Werkzeuge

A–Z Wir sind Mängelwesen, befand Arnold Gehlen. Und nutzen Werkzeuge, um das zu kompensieren. Das Lexikon der Woche über die Dinge, ohne die nichts läuft

A

Albernheit Zu den schönsten (➝ Zierrat) Ausformungen des Humors gehört zweifelsohne die Albernheit. Sie ist im strengen Sinne überhaupt gar kein Werkzeug (➝ Korkenzieher), denn sie ist unberechenbar, kennt häufig weder Grund noch Ziel. Dennoch – oder gerade deswegen? – gehört der Zustand der Albernheit zu den erstrebenswertesten Geisteszuständen, die ein Mensch im Alltag erlangen kann.

Fälschlicherweise wird die Albernheit im Bereich der Komik im Gegensatz zur feingeistigen Ironie oder zum beißenden Zynismus meist immer noch despektierlich betrachtet. Völlig zu Unrecht, denn anders als diese Kulturtechniken kann die Albernheit in ihrer anarchistischen, bedeutungssprengenden Dimension kaum glaubhaft nachgeahmt werden. Wenn sie in der Sprache zu sich kommt, dann im Kalauer – und das ist, wie die wissen, die sich mit Albernheit auskennen, die unmittelbarste und daher auch die faszinierendste Form des Witzes, die es überhaupt gibt. Tilman Ezra Mühlenberg

B

Burroughs Sie liegt immer auf meinem Nachttisch. Die William-S.-Burroughs-Biografie von Barry Miles. Burroughs’ Bücher mögen schwer lesbar sein, aber Naked Lunch, The Soft Machine, The Ticket that Exploded sind unfassbar gute Bücher. Sie entstanden mit der Cut-up-Technik, die hier erklärt wird, unverzichtbares Tool für jeden Autor. Oder man lernt, wie man mit dem Abspielen von Tonbandaufnahmen und gleichzeitigem Fotografieren Feinde vernichten kann (➝ Fax). Außerdem gibt es gute Tipps zum sachgerechten Umgang mit allen möglichen Drogen, man lernt, wie man einen Orgonakkumulator baut.

Wenn man das Ziel hat, sein Bewusstsein zu erweitern und seinen Geist zu befreien (und dieses Ziel sollte jeder haben), kann man vielleicht darauf verzichten, Burroughs zu lesen (alles außer Junkie ist zu anstrengend), aber nicht auf diese Biografie. Ruth Herzberg

E

Englisch ICH VERSTEHE NICHT, WAS SIE SAGEN! Could you repeat that? Bitte noch mal ganz langsam! WAIT, WHAT? Man kann nicht nicht kommunizieren, aber gelingende Kommunikation stellt eher die Ausnahme als den Regelfall dar, besonders dann, wenn man in einer Fremdsprache kommuniziert. Hier scheitert die Verständigung tendenziell nicht nur an mangelndem Vokabelwissen oder aufgrund kulturell bedingter Missverständnisse, bisweilen ist Rede schlicht und einfach fürchterlich vernuschelt.

Auf meine 15 Punkte im Englischabitur beispielsweise habe ich mir immer viel eingebildet, aber in der Konfrontation mit murmelnden Scousern und lallenden Schotten wurde ich mir der enormen Fehlbarkeit dieses Werkzeugs namens Fremdsprachenkenntnis bewusst. „Go ‚ed, lad, get us an ale in, nice one.“ Nichts verstanden? Nicht schlimm, einfach noch ein lauwarmes Ale trinken, denn Trunkenheit ist das ultimative Werkzeug zur Verständigung. Dann klappt’s auch mit den Scousern. „Lost a tenner down the alehouse, proper devoed, lad.“ „Ahh, totally get what you’re saying, lad. Another ale, pleazzz.“ Marlen Hobrack

F

Fax Manchmal muss man Verträge kündigen oder Ämter beschwichtigen und will weder anrufen (➝ Englisch) noch hingehen, aber die wollen ein Dokument mit Unterschrift. Früher bedeutete das Stress. Man musste etwas ausdrucken, einen Briefumschlag finden, Briefmarke besorgen. Erst lag der Brief dann wochenlang auf der Kommode, dann trug man ihn monatelang in der Handtasche herum, bis es endlich klappte – oder auch nicht.

Aber das ist jetzt vorbei. Jede Behörde, jede Firma hat eine Faxnummer. Und ich habe einen Scanner und Hellofax. Ist online und kostet nichts. Einfach das Dokument scannen, Anschreiben verfassen, Unterschrift einfügen, Faxnummer eintragen, Enter drücken. Erledigt! Wer hätte gedacht, dass Faxen mich zum guten Bürger macht. RH

Feuerzeuge Ob als Anzünder, Flaschenöffner oder gar als Stopfwerkzeug – sie sind unentbehrlich (➝ Necessaire). Nebenbei machen sie sich als soziales Konnektiv verdient, denn die Abhängigkeit von ihnen zwingt Unbewaffnete dazu, sich den Flammenspender bei anderen zu leihen, um ihren Lastern zu frönen, nicht selten wird das zum Grundstein tiefer Freund- und heißer Liebschaften. Oft kehrt das Leihobjekt nicht zum Besitzer zurück, und so findet dieser sich schon bald selbst in der Rolle des Leihenden wieder. Ein wunderbarer Zyklus.

Wem das nicht behagt, der rüste sich mit einem weißen Bic-Feuerzeug aus. Jim Morrison, Jimi Hendrix und auch Kurt Cobain hatten der Legende nach bei ihrem Tod eins bei sich. Und so schrecken viele zurück, wenn man ihnen eins hinhält. Josa Zeitlinger

H

Hammer & Sichel Als sich der Maler Jewgenij Iwanowitsch Kamsolkin Gedanken über den Festschmuck für die 1.-Mai-Feier 1918 in Moskau machte, saß er vor seiner Datsche. Er gehörte nun zur herrschenden Klasse. Warum also nicht einen Pinsel als Symbol wählen? Die Arbeiterschaft bestand aber leider nicht nur aus Malern. Außerdem könnten damit auch Kunstmaler gemeint sein. Er ging zum Geräteschuppen, eine noch im letzten, vorrevolutionären Sommer eingelegte Essiggurke (➝ Messerchen) kauend. Der Blick fiel auf den Hammer und die Sichel an der Wand.

Das war’s! Mit diesen Werkzeugen waren Arbeiter- und gleich noch Bauernklasse symbolisiert. Später kürte der 5. Allrussische Sowjetkongress das Symbol zum Staatsemblem Sowjetrusslands. Bingo!

Heute haftet dem Zeichen etwa Toxisches an. An der Sichel klebt Blut von Millionen, der Hammer zertrümmerte zwar überholte Ordnungen, die Unzulänglichkeit des Menschen blieb. Marc Ottiker

K

Korkenzieher Als Zuhandenes erweist sich jedes Zeug entweder als verwendbar oder unverwendbar. Wenn ein Zeug verwendbar ist, überrascht es uns nicht; wenn es aber unverwendbar ist, fällt es uns auf. Das Zeug steht vor uns in seiner Unzuhandenheit (➝ Feuerzeug). Je dringlicher das Fehlende gebraucht wird, je eigentlicher es uns in seiner Unzuhandenheit begegnet, umso aufdringlicher wird das Zuhandene.

Wenn es je ein lebenspraktisches Beispiel für eine heideggerianische Erfahrung gegeben hat, dann ist es der hoffnungslose Versuch, einen defekten Korkenzieher durch ein anderes Ding zu ersetzen. Bei den meisten Werkzeugen, die man einigermaßen häufig im Alltag benötigt, kann man sich doch irgendwie mit einem ähnlichen Ding behelfen, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Niemals jedoch beim Korkenzieher! Keiner der sogenannten Lifehacks hat je außerhalb des Internets funktioniert. Vertrauen Sie mir (oder Heidegger)! Tilman Ezra Mühlenberg

M

Messerchen Ein Messerchen habe ich neuerdings immer dabei. Nicht zur Selbstverteidigung, sondern zum Schneiden von allerlei Esswaren. Kürzlich war ich im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Die boten eine „Super-Stulle“ an mit einer unendlich harten Rinde. Da saß ich dann und schnitt es „gern von jener Rinde“ (Schubert: Schöne Müllerin). Ohne das Messerlein hätte ich das nicht geschafft. Manche Menschen beginnen von einem bestimmten Alter an, ihren Apfel mit einem zierlichen Schneidwerkzeug zu schälen und in mundgerechte Stücke zu zerlegen. Erinnerungen an kraftvolle Zubeißereien können die Handlung begleiten. Der Messereinsatz sieht durchaus kulturvoll aus, wie auch die Messer immer gefälliger werden. Dazu gibt’s noch hübsche Etuis aus Leder, Kunststoff – passend zu jedem Outfit. Magda Geisler

Moleskine Wann ich mein erstes Notizbuch bekam und warum es ein Moleskine war, weiß ich nicht mehr. Aber seit zehn Jahren schwöre ich auf die Dinger. Ob Soft- oder Hardcover ist mir egal, nur bitte ohne Linien. Als Freigeist. Und obwohl ich diese Glosse nun unmittelbar in die Notizen meines iPhones tickere (➝ Fax), wärmt mich die gleichzeitige Anwesenheit meines Moleskine-Notizbuchs. Bei Interviews notiere ich mir gerne schnelle Gedanken und kritzele zur Entspannung. Nicht zu vergessen, das neckische Fach für die Visitenkarten. Als ich im Moleskine-Store in Frankfurt (ja, den gibt es wirklich) einmal eine neue Version meines Aufschlagblocks mit ohne Linien kaufen wollte, ergab sich folgender Dialog: Verkäuferin – ich: Ist zum Nach-oben-Aufklappen – weiß ich / Ist ohne Linien – kann ich / Ist für Journalisten – bin ich. Jan C. Behmannn

N

Necessaire Ich sitze grad mit einem dampfenden Kaffee in der Freitag-Redaktion im Dachgeschoss am Hegelplatz, als mich ein materieller Notruf erreicht: „Ich brauche dringend einen Nagelknipser!“, schreibt ein Freund, der grad im Krankenhaus seine Fraktur reparieren lässt. Auf vieles lässt sich verzichten, aber ein eingerissener Nagel lässt verzweifeln. Woran erkennt man etwas Elementares? Die Verfügbarkeit zeigt es einem. Immer, wenn etwas im Hotel an der Rezeption in Einwegversion griffbereit liegt, scheint es Übereinkunft zu sein, dieses keinem Menschen vorenthalten zu wollen (➝ Messerchen). Eingetaucht in die Welt der Körperextremitätenpflege, ergeben sich ungeahnte Wissenslücken. Wussten Sie, was ein Pferdefuß ist? Ich brauchte fast 33 Jahre, so etwas nicht nur zu kennen, sondern auch an mir benutzen zu lassen. Daher muss ich nun Schluss machen, muss zur Mapedi, wie man unter Nagelpflegenden zu sagen pflegt. Jan C. Behmannn

S

Schrittzähler Wer seine empfohlenen 10.000 Schritte täglich entweder wirklich absolvieren will oder die nötige Reue angesichts des Defizits an Schritten aufbringen muss, der braucht so ein Ding. Genau gehen die ganz einfachen Schrittzähler nicht, aber sie dokumentieren zumindest eine gewisse Aktivität. Ich befestige ihn treu an der Tasche, und wenn man diese in einer bestimmten Art umhängt, dann zählt der zwar nicht die Schritte, aber die Erschütterungen, die man so beim Gehen macht. Ich fand den meinen in dieser ganz schlichten analogen Form bei einem Drogeriediscounter (➝ Burroughs).

Nach umfänglichen Stadt- und Einkaufswanderungen macht mir ein Blick auf das Ergebnis immer Freude. Wie viel ich wirklich am Tage gelaufen bin, kann ich allerdings ganz wunderbar über eine Google App berechnen und ich freue mich, wenn die Ergebnisse nicht allzu weit voneinander abweichen. Magda Geisler

Z

Zierrat Bei Rhetorik denken wir an schöne Worte. An ein Sprechen, dass überzeugen soll und uns im schlimmsten Fall unter massivem Einsatz von allerlei Tropen und Figuren (➝ Hammer & Sichel) an der Nase herumführt. Doch schon beim römischen Rhetoriker Quintilian finden sich Überlegungen, wonach sprachlicher Zierrat nicht immer das ist, was er scheint. Über die Metapher, die er für den „schönsten“ Tropus hält, sagt Quintilian zwar, dass sie „ein eigenes Licht verbreitet“: Die gelungene Metapher ist der höchste Schmuck der Rede.

Einen noch wertvolleren Dienst aber leiste die Metapher da, wo einer Sache der Ausdruck fehle. Da sorgt sie also dafür, dass es scheint, als ob es keinem Ding an seiner Benennung mangele. Ziemlich elementar, oder? Mladen Gladić

06:00 23.12.2018
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Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

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