Wer mag Heiner Müller sein?

Bühne Das Internationale Forum des Berliner Theatertreffens wird in diesem Jahr 50. Eine Bilanz
Thomas Irmer | Ausgabe 20/2014 2

Angefangen hat alles mit dem Forum junger Bühnenangehöriger, damals, 1965, als das gerade gegründete Theatertreffen noch in seinen West-Berliner Windeln lag. Eine Art Nachwuchsbetreuung für angehende Regisseure, Dramaturgen und Bühnenbildner sollte es sein. Doch schon in den achtziger Jahren lud man die Stipendiaten international ein, und das Forum stieg zu einer wichtigen Institution auf, wo Netzwerke geknüpft und Freundschaften fürs Leben geschlossen wurden. Die Teilnehmer erhielten Hotelzimmer und Freikarten, und neben dem kritischen Austausch über die zehn – wie es immer schon hieß – „bemerkenswertesten“ deutschsprachigen Inszenierungen der Saison, die das Theatertreffen alljährlich zeigt, wurde auch die Begegnung mit den Künstlern ermöglicht.

Der Australier Barrie Kosky, heute Intendant der Komischen Oper in Berlin und allseits bejubelter Regisseur, erinnerte sich bei der Forumsfeier zum 50. nun an seine tolle Zeit als junger Dachs beim Theatertreffen 1989. In einer jüdischen Familie mit europäischem Hintergrund in Melbourne aufgewachsen mit „Sonne, Strand, Sport und Bier“, eröffnete ihm vor allem seine Großmutter den Weg zu Oper und Konzert und insbesondere zur deutschen Kultur. Ein halbes Jahr vor dem Mauerfall kam er nach Berlin, begeisterte sich an den künstlerisch hochrangigen, weil auch hoch subventionierten Aufführungen und schlich sich ein erstes Mal über die Grenze in die Komische Oper, wo er heute, so staunt er immer noch ein bisschen, der Hausherr ist. Als seine Stipendiatengruppe damals Heiner Müller treffen sollte, fragte er, wer das denn sei. Fassungslose Gesichter über diesen ahnungslosen Australier. Er erzählt es den 36 Teilnehmern des diesjährigen Jahrgangs wohl auch zur Ermutigung, dass man durchaus noch nicht alles wissen und jeden kennen muss, wenn man zum Forum eingeladen wird.

Kein junger Dachs mehr

In den letzten Jahren gab es für die Stipendiaten regelrechte Seminare und Workshops, die von Künstlern wie Rimini Protokoll, Andres Veiel, René Pollesch oder dem Schauspieler Bruno Cathomas als Mentoren angeleitet wurden. Austausch und Gemeinschaft entstehen so auch über die Projektarbeit. Und so mancher kommt auch heute, um zu bleiben. Brian Bell aus Texas beschloss nach seiner Teilnahme vor zwei Jahren, gleich ganz des Theaters wegen in Deutschland zu bleiben. Jetzt ist er Regieassistent am Nationaltheater Weimar, für ihn war das Forum die Eingangstür zu dem sich immer mehr internationalisierenden deutschen Theaterbetrieb. Überhaupt ist das Forum als Pionier auf diesem Weg der Internationalisierung zu würdigen.

Zu den diesjährigen Teilnehmern gehört Andriy May, Regisseur am Nationaltheater Kiew, der außerdem viel mit neuer Dramatik in der Ukraine experimentiert hat und beispielsweise in Tscherkassy ein Stück in der russisch-ukrainischen Mischsprache, einer Art Argot, aus Handyaufnahmen von der Straße inszenierte. May ist aber nicht hier, um Statements über die Zukunft seines Landes abzugeben, und ein ganz junger Dachs wie damals Kosky ist er auch nicht. Am meisten hat ihn die Inszenierung der jungen Susanne Kennedy von Fegefeuer in Ingolstadt beeindruckt, die Marieluise Fleißers Skandalstück von 1926 als Playbacktheater erzählt, das die Schauspieler zwingt, robotergleich nur die Lippen zu bewegen. Andriy May begeistert ihre klare formale Setzung. Beim Forum werden eben auch neue ästhetische Formen internationalisiert.

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06:00 28.05.2014

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