Wer waren die Toten?

Unscharf Anne Siemens Buch "Für die RAF war er das System, für mich der Vater" liefert keine "andere Geschichte des deutschen Terrorismus"

Das Interviewbuch Für die RAF war er das System, für mich der Vater der Münchener Journalistin Anne Siemens gründet auf der Behauptung, dass die Frage nach den Opfern des deutschen Terrorismus im Gegensatz zu der nach den Tätern "stets im Hintergrund geblieben" sei. Auf den ersten Blick mag diese Behauptung wenig Widerspruch hervorrufen. Man könnte sogar Claus Peymann zitieren ("Die Faszination für das Böse liegt in der menschlichen Psyche"), um unabhängig von einer moralischen Beurteilung zu erklären, dass Täter von Verbrechen auf Öffentlichkeit, Nachwelt und Kunst seit je eine größere Attraktion ausgeübt haben als deren Opfer.

Für den Fall der RAF trifft dieser Umstand bei genauem Hinsehen aber nur bedingt zu. Der Trugschluss zeigt sich schon an der Begründung, die Siemens zum Beweis der gründlich ausgeforschten Täterbilder im Rahmen der Aufarbeitung zitiert. "Man weiß, welche Autos die Gruppenmitglieder fuhren, welche Zigaretten sie rauchten ..." - als ob eine Zigarettenmarke oder der Typ eines geklauten Autos, das zudem zur Bemäntelung eines scheinbar bürgerlichen Lebens diente, Motiv und Antrieb eines Attentäters transparent machen könnte. Und umgekehrt ist spätestens seit der einsetzenden Historisierung der RAF-Geschichte mit Heinrich Breloers Dokufiktion Todesspiel, also ungefähr seit zehn Jahren, die Sicht der Angehörigen der RAF-Opfer Teil der kollektiven Erinnerung.

Das mag zum einen mit der Prominenz eines Teils der Ermordeten zu tun haben, die als Personen der Zeitgeschichte keine Unbekannten waren. Zum anderen mit der Intelligenz und Eloquenz von Angehörigen wie Hanns-Eberhard Schleyer oder Michael Buback, und zum dritten, relativ banal, mit der Zeitzeugenschaft, der sich RAF-Mitglieder großteils verweigert haben. So gehören die Schilderungen der Stewardess Gabriele von Lutzau und des Co-Piloten Jürgen Vietor, die beide das Drama der "Landshut"-Entführung überlebt haben, zu den eindrücklichsten Passagen im Buch von Siemens, weil sie sich - anders als die Berichte der Hinterbliebenen - aus der direkten Erfahrung der monströsen Tat speisen. Der interessierte Zeitgenossen aber wird, anders als das Buch es suggeriert, nicht viel Neues erfahren.

Mit der angestrebten Akzentverschiebung von den Tätern zu den Opfern macht es sich der Band zum Ziel, Fragen zu beantworten, die sich Siemens im Laufe ihrer Beschäftigung mit der RAF gestellt haben. "Doch wer waren die Menschen wirklich, die zu Opfern der Terroristen wurden? Wie lebten sie? Wofür standen sie?" Dass die Antworten darauf kein wirklich scharfes Bild der Toten zeichnen, ist in der Anlage des Buches programmiert. Der Vorteil der Nähe, der die Angehörigen mit den Opfern verband, ist zugleich ein Nachteil, wenn es darum geht, ein facettenreiches Portrait zu entwerfen. Der Unterschied zwischen dem, was die Sprache des Nachrufs zur Geschichte generalisiert und dem, was persönliche Geschichten konkretisieren könnten, wird nur selten sichtbar. Etwa wenn Hanns-Eberhard Schleyer berichtet, dass er erst in dem Moment eine Beziehung zu seinem Vater aufbauen konnte, da er als Jugendlicher in der Lage war, mit ihm zu diskutieren.

Geschuldet ist der Mangel an Spezifischem, an Persönlichem dabei einerseits der Unfähigkeit, gewisse Gefühle benennen zu können. Andererseits vermutlich aber auch der bürgerlichen Noblesse der Angehörigen, private Details nicht zum Gegenstand eines öffentlichen Gesprächs zu machen. Das ist zu begrüßen, denn der Vorstellung, die Bilder der Getöteten in rührselige Anekdoten zu zerbröseln, wie sie zum Tagesgeschäft von Fernseheinfühlern wie Beckmann oder Kerner gehören, haftet etwas Obszönes an. Aber die Chance wird vertan, eine deutliche Idee davon zu erhalten, worin sich die erzählte Offenheit gegenüber der Studentenbewegung - oder generell abweichenden Meinungen - etwa der bei der Geiselnahme in der Stockholmer Botschaft 1975 getöteten Andreas von Mirbach und Heinz Hillegaart gezeigt hatte.

Besonders deutlich wird das Verfehlen des eigentlichen Ansinnens des Buches in dem Abschnitt über Hanns Martin Schleyer. Die Gesprächspassagen mit dem Sohn sind durchsetzt mit der allbekannten Chronik der Entführung, Fernsehansprachen von Helmut Schmidt inklusive. Das Leben Schleyers wird weniger durch seinen Hanns-Eberhard erzählt als durch Abschnitte, die sich an einen sachlichen biographischen Duktus halten, wie man ihn im Munzinger-Archiv findet. Dabei böte die Gesprächsform doch die Möglichkeit zu erklären, welche Geschichte zwischen dem unehrenhaften Ausschluss Schleyers aus einer Burschenschaft wegen antisemitischem Übereifer in den dreißiger und seiner Wiederaufnahme und Ehrenmitgliedschaft in den fünfziger Jahren liegt.

So beschränkt sich der Erkenntnisgewinn des Buches auf Wahrnehmung und Umgang der Angehörigen mit den traumatischen Ereignissen. Während die Frau von Jürgen Ponto nach dem Attentat mit den Kindern in die Entfernung Amerikas flüchtete, haben andere Angehörige erwogen, das Gespräch mit den Terroristen zu suchen, um Antworten auf den schmerzhaften Verlust zu finden. Getan hat es bekanntlich nur die Familie des 1986 ermordeten Diplomaten Gerold von Braunmühl, wobei der von Siemens interviewte Sohn Patrick das Gespräch mit Birgit Hogefeld als unbefriedigend befand. Ihm ging es, anders als seinem Onkel, um den konkreten Ablauf der Tat, wozu sich Hogefeld aus RAF-eigener Loyalität und Angst vor neuen Prozessen nicht äußern wollte. Deshalb weist von Braunmühls Vorschlag, die Aufklärung der einzelnen Verbrechen von möglichen Revisionen abzukoppeln, um den Angehörigen Gewissheiten zu verschaffen, die für die Allgemeinheit von untergeordneter Bedeutung sind, in die Zukunft einer Beschäftigung mit dem Thema RAF jenseits der Reflexe, die in diesem Frühjahr wieder spürbar geworden sind.

Das alles macht deutlich, dass die "andere Geschichte des deutschen Terrorismus", die Siemens´ Buch im Untertitel verheißt, so anders gar nicht ist, sondern ihm unmittelbar zugehört. Wenn es eine andere Geschichte der RAF gibt, dann wäre es vielleicht die der ermordeten Menschen, die - was nicht als Vorwurf gemeint ist, weil es Gesprächsbereitschaft voraussetzt - auch in diesem Buch nicht vorkommen - die der getöteten Polizeimeister, Chauffeure, Gefreiten und Justizangestellten.

Anne Siemens: Für die RAF war er das System, für mich der Vater. Die andere Geschichte des deutschen Terrorismus. Piper, München 2007, 304 S., 19,90 EUR


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 18.05.2007

Ausgabe 28/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare