What’s in your bag

Ausstellung Mit einer kaputten Ikea-Tasche in der Hand analysiert Hito Steyerl in Berlin den Kapitalismus der Zeichen und Bilder
| Ausgabe 50/2019

Wenn sich schon nichts mehr richtig fassen lässt in dieser Gegenwart, in der alles gleichzeitig und mehrfach vorhanden ist, so lässt es sich ja vielleicht in die Tasche stecken. Man kann das bei Ursula Le Guin nachlesen, die in ihrem tollen Essay Carrier Bag Theory of Fiction aus den 1980ern die Tasche ins Zentrum stellt, in die man alles schmeißt und es mitschleppt. Le Guin setzt die Tasche der Sammlerin zentral und nicht den Speer des Jägers, mit dem das Mammut erlegt wird. Und damit eben nicht die dramatische Zuspitzung, die etwas ganz buchstäblich auf den (tödlichen) Punkt trifft, sondern ein Tragen von hier nach da, ein Mit- und Überführen, Anreichern, Zusammenbringen und Mischen.

Möchte man ein Bild für die Arbeit der Künstlerin Hito Steyerl finden, die sich während der letzten Dekade umfassender als viele andere an die Verschiebungen in der Bedeutungsproduktion im Zeitalter des Hightech-Kapitalismus der Zeichen und Bilder gemacht hat, so bietet sich die Tasche an. Noch dazu, da sich Steyerl in der Lecture Performance MISSION ACCOMPLISHED: BELANCIEGE (2019), die sie mit den Künstlerkollegen Giorgi Gago Gagoshidze und Miloš Trakilović entwickelt und vorgetragen hat und die nun als einzige wirklich neue Arbeit in ihrer aktuellen Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) zu sehen ist, unter anderem mit einer Tasche – und en passant auch mit Le Guins Taschentheorie – beschäftigt.

Natürlich gibt es noch andere Bilder in dieser Ausstellung, die man herausgreifen könnte. Zum Beispiel jene „prognostischen Pflanzen“, die in der Arbeit This is the Future (2019) zu sehen sind, ursprünglich für die diesjährige Biennale in Venedig produziert und hier in einer hochgetunten Neufassung als Augmented-Reality-App präsentiert. Alle Bilder sind von neuronalen Netzen digital berechnet. Nur einmal erscheinen plötzlich gefilmte Aufnahmen grölender Neonazis. Und zwischen all den digitalen Bildern, die auf Basis des jeweils nächsten Bildes ihr Wachstum berechnen und damit streng genommen immer minimal in der Zukunft liegen, wirken sie in ihrer Rückwärtsgewandtheit noch einmal verwirrter, noch einmal unangenehmer.

Aufgeschnitten, verklebt

Es ist aber die Tasche, die Steyerl irgendwann kurz in die Kamera hält, die paradox herausragt aus der Ausstellung – und sich vielleicht auch als Spiegelbild für die künstlerische Praxis Steyerls anbietet. Es handelt sich um eine dieser unzerstörbaren blauen Riesentaschen von Ikea. Steyerl hat sie aufgeschnitten, eingedreht und dann zu einem Möbiusband zusammengeklebt. Mit einem Loch in der Mitte. Die Tasche hat keinen direkten Nutzwert mehr. Sie illustriert laut Künstlerin aber die Marketingmethoden des Luxuslabels Balenciaga, das 2017 eine Ledervariante dieser Ikeatasche für etwas mehr als 2.000 Euro auf den Markt brachte. Wie außergewöhnlich wendig und klug das Modelabel seit Jahren durch die Sphären von Kunst, Mode und Internetkultur slidet, gilt vielen Kritikern als inspirativer, heutiger und auch kunstvoller als die bildende Kunst selbst. Die Fashion-Shows von Balenciaga sehen der Kunst von Steyerl oft recht ähnlich. Steyerl kritisiert nun, dass die Brandingstrategien von Balenciaga paradigmatisch für die gegenwärtige Struktur eben nicht der langsamen und akkumulativen, sondern der disruptiven Wertsteigerung stünden. Es gehe, so Steyerl und ihre Kollegen, in der Mode ebenso wie in der Politik nicht mehr um Repräsentation, sondern um Framing. Im weiteren Verlauf kontextualisieren sie diese Mechanismen jener ultrakompetitiven Winner-Takes-it-all-Oligarchokapitalistenkultur, die im Zuge der „Privatisierung“ des ehemaligen Ostblocks nach 1989 entstand und nun mit Figuren wie Donald Trump in den „Westen“ zurückgekehrt sei.

Wenn man so will, dann steckt in dieser Tasche aber auch viel von Steyerls eigener Praxis, die ja in der gleichen Gegenwart stattfindet – vor allem, wenn man bedenkt, dass Steyerl aus Überzeugung versucht, konsequent auf dem Niveau der aktuell möglichen Produktionsmittel zu arbeiten. Dass sie sich in der Verknüpfung von Gegenwartsphänomenen und der ständigen Parallelverschaltung von Analyse und Praxis, die ihre Arbeit auszeichnet, immer auch politisch positioniert, hat ihr dabei den Ruf als einer der relevantesten Künstlerinnen der letzten Jahre eingebracht. Natürlich bringt auch Steyerl entsprechend den enthierarchisierten Verhältnissen in der digitalen Gegenwart potenziell alles mit jedem zusammen. Da kommt alles in die Tasche, werden Neonazis mit digitalen Blumen zusammengeworfen. Auch bei Steyerl sind letztlich Framing-Mechanismen am Werk, um aus der Komplexität der Gegenwart ein bestimmtes Segment herauszuschneiden und so und nicht anders zu rahmen. Steyerl aber dreht die Perspektive und setzt die vermeintliche Gleichheit der Zeichen gegen die politische, soziale und ökonomische Ungleichheit. Und das macht dann doch den Unterschied.

Dominikus Müller ist freier Autor und ehemaliger Chefredakteur des Kunstmagazins frieze d/e

Info

Die Ausstellung Hito Steyerl ist noch bis zum 26. Januar 2020 im n.b.k. zu sehen

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