Freiheit oder Forschungsgeld

Wettbewerb Peter-André Alt analysiert das deutsche Uni-System. Er bemängelt das 68er-Erbe und Bologna

Noch 1957 bestand der Philosoph Hans Blumenberg auf der „Brotlosigkeit des reinen Denkens“. Als er vom Rektor der Uni Kiel dazu aufgefordert wurde, mehr Anträge zu stellen, um international konkurrenzfähig zu werden, beantragte Blumenberg „Mittel in noch unbestimmter Höhe zwecks Erforschung der Rückseite des Mondes durch reines Denken“. Eine derart souveräne Verweigerungshaltung gegenüber dem Druck, das Forschen von externen Finanzierungen abhängig zu machen, kann sich heute kaum noch jemand leisten.

Seit den 1990er Jahren haben sich im Hochschulsystem gravierende Änderungen vollzogen: Die Umstellung auf Leistungs- und Wettbewerbsorientierung hat dazu geführt, dass in der Grundfinanzierung der Universitäten starke Einschnitte vorgenommen wurden, während sich die Budgets außeruniversitärer Forschungseinrichtungen teilweise verdoppelt haben. „Was vor 30 Jahren noch zum universitären Basisetat für die Forschung gehörte, muss heute über Anträge hinzuverdient werden“, so der Befund Peter-André Alts in seinem Buch Exzellent!? Zur Lage der deutschen Universität.

Die negativen Folgen dieser Entwicklung sind bekannt: Die begrenzten Förderphasen haben zu einer hohen Zahl befristeter Stellen und weniger Planungssicherheit geführt. Reputation wird zunehmend quantitativ bestimmt. Und als exzellent gilt nicht, wer sich in der Vergangenheit durch herausragende Forschung profiliert hat, sondern wer durch gekonnte Antragsprosa in Aussicht stellt, dies in Zukunft zu tun.

Auch der Koalitionsvertrag der Ampelregierung lässt nur bedingt Veränderungen erwarten: Zwar will die Wissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) die Lage des befristet beschäftigten Mittelbaus verbessern, doch zugleich ist die Einrichtung weiterer Exzellenzcluster geplant. Wie sinnvoll der Ausbau der Projektforschung in einem System ist, in dem schon jetzt nur sechs Prozent der Promovierenden Aussicht auf eine Berufung haben, ist fraglich. Angesichts dieser Lage sind Klagen über den Zustand der Universität so verbreitet wie nachvollziehbar. Begleitet werden sie jedoch nicht selten von einem idealisierten Blick auf die „alte“ Universität, die noch nicht an den Gesetzen des Marktes orientiert war. Demgegenüber bietet Alts Lagebericht eine kritische Bestandsaufnahme, die weder die Gegenwart beschönigt noch die Vergangenheit verklärt.

Hohe Abbruchquoten

Im ersten, historisch argumentierenden Teil zeigt der amtierende Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, wie die Universitäten seit den 1960er Jahren zum Gegenstand einer „permanenten Reform“ wurden. Nachdem die Abiturienten- und Studierendenzahlen in der Nachkriegszeit zunächst ebenso sanken wie die Professuren, kam es seit den frühen 1960er Jahren zu einem enormen Wachstum des höheren Bildungssystems. Neu gegründete Hochschulen und höhere staatliche Ausgaben konnten allerdings kaum verhindern, dass Seminar- und Vorlesungssäle bald hoffnungslos überfüllt waren.

Die Kehrseite der später durch die Bologna-Reformen weitgehend abgeschafften Freiheiten im Studium waren fehlende Strukturen, die zu hohen Abbruchquoten führten. Die durch die 1968er-Bewegung initiierte Diskussion über die gesellschaftliche Funktion der Universitäten ermöglichte einen Abbau an Hierarchien und mehr Partizipation, beförderte allerdings zugleich erbitterte Kämpfe zwischen politischen Gruppierungen und Statusgruppen, die echte Reformprozesse verhinderten.

Gegen die „Lähmung“, die aus Sicht zeitgenössischer Beobachter daraus resultierte, wurden in den 1990er Jahren neoliberale Programme entworfen, die Forschung und Lehre an ihrer„ Effizienz“ und „Wirkung“ orientierten. Alts Blick auf die Universitätsgeschichte führt gleichermaßen die produktiven Effekte wie auch die Schattenseiten dieses Umbaus vor Augen. Ein Vorzug insbesondere des ersten Teils des Buchs besteht in seiner ebenso differenzierten wie nüchternen Perspektive.

Im zweiten und dritten Teil zur Gegenwart und Zukunft der Universität münden Alts Empfehlungen hingegen teilweise in wenig aussagekräftigen Phrasen: „Führt man hierzulande eine Universität, so sollte man das mit einer guten Mischung aus argumentativer Überzeugungskraft, Kompromissfähigkeit und Fingerspitzengefühl tun.“ Daran ist nichts falsch – doch Sätze wie dieser lassen die Lektüre auf Dauer etwas langatmig werden.

Info

Exzellent!? Zur Lage der deutschen Universität Peter-André Alt C.H. Beck 2022, 297 S., 26 €

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