Wer stört, kommt nicht ins Bild

Medientagebuch Die Austreibung der unabhängigen Berichterstattung aus den Fußballstadien schreitet weiter voran

In diesen Tagen, in denen alle Massenmedien mit Vorberichten zur Fußballweltmeisterschaft übervoll sind, sei an einen der Gründe erinnert, weshalb die Live-Übertragungen dieser Sportart im Fernsehen so überreich an Emotionen sein können. Es geschah während der Übertragung des Halbfinales des DFB-Pokals zwischen dem FC St. Pauli und Bayern München.

In den ersten Minuten dominierte Bayern München und hatte Glück. Ein Sonntagsschuss von Owen Hargreaves fand in der 15. Minute den Weg ins Tor. Nun schalteten die Bayern einen Gang zurück. St. Pauli kam auf und erarbeitete sich die ersten Chancen. In der zweiten Halbzeit spielte dann nur noch St. Pauli. Doch Chance auf Chance wurde vergeben. So kam es, wie es kommen musste. Mitten im Schlussangriff der Hamburger erzielte Claudio Pizzaro einen weiteren Glückstreffer. Allen Zuschauern, ob im Stadion oder vor der Fernsehgeräten, war klar, den Sieg ließen sich die Bayern nicht mehr nehmen. Mitten in diese Erkenntnis hinein begannen die Zuschauer im Stadion am Millerntor ein Lied anzustimmen. Es klang nicht wie eines der üblichen Fangesänge. Es sangen auch nicht einzelne Gruppen. In diesem Augenblick sang das ganze Stadion wie aus einem Mund: "You ´ll Never Walk Alone".

Der Song, den Richards Rogers und Oscar Hammerstein 1945 für ein Musical komponierten, wurde von den Fans des FC Liverpool in den 1960er-Jahren zur Hymne ihres Vereins und später von anderen zur Fußball-Hymne schlechthin erhoben. Ihr Text ist pathetisch und tendiert gewaltig zum Kitsch. Die Musik ist so eingängig, das noch der betrunkenste Fan irgendwie mitgröhlen kann. Und doch hat der Song etwas. Mit ihm erwiesen die Fans des FC St. Pauli der eigenen Mannschaft, die auch in diesem Jahr den Aufstieg aus der Regionalliga Nord nicht schaffte, nach diesem wunderbaren Spiel, das sie mit viel Pech verlor, die Ehre.

An diesen Augenblick muss erinnert werden, wenn man die jüngsten Vorgänge um die Frage, wer überträgt zukünftig welche Fußballspiel wie, untersucht. Denn mit jeder Vertragsunterzeichnung verliert der Fußball im Fernsehen genau jenes Überraschungsmoment, für das gerade die Fans in den Stadien stehen. So wird die Deutsche Fußball-Liga (DFL) mit Beginn der Spielzeit 2006/7 die Bildproduktion in den Stadien der ersten und der zweiten Bundesliga durch eine Tochterfirma übernehmen. Journalistisch bedeutet das, es existiert zukünftig kein Fernsehbild mehr, das nicht vom Veranstalter selbst produziert und damit auch kontrolliert wurde. Schon in den letzten Jahren sorgte das Regelbuch, mit dem die DFL die übertragenden Sender reglementierte, für Einschränkungen der Berichterstattung. Laut gibt das keiner der Redakteure, Reporter und Regisseure zu. Man will ja die Freundschaft zur DFL und damit die Fernsehrechte nicht gefährden.

So gibt es kaum noch Bilder von den Zuschauern in den Stadien. Die Gefahr, dass kritische Parolen und Transparente ins Bild kommen, dass Schlägereien und Hassgesänge übertragen werden, dass Aggressionen und Betrunkene auch nur für einen Augenblick das Fernsehbild beherrschen, soll systematisch ausgeschaltet werden. Das Fernsehbild des Fußballs soll so wie die Innenstädte der Einkaufsviertel von allem, was den Konsum stört, befreit werden. Die Wirklichkeit des Stadionereignisses, die ja in den Live-Übertragungen und den zusammenfassenden Berichten dokumentiert werden soll, verwandelt sich zum Kitschbild einer heilen Welt, wie man es aus der Reklame kennt.

Dieser Trend ist kein Zufall. Tatsächlich ähneln sich die Stadien ja immer mehr den Shopping-Malls an, die zunächst in den USA, dann in Europa errichtet wurden, und die zur Realität der Großstädte systematisch abgeschottet werden. Kein Wunder, dass der Weltfußballverband Fifa in diesen Tagen systematisch nicht nur die Stadien der Weltmeisterschaft in Deutschland auf Verstöße gegen ihre Werbe- und Sponsorenrichtlinien untersucht, sondern auch einen mehrere Kilometer großen Umkreis um die Stadien, für die man sich das selbe Recht ausbedungen hat. Wenn das so weitergeht, wird die Fifa eines Tages noch festlegen, mit welchen Hemden und Hosen die Besucher die Stadien betreten dürfen - getragen werden dürfen dann nur Bekleidungsgegenstände der wichtigsten Sponsoren.

Die Fußballspieler wiederum verhalten sich wie Popstars, die längst die Bildproduktion in die eigene Hand genommen haben. Bei den Konzerten welcher internationalen Popstars darf noch frei von der Presse fotografiert werden? Das Management der meisten Stars reglementiert die Aufnahmen (zu einer bestimmten Zeit von einem bestimmten Platz) oder koppelt das Recht der Bildaufnahme an die Pflicht, die Bilder zur Zensur vorzulegen, oder lässt nur vertraglich gebundene Fotografen zu. Das Recht am eigenen Bild schlägt hier schon längst das Recht der freien Meinungsäußerung, zu dem das Recht der kritischen Berichterstattung gehört. Und der Fußball ist auf dem besten Weg dahin. Kritik am schlechten Spiel ist dann Majestätsbeleidigung und - schlimmer noch - Schädigung des Images und des Produktes.

Im Fernsehen wird dem Fußball so genau der Reiz systematisch ausgetrieben, der die Übertragung seiner Spiele derzeit noch auszeichnet. Ein Verein wie St. Pauli hätte in der Zukunft des medial vermarkteten Fußballs nichts zu suchen.


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00:00 28.04.2006

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