Werke zum Nachschlagen

Geltung Mit dem „Internationalen Germanistenlexikon“ geriet nicht nur Walter Jens in Nöte, mit den „Daten deutscher Dichtung“ nicht nur das Ehepaar Frenzel
Ralf Klausnitzer | Ausgabe 51/2016 4
Werke zum Nachschlagen
Rhetorikprofessor, Schriftsteller – und ehemaliges NSDAP-Mitglied: Walter Jens
Foto: United Archives/Imago

Was in einem Lexikon steht, gilt als sichere Sache. Schließlich wird es von kompetenten Beiträgern beliefert sowie von Verlagen hergestellt, die Zeit und Geld investieren, um mit diesen Formaten faktischen Wissens eine Marke zu generieren.

Als der bekannte Wissenschaftsverlag Walter de Gruyter im Herbst 2003 das Internationale Germanistenlexikon veröffentlichte, war die Freude unter Philologen groß: Nun verfügte die wissenschaftliche Gemeinschaft über umfassende und sichere Tatsachen ihrer Geschichte. In Nöte aber geriet nicht allein Walter Jens. Nun war schwarz auf weiß zu lesen, worüber ihn der Herausgeber des Lexikons bereits informiert hatte, um ihm Gelegenheit zu einer Stellungnahme zu geben: Jens hatte der NSDAP angehört. Die Aufdeckung bislang unbekannter Parteimitgliedschaften betraf nicht nur den emeritierten Rhetorikprofessor und Schriftsteller aus Tübingen: Walter Höllerer, Begründer der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter, stellte ebenso einen Aufnahmeantrag in die Nazipartei (am 1. September 1941) wie der Emblematikforscher Arthur Henkel oder der Mediävist Karl Stackmann.

Die betroffenen Wissenschaftler reagierten unterschiedlich. Einige erklärten öffentlich, sich an ihre Parteimitgliedschaft nicht mehr erinnern zu können, so Peter Wapnewski, der Gründungsrektor des Berliner Wissenschaftskollegs. Auch für Walter Jens waren die Ereignisse aus dem Gedächtnis geschwunden. Möglicherweise habe er „einen Wisch unterschrieben“, könne sich aber „beim besten Willen nicht erinnern“, rechtfertigte sich der Literat und Literaturkritiker – dessen Karteikarte im Berlin Document Center den 1. September 1942 als Datum des Parteieintritts verzeichnet – zunächst im Spiegel. Im Focus ging er noch weiter: „Ich habe nie einen Mitgliedsantrag gestellt, nie einen Mitgliedsausweis erhalten, nie Beiträge gezahlt.“ Seine Angriffe gegen das Germanistenlexikon rechtfertigte er so: „Es geht schließlich um die Ehre von nicht ganz unangesehenen Menschen.“

Dass Walter Jens so um sich schlug, hat sicher etwas mit den moralistisch aufgeladenen Debatten zu tun, die seit den 1990er Jahren aufbrachen: Das Doppelleben des Hans Schwerte, der vor 1945 Hans Ernst Schneider hieß und im SS-Ahnenerbe den „Germanistischen Kriegseinsatz“ koordinierte, bevor er nach 1945 zum Goethe-Forscher und Rektor der RWTH Aachen avancierte, gehörte ebenso dazu wie die Debatten um den Romanisten Hans Robert Jauß. In dieser Atmosphäre der Abrechnungen und sensationsgieriger Enthüllungen konnten Lebensleistungen mit einem Verweis „erledigt“ werden: der auch ... Doch in den Angriffen auf die Faktenfixierungsmacht Lexikon zeigt sich noch etwas anderes: Was da stand, entsprach einfach nicht dem Bild, das Jens von sich gemacht und gern hinterlassen hätte.

Das „Seelenheil“ des Gelehrten

Natürlich ist ein Faktum nicht einfach ein Faktum: Entscheidende Bedeutung gewinnt die Einpassung von „Tatsachen“ in bereits vorhandene Überzeugungen und Deutungsmuster. Dieser sinn- und ordnungsstiftende Umgang mit Fakten findet sich nicht nur in der Alltagswelt, auch wissenschaftliche Theorien besitzen einen „harten Kern“ von Konzepten, der immun gegen empirische Einwände ist. In den textinterpretierenden Disziplinen bilden „Fakten“ und „Tatsachen“ zentrale und zugleich umstrittene Größen. Mit exakter Text- und Quellenkritik profilierten sich im 19. Jahrhundert die modernen Philologien; eine Aufmerksamkeit noch für kleinste Details unterschied wissenschaftliche Textumgangsformen von Publizistik. Noch Max Webers berühmte Rede über „Wissenschaft als Beruf“ von 1919 erhob die philologische Sorgfalt zur ethischen Grundlage des Forschens: Nichts weniger als das „Seelenheil“ des Gelehrten soll davon abhängen, „ob er diese, gerade diese Konjektur an dieser Stelle dieser Handschrift richtig macht“.

Doch diese faktenbezogene Arbeitsweise wurde dann als „Positivismus“ stigmatisiert und durch Theoriebildungen ersetzt, die zu den „Fakten“ ein entspannteres Verhältnis hatten. Im Zentrum standen nun große Synthesen; in Gesamtdarstellungen – etwa zum „Geist der Goethezeit“ – spielten konkrete Textbefunde eher eine instrumentelle Rolle. So wie im Versuch, aus den Worten des erblindeten Faust in Goethes zweiteiliger Tragödie den Vorschein einer neuen Gesellschaft herauszulesen: Seine Schlussvision („Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn“) galt einem Theoretiker wie Georg Lukács als Vorschein der sozialistischen Menschengemeinschaft. Von der Schuld, die der Kolonisator und Unternehmer auf sich geladen hatte, war keine Rede mehr.

Wie problematisch der Umgang mit „Fakten“ auch in geisteswissenschaftlichen Nachschlagewerken ausfallen konnte, zeigt das bis 2007 in 35 Auflagen verbreitete Handbuch Daten deutscher Dichtung von Elisabeth und Herbert A. Frenzel: In dieser chronologisch geordneten Übersichtsdarstellung, aus der mehrere Generationen von Germanisten schöpften, fehlen so wichtige jüdische Autoren und ins Exil getriebene Schriftsteller wie Kurt Tucholsky; dagegen finden sich NS-Barden wie Erwin Guido Kolbenheyer.

Volker Weidermann, der diesen Skandal aufdeckte, hat den Werdegang der Verfasser für diesen Kanon verantwortlich gemacht: Während Frenzel als Kulturredakteur bei der NS-Propagandazeitschrift Der Angriff und in Goebbels’ Reichspropagandaministerium arbeitete, studierte seine Frau Elisabeth an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität und schloss ihr Studium 1940 mit der Dissertation Die Gestalt des Juden auf der neueren deutschen Bühne ab. Im Amt des NS-Ideologen Alfred Rosenberg arbeitete sie an einem Lexikon der Juden im Theater und Film, das 1945 erscheinen sollte. Was Weidermann noch nicht wusste: Elisabeth Frenzel gehörte im Herbst 1944 zu den letzten Nutzerinnen der Bibliographie des jüdischen Schrifttums, die vom Goebbels-Ministerium finanziert an der Deutschen Bücherei Leipzig erstellt wurde und eine umfassende Bestandsaufnahme der verfemten Autoren und ihrer Werke liefern sollte. Sie kannte also die Fakten (wenngleich aus trüber Quelle) – und lieferte in ihrer erstmals 1953 veröffentlichten Datensammlung dennoch ein fragmentiertes Bild der deutschen Literatur. Ein krasses Beispiel dafür, wie stark vorgängige Deutungsmuster den Umgang mit dem Gegebenen regulieren.

In Zeiten modularisierter Studiengänge und verschulter Universitäten treiben die Umgangsformen mit Faktenwissen neue Blüten. Lehrwerke für die Bachelor-Generationen, die unter Bologna-Bedingungen studieren müssen, nehmen es nun aus anderen, scheinbar unideologischen Gründen nicht mehr so genau.

Neue Versprechen

So finden sich im Grundkurs Literaturgeschichte von Gerhard Lauer, das im Klett-Verlag erschien und auf dem Titelblatt mit dem Versprechen „Für Ihren sicheren Studienerfolg“ wirbt, so viele falsche Angaben, dass ein Rezensent nach der Auflistung von fast drei Dutzend Fehlern auf 70 Seiten resignierte: „Ein Fach, das einen solchen ‚Grundkurs Literaturgeschichte‘ hervorbringt, muss sich um seine Zukunft keine Gedanken machen: Es hat keine.“ Nun kann man streiten, ob die Fehler im Einzelnen tatsächlich so schlimm sind: Wen stört es, wenn behauptet wird, dass „der junge Gymnasiast Friedrich Gottlieb Klopstock“ 1749 den Messias veröffentlichte – obwohl doch Klopstock zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt und kein Gymnasiast, sondern Theologiestudent in Leipzig war und sein Epos zwischen 1748 und 1773 erschien?

Fatal wird es, wenn die Verachtung von Fakten sich mit den Imperativen poststrukturalistischer Theoriebildungen verbindet: Wenn Wahrheit und intersubjektive Überprüfbarkeit als überholt zurückgewiesen werden; wenn politische Stoßrichtungen die Tatsachen relativieren. Wohl auch als Gegengewicht zu diesem Relativismus knüpft sich eine der jüngsten Hoffnungen der Geisteswissenschaften an die Leistungsversprechen der digital humanities: data mining und information retrieval sollen hard facts gewinnen. Die Sehnsucht nach Faktizität und den überzeugenden Verfahren der von big data profitierenden Algorithmen naturwissenschaftlich-technischer Provenienz ist unverkennbar.

Ob aber durch die quantitative Analyse großer Textmengen, ohne die Texte selbst komplett gelesen zu haben, tatsächlich die postfaktischen Spielarten der Geisteswissenschaften zu überwinden und mehr Einsichten zu gewinnen sind als durch genaues und geduldiges Lesen?

Ralf Klausnitzer lehrt Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin

06:00 25.12.2016

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