Che Guevaras Rächerin

Biografie Monika Ertl war die Tochter des Filmemachers und Ex-Nazis Hans Ertl, in Bolivien setzte sie den Freiheitskampf Che Guevaras fort. Karin Harrassers Biografie liest sich wie eine Tiefenbohrung in die Verstrickungen des 20. Jahrhundert
Vater Hans, Tochter Monika Ertl 1958 bei den Aufnahmen zum Amazon-Expeditionsfilm „Hito-Hito“
Vater Hans, Tochter Monika Ertl 1958 bei den Aufnahmen zum Amazon-Expeditionsfilm „Hito-Hito“

Foto: Getty Images

Der Titel Surazo: Monika und Hans Ertl, eine deutsche Geschichte in Bolivien ist, gelinde gesagt, eine ziemliche Untertreibung, denn neben der engen Vater- und Tochter-Gemeinschaft und ihrem späteren Auseinanderdriften berichtet uns die Autorin von viel anderem Zusammengeworfensein, das bisweilen unerträgliche Dimensionen annimmt.

Surazo, so nennt man den kalten Tropenwind. Von wo weht er? Die Autorin Karin Harrasser, 1974 geboren, ist Historikerin aus Österreich, streckenweise mutet das Geschriebene an wie ein Tagebuch. Aber ihre persönlicheren Anliegen gehen über einnehmende Schilderungen von Kindheitserlebnissen in den Alpen und Episoden der in den bolivianischen und chilenischen Anden reisenden Historikerin hinaus: „Es geht darum, den Beitrag von Frauen beim Aufstand rund um 1968 besser zu verstehen, und auch darum zu erhellen, was man aus dem Damals für ein Heute mitnehmen kann. Deshalb habe ich mich nicht an die von der Biografietheorie geforderte Askese gehalten, sondern versucht, allen möglichen, auch blassen, auch unwahrscheinlichen, Spuren zu folgen.“ Eine gewisse Geduld müssen wir für die Lektüre mitbringen, aber es lohnt sich.

Monika Ertl wird am 12. Mai 1973 in La Paz im Lauf eines Feuergefechts auf offener Straße erschossen. Sie ist Mitte dreißig und kämpft um die Wiederbelebung des Ejército de Liberación Nacional, ELN, das seit der Ermordung Che Guevaras drastisch geschwächt ist. Hinter diesen beiden Hinrichtungen steht ein Mann namens Altmann, den Monika in Kindertagen voller Zuneigung „Onkel Klaus“ genannt hat und der am 4. Juli 1987 vor einem Schwurgericht in Frankreich als „Schlächter von Lyon“ verurteilt wurde, Barbie war von 1942 bis 1944 Gestapo-Chef von Lyon. Über die „Rattenlinie“ war ihm die Flucht nach Bolivien gelungen, wo er später, „in seiner zweiten Karriere“ mit seinem Gestapo-Know-how und als Mitarbeiter des US-Geheimdienstes CIC und des Bundesnachrichtendienstes BND dem bolivianischen Sicherheitsapparat unter dem Diktator Banzer umfassende „Entwicklungshilfe“ in Folter und Verschwindenlassen, in Geldbeschaffung durch Kokainhandel und Waffenschiebereien, also im „Kampf gegen den Kommunismus“ zuteil werden läßt.

Den unmittelbaren Befehl zur Ermordung Ches hat indes ein Oberst des Bolivianischen Geheimdienstes, Roberto Quintanilla, gegeben. Er glaubte sich später als Generalkonsul in Hamburg aus der Schusslinie, wo ihn die ELN aufspürte. Man nimmt an, dass Monika Ertl es war, die ihn 1971 im Konsulat erschossen hat. Der Philosoph Regis Debray schrieb 1979 einen romantisch überhöhten Roman, Ein Leben für ein Leben, um Monika und diese revolutionäre Episode zu würdigen.

Expedition zu Inka-Ruinen

Die Autorin ist auf Suche. Ihre Aufrichtigkeit und Unbestechlichkeit, in Deutschland zu diesem Thema nur schwer zu finden, hat mich beeindruckt: „Erst mit Monika Ertl gelingt es mir, etwas von der Realität revolutionärer Vorgänge zu erhaschen. Trotzdem kann ich mir nur begrenzt vorstellen, wie es war, in einer Zeit zu leben, als man den Eindruck haben konnte, dass die Revolution jetzt wirklich, und zwar an verschiedenen Orten gleichzeitig, vor der Tür stünde.“ Bisweilen gesteht die Autorin ihre Ratlosigkeit, wie sie mit diesen oft erschütternden Fundstücken umgehen soll.

„Right or wrong. It’s my country“ – so Hans Ertl, Monikas Vater, einmal befragt zu seiner NS-Vergangenheit. Er war Kameramann von Leni Riefenstahl und Leibfotograf von Erich Rommel bei dessen Nordafrika-Feldzug. Ertl war begnadeter Bergsteiger, Expeditionsleiter, eingebettet in die NS-Kulturschickeria. Als ihm wegen seiner NS-Vergangenheit der Bundesfilmpreis verweigert wird, bekommt er Zweifel an der Demokratie und wandert 1960 nach Bolivien aus. Die dortige blutige Diktatur sagt ihm eher zu. Dort unternimmt er Expeditionen in Inkagebiete und dreht Abenteuerfilme, meist von seiner Tochter Monika begleitet. Als all das Material für seinen nächsten Film mit dem Titel Surazo verloren geht, zieht er sich in eine entlegene Gegend zurück, um dort eine Rinderzucht in Gang zu setzen, „La Dolorita – auf Deutsch: Freistaat Bayern“. Sein Nachbar war Hugo Banzer, der blutige bolivianische Diktator, wie Pinochet und viele andere Absolvent der Counterinsurgency-Akademie der USA für Putsche und Folter in Panama, der Escuela de las Americas. Hier wurde gelehrt, nicht nur Guerilleros abzuschlachten, sondern auch Intellektuelle, Publizisten, Linke. Banzer und Ertl verband eine autoritär geprägte Männerfreundschaft. In unverbrüchlicher Loyalität kam es Ertl nicht in den Sinn, Banzer nach dem Grab seiner geliebten Tochter Monika zu fragen.

Beim Auseinanderdriften von Tochter und Vater scheint es sich nicht um die klassische Auseinandersetzung zwischen den jungen 68ern und der Vätergeneration zu handeln, die im Faschismus Schuld auf sich geladen hatte. Behutsam und umsichtig geht die Autorin mit dieser Frage um. Wie konnte es sein, dass sich eine junge Frau, die ihrem Nazi-Vater bei seinen Expeditionen zu Inka-Ruinen und Filmprojekten in den bolivianischen Urwald folgt, die sich als tennis- und golfspielende Ingenieursgattin in der die Indigenen verachtenden und ausbeutenden Elite Boliviens bewegt, in kurzer Zeit in die revolutionäre Guerilleira Imilla verwandelt, die nach der Hinrichtung von Che und seinem Nachfolger Inti Peredo das ELN wieder in Gang bringen will?

Ein entscheidender Schub bei Monikas Radikalisierung scheinen ihre Erlebnisse in Nordchile gewesen zu sein, wo ihr Mann im Kupferbergbau arbeitete. Dort erlebte sie nicht nur das unglaubliche Elend der Minenarbeiter und ihrer Familien, sondern auch das Erstarken der mächtigen Kupferbergarbeitergewerkschaft. Es war Zeit und Ort des Aufstiegs Salvador Allendes, der nach seiner Wahl 1970 als wichtiges Signal wiederum die Verstaatlichung der Kupferindustrie vorantrieb.

Ein weiterer schroffer Gegensatz resultiert aus der Einwanderungspolitik der bolivianischen Regierungen. Bolivien brauchte Arbeitskräfte, um riesige brachliegende Landflächen zu besiedeln. Die indigene Bevölkerung kam dafür nicht in Frage, da „minderwertig“. Deshalb nahm man das „kleinere Übel“, Jüdinnen und Juden, die aus Nazi-Deutschland auswandern wollten. Es sollen geschätzte 7.000 bis 8.000 gewesen sein, später wurden dann flüchtige NS-Kriegsverbrecher willkommen geheißen. In La Paz und anderen Städten müssen den Jüdinnen und Juden ihre Peiniger und Folterer auf Straßen und in Geschäften immer wieder begegnet sein.

Verstörende Entdeckungen

Selbst im idyllischen Kufstein, vertrauter Ort glücklicher Kindheitstage, stößt sie auf Verstörendes. Fünfhundert Meter von ihrem Haus entfernt lebte und agierte eine zentrale Figur in den Netzwerken der Alt- und Neu-Nazis, Hans-Ulrich Rudel, höchstdekorierter Sturzkampfflieger der Wehrmacht. Er hat den paraguayischen Diktator Stroessner mit Waffen versorgt; er soll Pinochets berüchtigten Geheimdienst DINA mit aufgebaut haben und war in Kontakt mit der deutschen Sekte Colonia Dignidad, die er wohl als Umschlagplatz für Waffenlieferungen nutzte und auf der Pinochet eine Folteranlage betrieb. Die Autorin schreibt: „Wie könnte ich mich der brutalen Arbeit nähern, die die ehemaligen SS-ler und Gestapo-Schergen in den Maschinenräumen und Folterkellern der rechten Diktatoren verrichtet haben? Was bedeutet es für die Zeitgeschichtsschreibung, dass die Langzeitfolgen von Naziwissen und Nazitechniken einen ganzen Kontinent ein halbes Jahrhundert lang geprägt haben? Dass etwa das Folterwissen der Gestapo, gehätschelt im antikommunistischen Kampf der USA, bis in die Achtzigerjahre in Bolivien, Argentinien, Chile, Uruguay weiter perfektioniert wurde?“ Was mich beim Lesen des Buchs beeindruckt hat, ist eine Autorin, die diese gewaltige und gewalttätige Geschichte erzählt – und dabei viel von sich selbst, angefangen bei der Missionstätigkeit der Jesuiten im 17. Jahrhundert und vorläufig endend mit einem Evo Morales, der 2009 im Präsidentenflugzeug nach Deutschland fliegt, um für sein Programm der Re-Indigenisierung Kultgegenstände der Inkas, die Hans Ertl geraubt hat, feierlich dorthin zurückzubringen, wo sie hingehören.

Lutz Taufer war an der RAF-Geiselnahme von Stockholm beteiligt, saß 20 Jahre in Haft und hat danach lange Jahre in brasilianischen Favelas für den Weltfriedensdienst gearbeitet

Info

Surazo: Monika und Hans Ertl: Eine deutsche Geschichte in Bolivien Karin Harrasser Matthes & Seitz 2022, 270 S., 26 €

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