Wer sind wir denn?

RÜCKBLICK Ein (nicht-)arbeitsfreies Wochenende über glückliche Arbeitslose und die Erlösung von der Arbeit

Das Konzept des "Nicht-Arbeits"-Wochenendes sah vor, dass Wissenschaftler am Anfang und am Ende sprachen, während dazwischen nur künstlerische oder auf andere Art "unwissenschaftliche" Beiträge zu sehen waren: Manifest und Kabarett, Predigt und Fernsehshow, Zitatcollage und klassisches Theater. Die Kunst macht sich ja "nur" ein Bild. Später kann die Wissenschaft die Grenzen des Bilds schärfen und umleiten. Eine gut beratene Wissenschaft wird sich auf die Einbildungskraft nicht allein der Journalisten, sondern auch der Künstler stützen. Denn deren Bilder sind keine bloße Schöpfung aus dem Nichts der Tagesaktualität. Sie stützen sich ihrerseits auf Kunsttraditionen.

Mit großem Mut war darauf verzichtet worden, den Beiträgern eine thematische Arbeitsteilung aufzuerlegen. Und wenn sie nun alle dasselbe erzählt hätten? Über "Nicht-Arbeit" arbeitsteilig sprechen zu lassen, wäre freilich inkonsequent gewesen. Es war schon komisch genug, als Guillaume Paoli, der das Manifest der Glücklichen Arbeitslosen vortrug, darin seinen Honorarvertrag mit der Volksbühne zitierte. Es kam aus dem Recorder, während der Sprecher, auf dem Sofa daneben liegend, sich selbst nicht zuhörte. Sogar Faulheit wird heute als Arbeit bezahlt, war die Botschaft. Das sagt etwas über die Abgründe des Arbeitsbegriffs und die Verlogenheit der Faulheits-Exorzisten. Tatsächlich lesen wir bei Rifkin und anderen, dass in der Vermarktung der Erlebnisse die große Zukunft der Kapital-Investition und damit der Arbeit beziehungsweise der "Dienstleistung" liege. Ist man nun faul oder nicht, wenn man etwas erlebt? Zielt nicht jedenfalls die Event-Industrie darauf ab, ihren Kunden möglichst viel Erfahrungs-Aktivität auszutreiben - und warum nicht durch eine vorbildliche Faulheits-Vorführung von der Bühne herab -, damit sie zu puren zahlenden Konsumenten werden?

Die Beiträge waren weit entfernt, dasselbe zu erzählen. Ein Gesamtbild kam gerade in der Vielfalt zustande. Es zeigte, dass die Faulheit derer, die sich zu ihr bekennen, eine historisch bestimmte Faulheit ist. Sie ist Protest gegen die ebenso bestimmte Arbeit von heute und morgen. Wenn sie sich artikuliert, kommen die Konturen dieser Arbeit erschreckend zum Vorschein. Es gibt da einen Doppelcharakter, den bereits die erste Vorführung verdeutlichte, ein von Gerburg Treusch-Dieter verfasstes "Spektakel": Anhand des Kapitels über "Herr und Knecht" aus Hegels Phänomenologie wurde daran erinnert, dass die Arbeit um der Arbeit willen, die der Arbeiter scheinbar arbeitsethisch und faulheitsfeindlich ableistet, nur als Kehrseite einer Herrschaft über die Arbeit existiert, die denn doch einen bestimmten, wenn auch nicht immer gewollten Herrschaftsinhalt hat und auf nicht ungefährliche Fluchtpunkte hinausläuft: "Ich hab die Welt um mich herum vergessen in meiner Arbeit, und gleichzeitig hab ich sie hergestellt, verstehen Sie? Es ist das Schönste, was es gibt. Ich hab gehobelt, und da flogen die Späne ..."

Noch am selben Freitagabend führten Knut Gerwers und seine Mitspieler in "Projektionsräumen", die sie "Arbeit an der Erlösung als Erlösung von der Arbeit" nannten, vor, wie das Herstellen so ganz von selbst auf eine "Arbeit an Gott", am neuen Gottmenschen hinauslaufen könnte, der sich per Raumfahrt seine eigene Auferstehung im Weltall erarbeitet; die Voraussetzung ist, dass er sich zur schwerelosen Künstlichen Intelligenz verwandeln lässt, als Fleisch und Blut dann aber verschwinden muss. Wer das für überspannt hielt - aber bitte, es ist nur Kunst! -, musste sich Zitate aus dem Buch eines amerikanischen Physikers anhören: und zwar Frank J. Tiplers 1994 erschienenen Band Die Physik der Unsterblichkeit. Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten, Piper-Verlag 1994.

Samstagabend gab es Hauptmanns Weber, inszeniert von Frank Castorf, wozu der Wiener Kulturwissenschaftler Hans-Dieter Bahr den einführenden, verallgemeinernden Vortrag hielt. Castorf aktualisiert Hauptmanns Sozialkritik, indem er das Elend der Arbeit als Elend der Nicht-Arbeit zeigt. In ihm sind "Arbeitslose" und Arbeiter oft vereint, und auch die Grenzen von (Nicht-)Arbeit und "Freizeit"-Stress verschwimmen. Die Automation setzt keine Kreativität frei. Sie lässt Menschen übrig, die nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Bahr unterstrich den Ertrag des künstlerischen Zugangs: Mit Castorfs nölenden Figuren in knallbunten Freizeithemden kann man kein Mitleid mehr empfinden, wie es nach dem klassischen Tragödienbegriff, dem Hauptmann noch folgte, der zur Tat anspornende Theater-Effekt sein müsste. Und diese Figuren sind wir ja selbst. Wir können uns nicht bemitleiden. Keine Selbstachtung, die imstande wäre, uns zu aktivieren! Wer sind wir denn? Wir sitzen vielleicht wie Castorfs (Nicht-)Arbeiter herum, sind fett, haben von einer Vergewaltigung gehört und fragen wissend-bedächtig: "Ist es zum Analverkehr mit Mutter Baumert gekommen?"

Oder wir sind ein New Economy-Arbeiter aus der von Alexander Meschnig geleiteten "Szenischen Lesung": verbringen unser Leben neben dem Computer, reden uns ein, dass unsere Subjektivität befreit sei, und geben uns, weil wir Aktien haben, mit wenig Lohn zufrieden - bis die Börse kracht. Was man, wie Oskar Negt später nachtrug, als "Kaufkraftabschöpfung" bezeichnet.

Negt und Wolf-Dieter Narr zeichneten für die wissenschaftliche Einführung und Schlussfolgerung verantwortlich. Am Anfang hatte Narr den Begriff der Arbeit geöffnet. Er zeigte ihre kapitalistische Konstitution und plädierte dafür, sie aus diesem Kontext zu befreien. Negt nahm den Faden am Ende auf. Aber er musste sich der Kritik "an der Arbeitsgesellschaft" stellen. Zustimmen mochte er nicht, denn, so sagte er, die Menschen in Brasilien wünschten nichts sehnlicher als eine Arbeitsgesellschaft. Dagegen sagte eine Frau, sie lehne die meisten Arbeiten, die ihr angeboten würden, schon aus Gewissensgründen ab. Das Ziel der Arbeit ist also wichtig. Aber wer das weiß, kann der noch von "Arbeit" sprechen? "Arbeitet" die Mutter am Kind? Ist "Beziehungsarbeit" kein widerliches Wort? Die Menschen müssten selbst entscheiden dürfen darüber, was gesellschaftlich getan werden soll und was nicht - aber werden sie sich das zurufen in Ausdrücken wie "Ich arbeite", die, vom Arbeitslohn abgesehen, ganz ziellos sind und deshalb so verantwortungslos klingen? Ist es dann nicht immer noch besser, mit dem Bekenntnis zur Faulheit zu provozieren?

In dieser Kontroverse am Sonntagabend ging es vielleicht auch um die Möglichkeit eines Bündnisses von Beschäftigten und Erwerbslosen.

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00:00 25.05.2001

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