Wer recht von Herzen liebt

Weibliche Sexualität Es klingt wie ein Märchen aus alten Zeiten: Frauen trauen sich nicht, selbstbewusst ihre Lust zu leben. Sie haben einfach Angst, die Gesellschaft könnte sie verachten
Lisa Rüffer | Ausgabe 38/2014 12

Ein wildes Szenario: In ungezähmter Lust, halb Kampf, halb Begehren, stürzt sich Penthesilea, die Amazonenkönigin, auf das Objekt ihrer Begierde. Der starke Achilles erwartet sie, ist ihr verfallen. Doch Penthesilea fällt ihm nicht liebevoll um den Hals. Sie wirft sich auf ihn, beißt ihn, wühlt sich in sein Fleisch und zerfetzt den schönen Körper gemeinsam mit ihren Hunden in höchster Lust. Penthesileas Verlangen ist wild und tierisch.

Wie konnte das passieren, Penthesilea?

So war es ein Versehen. Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das Eine für das Andre greifen.

(Penthesilea, um die 20)

Als Penthesilea, die Heldin aus Heinrich von Kleists gleichnamigem Drama, später erkennt, was sie getan hat, schafft sie sich durch Selbstmord aus der Welt. Penthesilea ist eine Frau, wie sie nicht sein darf. Denn jahrhundertelang verhielt es sich mit der Lust der Frauen so: Es gab Madonnen und Huren. Was dazwischen lag, blieb verborgen oder wurde als böse gebrandmarkt. Obwohl Frauen immer selbstbewusster werden und die Diskussion über die Gleichberechtigung der Geschlechter unsere Gesellschaft in der Breite erreicht hat, ändert sich daran nur langsam etwas.

Der Sex der Frauen scheint für sie etwas zu sein, was nicht sein darf. Wer sein Begehren lustvoll auslebt, gerät leicht in ein Dilemma. Es klingt paradox und so gar nicht zeitgemäß: Aber noch immer haben Frauen Angst davor, ein unbeschwerter Umgang mit der eigenen Lust könnte sie gesellschaftlicher Verachtung aussetzen. Das zumindest ist eine Art Arbeitsthese, eine gefühlte Wahrheit. Ich habe drei Frauen eingeladen, mit mir über ihre Sexualität zu sprechen.

Wie findest du es, wenn Frauen sexuell selbstbestimmt leben?

Das ist, als würde eine Frau einen Heiratsantrag machen. Das dürfen Frauen nicht.

Ist dir Sex wichtig?

Nein.

Könnte das daran liegen, dass es dir nicht so Spaß macht?

Denkt lange nach. Gute Frage.

(Melanie, 28)

Melanie kennt ihren Sex nicht. Die Angestellte ist verheiratet und zweifache Mutter. Sie liebt ihren Mann. Er ist ein bisschen autoritär, aber das gefällt ihr, sie trifft nicht gern Entscheidungen und reißt sich auch nicht um Verantwortung. Sexualität spielt in ihrem Leben eine untergeordnete Rolle. Das Thema ist ihr unangenehm. Spricht man mit ihr darüber, wird sie rot. Sie bittet mich, ihr Fragen zu stellen, auf die sie mit Ja oder Nein antworten kann. Sie selbst bringt die Worte nicht über ihre Lippen. Doch während des Gesprächs beginnt sie zu glühen; auch hört sie aufmerksam zu, wenn andere Frauen über Sex reden. Es ist, als loderte da eine Lust in ihr, die sie sich nicht zugesteht oder die ihr noch nicht bewusst ist. Vielleicht macht diese Lust ihr auch Angst.

Tanja lebt ebenfalls seit längerem in einer festen Beziehung. Sie arbeitet erfolgreich in einer Männerbranche, wirkt selbstbewusst und offen. Es ist noch nicht lange her, dass sie angefangen hat, sich zu fragen, was Sexualität ihr eigentlich bedeutet, was sie will und was ihr zusteht. Seitdem wundert sie sich manchmal über sich selbst.

Warum beginnst du erst jetzt, dir Gedanken über Sex zu machen?

Ich habe mich schon immer gefragt: Ist meine Lust normal? Schon als Kind, als ich mich selbst angefasst habe. Früher hätte ich mich nicht getraut, darüber überhaupt zu sprechen. Ich glaube, so was wie eine sexuelle Identität entwickelt sich bei mir erst noch.

(Tanja, 41)

Es ist nicht so, dass Tanja prüde wäre oder ihr der Sexpartner fehlte. Sie fühlt sich bei alldem nur irgendwie eingeschränkt.

Clara ist emanzipiert, zieht sich gut an und hat keine Kinder. Sie war lange Single. Früher hätte man sie als alte Jungfer bezeichnet und tatsächlich hat sie sich ihre familiäre Situation anders ausgemalt. Aber sicher ist: Sex hatte sie immer. Sie hätte das auch anders nicht ausgehalten. Sie weiß, was sie will, und sie weiß mit diesem Teil ihres Lebens sehr diskret umzugehen. Ihre Affären, in denen es oft nur um Sex ging, hatte sie immer gut unter Kontrolle.

Das ist vielleicht eine komische Frage, aber stell dir vor, deine Sexualität wäre ein Tier. Welches wäre es?

Meine Sexualität als Tier? Na ja, das wäre kein Hamster oder so. Nix puffelig, knuffelig Niedliches. Ich kann das gar nicht klar sagen. Es ist stimmungsabhängig. Als ich in meinen Zwanzigern gemerkt habe, dass ich Sex und Gefühl trennen kann, da habe ich mich mehr ausprobiert. In den letzten zehn Jahren bin ich dann mit meinem Körper viel entspannter geworden. Diese Unsicherheit hatte meine sexuelle Identitätsfindung bis dahin verhindert. Heute weiß ich Bescheid.

(Clara, 38)

Seit einiger Zeit hat Clara wieder einen Freund, und auch wenn ihr das unromantisch vorkam, haben beide geklärt, dass sie miteinander nicht monogam leben wollen. Im Moment hat sie gar kein Bedürfnis nach anderen Männern, doch Clara weiß, dass wird sich mit der Zeit ändern.

Was aber erzählen uns diese drei kurzen Geschichten? Zunächst einmal ist Sex eine unendlich komplizierte Sache. Er kann wild sein und intim, zärtlich und gefährlich, monogam und anonym, einsam und gesellig. Für Mann und Frau gilt dabei wohl gleichermaßen: Bis wir unsere sexuelle Identität gefunden haben, vergeht viel Zeit. Jeder erlebt seine eigene Geschichte ihrer Entdeckung, hat eine individuelle sexuelle Biografie. Was wir begehren, was uns Lust macht und was nicht, lernen wir, indem wir es ausprobieren oder nicht. Wir erfahren dabei nicht nur unser eigenes Begehren, sondern erkunden auch das der anderen. Bei manchen bewegt sich dieses Testspiel in eng gesteckten Grenzen, andere nehmen sich großen Freiraum dafür.

Stellt man sich demnach die Möglichkeiten weiblicher Sexualität als einen schillernden Raum voller Schätze vor, so hat Melanie ihn offenbar bisher nicht betreten, aber sie hat davon gehört, dass es ihn geben soll. Viel mehr kann sie dazu noch nicht sagen. Tanja hat bereits den Lichtschalter gefunden; im Moment aber scheint sie geblendet von dem, was sie zu sehen bekommt. Und Clara kennt sich schon ganz gut aus. Sie weiß, wo sich was befindet, mancher Schatz gefällt ihr mehr, der andere weniger. Sie hat noch nicht alles angefasst, aber das hat ja auch Zeit. Clara hütet diesen Ort wie ein Geheimnis, weil sie weiß, dass er bei anderen Neid erwecken könnte und Missgunst.

Tanja hört Claras selbstbewussten Ausführungen und Gedanken über ihren Sex etwas ungläubig zu. Sofort schießen ihr Fragen durch den Kopf, wie sie erzählt: „Darf sie das sagen? Gehört sich das? Steht mir das auch zu? Warum traue ich mich nicht mal, das zu sagen, geschweige denn, es selbst auszuleben?“

Tanjas Fragen haben ihren Ursprung in Mythen über die Sexualität von Frauen, die sehr alt und immer noch sehr aktuell sind. Sie wurden von Männern gemacht, gedacht, kontrolliert und beschrieben – und von Frauen gelebt. Seit Jahrtausenden wird so das weibliche Begehren überall auf der Welt domestiziert. Von der Büchse der Pandora und dem biblischen Sündenfall über weibliche Genitalverstümmelung bis zu jenem moralischen Konsens der westlichen Welt, dass Monogamie der Grundstein glücklicher Beziehungen ist, gilt: Wehe, wenn die Lust losgelassen wird. Prostituierte, Huren und käuflicher Sex sind der Gegenentwurf zu dieser Domestizierung. Diese beiden Muster, die gezähmte Frau und die Hure, stabilisieren unseren Wertekanon, bilden gewissermaßen den Unterbau, auf dem wir stehen, und grenzen sich von jenen Regeln ab, nach denen die meisten von uns leben.

Diese Regeln unterteilen die Sexualität von Frauen in gut und böse. Lebt das weibliche Geschlecht seine Lust ungezähmt animalisch aus, wird die Frau wie Penthesilea oder Adams Eva zur Täterin. Dann fliegt die Menschheit aus dem Paradies, brechen Kriege aus und die wahre Liebe stirbt. Erst wenn die Frauen in unseren Geschichten sich den Regeln opfern, werden sie zu wahren Frauen. Die Repräsentativste unter ihnen ist vielleicht Shakespeares Julia, deren moralische Reinheit lässt im Drama die verfeindeten Familien Montague und Capulet zur Vernunft zurückkehren. Julia ist dabei nicht die Handelnde, sondern ein Opfer der schlechten Verhältnisse. Die Zähmung der weiblichen Lust macht die Frau zur Hüterin der Beständigkeit, die Gott und die Welt besänftigt.

Das ist, beschreibt man es in diesen beiden Extremen, natürlich Quatsch. Doch viel von dem, was wir heute denken und empfinden, erinnert noch an diese starren Bilder. Finden wir daraus einen Ausweg?

Gibt es eine Möglichkeit für dich, deine Sexualität unbeschwert auszuleben?

Ich fantasiere von einem Frauenbordell.Ich könnte schon mehrmals die Woche Sex haben, aber ich will nicht in die nächste Bar gehen und ein Schlampen-Image haben. Für ein Frauenbordell bräuchte man natürlich einen wirklich emanzipierten Mann.

(Clara, 38)

Über das Phänomen der gezähmten Lust hat Daniel Bergner ein Buch geschrieben. Der New Yorker Journalist und Autor hat für Die versteckte Lust der Frauen mit Wissenschaftlern, Psychologen und Frauen Gespräche geführt und zusammengetragen, was die Sexualforschung über die weibliche Sexualität weiß. Es gibt kaum gesicherte Erkenntnisse über ihre Psychologie und Mechanik. Allein die Frage, ob es einen G-Punkt gibt, ist bis heute ungeklärt. Was die Vagina Frauen möglicherweise noch alles spüren lässt, ist kaum erforscht.

Doch allein die Annahmen der Wissenschaftler, die Bergner aufführt, lassen die Mythen über die weibliche Sexualität alt aussehen: Frauen sind keine braven monogamen Mädchen, sondern in ihrer Lust genauso animalisch veranlagt, wie dies sonst nur Männern zugeschrieben wird. Sie reagieren, wenn man ihnen Sex-Videos zeigt, mit körperlicher Erregung, die sogar stärker ist als bei männlichen Vergleichsgruppen. Sie sind sehr begabt und äußerst einfallsreich im Fantasieren sexuell aufgeladener oder erotischer Szenarien. Für Frauen verliert der Partner in längeren Beziehungen schneller seine körperliche Anziehungskraft als umgekehrt. Und der Anteil der Frauen, die sich Pornos ansehen und sich zu Sexspielzeug bekennen, steigt seit Jahren kontinuierlich.

Als Ausgangspunkt diente Bergner Folgendes: Nachdem Frauen Videos verschiedener sexueller Szenarien gezeigt wurden – von heterosexuellem Blümchen-Sex über Sex zwischen Männern bis hin zu kopulierenden Affen –, reagierten sie auf all diese Szenen messbar körperlich erregt. Gleichzeitig wurden sie gebeten zu bewerten, inwieweit sie durch die Videos stimuliert wurden. Das wiederum aber gaben sie, wenn überhaupt, nur für Szenen an, die ihnen auch gesellschaftlich akzeptiert schienen: beispielsweise den Blümchen-Sex.

Ich könnte mir niemals Sex ohne Nähe vorstellen. Nicht mal in Gedanken.

Und was denkst du, wenn du zum Beispiel einen Schauspieler im Fernsehen siehst, der dir gefällt?

Dann denke ich, den könnte man ja mal in einem anderen Leben heiraten.

(Melanie, 28)

Frauen haben Triebe. Sie checken Männer auf ihr sexuelles Potential ab und es schmeichelt ihnen, wenn sie von Männern begehrt werden. Nur geben das wenige Frauen offen zu. Einerseits ist das ihr gutes Recht. Sex ist natürlich ein Tabu, weil es ein intimes und sehr privates Thema ist. Andererseits geht es gar nicht darum, Sexualität um jeden Preis an die Öffentlichkeit zu ziehen. Es geht vielmehr um die Frage, warum Frauen ihr Begehren nicht leben oder ihm sogar misstrauen. So wie Melanie, die es kaum wagt hinzuhören, weil sie das alles für ungehörig hält. Oder wie Tanja, die ihre Sehnsucht kennt, sich aber fragt, ob ihre Lust normal ist. Gerade selbstbewusste und emanzipierte Frauen haben ein gutes Gespür, in welche Gefahr sie sich begeben, wenn sie ihr Begehren offen leben. Verletzen sie die Grenzen der gesellschaftlich akzeptierten Normen von Paarbeziehungen, Kleiderordnungen und weiblichem Verhalten, sind sie zu lustbetont, zu sexy, zu offensiv, sind sie nicht Jungfrau oder Mutter, dann bleibt nur das andere Extrem: das der Hure oder Geliebten. Also verstecken sie ihr Begehren.

Ist dieser Selbstschutz nötig oder verbauen sich Frauen damit ihre Freiheit?

Es gibt Anzeichen dafür, dass Frauen im Umgang mit ihrer Sexualität selbstbewusster werden, auch wenn mein Eindruck ist, dass sie dadurch als beschmutzt wahrgenommen werden. Jungen Frauen fällt es schwer, über ihre Sexualität zu reden. Das ist bei Frauen in meinem Alter anders. Und zehn Jahre später geht die Schere noch weiter auf. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, stellen sich viele die Frage: Was steht mir zu? Dann kommt es immer häufiger zu Trennungen.

(Beatrice Wagner, 50)

Beatrice Wagner steht im Türrahmen ihrer Münchner Praxis und hat Hoffnung für das weibliche Geschlecht. Dabei sieht sie umwerfend aus. Schwarze offene Haare, rote Lippen, hohe Schuhe. Die Autorin, Paar- und Sexualtherapeutin weiß, wovon sie spricht. Die Selbstbestimmtheit von Frauen hat sich in vielen Bereichen des Lebens durchgesetzt, aber in Sachen Sexualität sind sie vorsichtig. Beatrice Wagner kennt diese Parallelwelten: Viele, die zu ihr kommen, leben in gleichberechtigten Beziehungen. Es ist selbstverständlich, dass er den Müll runterbringt und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Wagner nennt diese Männer in Anlehnung an die Alphamänner „beta-isiert“.

Was haben gleichberechtigte Beziehungen mit unterdrückter Lust zu tun?

Bei mir wird oft bemängelt, dass die Partner zu nett sind. Die meisten Frauen kommen mit beta-isierten Männern im Bett nicht klar. Die wollen beim Sex nicht gefragt werden: Schatz, ist das okay für dich? Sie wollen gevögelt werden.

(Beatrice Wagner, 50)

Narzissmus ist ein Kernpunkt der weiblichen Sexualität. Frauen wollen begehrt werden und zumindest in ihrer Fantasie spielt häufig auch die Lust an Unterwerfung eine Rolle. Das ist ihr heikelster und am besten geschützter, wenn nicht gar offensiv verleugneter Teil. Für viele Frauen wird das irgendwann zum Problem. Statt ihr Verlangen in jenen aufgeklärten Beziehungen, in denen sie leben, zu thematisieren, suchen sie sich irgendwann Affären. Sie könnten ihrem Mann natürlich sagen: Schatz, nimm mich bitte etwas härter ran! Aber so einfach ist das nicht. „Diese Verlogenheit der Frauen regt mich wirklich auf“, sagt Beatrice Wagner. Wirft man diesen Satz in feministischen Kreisen in die Runde, funktioniert er wie Sprengstoff.

Und das hat einen guten Grund. Werden Frauen von Männern als Objekt betrachtet, sind sie in Gefahr. Einige Tage nach unserem ersten Gespräch bittet die Therapeutin darum, etwas klarzustellen. Am Vorwurf der Verlogenheit hält sie fest, aber sie fügt die folgende Geschichte an:

In vielen deutschen Gerichtssälen spielt sich immer noch dieses Szenario ab: Vergewaltigungsopfer sitzen im Beisein ihres Peinigers vor einem Richter. Der Täter versteht nicht, warum sein Opfer so einen Aufstand macht und ihn anzeigt, denn während der Tat war sie doch feucht. Und der Holzkopf von Richter sagt: Ja, wenn Sie feucht waren, dann hatten Sie doch auch Lust. Das retraumatisiert Frauen. Im Laufe der Evolution hat sich gezeigt, dass es für Frauen in Panik sinnvoller ist, beim Anblick eines erigierten Penis feucht zu werden. Männer sind und waren Frauen körperlich überlegen. Frauen brauchten solche biologischen Strategien, um sich vor Verletzungen zu schützen.

(Beatrice Wagner, 50)

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Vergewaltigungen sind Gewaltakte gegen Frauen, sie haben mit jener Art von Sex, um die es hier geht, nichts zu tun. Aber dennoch lässt sich fragen: Schützen sich Frauen also gegen gefährliche Missverständnisse, wenn sie ihre Lust verheimlichen? Werden wir, Männer und Frauen gleichermaßen, eines Tages verstehen, dass Frauen auf der einen Seite Unterwerfungsfantasien hegen, auf der anderen dennoch gegen sexuelle Belästigung und Sexismus kämpfen? So wie es im vergangenen Jahr in der so genannten #Aufschrei-Debatte thematisiert wurde.

Das wäre wünschenswert. Erst dann haben Frauen die Freiheit, selbstbestimmt zu leben. Spielen sie die braven Mädchen und leben ihre Lust nur heimlich in Affären, in Gedanken oder nach der Trennung, dann sieht das vielleicht so aus, als opferten sie sich dem Wohl ihrer Beziehungen. Vielleicht scheinen sie den Männern so moralisch überlegen. Aber ist das nicht ein Spiel mit doppeltem Boden?

Was fehlt, ist nicht die Inszenierung von selbstbestimmter weiblicher Lust, die Frauen zum Objekt macht, sondern ein unbeschwerter Umgang mit der weiblichen Sexualität. Es geht um die Frage, wie Melanie, Tanja und Clara ihre Lust leben könnten.

Ist dieses Spiel nicht ein Dilemma?

Ich glaube, diese Scheinheiligkeit hat viel mit der Illusion von Sicherheit in Beziehungen zu tun. Es sind doch Impulse, die Sex ausmachen, beim Tanzen oder Feiern. Wenn man diese Impulse lebt, birgt das immer die Gefahr, andere zu verletzen. Aber wenn man auf all diese Impulse verzichtet, schmerzt das auch.

(Clara, 38)

„Everything in the world ist about sex. Except sex. Sex is about power“: Alles in der Welt dreht sich um Sex. Außer Sex. Bei Sex geht es um Macht. Dieses Zitat des irischen Schriftstellers Oscar Wilde stimmt heute noch. Denn in den Mythen über die weibliche Sexualität geht es immer auch um einen Schatz. Die biblische Eva, die griechische Pandora, die verschleierte Frau – sie alle haben einen Schatz verborgen. Lust zu erzeugen ist eine Fähigkeit. Jeder Verkäufer weiß das. Und Frauen wie Männer sind Objekte der Begierde. Doch während begehrten Männern Anerkennung gezollt wird, werden Frauen dafür belächelt, auch vom eigenen Geschlecht. Wenn die schöne Pandora ihre Büchse öffnet, kommt das Unheil in die Welt. Frauen könnten diese Geschichten als Erfolgsgeschichten verstehen. Die Macht, die in ihrem Sex liegt, könnten sie benutzen. Doch gestehen sie das sich selbst und einander nicht zu. Sie haben zwar die gleiche animalische Lust wie Männer, aber sie haben sie unter Kontrolle, weil sie das zu höheren moralischen Wesen macht. Und dann geraten sie irgendwann aus dem Gleichgewicht.

„Die Frauen, die lustvoll in die Welt rennen, kommen nicht in meine Praxis“, sagt die Sexualtherapeutin Beatrice Wagner. Es kommen jene, die ihr Begehren verloren haben, es fürchten oder unterdrücken; oder bei denen es sich völlig verselbstständigt hat. Es sind Frauen in Not. Meistens holt sie ihre sexuelle Unausgeglichenheit ein, wirkt sich auf ihre Partnerschaften aus, vielleicht auch auf ihre Karriere und auf ihre Ausstrahlung.

Ist die Macht, begehrt zu werden, böse?

Viele Frauen verurteilen meinen Job und sind geschockt, dass ich Spaß daran hatte. Sie sehen den Mythos der bösen Hexe in mir. Ich hatte irgendwann keine Lust mehr, nur ein Anhängsel zu sein. Also habe ich mich selbstständig gemacht. Die Frauen, die mit sich zufrieden sind, bewerten das nicht.

(Vanessa Eden, 35)

Vanessa Eden weiß gut, dass Sex viel mit Macht zu tun hat. Sie hat das am eigenen Leib erfahren. Allerdings nicht als Opfer, sondern eher als Täterin. Ihre Erfolgsgeschichte beginnt, als sie mit 20 ihre Friseurlehre abschließt und von Oberfranken in die Schweiz zieht. Sie arbeitet in der Gastronomie, ist jung und etwas planlos. Heute sagt sie, noch immer mit fränkischem Dialekt: „Ich bin da voll naiv rein geschlittert.“ Sie weiß damals schon, dass Prostitution gesellschaftlich stigmatisiert ist, aber für sie ist es erst mal ein Abenteuer. Zwei Monate lang bedient sie schlecht bezahlt mehrere Männer am Tag. Es ist nicht das Anschaffen, das sie stört. Es ist eher dieses Gespür, dass es so nicht gerecht ist.

Vanessa ist mit einer Bauernschläue gesegnet, die schon manch anderen weit gebracht hat. Und so wird aus der Prostituierten nach zwei Monaten eine Unternehmerin. Sie macht sich selbstständig.

Hat die unterdrückte Lust der Frauen deine Karriere beflügelt?

Männer, die mit lustvollen Frauen umgehen können, sind in der Minderheit. Sonst wäre Prostitution anerkannter. Die meisten Kunden sind Durchschnittsmänner, Familienväter, die sagen: Meine Frau will halt nicht mehr. Und das nehmen sie dann so hin.

(Vanessa Eden, 35)

Irgendwann war die Nachfrage nach ihr als Edelprostituierter so hoch, die Männer zahlten 2.000 Euro für eine Verabredung, Vanessa wählte sich ihre Kunden vorher aus. Sie mussten sich bewerben. „Ich habe die Bedingungen gestellt“, sagt sie. Der Job machte ihr Spaß, solange sie Lust auf sexuelle Abenteuer hatte. Irgendwann, mit dem Älterwerden, wurde dann Intimität wichtiger. Das ist jetzt fünf Jahre her. Seitdem schreibt sie Bücher, sitzt in Talkshows, coacht Frauen in Sachen Erotik und studiert nebenbei Psychologie. Es ist eine Erfolgsgeschichte, wie eine Frau wie sie sie eigentlich nicht erzählen darf.

Vanessa Eden hatte Spaß an ihrem Job. Einerseits hat sie dadurch den Spieß umgedreht und aus ihrer Lust einen Beruf gemacht. Aber hätte sie überhaupt eine andere Möglichkeit gehabt, ihre Lust zu leben? Wenn man Spaß an dem Rollenspiel der aktiven Frau, der Verführerin hat und diese Lust offen lebt, wird man dann nicht sowieso zur Hure gemacht?

Was macht denn nun die Sexualität von Frauen aus? Intimität und Beständigkeit oder wildes tierisches Verlangen?

Sie will das eine wie das andere. Aber das andere wird Frauen eben abgesprochen. Es würde ja das Patriarchat in Frage stellen.

(Tanja, 41)

Was eine Frau will? Das ist eine gemeine Frage. Frauen tragen die Verantwortung für das Vernünftige, die Beständigkeit und für die Moral in der Welt und in ihren Beziehungen. Sie zwingen sich selbst diese Strukturen auf und nutzen sie, um sich zu schützen. Doch jenseits von Jungfrau und Mutter, Hure und Geliebter gibt es auch heute noch keine Muster dafür, wie Frauen ihre Lust offen leben könnten. Vielleicht ist das die letzte Bastion des Patriarchats. Sicher ist, jedes Nachdenken über Sex entfacht unser Interesse daran. Es wird dann schwieriger, stillzuhalten.

Was passiert also mit der Welt, wenn Frauen ihren Sex entdecken und ausleben – dieses halb heilige, halb perverse Ding? Sie werden stark, mächtig, selbstbewusst und begehrenswert sein. Was macht das mit Männern? Welche Beziehungen werden wir dann führen? Wird die Welt dadurch untergehen? Wir wissen es einfach noch nicht.

06:00 01.10.2014

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