.
Nachdem lange Zeit versucht wurde, diesbezügliche Fragen abzuwiegeln, gab Apple schließlich bekannt, Jobs leide infolge einer lebensrettenden Krebsoperation aus dem Jahr 2004 an einer „hormonellen Störung“.

Für viele ist Jobs ein Synonym für die ungemein erfolgreiche Marke. Er hatte Apple 1976 mitgegründet und wird von vielen als unersetzbar angesehen. Diese Wahrnehmung teilt man auch an der Wall Street, wo man von der langfristigen Zukunft des Unternehmens geradezu besessen ist. Was, wenn er die Firma verlässt? Könnte sie überleben? Und wer würde die Leitung übernehmen?

Hier einen Namen zu nennen, ist beinahe unmöglich. Selbst eine Aussage darüber, wer sich Chancen ausrechnen kann und wer nicht, erforderte die Fähigkeiten erfahrender Kremel-Experten, die Machtkämpfe innerhalb der Partei daran ablesen konnten, wie die KPdSU-Führer bei der Demonstrationen am ersten Mai auf dem Balkon gruppiert waren.

Genau dies tun die Beobachter des Unternehmens. Als gegen Ende des vergangenen Jahres Tony Fadell, der 2001 die Idee für den iPod und den iTunes Store zu Apple gebracht hatte, die Firma verließ, blickten einige zurück und fanden einen Hinweis auf Fadells Schicksal in einer iPhone-Präsentation. Bei der hatte Jobs demonstriert, wie man einen Kontakt aus dem Adressbuch des iPhone löscht: Es war Fadells Name, den Jobs löschte.

Als Jobs 1997 nach einer zehnjährigen Pause wieder die Führung übernahm, war Apple vor allem dafür bekannt, dass ständig Interna an die Öffentlichkeit drangen. Der mit einem instinktiven Gefühl für Überraschungen ausgestattete Jobs änderte dies völlig, indem er eine einfache Regel einführte: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Daher ist es für Außenstehende so schwer, sich in das Auswahlverfahren für einen Nachfolger hineinzuversetzen, besonders, wenn es um interne Kandidaten geht. Fest steht nur, dass das Team um Jobs schon eine vergleichsweise lange Zeit im Amt ist.

Interne und externe Kandidaten
Bei einigen handelt es sich um Vertraute, die schon seit einem Jahrzehnt zu seinem Beraterstamm zählen. Andere waren schon in der Firma, bevor Jobs vor zehn Jahren zurückkam. Hierzu zählen zum Beispiel Phill Schiller, der Chef des Product Marketing, der vergangene Woche für seinen Chef einsprang, oder Jonathan Ive, ein britischer Designer, der für iMac, iPod und andere Produkte schon mehrere Preise gewonnen hat.
Das Unternehmen ist nicht durch Querelen und Machtkämpfe in der Führungsetage zerrissen und weist nicht die für erfolgsorientierte Unternehmen dieser Größenordung übliche Personaldynamik und Fluktuation auf. Stattdessen wird bei Apple ein kollegialer Ansatz verfolgt: Jeden Montagmorgen treffen sich die Führungskräfte, um ganz detailliert jeden Aspekt des Geschäftes durchzugehen, einschließlich der Frage, welche Modelle welches iPods sich gut verkaufen und welche nicht.

Aber trotz alledem wird Jobs als die treibende Kraft und das Herz hinter Apples kommerziellem und finanziellem Erfolg angesehen. Als vergangenen Oktober Gerüchte darüber kursierten, er habe einen Herzanfall erlitten, schätze der frühere Wall Street-Analyst Henry Blodget, Jobs erhöhe den Börsenwert von Apple um 20 Prozent.

Wer also sollte seinen Platz einnehmen? Die Frage der Nachfolge wurde erst gestellt, als Jobs im Oktober 2003 eine seltene, aber behandelbare Form von Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde. Sie wurde erst im Sommer 2004 erfolgreich behandelt, nachdem eine spezielle Diät nicht angeschlagen hatte. Dies und die hierauf folgenden Spekulationen, die in dem Eingeständnis der vergangenen Woche über seine aktuellen Beschwerden gipfelten, machte deutlich, wie ernst es um Jobs steht.

Während er sich von der Operation erholte, führte Betriebsleiter Tim Cook die Geschäfte, Schiller übernahm die Öffentlichkeitsarbeit. Cook wird als fordernd beschrieben und gilt nicht gerade als Visionär. Er wird innerhalb der Firma respektiert, kommt aber wohl kaum als Ersatz für Jobs in Frage. Der mitreißende und amüsante Redner Schiller wird zwar vielerorts als Nachfolger gehandelt, es ist indes fraglich, ob er in der Lage wäre, eine Strategie für das Unternehmen zu entwickeln.

Auch Ive war schon für den Posten im Gespräch. Aber trotz all seiner Erfahrung in Sachen Industriedesign, hat er bislang noch keine Ambitionen erkennen lassen, sich die Arbeit eines Geschäftsführers aufzuhalsen, bei der Fragen des Marketing und der Software, sowie finanzielle Überlegungen eindeutig im Vordergrund stehen müssen.

Ein weiterer ehemaliger Bewerber, Ives früherer Chef als Leiter der Hardware-Abteilung Jon Rubinstein, verließ die Firma im Jahr 2007 um als Vorstandvorsitzender zu der Handheld-Computer-Firma Palm zu wechseln. Dies muss allerdings nicht unbedingt gegen ihn sprechen. Seine Ausbildung als Ingenieur, seine langjährigen Erfahrung und Kenntnis der Betriebsabläufe bei Apple und die zusätzliche Erfahrung bei der Leitung eines anderen Unternehmens, könnten ihm zum Vorteil gereichen. Rubinstein bleibt aber schmallippig und äußert sich nicht zu der so wichtigen Personalfrage bei Apple.

Welche Innovation kommt als nächstes?
Leander Keany, Autor der Bücher The Cult of Mac und Inside Steve`s Brain, ist der Ansicht, Apple habe mittlerweile durch Jobs ein so markantes Profil gewonnen, dass das Unternehmen nun auch ohne seine Führung auskomme. „Das Unternehmen ist eine gut geölte Maschine, die heute ohnehin schon zu 80 % von den Mitarbeitern am Laufen gehalten wird. Während der vergangenen zehn Jahre hat Jobs seine Charaktereigenschaften auf die Firma übertragen. Seine Liebe zum Einfachen und gutem Design, sein obsessiver Perfektionismus – als dies wurde zu Markenzeichen von Apple. Das wird auch so bleiben, wenn er nicht mehr da ist.“ Ob die Firma jedoch unendlich so weitermachen kann, sei eine andere Frage: „Apple wird es noch ungefähr zehn Jahre gut gehen, auch ohne Steve Jobs. Das Unternehmen wird zunächst wie am Schnürchen weiterlaufen. Die Probleme werden sich dann erst langsam einstellen.“
Die Herausforderung, Jobs Nachfolge anzutreten ist so groß, dass sie kaum zu bestehen ist. Bei Apple genügt es nicht, sich mit Technik, Design und den diese begleitenden und formenden Trends auszukennen, Jobs Nachfolger muss gleichzeitig die Führungsqualitäten aufweisen, um in einem zunehmend immer komplexeren Umfeld seinen Weg zu gehen.

Apple konzentriert sich auf profitable Nischen und versucht diese auszuweiten. Seine Mac-Computer sind immer noch Nischenprodukte, während der iPod zur weltweit bekannten Marke avancierte. Das iPhone liegt irgendwo dazwischen. Und was kommt danach? Was ist die nächste große Sache, für die Apple bereit sein muss? Der nächste Chef weiß es wahrscheinlich, denn genau dies qualifiziert ihn oder sie für den Job.

Niederlagen wegstecken
In Anbetracht der großen Erfolge, die Apple in der jüngeren Vergangenheit zu verzeichnen hatte, vergisst man leicht, dass auch Jobs nicht immer richtig gelegen hat. Im Jahr 2000 entschloss sich Aplle, seine Macs mit DVD-Laufwerken statt mit CD-Brennern auszustatten. Es stellte sich als eine schlechte Wahl heraus: Das Brennen von CDs war im Jahr 2000 groß in Mode und im Januar 2001 musste Jobs den Analysten gestehen, dass das Unternehmen seinen ersten Quartalsrückgang seit seinem Wiedereintritt zu verzeichnen habe. Im selben Jahr kündigte er den G4 Cube Computer an, einen 20-Quadratzentimeter großer Macintosh mit Plastikverkleidung. Trotz des Hypes, den Apple inszenierte, traf die Maschine nicht den Zeitgeschmack und die Produktion wurde schließlich eingestellt, nachdem noch technische Probleme hinzugekommen waren.

Von diesen Pleiten unberührt kaufte Apple kurze Zeit später ein Musikabspielprogramm namens SoundJam auf und machte daraus seine eigene Marke, die es iTunes nannte. Wiederum kurze Zeit darauf hatte Fadell die Idee zu einem mit einen Online-Shop verbundenen digitalen Musikabspielgerät. Der iPod war geboren, der Rest ist Geschichte.
Diese Vision – Niederlagen beiseite zu wischen und sich auf bahnbrechende, einen gänzlich neuen Zweig begründende Produkte zu konzentrieren – könnte sich als unverzichtbar erweisen, wenn Jobs das Unternehmen verlässt, sagt Kahney. „Die große Herausforderung wird darin bestehen, neue Produkte zu entwickeln – Jobs einzigartige Begabung, mit der nur sehr sehr wenige gesegnet sind. "

Übersetzung: Holger Hutt

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18:10 14.01.2009

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