Wer zuerst zuckt

USA Exportorientierung war gestern: Trumps Handelskrieg könnte der chinesischen Führung sogar in die Hände spielen
Wer zuerst zuckt
Manch einer in Washington würde sich China gern an den Hut stecken

Foto: Daniel Acker/Bloomberg via Getty Images

Seit Monaten überziehen sich die beiden Weltmächte USA und China gegenseitig mit Drohungen, gefolgt von Sanktionen und Strafzöllen gegen Warenimporte aus dem jeweils anderen Land. Der Handelskrieg, zunächst geführt durch Donald Trumps martialische Sprüche, die auf deutliche Warnungen von chinesischer Seite stießen, eskaliert immer mehr. Seit Ende September ist die zweite Stufe erreicht, indem die USA die Sanktionen drastisch verschärft haben. Dadurch findet sich rund die Hälfte aller Warenimporte aus der Volksrepublik mit Sonderzöllen belegt. Anfangs waren nur chinesische Waren im Wert von rund 50 Milliarden Dollar betroffen, jetzt handelt es sich um das Fünffache. Entsprechend hat China seinerseits mit Strafzöllen für US-Importe reagiert.

Mit dem 1. Januar 2019 will die US-Administration weitere chinesische Einfuhren mit Abgaben belegen, was zur Folge hätte, dass die Strafzölle auf 5.745 chinesische Produkte von 10 auf 25 Prozent erhöht wären. Da Peking zu Vergeltungsmaßnahmen gegen US-Agrarimporte gegriffen hat, dürfte Trump wiederum seine Drohung wahr machen, weitere chinesische Warengruppen im Wert von 267 Milliarden Dollar Strafmaßnahmen zu unterziehen. Damit fiele bald der gesamte Warenverkehr zwischen den USA und China unter das neue Zollregime. Der US-Präsident erklärt dies mit seiner Absicht, das eigene Handelsbilanzdefizit gegenüber China drastisch zu reduzieren, das Ende 2017 bei rund 375 Milliarden Dollar lag – 43 Prozent des gesamten US-Außenhandelsdefizits in Höhe von 863 Milliarden Dollar.

Die Frage lautet: Wird sich am Mechanismus gegenseitiger Repressionen etwas ändern lassen, falls sich die Präsidenten Trump und Xi Jinping Ende November beim Gipfel der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) in Argentinien treffen? Die Regierung in Peking legt „größten Wert“ auf den Versuch, doch noch eine Verständigung zu finden, nur ist das die reine Rhetorik, die bestenfalls das Klima beeinflussen soll.

Donald Trump kennt die Welt weitgehend aus US-Fernsehnews – von Ökonomie, zumal Weltwirtschaft, hat er noch weniger Ahnung als bei Regierungschefs in der westlichen Welt üblich. Wie die beiden größten Volkswirtschaften der Welt miteinander verflochten sind und wie ihre Handelsbeziehungen tatsächlich ablaufen, davon weiß er nichts. Er kann sich das Defizit nur mit unfairen Handelspraktiken der Chinesen erklären. Offenbar blendet er ebenso aus, dass China mit seiner Wirtschaftsleistung pro Kopf der Bevölkerung noch bei 15 Prozent des vergleichbaren Wertes der USA verharrt. Da hält sich die Fähigkeit zu einer ernsthaften Konkurrenz in Grenzen.

Nicht, dass es in den USA keine kundigen Ökonomen gäbe, die dem Präsidenten und seiner Entourage nahebringen könnten, was es mit dem statistischen Artefakt Handels- bzw. Leistungsbilanzdefizit auf sich hat. Wenn Typen wie Trump belehrbar, also lernfähig wären, könnte man ihnen auch ein paar wissenswerte Tatsachen vermitteln. Zum Beispiel, dass eine beachtliche Zahl von US-Unternehmen speziell für den chinesischen Markt produziert und viele der Waren, die aus China in die USA strömen, nicht von chinesischen, sondern japanischen, südkoreanischen, malaysischen Firmen usw. stammen, die China als Standort nutzen. Wollte man dies in Zahlen ausdrücken, hieße das: Im Augenblick kommen gut 42 (!) Prozent der chinesischen Gesamtexporte von ausländischen Unternehmen, die ihre Produktionsketten (bis hin zum Verkauf) nach China verlegt haben. Selbst der Apple-Konzern ließ einen Teil seiner Wertschöpfung dorthin verlagern, um seine iPhones auf dem US-Markt kostengünstiger platzieren zu können. Berücksichtigt man derartige Filialen der Wertschöpfung, dann schrumpft das tatsächliche Handelsbilanzdefizit zwischen den USA und China.

Fakten kümmern nicht

Aber Fakten kümmern nicht. Trump setzt darauf, dass die Chinesen nachgeben werden, weil sie einen offenen Handelskrieg gegen die USA kaum gewinnen werden. Was nicht zu bestreiten ist. Die Möglichkeiten Chinas, mit gleicher Münze zurückzuzahlen und den US-China-Handel mit Zöllen zu schädigen, sind begrenzt. Die USA verkaufen nur Waren im Wert von 130 Milliarden Dollar nach China, fast die Hälfte davon – Ausfuhren im Umfang von 60 Milliarden Dollar – wird bereits von chinesischen Vergeltungszöllen getroffen. Das heißt, für Peking bleibt nicht übermäßig viel Spielraum. Insofern kann Donald Trump weiter Gefallen an dem Spiel finden: Wer zuerst zuckt, hat verloren. Auch weil das chinesische Wachstum auf ein Plus von 6,5 Prozent in diesem Jahr sinken wird? Schmerzliche Folgen des Handelskrieges zeigen sich darin jedoch nur bedingt, dafür sind die Strafzölle nicht lange genug wirksam.

Weg von der Werkbank

Tatsächlich verfolgt die chinesische Regierung seit längerem eine andere Wirtschaftsstrategie. Sie will – Trump hin oder her – die Exportabhängigkeit des Landes reduzieren und den Binnenmarkt systematisch aufbauen. Auf längere Sicht kommt ein Abbau des Handelsüberschusses Präsident Xi und Premier Li Keqiang gelegen. Sie wollen die Modernisierung der eigenen Industrie, um bei Zukunftstechnologien den US-Hightech-Giganten Paroli zu bieten, statt weiterhin die Rolle der globalen Werkbank zu spielen. Hightech made in China statt Billigproduktion dank Niedriglöhnen, so lautet die Devise. Deshalb wird auf mehr Kooperation mit asiatischen Industriestaaten wie Japan und Südkorea Wert gelegt. In absehbarer Zeit könnte das in den vergangenen zwei Jahrzehnten so erfolgreiche Exportmodell, gegen das Trump aus allen Rohren schießt, Geschichte sein.

Im Übrigen ist China 2001 der Welthandelsorganisation WTO beigetreten, weil es sich an deren Regeln halten, nicht damit hadern wollte. Auf dem Davoser Welthandelsforum im Januar 2017 meinte Xi Jinping: „Wir kamen zu dem Schluss, dass wir den Mut aufbringen mussten, im großen Meer der Weltmärkte mitzuschwimmen. Und wir haben das Schwimmen gelernt.“

Gewiss resultiert die Zurückhaltung der Chinesen im Handelskonflikt mit den Vereinigten Staaten auch aus der Annahme, dass den US-Konsumenten die Verteuerung bislang zumeist spottbilliger China-Importe nicht passen dürfte. Trump macht sich darüber keine Sorgen. Der Beifall amerikanischer Stahlkocher und Aluminiumproduzenten ist ihm schließlich sicher: Selbst die Hightech-Unternehmen im Silicon Valley – sonst Champions des Freihandels – können Trumps Spielart des Protektionismus etwas abgewinnen. Die Hersteller von Sonnenkollektoren frohlocken, die Halbleiterfabrikanten wittern Morgenluft. Ihnen kann es nur recht sein, wenn Trump der übermächtigen Konkurrenz aus Asien, die den Weltmarkt beherrscht, das Leben schwer macht.

Allerdings verfügen die Chinesen über eine Option, die für Trumps Amerika gefährlich werden kann. Irgendwer muss das permanente US-Handelsbilanzdefizit finanzieren. Was bislang die Chinesen getan haben. Mit dem Resultat, dass die Central Bank of China weltweit die größten Dollarreserven hält, überwiegend in Form von US-Wertpapieren, vorrangig Staatsanleihen. Das Finanzinstitut könnte zunächst den Kauf von US-Papieren zurückfahren und nach einer Weile ganz einstellen, was einer Weigerung gleichkäme, das US-Defizit weiter zu finanzieren. Es könnte dazu übergehen, US-Staatsanleihen in großem Stil abzustoßen. Das würde den Dollarkurs treffen, aber natürlich auch den Yuan. Letzten Endes wäre das Dollarvermögen Chinas entwertet, sollte der Dollarkurs signifikant nach unten gehen. Für die USA wäre eine derartige Situation so lange kein Desaster, wie US-Treasury-Bonds auf allen Finanzmärkten gern gekauft werden. Faktisch bleibt der Regierung in Peking kaum etwas anderes übrig, als den USA entweder Konzessionen zu machen oder das Schrumpfen ihres Außenhandelsüberschusses hinzunehmen.

06:00 27.11.2018

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