Wer sich abgewertet fühlt, teilt gerne aus

Deutsche Befindlichkeiten Wenn die Konjunktur lahmt, leidet das gesellschaftliche Klima. Feindseligkeiten gegenüber Minderheiten nehmen zu, im Osten ebenso wie im Westen

Integration - damit ist meist das mehr oder weniger gute Zusammenleben von Menschen deutscher und ausländischer Herkunft gemeint. Doch wie gut funktioniert der deutsch-deutsche Prozess der Integration eigentlich? Haben sich Ost- und Westdeutsche nach fast zwei Jahrzehnten "Wiedervereinigung" schon einander angeglichen, vielleicht so weit, dass die Unterscheidung in Ost und West nicht mehr trägt? Mittlerweile ist schließlich eine ganze Nachwende-Generation erwachsen, für die das Ganze eine Geschichte der Eltern ist und es ist bereits halb so viel Zeit vergangen, wie die DDR überhaupt überdauert hat. Da mag es langsam etwas skurril erscheinen immer noch nach ost- und westdeutschen Befindlichkeiten zu fragen. Glaubt man den Sozialforschern, ist es allerdings nicht sonderlich gut bestellt um das Wir, um das Zusammenwachsen und das Gefühl der Einheit. Denn ein wesentliches Merkmal gelungener Ost-West-Integration ist die wechselseitige Anerkennung. Geht man nach ihr, dann wohnen noch immer zwei voreingenommene Seelen in der gesamtdeutschen Brust.

Gefühlte Benachteiligung

Der Frage nach der gesellschaftlichen Integration gehen in einer Langzeitstudie Wilhelm Heitmeyer und sein Team von der Universität Bielefeld mittlerweile im siebten Jahr nach, indem sie die "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" (GMF) der Deutschen untersuchen, ein Sammelbegriff, der versucht, feindselige Einstellungen gegenüber verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zusammenzufassen: Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, aber eben auch wechselseitige Vorbehalte von Ost- und Westdeutschen. Im diesjährigen Schwerpunkt, der die Entwicklung der deutschen Gesellschaft in Ost und West 20 Jahre nach dem Fall der Mauer betrachtet und dabei auf Krisenzeiten besondere Aufmerksamkeit legt, ist das Ergebnis ernüchternd: Zwei Drittel der Ostdeutschen fühlen sich als Bürger zweiter Klasse, sehen ihre Leistungen gegenüber Westdeutschen nicht angemessen anerkannt und sehen sich insgesamt benachteiligt. "Dass sie weniger als den gerechten Anteil an den erwirtschafteten Gütern erhalten, finden mehr als 77 Prozent der Ostdeutschen gegenüber 21 Prozent aus den alten Bundesländern," berichtet Heitmeyer. Solche Gefühle der Benachteiligung sind für die Bielefelder Forscher alarmierend. Denn wer sich abgewertet fühlt, wertet andere ab und schiebt die Schuld für die Misere allzu häufig auf gesellschaftliche Minderheiten. Diskriminierung von Migranten, Juden, Obdachlosen, Muslimen oder Homosexuellen sind die Folge. Je nachdem, wie gut es den Menschen geht, ob sie für sich wirtschaftlich eine Perspektive sehen oder nicht, wird ihre Sicht auf Minderheiten milder oder aggressiver. In Zeiten des Aufschwungs nimmt die Toleranz zu, in Zeiten der Krise ist jeder sich selbst der Nächste und der Feind ist der Konkurrent um einen Arbeitsplatz.

Schon in den vorangegangenen Jahren hat die Bielefelder Langzeitstudie gezeigt, dass "Prekarität Menschenfeindlichkeit befördert". Das Gefühl der Benachteiligung trägt unmittelbar zu fremdenfeindlichen und autoritären Einstellungen bei. Dieser Mechanismus greift in Ostdeutschland häufiger, was der insgesamt schwierigen sozialen Situation zuzuschreiben ist. Westdeutsche, die sich ähnlich benachteiligt fühlen, hegen dieselben Feindseligkeiten. Diese Erkenntnis ist deshalb sehr wichtig, weil sie zeigt, dass es keine verhärteten Mentalitäten im Osten gibt, die etwa auf die DDR-Vergangenheit zurückzuführen wären. Wem es im Westen schlecht geht, der reagiert genauso wie jemand aus dem Osten. Wenn Menschen sich zusätzlich machtlos fühlen, beteiligen sie sich nicht an Wahlen, haben zur Demokratie kein großes Vertrauen oder vertreten rechtspopulistische Meinungen. Rechtspopulismus, das sind fremdenfeindliche oder antisemitische Einstellungen sowie ein Hang zum Autoritarismus, zum Beispiel die Forderung, dass man härter gegen Außenseiter und Unruhestifter vorgehen sollte, was 82 Prozent der Ostdeutschen und 73 Prozent der Westdeutschen befürworten.

Warnung vor Ost-West-Fixierung

Eine andere Langzeitstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die ebenfalls seit 2002 Daten erhebt, beschäftigt sich mit einem ähnlichen Thema und fokussiert auf rechtsextreme Einstellungen. Die Wissenschaftler Oliver Decker und Elmar Brähler von der Universität Leipzig bestätigen die nicht ganz neue These, dass Rechtsextremismus kein Randphänomen ist, sondern ein politisches Problem in der Mitte der Gesellschaft. Ihre Rückschau auf die vergangenen sechs Jahre zeigt, dass Rechtsextremismus in Deutschland seit 2002 insgesamt abgenommen, im Osten jedoch zugenommen hat. Erschreckend ist, dass 2008 32,6 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung eine ausländerfeindliche Einstellung zeigen. "Das ist beinahe doppelt so viel wie in Westdeutschland," so Decker und Brähler, und der höchste Wert seit 2002. Leute mit dieser Haltung finden, dass Ausländer den Sozialstaat ausnutzen und man sie nach Hause schicken sollte, sobald Arbeitsplätze knapp werden. Geschlossene rechtsextreme Weltbilder sind allerdings eher im Westen anzutreffen.

Doch die Forscher warnen vor einer allzu einfachen Ost-West-Fixierung, verweisen vielmehr auf sozialdemographische Gegebenheiten einzelner Regionen. So kann in manchen "abgehängten" Gegenden Ostdeutschlands bereits von einer Normalisierung des Rechtsextremen gesprochen werden. Warum ist das noch nicht Warnsignal genug für die Politik? Die Soziologen Decker und Brähler wählen für ihre Analyse mitunter psychologische Erklärungsmuster, wagen einen Blick in die Geschichte und in ein jeweils individuelles Erziehungsklima und gehen so über die rein soziologische Beschreibungsebene hinaus. So sprechen sie in Bezug auf die Erkenntnis, dass Angst die Bereitschaft zur Stigmatisierung schwächerer Gruppen nährt, von einem "Sündenbockmechanismus". Den Zustand der Gesellschaft kleiden sie in ein Bild: Wohlstand ist wie eine Plombe. Wenn diese Plombe bröckelt, "steigen aus dem Hohlraum wieder antidemokratische Traditionen auf".

Eine Ost-West-Integration, so könnte man daraus folgern, kann nur gelingen, wenn die Lebensverhältnisse sich angleichen. Wohlstand und ein hoher Bildungsstand sind nicht die einzigen aber wichtige Garanten für den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft. Das betrifft nicht nur den Ost-West-Vergleich. In dem Maße, wie diese Stabilitätspfeiler wanken, durch zunehmende Arbeitslosigkeit und immer mehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse, ist das Land von sozialer Desintegration bedroht. Angesichts der Krisen-Prognosen für das kommende Jahr sind die Aussichten also eher trübe.

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00:00 04.12.2008

Ausgabe 39/2020

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