Werden wir je wieder dieselben sein?

Coronakrise Kommt nach der sozialen Fastenzeit das ganz große Gefühl?
Werden wir je wieder dieselben sein?
Gerade noch okay? Der Fußgruß

Foto: Kai Schwoerer/Getty Images

Manche haben es schon bemerkt, andere erfahren es jetzt: Es ist Fastenzeit. Wer gerne Traditionen frönt, verzichtet auf Süßes, Fleischiges, Mehliges, Digitales, Plastik, Elektrik, um ein paar Spitzenreiter zu nennen. Neu dieses Jahr ist ein Aufruf von Gesundheitsminister Spahn, auf Reisen, Partys, Händeschütteln, Konzerte, Umarmungen, Stadion-, Großelternbesuche und weitere Gemeinschaftserlebnisse zu verzichten. Um dem Coronavirus möglichst wenig Umsteigemöglichkeiten zu bieten, heißt es jetzt: Sozialfasten. Da frag ich mich: Das traditionelle Fasten hilft ja – dem Internet zufolge – gegen alles und für alles. Könnte dasselbe auch für die neue Fastenart gelten? Hilft es womöglich nicht nur gegen das Coronavirus, sondern macht es uns am Ende auch schöner, besser, gescheiter? Das wär ja was. Nach allem, was man so hört, verschaffen die bislang erprobten 1.001 Fastenarten dem eigenen Dasein einen gewaltigen Boost. In den Fastenden erwachen die Sinne – ähnlich wie bei Dracula –, schärfen sich in einer Weise, die sich Nichtfastende überhaupt nicht vorstellen können.

Natürlich ist es zu Beginn etwas hart. Nichtfastende sollen deshalb mit Anteilnahme und Rücksicht über etwa laut werdende Klagen der Fastenden hinwegsehen. Milde abgenickt werden auch Hinweise, dass Nichtfastende einfach so weiter in ihrem Schlendrian machen und schon bald nicht mehr mitkommen, wenn die Fastenden dann eine unbändige Energie ergreift. Muss halt jeder selber wissen. Moses, Jesus und Mohammed jedenfalls sollen wochenlang auf ihre Gottesbegegnungen hingefastet haben. Wer es richtig anstellt, kann auch heute noch ausgesucht feine Halluzinationen erleben. Auf jeden Fall sind die Fastenden hinterher gesünder, entschlackter und glücklicher. Wär schon schick, wenn das beim Sozialfasten genauso wäre: Nehmen wir mal an, es kommt zu einem monatelangen Entzug von Stadionbesuchen. Entschlackt so was auch? Sind die Fans, wenn sie erst einmal wieder in die Stadien stürmen dürfen, nicht nur allesamt eleganter, sondern auch irgendwie geläutert? Haben sie vielleicht eine neue Sicht auf das Fußballfantum gewonnen? Vielleicht säuseln sie dann leise Bonmots vor sich hin, anstatt sich heiser zu schreien, singen nicht mehr für den Sieg ihrer Mannschaft, sondern: „Ob kein Tor oder drei – Hauptsache dabei“. Oder: Wird uns nach dem großen Händeschüttel- und Umarmungsfasten schon eine leichte Fingerspitzenberührung wohlige Schauer den Rücken hinunterschicken? Werden uns Freudentränen in die Augen schießen, wenn irgendwann einmal wieder jemand ohne Scheu durch die Gegend hustet? Wird ein neues Zeitalter der Empfindsamkeit heranbrechen? Werden wir jedwede Gesellschaft genießen und preisen? Werden wir am Ende dieser Fastenzeit, die ja wahrscheinlich länger dauern wird als nur bis Ostern, alle zurück zu den Eltern und Großeltern ziehen, um möglichst viel Zeit mit ihnen zu verbringen, oder erscheint uns ein Fünf-Minuten-Besuch wie Jahre? Das Reisefasten beenden wir vielleicht mit einer ekstatischen S-Bahn-Fahrt, uns wird schwindlig werden ob der Geschwindigkeit. Staunen werden wir über unsere Dummheit, als wir dachten, der Planet sei so winzig, dass wir alles schon gesehen hätten. Wir werden ganz neue Menschen sein, demütig und friedlich und freudig. Nach allem, was man von den Langzeitfolgen des Fastens weiß, dürfte dieser Zustand bei manchen Leuten sogar einige Tage anhalten.

Susanne Berkenheger verteilt als Die Ratgeberin regelmäßig für den Freitag gute Ratschläge

06:00 22.03.2020

Ausgabe 13/2020

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