Wer soll das alles lesen?

A-Z Biografien An biografischen Schriften herrscht derzeit kein Mangel: Rösler, Lahm, Schwarzer – und demnächst natürlich Steve Jobs. Aber wie verändert Facebook das Erinnerungs-Genre?

Autobiografienschwemme

Philipp Rösler hatte kürzlich zur Abwechslung mal einen Grund zum Strahlen: Er stellte seine Biografie vor. Philipp Rösler – ein Porträt. Glaube. Heimat. FDP heißt das freundliche Werk, das ein Journalist für den 38-Jährigen geschrieben hat. Ein reiches, bis zur Neige gelebtes Leben ist schon lange kein Kriterium mehr für eine Rückschau in Buchdeckeln. Es reicht ein bisschen Prominenz und die Aussicht auf verkaufsträchtige Presse. Ein noch jüngeres Beispiel aus jüngster Zeit: Philipp Lahm, gerade mal 27 Jahre alt, der sein fades Musterprofi-Image mit einigen gezielten Indiskretionen aufmöbelte.

Zahllose Lebensberichte verlassen zurzeit die Druckereien, gerne auch imprägniert mit Unappetitlichem. Sarah Palin beim vermeintlichen Koksen während eines Schneemobilrennens, Wolfgang Ambros beim wohl tatsächlichen Koksen im Wien der Siebziger. Und der Reigen reißt einfach nicht ab: Offenbar hat sich nun auch Arnold Schwarzenegger an den Schreibtisch gesetzt. Mark Stöhr

Bekenntnisse

Catherine Millet war mü­de, als wir uns 2001 im Pariser Café Beaubourg trafen. Das sexuelle Leben der Catherine M. war erschienen. In diesem autobiografischen Buch (➝ Celebrity Autobiography) schilderte die Kunstkritikerin in protokollarischer Manier ihre Sex-Orgien – im Büro, auf Hinterhöfen, Vernissagen, auf Friedhöfen. Sachlich und emotionslos listete sie die Details der Begegnungen auf, kalter Sex mit Männern, Frauen, mit Fremden, in Gruppen und im Swingerclub. Diese Niederschrift einer Erotomanin wurde zum Bestseller. Vergangenes Jahr sahen wir uns wieder. Millet hatte erneut ein Bekenntnis öffentlich gemacht, diesmal ging es um Eifersucht. Sie war am Nachspionieren hinter ihrem Mann fast irre geworden. "Sexuelle Freiheit ist eine Utopie", sagte sie. Es klang reumütig. Maxi Leinkauf

Biografielos

Einmal kam der sächsische Ministerpräsident Tillich ins Gerede: Der Mann hatte vor der Wende schon gelebt und nun ein Problem, das er mit mir teilte: eines mit seiner Biografie. Wir waren 1990 in Menschen aus der "ehemaligen DDR" umetikettiert worden, unser bisheriges Leben aber war noch da: mit den falschen Überzeugungen, richtigen Hoffnungen, dem privaten Glück. All das geriet nun mit der offiziellen Erinnerung in Konflikt. Welchen Wert konnte ein Bulgarien-Urlaub noch haben angesichts der Stasi? Tillich meinte, die Ossis sollten sich ihr Leben nicht von Leuten "aus dem Westen abwerten" lassen. Er hat dafür Applaus bekommen, auch von jenen, die dabei nicht an den Geschmack von Letscho dachten, sondern an das Gute am Mauerbau. Deren Erinnerungswelt war meiner so fremd wie die der neuen Staatsbürgerkundler. Und so stand ich da mit Memoiren, die nicht hier noch dorthin passten. Ich überlege schon länger, meine Biografie zurückzugeben. Aber niemand nimmt sie mir ab. Tom Strohschneider

Biografie im Auftrag

Es gibt Lebensgeschichten, die spannender sind als die des Bundesgesundheitsministers (➝ Autobiografienschwemme). Wegen fehlender Prominenz bleiben sie der Nachwelt aber oft verborgen. Professionelle Biografen verhindern das: Sie interviewen Normal­sterbliche über deren Leben, gleichen die Schilderungen mit historischen Fakten ab und besorgen Lektorat und Druck. Die Biografin Stephanie A. Hiller schätzt, dass 80 Prozent ihrer meist über 70-jährigen Kunden auf Anregung der Nachfahren eine Biografie diktieren, dabei aber eine anfängliche Scheu überwinden müssen: "Mein Leben ist doch gar nichts Besonderes", hört Hiller oft. Hinterher erfüllt die meisten mit Stolz, wenn sie dem engsten Familienkreis "ihr" Buch schenken. Und im besten Falle muss später nachgedruckt werden: wenn entferntere Familienmitglieder von der Biografie erfahren. Sebastian Puschner

Celebrity Autobiography

Miley Cyrus (Hannah Montana) findet das kleine und große Glück auf der Suche nach einem Tampon, Tiger Woods berichtet vom Einlochen, Sly Stallone öffnet seinen Kühlschrank, Madonna offenbart die Freuden der Entjungferung puertoricanischer Teenager. Von Belanglosigkeiten bis zu intimsten Details lassen A- bis Z-Promis in ihren Autobiografien nichts aus. Mehr als 300 dieser Werke las der Schauspieler und Autor Eugene Pack und formte aus ihren schrillsten, peinlichsten und größenwahnsinnigsten Passagen 2009 mit Celebrity Autobiography eine der erfolgreichsten Off-Broadway-Shows für das Triad Theatre in New York. Ohne Proben, nur mit einem Buch und einem Mikro zitieren Comedians wie John Goodman und Brooke Shields aus Promi-Lebensbeichten. Augenzwinkernd, ehrlich erstaunt und manchmal auch fassungslos angesichts der Absurdität des Geschriebenen. In their own words lautet der Untertitel. Papier ist eben doch geduldig. hs

Deutsche Biographie

In 56 Bänden listet die Allgemeine Deutsche Biographie (ADB) im deutschsprachigen Raum wirkende Personen auf, die vor 1900 gestorben sind. Von Petrus van der Aa bis Christian Zyrl sind rund 26.500 Einträge versammelt. Zum zwischen 1875 und 1912 von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Nachschlagewerk greifen nicht nur Historiker, auch Familiengenealogen konsultieren es regelmäßig, um ihren Stammbaum abzuklopfen. Seit 1953 führt die noch unvollendete Neue Deutsche Biographie (NDB) das Projekt der ADB fort. Ein Großteil des lexikalischen Expertenwissens zu mehr als 121.000 Frauen und Männern ist mittlerweile online abrufbar: Die Volltexte der ADB und die ersten 23 Bände der NDB lassen sich frei einsehen. Tobias Prüwer

deutsche-biographie.de

Facebook

Während sich der Börsengang immer wieder verschiebt, will Facebook mit neuen Funktionen noch mehr Kunden an sich binden. Künftig soll man laut Firmenchef Mark Zuckerberg sein eigenes Leben beziehungsweise dessen digitale Darstellung selbst "kuratieren" können.

Alles, was man bei Facebook treibt, wird archiviert, und wie auf einem Zeitstrahl kann man die eigene Chronik – oder die der anderen – bis zu den Jugendsünden zurückverfolgen. Die Funktion Open Graph soll alle Facebook-Freunde daran teilhaben lassen, welche Musik man gerade hört, welchen Film man sieht oder wo man shoppt. Abgespielte Musiktitel, besuchte Events und Like-Statements formen sich zum Lebensbericht des homo consumptus – sofern die Nutzer bei den Veränderungen mitgehen. Und die so ausgedehnte Facebook-Pinwand kommt zum rechten Moment. Warum denn soll es den Lahms und Röslers (➝ Autobiografienschwemme) überlassen bleiben, Banales in die Welt zu blasen? TP

Schnellste postum veröffentlichte Biografie

Am Mittwoch, den 5. Oktober 2011, ist Steve Jobs gestorben. Am Wochenende drauf druckte der Spiegel bereits ein Kapitel aus der "autorisierten Biografie des Apple-Gründers". Der Journalist Walter Isaacson, ehemaliger Chefredakeur des Time-Magazins, hat sie nach mehr als 40 langen Interviews mit dem Apple-Chef aufgeschrieben. Der Erscheinungstermin wurde nach Jobs' Tod kurzfristig von November auf Ende Oktober vorgezogen – und wie so vieles bei Jobs liefert auch seine Biografie Superlative. Noch vor dem Erscheinen führt sie bereits die englischsprachige und die deutschsprachige Bestseller-Liste bei Amazon an. Jan Pfaff

Unautorisierte Autobiografie

Die Welt verdankt Julian Assange einiges. Neue Formen des Whistleblowings, das Collateral-Murder-Video, ein Justizdrama um Vergewaltigungsvorwürfe und verspulte Interviews per Skype. Vor Kurzem hat Assange der literarischen Gattung der Biografie, die als Untergattung die Autobiografie kennt, noch ein weiteres Sub-­Genre hinzugefügt: die unautorisierte Autobiografie. Dem Ghost-Writer Andrew O’Hagan erzählte Assange seine Lebenserinnerungen. Dieser schrieb sie in Ich-Form auf, nur um zu erfahren, dass Assange sich mittlerweile von den eigenen Erzählungen distanzierte. Der Verlag pochte aber auf den Vertrag und veröffentlichte das Buch einfach als "unautorisierte Autobiografie". Dass der Verfechter der totalen Transparenz selbst eine Veröffentlichung unterbinden wollte, fanden einige Zeitgenossen lustig. Andere nannten es, nun ja, enthüllend. jap

Unautorisierte Biografie

Schon zu Lebzeiten hat Amy Winehouses unsteter Lebenswandel dazu geführt, dass unzählige unautorisierte Biografien über ihr Leben veröffentlicht wurden. Mit größtenteils aus der Klatschpresse zusammengeklaubten Informationen wurde am Flickenteppich der Legendenbildung geknüpft. Jeder zupfte an ihrem Rockzipfel, was nach Meinung vieler ihren Niedergang beschleunigt hat. Als noch nicht einmal die offizielle Todesursache bekannt war, gab es schon überarbeitete Fassungen bereits erschienener Machwerke. Für den Herbst sind weitere Winehouse-Biografien angekündigt. Etwas Wahrheit über Amy wird aber eher in ihren Songs zu finden sein. Also lieber die beiden großartigen Alben bei einem (!) Glas Rotwein noch mal genau hören. Sophia Hoffmann

Verfall

"Außerordentliche Leistungen für die Polis persönlich in der Öffentlichkeit herauszustellen, galt der demokratischen Ideologie nach als anstößig – das taten Tyrannen oder Könige, jedoch keine Bürger", schreibt der Althistoriker Peter Scholz. Und so ist die genuine Darstellung der Lebensgeschichte eines Einzelnen zur Blütezeit griechischer Stadtstaaten eher unüblich. Mit dem Verfall antiker, demokratischer Staatsformen in Athen und anderswo geht der Aufstieg der Biografie als eigene Textgattung einher. Ein Zufall? Seine erste Hochzeit erlebte das Genre im Zeitalter des Hellenismus. Alexander der Große etwa diente dem 125 nach Christus gestorbenen griechischen Dichter Plutarch als Exponent seiner Biografien-Sammlung. Plutarch stellte die Leben von Alexander und Cäsar gegenüber, so wie er das mit mindestens 21 weiteren griechisch-römischen Paaren machte. Mit seinen Biografien wollte Plutarch an die Vorzüglichkeit römischer und griechischer Kultur erinnern und so die beiden bedeutendsten "Player" der Antike miteinander versöhnen. sepu

Zeitgemäße Geschichtsschreibung

Liebes Tagebuch, im Januar 1660 begann der Engländer Samuel Pepys mit dem Schreiben seines Diarys. Das zehnbändige Werk ist ein Schauplatz der Eitelkeiten und historischer Momente. Als Staatssekretär erlebte er die Große Pest und den Brand von London. Nach Pepys Tod wurde diese Textform berühmt, Pepys Tagebuch gilt als Vorläufer des Blogs. Pepys schrieb freilich noch für sich, während die Absicht der Veröffentlichung beim Blog im Vordergrund steht.

Heute gibt es Pepys Tagebuch selbst als Blog. Unter pepysdiary.com wird täglich ein Eintrag veröffentlicht; 2015 soll das Projekt abgeschlossen sein. Und natürlich kann man Pepys auch auf Twitter folgen. Denn wenn er darlegt, wie er Wein und Parmesan im Garten vergräbt, um sie für später zu retten, dann hat das großes Twitter-Potenzial.

Tschüss, dein TP

Zurückhaltung

"Wissen Sie, man sollte sich nicht mit Leuten einlassen, die schreiben. Es wird alles festgehalten", lässt die österreichische Schriftstellerin Sabine Gruber in ihrem Roman Stillbach einen ihrer Protagonisten sagen. Wie recht sie hat! Was in ekstatischen Liebesnächten und dunklen Bekenntnisstunden, am Telefon, in Briefen oder Mails von sich gegeben wird: Alles landet im Archiv dieser weltlosen Besessenen, die jedes Jota Realität in eine Geschichte zu verwandeln bestrebt sind. Insbesondere dann, wenn das Schicksal sie mit einem sogenannten VIP zusammengeführt hat und sie dadurch ihr kleines Ego aufwerten können. Es nötigt schon recht viel Zurückhaltung ab, sich in solchen Fällen abstinent zu verhalten, die kleinen und größeren Affären, die Einsicht in Abgründe gewährten, fest im Herzen zu verschließen und das Schlüsselchen zu verlegen. Nicht ohne Grund landen rachsüchtige Schlüsseltexte oft vor dem Richter. Und unter Druckerschwärze, was einmal Lebenssensation gewesen war. Ulrike Baureithel

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11:51 11.10.2011

Ausgabe 38/2020

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