Wer wischt den Tisch ab?

Beziehungen Paare sagen heute gern, sie teilten sich die Hausarbeit gerecht. Ob es stimmt, wird noch erforscht

Der Moment, der nervt, kommt nach dem Essen. Beide hatten einen langen Tag, gekocht haben sie gemeinsam. Mattis würde jetzt gern erst mal entspannen. Clara hat das Bedürfnis, sofort aufzuräumen, bevor sie sich mit einer Zigarette auf den Balkon setzt. Das ist nicht ihre Aufgabe, da sind sich beide einig. Trotzdem wird sie es vermutlich tun. „Ich komme aus einem Haushalt, in dem immer alles sofort gemacht wurde. Da wurde nie was stehen gelassen. Ich will morgens an einem aufgeräumten Tisch sitzen“, sagt sie. Er sagt: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, das ist bei ihr anerzogen. Wenn irgendwer was stehen lässt und Clara keinen harten Termindruck hat, dann muss sie das erst mal wegräumen. Das finde ich tatsächlich ein bisschen schade.“

Seit drei Jahren sind die beiden ein Paar. Seit einem Jahr wohnen sie zusammen in Berlin. Wohngemeinschaft, Neuköllner Altbau. Er ist durch seinen Job im Gewerkschaftsbereich viel unterwegs, sie arbeitet in der freien Kultur- und Theaterszene, phasenweise von zu Hause. Urlaub machen sie gern im Bus von Freunden, am Atlantik. Beide surfen. Beide kommen aus einem akademischen Haushalt. Beide haben Lehramt studiert. Care-Arbeit – ein Begriff aus der zweiten Welle der Frauenbewegung für die Gesamtheit aller Pflegeaufgaben wie Haushalt, Kinderbetreuung oder Altenpflege – wird in ihrer Beziehung gleichmäßig aufgeteilt. Das ist für beide selbstverständlich.

Parität macht glücklich

Es ist auch ein Garant für Zufriedenheit in der Beziehung, wie eine Langzeitstudie des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zeigt: Über dreißig Jahre wurden mehr als 20.000 Männer und Frauen zu ihren Rollenverständnissen in heterosexuellen Beziehungen befragt. Während in den 1980er Jahren noch jede*r Zweite der Aussage zustimmte, der Mann sei für das Geld und die Frau für den Haushalt zuständig, so ist es heute nur noch jede*r Fünfte. Am Beispiel der Kindererziehung zeigt die Studie außerdem, wie die gleichberechtigte Aufteilung von Sorgearbeit bei allen Beteiligten die Lebensqualität steigert. Elternzeit und Care-Arbeit wirken sich auf die Lebenszufriedenheit beider Partner*innen aus: Aktive Väter werden heute durch hohe gesellschaftliche Anerkennung belohnt und steigern somit ihr soziales Kapital. Frauen hingegen werden entlastet, fühlen sich weniger auf die Mutterrolle reduziert und sehen im Kinderwunsch kein „Glücksversprechen“ mehr. Diese Entwicklung resultiere am Ende auch in familienpolitischen Maßnahmen und käme den Kindern selbst zugute, meint der Schweizer Soziologe und Autor der Studie, Klaus Preisner.

„Wenn wir Kinder haben, ist es mir sehr wichtig, dass wir das 50/50 aufteilen. Ich könnte mir niemals vorstellen, nicht mehr zu arbeiten. Es bräuchte sehr klare Strukturen und Absprachen, um anerzogene Muster aufzubrechen. Meine Angst wäre nämlich, in diese Mutterrolle zu fallen, weil ich manchmal sehr ‚overcaring‘ sein kann“, sagt sie. Er sagt: „Ich hätte Lust, den Großteil der Kindererziehung zu übernehmen. Wir lesen zusammen ein Buch über paritätisches Aufteilen von Kindererziehung. Ob sich das dann alles so realisieren lässt, hängt aber auch noch von ganz vielen anderen Faktoren wie unseren Jobs zum Beispiel ab.“ In den 1980er Jahren wären die Zukunftspläne von Clara und Mattis eher ungewöhnlich gewesen. Heute sind sie das nicht mehr. Im Sinne der Studie teilt das Paar ein Rollenverständnis, das mittlerweile im Milieu der Kreativen und Geisteswissenschaftler*innen nicht nur zum guten Ton gehört – es wird immer mehr zur Selbstverständlichkeit.

Doch so sehr die weit gefasste SOEP-Studie Anlass zur Beruhigung bietet, so sehr lohnt sich ein Blick durch das enger angesetzte analytische Brennglas der Frankfurter Soziologin Sarah Speck. Denn zwischen dem, was Paare über sich selbst sagen, und ihrer Alltagspraxis liegen laut der Forscherin viele kleine Mikropraktiken – Alltagsgriffe und Selbstverständlichkeiten – die Aufschluss darüber geben, wie gut die gleichberechtigte Aufteilung von Care-Arbeit in heterosexuellen Zweierbeziehungen wirklich funktioniert. Im Rahmen einer groß angelegten Studie untersuchte sie gemeinsam mit der Soziologin Cornelia Koppetsch die Dynamik heterosexueller Paarbeziehungen, in denen die Frau das Haupteinkommen verdient und die damit verbundenen Vereinbarungen zur Aufteilung von Sorgearbeit. In Paarbefragungen ließ sie sich nicht von einem „50/50-Dogma“ abspeisen, sondern fragte weiter nach genau diesen Mikropraktiken. Wer hat dem Kind zuletzt die Fingernägel geschnitten? Wer denkt beim Einkaufen mit? Wer wischt nach dem Essen über den Tisch? Es sind so genannte inkorporierte Routinen, aus denen sich viel mehr ablesen lässt als aus den Selbstbekundungen der Paare.

„In Bezug auf Care-Arbeit mache ich in Ausnahmefällen 70 Prozent, er 30. Sonst eher 60/40. Das liegt aber auch daran, dass ich gerade mehr zu Hause bin. An einem Sonntag sieht das anders aus. Was ich tatsächlich jeden Morgen mache: Tisch und Arbeitsflächen abwischen und abgetropfte Sachen wegstellen“, sagt sie. Er sagt: „Wenn ich mehr zu Hause bin und frei habe, mache ich auch mehr. Gerade mache ich vielleicht 40 und sie 60 Prozent der Hausarbeit. Ich sehe schon, dass man Dinge direkt wegmachen könnte, aber für mich drängt das nicht so. Statt 20 Minuten abzuwaschen, würde ich stattdessen lieber gemütlich mit Clara Zeit verbringen.“

Klopapier so nebenbei

Befragt man beide getrennt, fällt auf, dass Claras Verständnis von Care-Arbeit differenzierter und detaillierter ist. Neben Dingen wie Oberflächen abwischen und Vorräte wie Klopapier im Auge behalten, die sie „so nebenbei“ mache, gehört „ein offenes Ohr für alle in der WG haben“ für sie auch dazu. Darauf angesprochen, ist das leichte Ungleichgewicht beiden bewusst. Dass das gerade so sei, liege an ihrem unregelmäßigen Lebensstil. Gleichzeitig rechtfertigen beide ihren Umgang mit Hausarbeit mit ihren Charaktereigenschaften. „Ich bewundere Mattis’ Gelassenheit. Wenn ich Sachen nicht stehen lassen kann, nervt ihn das, weil es dabei auch um ein Loslassen, Sich- frei-Machen von Normen und Vorschriften geht – um eine Lebensphilosophie. Mein Sauberkeitsbedürfnis hängt mit meiner psychischen Verfassung zusammen, ob ich gerade gestresst bin oder nicht. Wenn ich entspannt bin, kann ich die Dinge auch eher mal sein lassen“, sagt sie. Er sagt: „Es ist schwer, sich auf einen Maßstab zu einigen. Clara räumt schneller auf. Auch Sachen von anderen Leuten. Sie geht nicht gern in den Konflikt und sagt: Warum hast du deinen Teller jetzt nur auf die Spülmaschine und nicht rein gestellt. Sie räumt ihn einfach ein. Ich schätze an ihr, dass sie nachsichtig ist, auch wenn nicht alles so aufgeräumt ist, wie sie das gerne hätte.“

Sie hätten „andere Geschwindigkeiten“, sagen beide. Die Soziologin Speck hat dieses Muster bei Paaren aus dem „individualisierten“ Milieu, also dem der Akademiker*innen und Intellektuellen öfter beobachtet. „Männer bringen ihre Frauen runter“, wenn es um Hausarbeit gehe, sagt sie. Die coole Attitüde der Männer in Kombination mit dem Eingeständnis der eigenen Unentspanntheit der Frauen sei Teil einer gemeinsamen Praxis, die klare Abmachungen und eine tatsächliche 50/50- Aufteilung unmöglich mache. Vielmehr entstehe durch die emotionale Distanz, die Männer in Bezug auf Hausarbeit in dieser Gruppe der Befragten vermitteln, ein Machtgefälle, dem sich die Frauen nur durch ein Verlernen der eigenen Emotionalität anpassen könnten.

Die Abgrenzung zu stereotypen Rollenbildern zeige sich in dem Versprechen von Autonomie. Dieser werde sich im individualisierten Milieu trotz geteilter Wohn- und Lebenssituation vor allem durch getrennte Konten versichert. „Geld spielt keine Rolle, egal wer es verdient“, versuchten Paare in Specks Studie zu suggerieren. „Die zentralen Werte von Autonomie und Selbstverwirklichung sind in diesen Beziehungen oft so aufgeladen, dass sie eine faire Aushandlung der Arbeitsverhältnisse verunmöglichen“, sagt die Soziologin.

„Auch wenn wir Kinder haben, würde ich mein eigenes Konto behalten wollen. Das ist vielleicht Quatsch, aber für mich ist es ein Symbol der Autonomie“, sagt sie. Er sagt: „Eine gemeinsame Kasse gibt es noch nicht. Ich würde aber auf jeden Fall für den Haushalt alles zusammenschmeißen. Nur noch ein Konto fände ich komisch.“ Heiraten würden beide vielleicht aus finanziellen Gründen. Dass bedeutet nicht, dass sich an ihren Rollenverständnissen und Plänen für die Zukunft etwas ändern würde, beteuern sie. Auch die Soziologin Sarah Speck meint, dass die Rückkehr zur klassischen Kleinfamilie keinesfalls Resultat ihrer Erkenntnisse sein kann.

Dass das Bewusstsein für die Verteilung von Care-Arbeit in Beziehungen wächst, zeigen sowohl das SOEP als auch Sarah Specks Studie und die Alltagspraxis von Paaren wie Mattis und Clara. Neben Bekenntnissen müssten Paare, die ihre Care-Arbeit fair verteilen wollen, aber die Mikropolitiken des Alltags, die Routinen und stillschweigenden Vereinbarungen immer wieder hinterfragen. 50/50 gelingt, wenn beide nach dem Essen ohne Verhandeln den Tisch abwischen würden. Oder wenn beide ein Bedürfnis hätten, zuerst eine Zigarette auf dem Balkon zu rauchen.

Eva Hoffmann ist freie Journalistin in Tübingen

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