Whataboutism

A–Z Kritisierst du mich, kritisier ich dich einfach zurück. Es ist wie Boxen, wie Müffeln, wie Historikerstreit. Kein Widerspruch jetzt, liebe Leser! Unser Wochenlexikon

A

ABBA,die schwedische Popgruppe, fragte 1974 in einem hübschen Song: What About Livingstone? Der Anlass für den eher positiv und pädagogisch gefärbten Whataboutism war der Mondlandungs- und Weltraumforschungshype jener Zeit. „What about all those men? / Who have sacrificed their lives to lead the way / Tell me, wasn’t it worth the while / Travelling up the Nile?“ Was ist mit den Verdiensten und Opfern, die all die vielen Forscher und Entdecker auf der Erde gebracht haben?, fragt der Refrain. Waren sie nicht ebenso große Pioniere und Wegbereiter wie die Raumfahrer?

Einer von ihnen also war David Livingstone – geboren 1813, gestorben 1873. Livingstone kam aus einer schottischen Arbeiterfamilie und wuchs in Glasgow auf. Viele Jahre arbeitete er als Baumwollspinner, studierte dabei aber noch Medizin. Auf seinen Reisen durchquerte er Gebiete Afrikas, die vor ihm kein Europäer gesehen hatte. So folgte er dem Lauf des Sambesi und entdeckte dabei die Victoriafälle. Ein Mann, dessen Biografie spannend und dessen Forscherdrang beeindruckend war. Eine weitere Frage aber – angesichts all der großen Männer, die die Welt erforschten – wäre: What about women? Magda Geisler

Afrika Der vielleicht bekannteste Whataboutism überhaupt. Egal, ob es um Kritik am schlecht gekochten Essen am Familientisch geht oder um zu niedrige Regelsätze von ALG II: Das Argument „Denk an die armen Kinder in Afrika, die nicht genug zu essen haben, und sei gefälligst zufrieden“ liegt zur ultimativen Entkräftigung (➝ Zweimal mehr) immer bereit. Inzwischen so sehr, dass sich zum Glück kaum noch jemand traut, es tatsächlich ins Feld zu führen. Vielleicht rührt die Popularität von der schrecklichen Hungerkrise 1985 in Äthiopien her, die Bob Geldof Anlass zum ersten Live-Aid-Konzert gab. Vielleicht waren auch spätere Hungersnöte in Darfur oder Somalia dafür verantwortlich. All das ist aber kein Grund, den ganzen afrikanischen Kontinent als bedauernswertes Daueropfer darzustellen. Schon gar nicht für eine rhetorische Finte. Sophie Elmenthaler

E

Erkenntnisgewinn Der Whataboutism steht in einem schlechten Ruf. Die Legende will, dass er zuerst in der UdSSR aufkam. Äußerte wer, dass die politischen Verhältnisse inhuman seien, folgte prompt die Antwort: „Aber in Amerika lynchen sie Schwarze.“ Ein Tu-quoque-Fehlschluss: Dass anderswo auch nicht alles zum Besten steht, heißt ja nicht, dass ein Vorwurf aus der Luft gegriffen ist. „Du kritisierst die Studierenden, die Gomringers Gedicht avenidas nicht mehr an der Fassade ihrer Hochschule sehen wollen. Du sprichst von Kunstfreiheit und ‚Tugendterror‘. Aber um die Schandtaten eines Dieter Wedel machst du nicht so einen Terz!“ Heißt im Klartext: „Du bist ein Heuchler, misst mit zweierlei Maß!“ (➝ Wedeln)

Wer aber einen Schritt zurücktritt und sich auf das Argument einlässt, hat die Chance, zu erkennen, dass das Objekt der eigenen Kritik immer eine Auswahl aus einer großen Menge kritikwürdiger Objekte darstellt. Die nicht zwingend war. Das stärkt Kontingenzbewusstsein und ermöglicht es, auch Bewertungsmaßstäbe zu vergleichen. Kostet zwar Zeit, die sollte man sich aber nehmen. Mladen Gladić

H

Historikerstreit Hört man der AfD zu, wird der Historikerstreit wieder lebendig. Vor etwas mehr als 30 Jahren wurden Schoah und deutsche Schuld diskutiert – und relativiert. Als Frage verpackte der Geschichtswissenschaftler Ernst Nolte 1986 die Ungeheuerlichkeit: Ob nicht bolschewistischer „Klassenmord“ vor nationalsozialistischem „Rassenmord“ erfolgt sei, Auschwitz eine Reaktion auf die Gulags? Der Zivilisationsbruch sei also woanders begonnen worden.

Als Erster grätschte Jürgen Habermas in diese neokonservative Offerte: Er machte das Bekenntnis zur Singularität des Holocaust zum Kern eines Verfassungspatriotismus, der Deutschland zum Teil des Westens macht. Tobias Prüwer

I

Im Clinch Let’s talk about violence! Wer – aus Angst vor der intellektuellen Niederlage (➝ Schopenhauer) – die Auseinandersetzung ums bessere Argument scheut wie der Teufel das Weihwasser, dem bleiben in halbwegs zivilisierten Zusammenhängen nur zwei Optionen, wenn er seine Position durchsetzen will: aktive körperliche Gewalt im Faustkampf etc. sowie die passive Aggression, die sich im Vorwurf des Whataboutism manifestiert. Von beiden Varianten ist erstere die weitaus edlere, da mutigere, impliziert sie doch weiterhin auch die Möglichkeit, im Fortgang der Auseinandersetzung selbst einen auf die Fresse zu kriegen. Gut so.Timon Karl Kaleyta

K

Kapitalismus Es ist die wohl berühmteste Parole der Neuen Linken um 1968. „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Das Diktum richtete sich gegen die, die meinen, der Kapitalismus werde es schon richten. Gegen die „bürgerliche Ideologie“, die verkennt, dass Faschismus der Versuch ist, den krisenhaften Kapitalismus mit Gewalt am Leben zu erhalten. Max Horkheimer hatte die Parole geliefert, in seinem Aufsatz Die Juden und Europa von 1939. Dort hatte sie einen konkreten Adressaten.

Gemeint waren jene Intellektuellen, die aus Nazideutschland migrieren mussten und nun den Liberalismus feierten, weil sie ihm ihr Überleben verdankten. Horkheimer setzte den Philosophen Voltaire dagegen, der die Monarchie auch als Gast von Friedrich II. kritisiert hatte. Selbst wer bezweifelt, dass der Totalitarismus aus dem Kapitalismus so zwangsläufig steigt wie der Gestank (➝ Wedeln) aus dem Kadaver, wird sagen können: Als Appell ans wirklich unbequeme Denken ist diese Parole zeitlos gültig. Michael Angele

Klärungsversuch Mit dem Whataboutism verhält es sich wie mit dem Abseits beim Fußball(➝ Schiri): Die Leute kapieren ihn nicht. Zwei Abwehrspieler plus Moment der Ballabgabe, aber mit Sonderfällen wie Eckstößen und Einwürfen. Irgendwie klingt einer, der die Regel erklärt, schon sehr nach einem, der dich auf dein Whataboutism-Problem hinweist, sich dabei aber just selbst ins Abseits manövriert. Merke: Jemand hat recht, mit Charmeoffensive klingt es auch nett.

Oft missraten Klärungsversuche von Frauen für Frauen. Zum Beispiel das Abseits anhand des Paars „rosa High Heels“ und zwei Zicken, der Ball hier: das hochgeworfene Portemonnaie – äh …? Es ist aber möglich, Whataboutism mit einem Beauty-Talk zu erklären. Also sie sagt: „Ich könnte heulen, meine Mundfalten sind richtige Ackerfurchen!“ Die Freundin sagt: „Verglichen mit meinen Stirnfurchen hast du ja wohl gut lachen.“ Und sie: „Jetzt lass uns bitte mal bei meinem Gesicht bleiben. Von mir aus bei meinen Krähenfüßen!“ Auch nicht gerade charmant, das Ganze, dafür ansatzweise makellos geklärt. Katharina Schmitz

S

Schiri Fußballstadien sind nicht zwingend Orte der Argumentationskunst (➝ Im Clinch). Basale Debattenkultur lernt man auch hier. Nicht selten muss der Schiedsrichter herhalten. Da wäre das allseits beliebte ad hominem („Schiri, du Arschloch!“). Für den anspruchsvolleren Fan eignet sich auch der Whataboutism – gerade in der Auseinandersetzung zwischen Anhängern rivalisierender Vereine.

Da sagt der Dortmund-Fan zum Bayern-Fan: „Nie im Leben war das ein Elfmeter! Der pfeift doch nur, weil es die Bayern sind!“ Der Rekordmeister-Fan, so er denn den Whataboutism beherrscht, kann entgegnen: „Und wenn schon, der Schiri hat dem Dortmunder vorhin die verdiente Rote Karte nicht gezeigt.“ Indirekt heißt er damit natürlich eine Konzessionsentscheidung gut. Das ist auch nicht erlaubt. Denn minus und minus ist nicht plus (➝ Erkenntnisgewinn). Könnte man mal sagen. Aber ob man damit durchdringt, ist äußerst ungewiss. Benjamin Knödler

Schopenhauer 1830 beschrieb der Philosoph 38 rhetorische Strategeme dafür, in einer Diskussion als derjenige zu erscheinen, der im Recht ist. Eristik – die Kunst, Recht zu behalten – ist auf die menschliche Eitelkeit zurückzuführen. Dem Gesprächspartner selbst bei objektiv wahren Äußerungen zuzustimmen, würde unser Ego nicht verkraften. Befürchte man, in einer Diskussion geschlagen zu werden, rät Schopenhauer zu einer geschickten Verschiebung der Streitfrage. Durch geistesgegenwärtiges Ablenken von der eigentlichen Frage, eloquentes Verallgemeinern und originelles Übertreiben lässt sich so mancher ordentlich den Wind aus den Segeln nehmen. Findet sich auf die Schnelle kein geeignetes Thema, wird der Gegner selbst zum Streitgegenstand. Letzter Kunstgriff: persönlich beleidigend werden. Rebekka Gottl

V

Verteidigung Hätten wir vor Jahren eine Büchse auf den Konferenztisch gestellt und fünf Euro für jeden Whataboutism kassiert, könnten wir heute locker zwei zusätzliche Zeitungsseiten finanzieren. Neulich erst wieder: Wir reden über den Einfluss islamischer Verbände, aber was ist mit dem Vatikan? Doch so endet die Zeitung wie immer mit dem A – Z, das selbst oft Opfer von Whataboutisms wird. Einmal stellten wir ein Kinderbesteck in Form eines Schaufelbaggers vor. Erboste Leserpost: Wie könnt ihr über Baggerbestecke schreiben und dabei vom Kapitalismus schweigen? Auch Tier- und Trendlexika werden in Frage gestellt. Kommen Sie vorbei, wir diskutieren das gerne (Kosten s. o.)! Christine Käppeler

W

Wedeln Whataboutism ist wie Mundgeruch. Den haben auch immer nur andere. Wie Mundgeruch beinahe zwangsläufig von bestimmten Speisen produziert wird – Knoblauch und Kaffee sind heiße Kandidaten –, gibt es Themen, deren Whataboutism-Potenzial geradezu unendlich ist. Sexismus ist eines davon. Neulich schrieb Margarete Stokowski eine SPON-Kolumne über das inzwischen legendäre Avenidas-Gedicht Eugen Gomringers, das nun von der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule entfernt werden soll.

Warum, fragt Stokowski, empört sich die selbsterklärte Kulturnation darüber, nicht aber über die Anschuldigungen gegen den Regisseur Dieter Wedel, den mehrere Schauspielerinnen der sexuellen Belästigung beschuldigten? Warum also steht uns die Wand näher als die Frau? Das ist, natürlich, allerfeinster Whataboutism, den die Autorin sonst gerne anderen ankreidet. Was lernen wir? Whataboutism stinkt halt nur, wenn der andere ihn uns zuwedelt. Auch wenn wir obenrum selbst nicht frei davon sind. Marlen Hobrack

Z

Zweimal mehr ist eine Allzweckwaffe. Je aussichtsloser die Situation, desto überzeugender entfaltet sie ihre Kraft. Im Streit von „Du bist blöd“ gegen „Aber du bist blöder“ lautet die passende Antwort: „Du bist immer zweimal blöder als ich.“ Egal, wie der Gegner seine Beschimpfung nun steigert, man selbst steigert diese immer ums Zweifache. Genial.

Im Politischen wird so aus „Dieses System verletzt die Menschenrechte“ einfach: „Jener Staat verletzt immer zweimal mehr die Menschenrechte als wir.“ Die Kraft von „zweimal mehr“ liegt in der gleichen unbestechlichen Einfachheit, die dem Whataboutism zugrunde liegt. Sie schlägt den Gegner mit dessen eigener Waffe, zieht sich das Messer aus den Rippen und sticht damit einfach noch (zwei!) mal zu. Sie zeigt aber: Wem es in einer Auseinandersetzung nur ums Gewinnen geht, der bleibt blöd. Marlene Brey

06:00 11.03.2018
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