Wetten, dass… es die letzte Sendung war?

Medientagebuch Thomas Gottschalks Jahr des Abdankens ist vorbei. Wer ihm bei "Wetten, dass..?" nachfolgt, ist, wie sollte es anders sein, offen. Und letztlich unerheblich

Das ZDF hat sich bei der Suche nach einer Person, die Thomas Gottschalk als Gastgeber von Wetten, dass..? nachfolgen könnte, nicht mit Ruhm bekleckert. Monatelang schien man sich auf Hape Kerkeling festgelegt zu haben, bis dieser in der vorletzten Ausgabe der Show im November bekannt gab, er wolle lieber andere Dinge wagen. Nun konnte der Sender noch nicht einmal zur letzten von Gottschalk moderierten Sendung am 3. Dezember eine Person präsentieren, die im nächsten Jahr mit der Show durch die Hallen des Landes ziehen wird. Das zeugt von einer gewissen Unprofessionalität oder mindestens von großem Pech.

Aber – Kompliment – aus der Not hat das ZDF eine Tugend gemacht. Denn angeheizt um die das Land nun auf eine absurde Weise bewegende Frage, wer statt Kerkeling tatsächlich in das gesellschaftlich anscheinend äußerst bedeutsame Amt des Moderators von Wetten, dass..? folgen könne, nahm das Zuschauerinteresse stark zu. Und der Sender beutete es beträchtlich aus. Die letzte Sendung mit Gottschalk wurde mit einer Art Vorspiel bereits um 19.25 Uhr eröffnet. Da Gottschalk wie üblich überzog, bannte das ZDF die Zuschauer fast vier Stunden vor sein populärstes Programm. Über 14 Millionen waren es insgesamt, die Gottschalk bei seinem Abschied die Ehre gaben.

An diesem Abend zeigte der Moderator noch einmal all das, wofür man ihn preisen und schelten muss. Auch diesmal trat er souverän auf, konnte die Zuschauer in der Halle mit Scherzen und Witzen auf seine Seite ziehen und führte gelassen durch den langen, umständlichen Parcours der Wetten, die nicht sonderlich aufregend waren. Eine der Wetten hatte, so viel Selbstreferenzialität musste wohl sein, die Kleidung zum Gegenstand, in die Gottschalk im Lauf der Jahre für die Show geschlüpft war.

Selbstgespräche mit Stars

Zugleich führte Gottschalk im Gespräch mit der auf der Couch versammelten Prominenz seine grundlegende Schwäche vor: Am liebsten hört er sich selbst sprechen. Fragen haben folglich kein Ziel, sondern dienen der Selbstdarstellung. Selbst beim Basketballspieler Dirk Nowitzki, den Gottschalk spürbar verehrt, interessierte ihn nur, wie er am besten seine Anekdote vom Besuch eines Spiels von Nowitzkis Dallas Mavericks loswerden konnte.

Diese persönliche Schwäche Gottschalks hat auch strukturelle Gründe: Ein Dilemma der erfolgreichsten deutschen Fernsehshow liegt darin be­gründet, dass die prominenten Gäste an den Wetten, also dem Zentrum der Veranstaltung, ungleich weniger Interesse haben als die Fernsehzuschauer. Also setzen sie sich auf die Couch nur dann, wenn sie etwas zu verkaufen haben. Das reduziert natürlich die Möglichkeiten eines Moderators, ein halbwegs sinnvolles Gespräch zu führen.

Mögliche Nachfolgekandidaten lassen sich in zwei Kategorien scheiden: Die Schalterbeamten der Fernsehunterhaltung, zu denen Johannes B. Kerner, Markus Lanz und Jörg Pilawa zählen, und die bunten Hunde, für die außer Hape Kerkeling ein Olli Dittrich oder eine Barbara Schöneberger stehen würde.

Wer von ihnen die Sendung übernimmt, ist für einen zentralen Punkt unerheblich. Die Show ist sichtbar in die Jahre gekommen. So viele Zuschauer, wie sie zum Abschied von Gottschalk mobilisiert hat, wird es nicht noch einmal geben. Und sollte die Zahl der­jenigen, die samstags zur besten Sendezeit Wetten, dass..? einschalten, unter sieben oder sechs Millionen sinken, dürfte sie eingestellt werden. Denn teuer ist der Spaß, den die Sendung verbreitet, allemal.

Dietrich Leder hat schon über Wetten, dass..? geschrieben, als Thomas Gottschalk die Sendung noch nicht moderierte

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11:00 08.12.2011

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