Wettstreit der Schatten

Koloniale Energie Lutz Klevemann beschreibt in seinem Buch "Der Kampf um das heilige Feuer" die Landnahme auf den Ölfeldern der Kaspi-Region

Es hätte ein wunderbarer Stoff für Verschwörungstheorien sein können, als am 20. September 1994 in Baku der aserbaidschanische Präsident Alijew mit dem Öl-Konsortium Azerbaijan International Operating Company (AIOC) das Abkommen über die Ausbeutung der Öl- und Erdgasvorkommen des Kaspi-Beckens unterschrieb. Mit diesem "Jahrhundertvertrag", wie er genannt wurde, erfuhr das 20. Jahrhundert eine "letzte Ölung", aber die Erschließung der Ressource Kaspi-Öl zielte eindeutig auf ein anderes Zeitalter. Unter Federführung von British Petroleum (BP) und der US-Gesellschaft Amoco sollten Schätze gehoben werden, um sie auf Jahrzehnte hinaus dem Energiemoloch Nordamerika in den Rachen zu werfen.

Der "Big Bang" im Großen Spiel um das Heilige Feuer, wurde gemunkelt. Wer im postsowjetischen Mittelasien (Aserbaidschan, Kasachstan, Georgien, Turkmenistan, Usbekistan) - unter den Augen Moskaus - zu solcher Landnahme ausholte, formte der nicht aus Staaten Ölprotektorate, in denen das Ölgeschäft zur Staatsräson wurde? Und hatte nicht Robert Morningstar - als außenpolitischer Berater Bill Clintons für die Caspian Basin Policy zuständig - im Jahr des AIOC-Vertrages wissen lassen, "die Souveränität der neuen Staaten" müsse "auf die USA ausgerichtet werden"? War das die geostrategische Neuordnung einer Region, die seit dem Ende der UdSSR nach neuer Protektion und Patronage suchte? Die koloniale Energie des Vorgangs war so offensichtlich, dass jede Verschwörungstheorie überflüssig blieb. Sie hätte der Praxis nicht das Wasser reichen können. Das Macht-und-Geld-und-Blut-für-Öl-Geflecht verzichtete auf alle Camouflage. Es gehört allerdings zu den Spielregeln der medialen Reflektion im Westen, diesen grobkörnigen Purismus einfach links liegen zu lassen. Wenn Aserbaidschan die Amerikaner hofierte, galt das als Selbstbefreiung von russischer Hegemonie, die AIOC hatte damit "in politischer Hinsicht" nichts zu tun.

Dann aber blieb es nach 1994 lange still um die "Company" - ihr Projekt wurde heruntergespielt: Die Förderung des Kaspi-Öls sei zu teuer, der Transfer von Ost nach West unsicher, die Ölausbeute am Persischen Golf stabil, Russland keine Marionette, die man einfach verdrängen könne - der Jahrhundertvertrag ein Jahrhundert-Crash?

Lutz Klevemann, Reporter für den US-Kanal CNN und das ZDF, zitiert in seinem Buch einen BP-Sprecher in Aserbaidschan, der im Herbst 2001 formuliert: "Wenn wir aus Baku abzögen, würde das Land über Nacht zusammenbrechen." Das Protektorat darf also doch aus dem Schatten treten, der 11. September 2001 hat auch hier seine Schubkraft entfaltet und die "Company" viel erreicht: am 18. September 2002 nämlich beginnt mit dem symbolischen Aushub eines Grabens am Ufer des Kaspischen Meers der Bau einer seit 1994 geplanten, aber lange umstrittenen Öl-Pipeline von Baku über Tbilissi in den türkischen Hafen Ceyhan am Mittelmeer. Ab 2005 will die AIOC täglich eine Million Barrel Rohöl durch diese Trasse pumpen. Ein Jahr nach den Anschlägen von New York ist er im Bau - der Ost-West-Korridor, mit dem der Iran umgangen und Russland ausmanövriert werden kann.

Vor diesem Ereignishorizont protokolliert Klevemann eine Reise durch Mittelasien, von Baku über Tbilissi und Kabul bis nach Teheran. Schreiben wollte er kein "akademisches Buch über den Kampf um Ressourcen", eher die "Momentaufnahme eines Reporters" liefern. Bezogen auf die Anrainer des Kaspischen Meers oder auf Afghanistan geraten seine Skizzen zu "Momentaufnahmen" aus Nachkriegslandschaften, die schon wieder von Vorkriegsfieber befallen scheinen. Ob der Autor durch Georgien fährt, die abchasische Küste überfliegt, in Turkmenistan unterwegs ist oder durch die Öl-Kapitale Baku streift - über allem liegt der Schatten überstandener, aber nicht verwundener Bürgerkriege. Überall ist die rüde Willkür von Clangesellschaften ebenso spürbar wie das starke Anlehnungsbedürfnis autokratischer Eliten, die in Amerika ihre neue Schutzmacht lieben lernen. Der Preis für den kleinen Part im Großen Spiel um Öl und Geld heißt Souveränitätsverzicht und bleibt erschwinglich. Vielfach ist es ein Freikauf von Russland.

Alles in allem ein Tatsachenreport, der diesem Clash of Power seine Anonymität nehmen will, aber trotz des fast schon enzyklopädischen Panoramas seiner Schauplätze wie des beeindruckenden Aufgebots an Zeitzeugen merkwürdig steril bleibt. Vielleicht liegt es daran, dass sich mit der Tonlage der Reports wie der Deutung des Erlebten nicht nur westliche Voreingenommenheit zeigt, sondern häufig der Eindruck entsteht, hier wird nur zitiert, wer als Kronzeuge für Klischees vereidigt werden kann. Aserbaidschanische Ölmanager sind von byzantinischer Selbstherrlichkeit, so machtgeil wie devot, adscharische Polizisten korrupt und schikanös, russische Militärs hinterhältig und brutal, ukrainische Piloten tragen erwartungsgemäß eine Wodka-Fahne vor sich her. Wenn Russland damit droht, im georgischen Pankisi-Tal tschetschenische Rebellen zu stellen, ist das für Klevemann Willkür zum Schaden Georgiens - sobald die Amerikaner aus dem gleichen Grund Militärkontingente dislozieren, ein Beitrag im Anti-Terror-Kampf. Ein politisch interessierter Leser kann zweifellos viel erfahren, aber er weiß nach der Lektüre nicht wirklich mehr, weil der Autor erstaunlich unreflektiert schreibt.

Er kommt nicht einmal ansatzweise auf die Idee, die Renaissance einer an das 19. Jahrhundert erinnernden Kolonisierung mit Rechtsstandards zu konfrontieren, auf die sich der Westen, wenn es ihm gut geht (und die Energiefrage gelöst ist), soviel zu gute hält. Soviel, dass ein penetranter Missionierungsgeist gern eine ganze Welt durch die abendländische Gebetsmühle dreht. Klevemann fragt statt dessen, wann sich wohl in den Autokratien Mittelasiens die Wut der Völker angesichts von Käuflichkeit und Willkür der postsowjetischen Eliten entlädt. Er übersieht, dass deren Regiment noch nie so sicher war wie heute. Seit usbekische und kasachische Militärbasen zur regionalen Infrastruktur des globalen Anti-Terror-Krieges der USA gehören, sind die Präsidenten Karimow und Nasarbajew so stark wie seit 1991 nicht, als sie mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihre Spitzenpositionen in der KPdSU-Nomenklatura verloren.

Wenn schon das "Volk" bemüht wird, sollte man dann nicht eher die Frage riskieren, wie es eines Tages mit dem imperialen Diktat von Konsortien wie der AIOC umgehen könnte? Vielleicht mit der Ohnmacht des Terrors? Angespornt durch den Zuspruch islamischer Geistlichkeit? Die Amerikaner haben es dank ihrer totalitären Anmaßung inzwischen verstanden, sich im Mittleren Osten mit dem passenden Mob zu versorgen, der ihnen die Unterwerfung mit Terror honoriert. In Mittelasien sind alle Voraussetzungen für analoge Entwicklungen gegeben.

Lutz Klevemann: Der Kampf um das heilige Feuer, Wettlauf der Weltmächte am Kaspischen Meer. Rowohlt Berlin 2002, 318 S., 19,90 EUR

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00:00 13.12.2002

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