Wer spielt den schwarzen Mann?

Grosse Diskrepanz Die Theater predigen das tolerante Miteinander, während es in den Schauspielensembles kaum Darsteller mit "Migrationshintergrund" gibt

"Wir finden Sie sehr interessant, aber wir wissen nicht, wo wir sie hinstecken sollen" - diesen Satz bekam der Schauspieler Falilou Seck immer wieder zu hören, als er nach dem Besuch der Schauspielschule Ernst-Busch in Berlin zum Vorsprechen ging. Der Grund: Falilou Seck ist schwarz. Sein Vater stammt aus dem Senegal, seine Mutter aus Deutschland. Er selbst ist in Bonn aufgewachsen und gehört zur zweiten Migrantengeneration, die seit einiger Zeit ihren Platz in den Theaterensembles sucht. Falilou Seck fand schließlich ein Engagement am Hans-Otto-Theater in Potsdam, wo er "durch die Bank weg alles spielte, gar nicht speziell nach meiner Hautfarbe besetzt". Letztlich aber bleibt die Erkenntnis, "dass Schwarze zwar ein Teil dieser Gesellschaft sind. Das spiegelt sich aber im Theater noch nicht wider."

Was Falilou Seck beschreibt, lässt sich verallgemeinern. Zwar besagt eine Erhebung des Deutschen Bühnenvereins aus dem Jahr 2001, dass etwa "15 Prozent der Theater- und Orchestermitglieder Ausländer sind". Doch die Fragwürdigkeit einer solch pauschalen Quantifizierung ist offensichtlich, nicht erst seit der Änderung des Staatsbürgerschaftsrechts. Die Zahl verdeckt, dass es multikulturelle Ensembles zwar in Oper und Tanz, nicht jedoch im Schauspiel gibt. Anders als bei freien Gruppen oder im Migrantentheater sind an den Staats- und Stadttheatern türkisch-, griechisch- oder afrikanischstämmige Schauspieler die absolute Ausnahme. Die Zahl festengagierter schwarzer Darsteller schätzt Falilou Seck denn auch so ein: "Ich glaube, man kann sie an zwei Händen abzählen." Stichproben bei den Theatern erhärten diese These.

Fragt man nach den Gründen, werden wie ein Mantra die mangelnde Sprachkompetenz sowie die Herkunft vieler Migranten aus bildungsfernen Schichten beschworen. Gründe, die Roberto Ciulli vom Theater Mülheim a.d. Ruhr für eine "Verdrängung des Theaters" hält und von der er sich abgrenzt: "Das Theater a.d. Ruhr hat von vornherein gesagt, wir nehmen Schauspieler auf, egal wie sie sprechen. Wir haben Griechen, Jugoslawen, Türken gehabt." Dies gelte vor allem für die erste migrantenstämmige Schauspielergeneration, für die zweite sei perfekte Sprachbeherrschung längst selbstverständlich. Ciulli attestiert den Theatern denn auch eine gewisse Realitätsferne: "Die Theater werden bemerken, dass auf der Bühne Leute spielen, die nichts zu tun haben mit dem, was draußen los ist."

In Köln will die zukünftige Intendantin des Schauspiels, Karin Beier diese Realitätsferne durchbrechen und ein multikulturelles Ensemble zusammenstellen: "Es geht um einen Spiegel der Gesellschaft." Die Regisseurin weiß, dass es dabei mit Alibiengagements nicht getan ist. "Wenn ich nur einen Schwarzen oder einen Türken in einem Ensemble habe, hat das eine Bedeutung, wenn ich dem Türken eine bestimmte Rolle gebe. Dann muss ich das dramaturgisch abfedern. Wenn ein Teil des Ensembles sichtbar aus anderen Kulturen kommt, dann kann man damit irgendwann mit einer gewissen Selbstverständlichkeit umgehen." Karin Beier setzt damit vor allem auf die sinnliche Wahrnehmung eines multikulturellen Ensembles. Zugleich möchte sie dies als Identifikationsangebot an ein migrantenstämmiges Publikum verstanden wissen: "Ich möchte einfach mal ein paar Kopftücher im Zuschauerraum sehen."

Wie unterschiedlich die Erfahrungen migrantenstämmiger Schauspieler sein können, die als Solitäre in ihren Ensembles arbeiten, zeigen die Beispiele von Atilla Oener und Anja Herden. Der türkischstämmige Atilla Oener hat gerade am Landestheater Neuss sein erstes Engagement angetreten. Dass er gleich die Rolle eines Türken spielen musste, störte ihn nicht, hieß der Autor doch Feridun Zaimoglu. Ansonsten aber spielt er in Neuss quer durch die Literatur. Die dunkelhäutige Anja Herden, die am Kölner Schauspiel unter dem noch amtierenden Intendanten Marc Günther engagiert ist, dagegen erzählt, dass ihr im Festengagement ihre Hautfarbe erst wirklich bewusst geworden sei. "Es wurde mir von Regisseuren ganz klar gesagt, dass es noch immer eine sehr starke Setzung ist." Obwohl sie kaum ausgewiesen "schwarze Rollen" spielen musste, stand das Argument "Hautfarbe" bei der Besetzung immer mit im Raum.

Diese Tendenz verstärkt sich, wenn migrantenstämmige Schauspieler auf den freien Markt gehen. Falilou Seck, der seit seinem Potsdamer Engagement als free lancer arbeitet, hebt zwar die Engagements bei Regisseur Johann Kresnik oder am Schauspiel Frankfurt hervor, doch generell gilt für die Angebote: "Das ist jetzt viel stärker auf die Hautfarbe konzentriert." Und auch Atilla Oener erkennt in den eingehenden TV- und Filmangeboten: "Weil ich Atilla Oener heiße, spiele ich die Türken. Ich habe die Chefin meiner Agentur gefragt, ob ich mir einen Künstlernamen zulegen und wir mich als Deutschen verkaufen sollen." Das Rollenspektrum migrantenstämmiger Schauspieler richtet sich damit primär nach ethnischen Merkmalen - eine Parallele zur Verlagerung rechtlicher, sozialer oder ökonomischer Probleme der Migranten auf eine ethnisch-kulturelle Ebene durch die Politik.

Die Gespräche mit den betroffenen Schauspielern fördern zahllose kleine Geschichten der Demütigung zutage. Da ist von Regisseurssätzen wie "Bei den Schwarzen ist es doch so ..." die Rede, von Heucheleien wie "Das deutsche Publikum ist noch nicht so weit" oder von Missachtung, wenn in einem Drehbuch der Rollendialog in Phantasietürkisch mit deutschem Original in Klammern ausgeschrieben ist. Trotzdem ist unter der Skepsis der drei Schauspieler etwas zu spüren, was man den "Rückenwind der Demografie" nennen könnte. Und das nicht zu unrecht. Wer im vergangenen Herbst das gemeinsame Vorsprechen aller deutschsprachigen Schauspielschulen in Neuss besuchte, konnte feststellen, dass immer mehr Absolventen einen Migrantenhintergrund haben.

Volker Canaris, der Leiter der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, bestätigt die offensichtliche Tendenz. Von acht Absolventen des Jahrgangs 2006 hatten vier iranische, türkische, südafrikanische oder griechische Eltern. Dies sei nicht das Ergebnis einer Quote, so Canaris, sondern allein des Talents und der Sprachbehandlung. Und gerade da macht man in Stuttgart eine erstaunliche Erfahrung: "Alle zweisprachig aufgewachsenen Schauspieler gehen besonders genau und teilweise besonders virtuos, intelligent und bewusst mit der deutschen Sprache um. Außerdem stellen wir fest, dass gerade bei diesen Schülern ein gewisser Fundus an Bildung vorhanden ist - etwas, das wir zunehmend bei vielen Absolventen schmerzlich vermissen." Dass schließlich gerade die multikulturell aufgewachsenen Schauspielerschüler zur Bewahrung von Restbeständen deutschen Bildungsguts beitragen, das wäre dann doch eine der schönsten Ironien der Geschichte.

00:00 21.07.2006

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