Werktags Romane, sonntags Fußball

Bibliobiografie „Als die Bücher noch geholfen haben“ – F. C. Delius erzählt von der heroischen Phase der deutschen Nachkriegsliteratur

Sibylle Lewitscharoff mochte die deutschen Nachkriegsliteraten nicht. „Sie schrieben in meinen Augen nicht, sondern bosselten an einem öden Realismus herum, die Ostschriftsteller so sexy wie das Schuhwerk, das sie trugen, die Westschriftsteller als nabelzentrierte, depressive Krümelkacker,“ sagte die Autorin in ihrer Laudatio auf den Büchnerpreisträger von 2011, auf Friedrich Christian Delius, genannt F. C. Delius. Lewitscharoff pflegte ihr Vorurteil – bis ihr eines Tages Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde von Delius in die Hände fiel. Diese schöne autobiografische Kindheits- und Heimaterzählung vom Jungen, der das Wunder von Bern am Radio verfolgt, zog sie sofort in den Bann, nahm sie ein für den Autor, dessen Preisvergabe ja gebremst bejubelt wurde. Warum eigentlich? Bestimmt spielte das Genervtsein der Jüngeren von den 68ern eine Rolle, wie auch Lewitscharoff meint. Sicher ärgerte man sich auch, weil beim wichtigsten deutschen Literaturpreis unbequemere Kandidaten wie Rainald Goetz kaum eine Chance haben.

Wie auch immer, bei Abbau von Ressentiments könnte der jetzt bei Rowohlt erschienene biografische Erzählband von F. C. Delius mit dem schönen Titel Als die Bücher noch geholfen haben entscheidend helfen. Also rein in die bundesrepublikanische (Literatur-)Geschichte: Es ist das Jahr 1966, als der damals noch unbekannte Peter Handke die Gruppe um Grass, Mayer, Höllerer, Ranicki und den anderen üblichen Verdächtigen in Princeton mit einer unverschämten, quasi vorweggenommenen Publikumsbeschimpfung brüskierte, deren Uraufführung sechs Wochen später in Frankfurt stattfinden sollte. Die Literatur sei öd, läppisch und beschreibungsimpotent, schimpfte Hankde, sich selbst kürte er zum neuen Kafka.

Drogen und Vietnamkrieg

F. C. Delius, gerade mal Anfang 20, erzählt die Anekdote aus Sicht des Greenhorns, das über den Skandal ganz froh war, hatte der unsichere Jungdichter Delius doch für die Tagung ein Gedicht verfasst und plötzlich gefürchtet, wegen seines überheblichen Tons geschlachtet zu werden. Das blieb dann aus, da die „über den Atlantik geflogenen Autoren“ immer noch unter dem Jetlag litten, „unter den Folgen ungewohnter Drogen oder gewohnten Alkohols, doch am meisten lähmte sie der Zwiespalt, Luxusgäste in einem Land zu sein, das in einem anderen Teil der Welt einen Vernichtungskrieg führte.“

Drogen und Vietnamkrieg, Rausch und Protest; damit sind die Koordinaten von 68 angezeigt (wie sie gerade auch Bernd Cailloux in seinen Roman Gutgeschriebene Verluste aufgestellt hat). Seine Verortung in diesen Koordinaten nimmt Delius vor allem mit Anekdoten vor, von denen es etliche gibt: Wie er sich in die schöne und kluge Susan Sontag verliebte, wie seine Kritikerkarriere jäh endete, weil Erich Fried mit extremer Würde seine Augen fixierte (Delius hatte seinen Prosatext gnadenlos verrissen). Dabei erzählt Delius die viel erzählte 68er Generation aus der Sicht eines Mannes, der zwar dabei war, aber immer einen Steinwurf vom Zentrum entfernt, sich früh als Beobachter und Chronisten empfand.

Wie soll man aus dieser Perspektive schreiben, wie Kritik an den berühmten Verhältnissen üben, ohne die Scharfmacherparolen, die dem schüchternen Studenten nie behagten? Delius lebt in Berlin, mitten im Agitationsmilieu, das immer öfter wissen will, wo er, Delius, denn überhaupt stehe: „Ich kam mir vor, wie ein zurückgebliebener Sozialdemokrat.“ Und für die SPD formulierte er ja auch 1965 Wahlkampfparolen. Für politische Theorie hat der Student dagegen nichts übrig, sie ist ihm schlicht zu hoch. Von Marxens Kapital schafft er nur 40 Seiten, Marcuse versteht er nicht, er kann sich gerade so mit Blochs Prinzip Hoffnung anfreunden und nur einmal schmeißt er einen Stein auf einer Anti-Vietnam-Demo in London (niemand will sich vor einer Frau blamieren).

Er sei kein guter Linker, attestiere ihm Fried einmal. Neben Drogen und Protest gab es zum Glück ein drittes: Sein Leben lang, erinnert sich Delius, fühlt er sich am stärksten zur Humorfraktion hingezogen und meint damit Hans Magnus Enzensberger, Uwe Johnsson oder Wolfgang Neuss. „Am meisten aber profitierte ich von den Lachsäcken Günter Kunert, Karl Mickel, Kurt Bartsch hinter der Mauer und meinen beiden wichtigsten Lehr- und Lachmeistern Klaus Wagenbach und Walter Höllerer.“

Es kam ihm gerade Recht, dass er 1971 eine Einladung in die Villa Massimo nach Italien erhält, dort an der unverschämten Satireschrift über den Siemenskonzern arbeitet, welche ihm, was sehr en détail nachzulesen ist, einen jahrelangen Prozess mit dem Unternehmen einbringt. Bei Wagenbach hat Delius eine Halbtagsstelle als Lektor inne, daneben arbeitet er an der Promotion. Die Geschichte der Studentenproteste spiegelt sich auch im Wagenbach-Verlag und seiner Sezession wieder, dem 1973 gegründeten Rotbuch-Verlag. Erst der Verleger an der Spitze, dann für eine Zeit als Kollektiv organisiert, Delius fühlt wiederum ambivalent. „Literarischer Mitarbeiter in einem Verlag gewesen zu sein, der den politischen Irrwitz des bewaffneten Kampfs publizistisch gefördert hat. Der Atem jener Zeit war die Gewaltfrage“, der er auszuweichen versucht, und die, wie er freimütig bekennt, einmal nur mit einer faulen Ausrede abzuwenden ist, als die Gruppe um Baader und Meinhof in seiner Wohnung Unterschlupf will.

Wie aber erklärt sich der Titel Als die Bücher noch geholfen haben? Man kann schlicht und einfach sagen: Bücher waren damals wichtig. Ein Leben mit und für die Literatur bedeutete, „werktags Romane, sonntags Fussball“ mit Farocki, Schily, Neuss, Dutschke und den anderen aus dem „Rixdorfer Balltreter Co“, (seine Vornamenkürzel F. C. stehen ja für Fußballclub), bedeutete die leidenschaftliche, schlecht bezahlte, arbeitsverrückte Verlagstätigkeit für Rotbuch bis zur Wendezeit, die besten Gespräche mit Ost-Autoren, subversive Begegnungen mit Heiner Müller, Thomas Brasch, Manuskripte im Hemdrücken nach draußen geschmuggelt, die Enttäuschung, als Brasch zu Suhrkamp wechselt. Das Vergnügen an der Lektüre schmälert einzig, dass verschiedene Texte bereits veröffentlicht und woanders entnommen wurden und manche Passagen zu ausführlich geraten sind. Über anderes wie den Schmuggel von DDR-Literatur hätte man gerne mehr gewusst. Aber das sind Kleinigkeiten.

Denken, mit Büchern

Der Pfarrersohn F. C. Delius hat in den letzten 40 Jahren ein Werk geschaffen, das die bundesdeutsche Geschichte begleitet, von der Nachkriegszeit, Studentenrevolte, Terror, über die Wende zur Jetztzeit. So handelt Ein Held der inneren Sicherheit von der Entführung Hans Martin Schleyers, so sind Die Birnen von Ribbeck ein kluges Zeitzeugenstück über die ostdeutschen Befindlichkeiten nach dem Fall der Mauer, und so verbindet Der Königsmacher in der Satire um ein „Preußen-Jahr“ Geschichte und Gegenwart. In seinen biografischen Kapiteln geht es indes weniger um seine eigenen Bücher, als mehr um die anderen, Bücher bedeuteten „damals“ eben, den gesellschaftspolitischen Diskurs zu bestimmen. Tun sie das noch? Man nimmt diese heroische Geschichte der jüngeren deutschen Literatur mit leichter Wehmut wahr.

Und ebenfalls ein wenig wehmütig liest man die Büchnerpreisrede von F. C. Delius noch einmal, die am Ende des Buches abgedruckt ist. Ausdrücklich aus dem Geist jener heroischen Jahre heraus geschrieben, bis zur „Urszene von 1966“, als Delius bei einer Demo gegen den Vietnamkrieg entschloss, künftig den Beobachter zu geben (während Büchner, wie Delius sagt, um sein Leben gelaufen war), kommt sie zu einem moderaten Vorschlag, wie die Literatur heute Stellung zu beziehen hätte.

Nicht der Hessische Landbote muss dringlich neu geschrieben werden, fürs Erste habe man sich an ein Lustspiel zu halten, an Büchners Leonce und Lena: „Seit man in der Wirtschaft mehr mit Fiktionen, Derivaten, Utopien, mehr mit der Leere der Nullen als mit Realien handelt, sind wir im Reich des König Peter angelangt, wo der Mittelstand bereits abgeschafft ist, bis auf einen Schulmeister, der die Hartz-IV-Empfänger zu dressieren versucht. Des Königs Weisheit beschränkt sich auf den Satz: Der Mensch muss denken.“ Ja, das muss er, und einstweilen ist diese Denken ohne Bücher zum Glück nicht zu denken.

Als die Bücher noch geholfen haben: Biografische Skizzen

Friedrich Christian Delius Rowohlt Berlin 2012, 304 S., 18,95

20:45 14.03.2012

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