Wer schaut was

Mediennutzung unter Migranten Eine Parallel-Gesellschaft existiert, aber nicht dort, wo alle sie zunächst vermuten

Was einer Gesellschaft ihre "Unterschicht" wert ist, bemisst sich unter anderem daran, was sie wirklich über sie wissen will. Und das wiederum lässt sich weniger an der Größe der Schlagzeilen, die die "Unterschicht" betreffen, ablesen, sondern eher am wissenschaftlichen Forschungsaufwand, den eine Gesellschaft diesbezüglich bereit ist zu beauftragen und zu bezahlen.

Erinnern Sie sich noch, wie die Medien die Integrations-Sau durchs Dorf getrieben haben? "Ehrenmorde", "Zwangsehen" und "Parallelgesellschaft" beherrschten einige Zeit die Schlagzeilen, gefolgt von "Integrations-" und "Islam-Gipfeln". Da liegt die Frage nahe: was leisten die Medien selbst diesbezüglich?

Da ist zunächst viel Desinteresse und Ignoranz festzustellen. Die harte Währung der Fernsehsender sind die Einschaltquoten. Sie werden von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) erhoben. Die AGF besteht aus einem Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender sowie den bei ihnen platzierenden Media- und Werbeagenturen. Sie lehnen die Erfassung der Fernsehnutzung für alle in Deutschland lebenden Nationalitäten bisher ab, weil die repräsentative Abbildung "zu einer starken Aufstockung der Fallzahlen und damit zu einer Kostensteigerung" führen würde. Erst seit 2000 erfasst die GfK wenigstens die hier lebenden EU-Ausländer. Die größte, nämlich die türkische Gruppe, die allein so zahlreich ist, wie alle EU-Ausländer zusammen, wird dagegen bis heute nicht erfasst. Angesichts der Tatsache, dass "Ethnomarketing" heute schon längst eine arrivierte kommerzielle Strategie ist, können ökonomische Ausreden für diese Ignoranz kaum einleuchten. Es bleibt ein Nachgeschmack von plattem Rassismus.

Wer sich ein Bild über die Mediennutzung von Ausländern und Migranten in Deutschland machen will, muss mangels GfK-Ergebnissen auf andere Forschungsergebnisse zurückgreifen. Sie sind nicht sehr zahlreich. Eine führende Rolle bei der Untersuchung der türkischen Bevölkerungsgruppe etwa spielt das Essener Zentrum für Türkeistudien. Es stellte 2004 fest, dass 94 Prozent der türkischen Bevölkerung in Deutschland Medien beider Sprachen parallel nutzen. Nur 3,5 Prozent nutzen ausschließlich türkischsprachige Medien; 2 Prozent nur deutschsprachige Medien. Relevante Werte bei der ausschließlichen Nutzung türkischer Medien wurden bei den über 60-Jährigen mit 13,8 Prozent und bei denjenigen ohne Schulabschluss mit 11,2 Prozent erreicht. Dazu passt, dass die Konrad-Adenauer-Stiftung (jawohl, die!) schon 2001 feststellte, dass "in Deutschland lebende Türken" und "Deutsche türkischer Herkunft" deutschen Institutionen, wie Justiz, Regierung, Polizei das meiste "Vertrauen" entgegen bringen. Deutsche Medien folgen im Mittelfeld dieser Vertrauensfrage, deutlich vor türkischen Medien. In der Mediennutzung gibt es also in Deutschland keine türkische Parallelgesellschaft.

Auch was die Lieblingssender betrifft, scheinen die Migranten in Deutschland voll integriert. Ihr Lieblingssender ist - nach Erkenntnissen der Medienforschung des Westdeutschen Rundfunks (WDR) von 2004 - RTL! Gefolgt von Pro7, Sat1 und dann erst dem "Ersten" (ARD). Hinter dem ZDF und RTL2 folgt erst auf dem siebten Platz der türkische Staatssender TRT-INT. Bei dieser Befragung waren drei Sendernennungen möglich. Das entspricht - vom türkischen Sender abgesehen - ziemlich genau den Rangplätzen bei jungen Deutschen oder der TV-Favoritenliste in den neuen Bundesländern, wo es eine ähnliche Abweichung zu den Neigungen der Westdeutschen gibt.

Parallel zum deutschen Fernsehen hat es auch in der Türkei eine Vermehrung der einstmals staatlich gelenkten TV-Programme durch unterhaltungsorientierte Privatsender gegeben. Abgelehnt und kritisiert wird diese nur von einer kleinen Minderheit konservativ-traditionalistisch eingestellter Türken. Die Mehrheit genießt die Auflösung des Staatsmonopols, weil sie ihm nicht mehr vertraut und weil sie das Belehrungsfernsehen leid ist.

Türkische Zeitungen mit ihren grellen Schlagzeilen mögen im Straßenbild zwar auffallen, ihre verkaufte Gesamtauflage liegt aber lediglich bei 200.000 bis 300.000 Exemplaren. Das ist relativ bescheiden. Zwischen 60.000 und 100.000 erreicht alleine Hürriyet, die bereits verschiedentlich gemeinsame Kampagnen mit Bild gefahren hat. Bild hat im Übrigen mit 30 Prozent bei den Türkinnen und Türken die höchste Reichweite der deutschen Zeitungen vor den jeweiligen Regionalzeitungen (19 Prozent). Die höchste Verkaufsauflage aller fremdsprachigen Zeitungen hat aber vermutlich Russkij, eine Zeitung die von Russlanddeutschen und russischen Juden gelesen wird. Das weist bereits auf die größte der Integrationsforschungslücken hin: die Einwanderer aus Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken.

Ein kleines Indiz dafür, dass die Letztgenannten von allen Migranten-Gruppen in punkto Mediennutzung sich am Auffälligsten vom Durchschnitt abheben, haben Susanne Eggert und Helga Theunert gefunden, als sie 2002 die Nutzung von Computer-Kampfspielen bei Kindern und Jugendlichen untersuchten: Laut ihrer Studie erklärt jeder vierte Junge aus dem westdeutschen Kulturkreis Kampfspiele zu seinen Lieblingsspielen, bei den Jungs aus dem moslemischen Kulturkreis ist es mindestens jeder Dritte, bei Aussiedlerfamilien tut das bereits nahezu die Hälfte (45 Prozent) aller Jungen. Auffällig ist dabei außerdem, dass Kampfspiele offensichtlich auch für Mädchen mit Migrationshintergrund (über 20 Prozent) sehr attraktiv sind, während deutsche Mädchen (7 Prozent) diesen Spielen kaum etwas abgewinnen können. Dieser Aspekt wird von einigen Forschern damit begründet, dass Kinder und Jugendliche aus Krisengebieten bevorzugt Unterhaltungs-Angebote nutzen, die einerseits ihr erfahrungsgesättigtes Bild einer "Welt voller Gefahren" bestätigen und andererseits die Hoffnung auf ihre Bewältigung wecken. Wie Eggert und Theunert an der Kampfspiel-Frage ermittelt haben, sind es die Russlanddeutschen, die nicht nur die quantitativ größte Gruppe stellen, sondern auch "qualitativ", also in dem, was ihre Lebensgewohnheiten und ihre Medienbedürfnisse betrifft, am meisten vom deutschen Mainstream abweichen. Jeder Kommunalpolitiker, der sich mit ihnen schon beschäftigt hat, wird das bestätigen. Über sie weiß die deutsche Integrationsforschung aber fast nichts. Sie werden kaum untersucht, denn sie sind ja Deutsche.


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00:00 03.11.2006

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