Werkstatt der Diplomdichter

Konzept Vielfalt Seit 1995 kann man im Deutschen Literaturinstitut in Leipzig schreiben lernen

Es ist der Frühsommer 1991, wir sind vom neu gegründeten Ministerium für Wissenschaft und Kunst nach Dresden geladen worden. Wir: das sind - damals noch! - leitende Mitarbeiter aus den sächsischen Kunsthochschulen. In der Pause steht der Direktor des Literaturinstituts "Johannes R. Becher" neben uns von der Theaterhochschule "Hans Otto" auf der Brühlschen Terasse, Leipziger wir alle. Sein Institut ist gerade abgewickelt worden, ich vergesse nicht seinen Schmerz in Gesicht und Stimme. Unsere Schule ist noch mal davongekommen - ein Jahr später gibt es sie auch nicht mehr, Teile von ihr sind in die Musikhochschule eingemeindet.

Damals wurde gehobelt und manchmal fielen ziemlich große Späne. Ob das "Becher"-Institut nicht auch subversiv zu wirken suchte, blieb bis heute umstritten. In seinem Falle gab es Proteste in West und Ost. Sie haben das Institut, das unter starkem Ideologieverdacht stand, nicht gerettet. Aber sie zeigten schließlich Wirkung. Anfang 1998 sitze ich dann Berndt Jentzsch in seinem Dienstzimmer gegenüber, als ich eine Gastdozentur beginnen soll - seit 1993 ist er Gründungsdirektor des völlig neuen, nunmehr der Universität angegliederten Deutschen Literaturinstitutes Leipzig (DLL). Leider habe ich Jentzsch, der sich um die DDR-Poesie verdient gemacht hatte und als couragierter Dissident hervorgetreten war, in der Arbeit nicht mehr kennen gelernt: als ich begann, war er schon krank. Seine Stelle konnte bis heute nicht wieder besetzt werden.

Die beiden Schriftsteller Hans Ulrich Treichel und Josef Haslinger, die das Institut heute leiten, kamen erst 1995, als die Ausbildung tatsächlich begann, beziehungsweise 1996 als fest angestellte Professoren ans Institut. Es ist nicht so, dass sie sich - schon angesichts der vielen namhaften Absolventen - für das alte Institut nicht interessiert hätten. Aber vor allem erkannten sie ihre wachsende Chance, die eigenen schöpferischen Intentionen über eine weitgehend neuartige Ausbildung von Schriftstellern zu verwirklichen. Sie teilten sich seither die Institutsleitung, halfen sich gegenseitig, Freiräume des eigenen Schreibens zu bewahren und nutzten so, unterstützt von zahlreichen Gastdozentinnen und -dozenten, ihre Chance.

Mit seinem besonderen Profil ist das Institut ein Unikat im deutschen Sprachraum geblieben, trotz teilweise vergleichbarer Bemühungen auch anderswo. Doch nur hier gibt es einen eigenen, universitären Studiengang für literarisches Schreiben, der alle Gattungen umfasst: Prosa, Dramatik, Neue Medien und Lyrik können die Studierenden als Haupt- oder Nebenfächer wählen und, ähnlich wie in den Magister-Studiengängen, miteinander kombinieren. Das kann man freilich erst dann, wenn man es geschafft hat, immatrikuliert zu werden. Ein aufwändiges Verfahren der Eignungsprüfung sucht sicher zu stellen, dass die wirklich Begabtesten unter den Bewerbern, deren Zahl ständig noch wächst, das Studium beginnen - sieben Prozent von ihnen werden es in diesem Wintersemester sein.

Ein Thema allerdings, über das immer noch, wenngleich inzwischen leiser, allenthalben gesprochen wird, ist am Deutschen Literaturinstitut Leipzig keines mehr: ob denn literarisches Schreiben überhaupt lehrbar sei und gemeinhin in der Frage kulminiert: "Wird man da Diplomdichter?"

Das gilt als längst geklärt. Das Schlüsselwort heißt: Arbeit am Text. Gemeint sind damit die Texte der Studierenden. Sie stehen im Zentrum der Ausbildung. Um sie geht es in den so genannten Werkstattseminaren, die etwa zwei Drittel der Unterrichtszeit einnehmen. Es kann sich bei den Texten um größere Projekte - Novelle, Roman, Bühnenstück, Gedichtzyklus - handeln oder auch, wie es sich vor allem für Drama und Drehbuch als günstig erwiesen hat, um ein durchdachtes System kleiner Übungstexte, darauf angelegt, unterschiedliche schriftstellerische Fähigkeiten zu entwickeln, handwerkliche Fertigkeiten zu trainieren. In jedem Fall gehen die Lehrenden davon aus, dass literarisches Talent als solches nicht lehrbar sei - es entwickelt sich, indem es betätigt wird. Diesen Prozess wollen sie verkürzen, stimulieren, erleichtern, das Risiko der Um- oder Irrwege verringern.

Es gibt auch Theorieseminare - das restliche Drittel. Da geht es um Literaturtheorie und Literaturgeschichte, aber auch um geistesgeschichtliches, vor allem kulturphilosophisches Hintergrundwissen. Heine, Goethe, Heiner Müller - Hegel, Benjamin und Richard Rorty - Theorie des Erzählens, der Poesie, des Theaters, des Films: dies und vieles andere mehr wurde schon angeboten. Das könnte dem eklektisch vorkommen, der auf irgendeine didaktische Systematik aus wäre. Aber: Nicht Vollständigkeit oder auch nur Überblick kann im mindesten das Ziel sein, sondern Exemplarität. Auf exemplarische Weise Horizonte öffnen. Idealerweise: Die Lust erwecken, eines Tages auf eigene Faust neue Horizonte zu durchstoßen. Der Weg ist allemal produktiver als die mitunter extreme Verschulung so manch anderen künstlerischen Studienganges. Und die Dozenten versuchen in letzter Zeit erfolgreich, durch eine behutsame Angleichung der gemeinsam - auch in den Werkstattseminaren - benutzten Begrifflichkeit der Gefahr des allzu Zufälligen zu begegnen. Inzwischen spricht man wohl auch einmal mit einem Gastprofessor, wenn der einen gar zu spinnerten Gegenstand für sein Theorieseminar vorschlägt.

Ich frage Josef Haslinger, was an dem ziemlich hartnäckigen Gerücht dran sei, in der Prosa werde eine bestimmte Schreibweise einseitig favorisiert, eine Art Instituts-Sound habe sich herausgebildet. Er hält das schlicht für Unsinn. Und in der Tat, das Institut will keineswegs in diesem Sinne "Schule machen". Schon wenn man die ästhetisch-poetischen Grundhaltungen, die Erzählweisen, die sprachstilistischen Mittel Treichels und Haslingers miteinander vergleicht, liegen dazwischen - wenn nicht Welten, so doch halbe Kontinente. Das Konzept heißt Vielfalt. Ihr sind die Studierenden ausgesetzt, sie wird ihnen abverlangt.

Das Konzept der Vielfalt, das epigonalen Eifer mindestens erschwert, wird vor allem auch durch die ständig wechselnden Gastprofessorinnen und -professoren gesichert. In jedem Semester sind es deren vier, Verlängerung von Gastverträgen ist nur einmal möglich. Manche kommen nach einer Pause wieder. Die meisten der Gäste sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller, gelehrt haben bisher unter anderem Kerstin Hensel, Ursula Krechel, Katja Müller-Lange, Brigitte Oleschinski, Alfred Behrens, Marcel Beyer, John von Düffel, Michael Lentz, Wilhelm Genazino, Christoph Hein, Thomas Hürlimann, Ernst Jandl, Roland Koch, Michael Schneider, Burkhard Spinnen. Erfahrene Lektoren, Dramaturgen, Kritiker, Wissenschaftler waren von Beginn an ebenfalls unter den Gastlehrerinnen und -lehrern: gleichberechtigt, gleich erfolgreich, gleich geachtet. Es ist eine spannende Dauerdebatte unter den Studierenden des Institutes, welche der beiden Dozentengruppen welche Aspekte besser einbringt - wahrscheinlich ist die unmittelbare Begegnung mit künstlerischen Subjektivitäten aber am wichtigsten.

Ein anderes Gerücht will wissen, dass Lyrik und Bühnen- wie Mediendramatik in Relation zur Prosa zu kurz kämen. Und siehe: als Haslinger Mitte Juli auf dem Sommerfest die diesjährigen Absolventen einem ungemein geneigten Publikum vorstellte, die frisch diplomierten Damen und Herren dann aus jüngsten Texten vorlasen, da stellte sich heraus: ausnahmslos hatten sie sich für die Prosa entschieden, und auf ihre literarischen Diplomarbeiten traf dasselbe zu. Haslinger schien trotz seines sichtlichen Stolzes auf die jungen Leute selbst ein wenig darunter zu leiden und versicherte, diese Situation würde sich schon bald wieder ändern. Eher als ihn sollte man vielleicht danach fragen, warum, wie man hört, unter den mehr als 350 Bewerberinnen und Bewerbern in diesem Jahr gerade mal ein Dutzend Dramatisches in seine Probetexte eingereiht hatte? Wie und wo bekommt man heute bereits als Teenager Lust, ein Theaterstück zu schreiben? Ein näheres Hinschauen auf die Unterrichtspläne der vergangenen acht Jahre ergibt jedenfalls: Die Institutsleitung hat durchaus darauf geachtet, dass Drama und Drehbuch ebenso wie die Lyrik jederzeit kompetent vertreten waren.

Die Studenten und die Absolventen sind - ohne pathetisch zu werden - der größte Reichtum dieses Institutes. Seit den sechziger Jahren an Hochschulen unterrichtend, habe ich nirgendwo sonst eine so glückliche Mischung von selbstverständlicher Respektierung, Kritikfähigkeit und Engagement erlebt, verbunden mit völliger Abwesenheit jeder Servilität. Stinkstiefel und Arrogante sind in diesem Haus extrem selten. Es scheint, als habe die Literatur die Fähigkeit noch nicht verloren, ihre wahren Adepten zu bilden. Konkurrenzgefühle, die Einstellung auf den Literaturmarkt, auf dem man sich später tummeln muss, können das in dieser Umgebung offenbar nur verhältnismäßig wenig relativieren: "Ich will das Studium auf gar keinen fall missen: es hat sozusagen mein leben ›gelenkt‹" - schreibt mir auf meine Bitte Anja Frisch, eine der diesjährigen Absolventinnen. Und Tobias Hülswitt, Autor des schönen, "kultigen" Büchleins Saga, dessen erster großer Roman bald bei Kiepenheuer Witsch in Köln erscheinen wird, ergänzt: "unglaublich intensiv ... sehr lehrreich. eine abkürzung: was man sonst in jahren mühevoll durch try und error zuhause lernen muss, lernt man dort in einem dampfkessel in 3 bis 4 jahren."

Auch literarische Erfolge stellen sich im zweiten Jahrfünft seit der Gründung zunehmend ein. Man kennt in der so genanten Szene und weit über sie hinaus Namen wie Juli Zeh, Tobias Hülswitt, Anke Stelling und Robby Dannenberg, Martina Hefter oder den Lyriker Jörg Schieke. Ihre Bücher sind erschienen in Verlagen wie Suhrkamp, S. Fischer, Kiepenheuer Witsch oder Schöffling. Dramatische Texte von Shenja Keil, Kristof Magnusson, Daniel Mursa oder Maja Das Gupta sind an prominenter Stelle gespielt, gesendet oder - wie auf dem letzten Berliner Theatertreffen - gelesen worden. Und von jenen 15 diesjährigen Absolventen haben sieben ihr erstes Buch in der Tasche oder demnächst auf dem Tisch.

Das Deutsche Literaturinstitut Leipzig hat seine Identität gefunden. Der Bruch mit dem Vorgängerinstitut "Johannes R. Becher" war dafür unvermeidlich, im Ergebnis war er sogar notwendig und produktiv. 2005 werden schon zehn Jahre vergangen sein, seit das DLL seine Arbeit aufnahm - 50 seit der Gründung des "Becher"-Institutes. Dem DLL steht dann eine Bewährungsprobe bevor: Im März wird es aus diesem doppelten Anlass einen Internationalen Kongress der Schreibschulen zum Thema "Schreiben lernen - Schreiben lehren" ausrichten. Immerhin erwartet man 70 bis 80 Teilnehmer aus vier Kontinenten und rund 30 Ländern. Historischer Abstand und innere Gelassenheit werden die Chance bieten, das Verhältnis von Kontinuität und Kontinuitätsbruch noch einmal zu bedenken, wenn es um das Schreibenlernen in Leipzig geht.

Prof. Dr. Gottfried Fischborn, Jahrgang 1936, ist Theater- und Literaturwissenschaftler, Autor und Publizist; bis zur Pensionierung war er Hochschullehrer, derzeit ist er Anbieter von Internetkursen zum szenischen Schreiben (www.szenisches-schreiben.de); Gastprofessor am DLL im Sommersemester 1998, Wintersemester 98/99 und Sommersemester 2000.


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00:00 14.11.2003

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