Werbung auf dem Hinterhof

Kosovo Nirgendwo sonst in Europa kann der Islamische Staat erfolgreicher neue Kräfte rekrutieren
Thomas Kieschnick | Ausgabe 14/2015
Werbung auf dem Hinterhof
Auch in Gjilan sollen IS-Rekrutierer auftauchen
Foto: Thomas Kieschnick

Freitagmittag in Gjilan, einer typischen kosovarischen Kleinstadt, eine Busstunde südöstlich von der Hauptstadt Priština gelegen. Graue Blöcke stehen neben den farbigen Bauten einer neuen Konsumkultur. Vor etlichen Cafés sitzen Studenten, Arbeiter oder Pensionäre in der Sonne und stoßen auf das bevorstehende Frühlingswochenende an. Würde nicht der Ruf des Muezzins von den Betontempeln widerhallen, könnte man schnell vergessen, dass es sich bei der Republik Kosovo um einen muslimischen Staat in Europa handelt. Noch wäre zu vermuten, dass es sich um ein günstiges Pflaster für Werber des Islamischen Staats (IS) handelt.

Ein paar Minuten nachdem der Gesang aus den knarrenden Lautsprechern verstummt ist, strömen Hunderte in Richtung der Xhamia e Madhe, der Großen Moschee von Gjilan, unweit der einzigen Ampel des Städtchens. Innenraum und Hof füllen sich mit Gläubigen. Wer keinen Platz mehr findet, bekommt einen Gebetsteppich durch den Zaun gereicht. Als die ausgehen, wird es eng auf den Bürgersteigen rings um das Gotteshaus. Die Zuspätkommenden – es sind meist Teenager – legen wie selbstverständlich ihre Daunenjacken auf das Straßenpflaster, um zu beten. Sie wirken unbeholfen, ihre Bewegungen sind nicht synchron mit denen der Masse. Mehr ahmen sie die Gebetsrituale nach, als dass sie dieselben beherrschen. Es ist offensichtlich, dass sich diese 18- bis 25-Jährigen erst seit kurzem für das religiöse Erbe begeistern.

Dass der Zulauf in die Tempel des Glaubens seit Jahren nicht abreißt, erfüllt den ortsansässigen Imam mit Stolz. „Es sind die Jungen hier“, freut er sich, „die den Koran rege studieren und nach seinen Regeln leben wollen.“ Mit den wiedererweckten islamischen Traditionen im Kosovo finden auch immer mehr fundamentalistische Strömungen Zulauf, die ihren Ursprung nicht in der moderaten Auslegung des Korans in dieser Gegend haben. Sie berufen sich auf wahhabitische und salafistische Lehren aus den Medressen in Saudi-Arabien oder in der pakistanischen Metropole Lahore. Es gehört zu den Konsequenzen von solcherart Enklaven in der Glaubenswelt des Kosovo, dass mehr als 220 Bürger des seit 2008 unabhängigen Staats im syrischen Bürgerkrieg auf Seiten des IS oder der Al-Nusra-Front kämpfen, besagt eine Studie der Brookings Institution in Washington (die Dunkelziffer ist höher). Die Brisanz dieser Angabe liegt auf der Hand. Wenn auf eine Million Einwohner, konservativen Schätzungen zufolge, bis zu 90 Kämpfer kommen, dann liegt der Kosovo als Rekrutierungsbasis des Dschihad nicht weit hinter Saudi-Arabien (107) und Bosnien-Herzegowina (92) und deutlich vor Ländern wie Frankreich (18) oder Großbritannien (12).

Im Vorjahr schockierte der aus KaÇanik stammende Lavdrim Muhaxheri die kosovarische Öffentlichkeit, als er auf seiner Facebook-Seite Bilder postete, die ihn bei der Enthauptung syrischer Soldaten zeigten. Die Regierung in Priština sah sich zum Handeln gezwungen. Bei landesweiten Razzien wurden mehr als 40 Personen festgenommen, die ein ausgeklügeltes Netzwerk für die Rekrutierung von Kämpfern unterhielten. Einflussreiche Kleriker bis hin zum Islamischen Rat im Kosovo, der bedeutendsten muslimischen Vereinigung des Landes, waren in diese klandestinen Aktionen verstrickt. Es wurden Sturmgewehre, Munition und Sprengstoff sichergestellt.

„Nach dem Kosovo-Krieg 1999 erhielten viele der hiesigen Imame Stipendien, um saudische oder pakistanische Koranschulen zu besuchen. Dort kamen sie auch in Kontakt mit fundamentalistischen Kreisen“, sagt der Koordinator einer internationalen Sicherheitsagentur, der nicht namentlich genannt werden möchte. Von seinem Büro am Rand von Priština überblickt man den Talkessel der Stadt. Die geometrischen Formen der titoistischen Moderne werden nur durch die Pfeilspitzen der Minarette durchbrochen. Der Sicherheitsoffizier bezeichnet das Entstehen fundamentalistischer Strukturen als einen Preis, den die islamische Geistlichkeit zu zahlen gewillt war, um die Moscheen nach 1999 wieder mit Gläubigen zu füllen. „Als die Imame in ihre Heimatgemeinden zurückkehrten, verstanden sie schnell, dass die Heilsversprechen der salafistischen Lehren eine eigentümliche Anziehungskraft besaßen. Die politische Klasse des Kosovo hat das damals ungewollt oder bewusst übersehen.“ Man sei davon ausgegangen, dass mehr Religiosität zu mehr sozialem Zusammenhalt führe und helfen werde, das Trauma der Kriegsmonate zu überwinden.

Thomas Kieschnick ist freier Autor und hat den Kosovo soeben bereist

Mittlerweile sind radikalislamische Strömungen fest in der Glaubenslandschaft des Kosovo verankert. In ländlichen Regionen an der mazedonischen Grenze haben sich Gemeinschaften gebildet, die sich an islamische Verbände in der Türkei und in Syrien halten. Es wird schwieriger, zwischen den lokalen, eher moderaten, und den importierten Versionen des Islam zu unterscheiden. Zudem erweisen sich die türkischen und saudischen Partner als ausgesprochen spendabel. Es gibt kaum eine ländliche Gemeinde im Kosovo, in der nicht mit den Gaben arabischer Mäzene die Moschee renoviert wird. Die Spender beschränken sich nicht nur auf das Ausstellen von Schecks, sondern entscheiden auch, nach welchen Regeln mit ihren solidarischen Transfers umgegangen wird.

Dennoch wäre es zu einfach, derartige Entwicklungen im Kosovo mit jenen Geistern zu erklären, die gerufen wurden, nun aber nur schwer in die Schranken zu weisen sind. Der kosovarische Staat konnte sich intensiver Protektion durch die EU erfreuen. Mit den sich wandelnden Prioritäten der Staatenunion kann nun eine erschreckende Bilanz nicht länger verdeckt werden: Die eigene Ökonomie bleibt ohne Dynamik und Ressourcen, sie ist abhängig von Überweisungen aus der kosovarischen Diaspora oder einer Alimentierung durch die EU.

Die Regierung des Premiers Isa Mustafa von der Demokratischen Liga ist erst seit Dezember im Amt und muss zeigen, ob sie weniger korrupt ist als ihre Vorgänger. Bisher liegt die Arbeitslosigkeit weiter bei 30 Prozent, sodass die Jungen und Gebildeten in Scharen das Land verlassen. „Die Europäer haben ihre Versprechen nicht gehalten“, sagt Valbona Sahiti. Im kleinen Park auf dem Campus der Universität von Gjilan spricht die 19-jährige Studentin von fehlenden Perspektiven. „Bis vor kurzem waren hier noch 2.000 Leute bei den internationalen Truppenkontingenten angestellt. Als die gingen, wurden alle arbeitslos. Uns fehlt hier die Zukunft.“ Investitionen aus EU-Ländern blieben rar. Der Kosovo sei das einzige Land auf dem Balkan, mit dem Brüssel noch keine Visafreiheit vereinbart habe.

Der letzte Kredit

Erklären all diese Nachteile, warum die einfachen und radikalen Antworten fundamentalistischer Prediger auf die Fragen des Lebens so viel Resonanz finden? Die europäische Gemeinschaft ist dabei, den letzten Kredit zu verspielen, den ihr die Bevölkerung des Kosovo aus Abhängigkeit und illusionärer Erwartung eingeräumt hat. Das Gefühl, bewusst vernachlässigt zu werden, macht sich bemerkbar.

Sich der Resignierten anzunehmen, empfindet Muhamed Kqikus, Muezzin der Großen Moschee in Gjilan, als Mission. Im Unterschied zu anderen Predigern hat er nicht in Mekka oder Peschawar, sondern in Istanbul studiert. Das liberale Klima der türkischen Metropole habe ihn dazu bewogen. „Wir betreiben viele Projekte für junge Menschen, die wir selbst finanzieren. Wir versuchen, sie mit der toleranten Dimension des Islam auf dem Balkan vertraut zu machen“, sagt er am Abend nach dem Freitagsgebet. Doch der Propaganda des IS kann auch er so gut wie nichts entgegensetzen. „Wir haben viele der Radikalisierten zu Gesprächen eingeladen. Es blieb vergeblich. Wer immer die IS-Ideologie verbreitet, muss sehr mächtig sein. Wie sollten wir daran etwas ändern?“

Keine Frage, die EU wird sich der prekären Lage des Kosovo wieder mehr annehmen müssen. Die Ausbreitung eines radikalen Islam im eigenen Hinterhof kann zu einem europäischen Sicherheitsrisiko werden. Sie torpediert den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft. Auf den internationalen Busbahnhöfen von Priština und Gjilan kursiert das Gerücht, die Anträge von Kosovaren auf Asyl in Deutschland würden bewilligt, sofern darin angegeben sei, Zwangsrekrutierungen des Islamischen Staats ausgesetzt zu sein, denen man entkommen wolle.

06:00 15.04.2015

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