Who are you

Weitermachen heisst immer wieder anfangen Seine berühmteste Geste ist das Gitarren-Zerschlagen - Pete Townshend zum 60. Geburtstag

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Am Anfang war der Schock. Ich war dreizehn, hatte den Schrecken in mir und auszutragen noch gute zehn Jahre. Die anhaltende Wirkung war dem Vakuum zu danken, dass in der DDR-Hauptstadt zu leben war, Kulturschocks waren günstig zu haben. Einer, meiner, liest sich nach Namen: Dylan, die Beatles, die Stones, weiter die Kinks, die Pretty Things, die Animals, Cream, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Led Zeppelin, die Doors.

Das war das, und hätte bleiben können, bis im Sommer 1978 aus dem Radio die Identitätsfrage kam. "Who are you?". Von einer Band ungefähr gleichen Namens, die, das hatte sich herumgesprochen, ihre Instrumente auf der Bühne schlachten sollte, schwer zu glauben. Dass die Sorte Exzess bereits Geschichte war, sollte ich erst in Zukunft erfahren. Was ich hörte, war vorerst genug. Auf fünf Minuten zur kritischen Masse geballt große Oper, klassischer Beat, Fetzen von Satzgesang, Synthesizerzitate, Punk-Akkorde, statt Trommeln klang es nach Peitschen. Sich so zu äußern konnte nur dem möglich sein, der sich konsequent verloren hatte. "Who are you, who, who / who who" stieß alles bis dahin Gehörte als erledigt und mit Anspruch aufs Ganze zurück: Wer von mir kostet, wird zum Tier. Da war ein Märchen herauszuhören unter knapp kontrolliertem Gewitter, ein Abgrund, der, im Osten, zu haben war nur um den Preis des Verlusts. Verlust der Integration, für einen Jugendlichen die Identitätsfrage gemeinhin.

The Who, das war, wie sich beim Anhören einer 1980 erschienenen AMIGA-Platte ("Übernahme von der deutschen Grammophon Gesellschaft m.b.H. Hamburg/BRD") hören ließ, My Generation, I Can´t Explain, Pinball Wizard, Magic Bus, Substitute. Weltkulturerbe schon da. I´m Free ("freedom tastes of reality") fehlte, da war der gesellschaftliche Rahmen vor. The Who, das waren die Posen, die Fahnen, Union-Jack-Jackets, Präpunk und Postpatriotismus. Rausch-Gift und dazwischen eine Differenz.


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Peter Dennis Blandford Townshend, geboren am 19. Mai 1945 in London, ist ein gründlicher Mann. Dass er Musiker ist, einer der einflussreichsten auf jenem nicht leicht einzugrenzendem Gebiet, das wir Rock zu nennen gewöhnt sind, macht nur eine Note seines Spektrums aus. Mehr als alles andere ist er Architekt und Kritiker seines Genres. Er ist dessen erster Dekonstrukteur.

Der zunächst als jugendlich Gestörter erschien, der Emotionen und Feinmotorik nicht unter Kontrolle hat, sollte zum Konzeptualisten seines Genres und zum Schöpfer einer Dialektik des Pop werden, wie es nachher unter Machern keinen gab. Dass sein frühes Außerkontrollegeraten die Attitüde einer Haltung war, hat Townshend selbst nach seinen Kritikern begriffen. Seinem Publikum war anderes wichtig. Birdman nannten sie ihn: Mann, der für uns fliegen kann und jede Bruchlandung übersteht.

Townshend wurde Führer, weil er Zweifler war, und das glaubwürdig. Die Who führten, weil sie auf ihren Bühnen durchspielten, was ihr bewegtes Publikum in den Wehen der Adoleszenz in Kostümen, Parolen, Slangs und Gesten durchlitt. Townshend, 19 Jahre alt, packte sein Weltunverständnis in einen verbeulten Zweiminutenschlager, der als I Can´t Explain die Matrize des Punk liefert bis heute. Das Gespenst der Elektrizität, durch Rückkopplung entfesselt, brach sich Bahn. Was Drogen nicht heilen, heilt Schmerz, was Schmerz nicht heilt, heilt Musik. Feedback wurde zur Handreichung an ein Publikum, das sich dieser Band mehr als jeder anderen verpflichtet sah; der Aufstand der Sinne zielte auf das Reich der Form. Dem zu entkommen hat mehr als ein Leben gekostet; nach Zahlen das Publikum elf, die Band zwei. Kunst ist Irrsinn und schädigt die Rasse. Gottfried Benns Verdikt platziert die "Flüchtigen mit der Reizbarkeit Gestörter", die, die immer weiter müssen, von der Mitte an den Rand - wo sie öffentlich tun, altern und sterben, weil sie anders nicht können. Für einen Helden der Jugendbewegung die Erbsünde, zu büßen durch baldiges Verlöschen.

Der Impuls dieser Bewegung versackte um 1970 weltweit. Das subversive Potential war von nun an Einzelnen und in verschiedenen Spielarten der Kunst vorbehalten. Townshend hat sich damit nie abfinden können. Das Trauma von Woodstock, ein Aufmarsch der Heuchler und berauschter Herostraten, wie er es sah, konterkarierten die Who mit Konzerten in den Hörsälen von Hull und Leeds als Scharfrichter einer zum Stillstand gekommenen Bewegung, die Wüstes Land, Teenage Wasteland, hinterlässt. Live at Leeds hält die Niederkunft eines gestischen Theaters des Rock fest, das bislang wenig Nachkommen hat. Nachkommen heißt Weitermachen. Weitermachen heißt immer wieder anfangen, bedeutet die Rekreation des eigenen Materials, des Publikums, der eigenen öffentlichen Figur. Tommy, Townshends Opera in B-Rock, ist die frühzeitig angelegte Klangspur zum Thema.

Die Who als erste Konzept-Band (mit Film- und Fotoprojektionen, der Einmaligkeitsidee vom Verbrauch der Instrumente, künstlichen Detonationen, tatsächlichem Kollaps) etablierten das Prinzip: Pop ist Dasein. Leben ist Krise, Kritik ist Zerstörung. Townshends Einspruch gegen den Vorwurf eines Kollegen, Paganini hätte seine Geige ja auch nicht zur Zugabe zerhackt, ist überliefert: "It´s no Stradivari, it´s a fucking Fender from the production line!" Das Instrument kommt vom Fließband, Popmusik ist aus Fertigteilen gemacht, ein Industrieprodukt. Einwegkunst ist, was wir machen, Wegwerfsound von Wegwerfprodukten. Seither waren die Attribute der Arbeit die Attribute der Band: der Overall des Gitarristen, die Schlagzeugfabrik, die durchnummerierten Gitarren, Ekstase über den Rand der Erschöpfung. Verschleiß der Produktionsmittel, der Technik, des lebenden Materials.

Von den Vieren der Who ist nach 40 Jahren die Hälfte noch unterwegs. Pete Townshend und Roger Daltrey - der Mann, der Tommy oder Jesus war, die Stimme, die sie das menschliche Nebelhorn nannten - machen im Everly-Brothers-Format weiter; WHO2 heißt das Projekt für die Zukunft, mit, eventuell, einer neuen Platte nach einem Vierteljahrhundert. Aber wozu. Der Mann, der 1.000 Songs geschrieben hat, Libretti, Partituren, hat zur Genüge zu tun, den Entwurf seines Lebens in Musik vor seiner Hörerschaft in allen Stadien des Werdens und Verfalls zu befragen.


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Die physische Substanz, die bleibt, die geistige Aufgeregtheit schlägt sich mehr als anderswo nieder in Townshends nun eine Generation überspannendem Lifehouse-Projekt. Lifehouse ist die Utopie der Aufhebung der Grenzen zwischen Mensch und Technik mittels Musik. 1971 nennt er es virtual reality, eine Wirklichkeit, die in Gestalt des Internet, von der Utopie erlöst, der Gegenwart eine weitere Enttäuschung bietet.

Die Vision, Menschen in Musik zu übersetzen anhand eines Publikums, das seine Daten dem Musiker mitteilt - der formt daraus sein Klangmodell - ist vielleicht nicht realisierbarer Irrsinn, doch einer, der am Leben hält. Ein musikalisches Funkmessverfahren, das sich keiner (technischen) Neuerung verschließt. Townshend hat keine Kontroverse ausgelassen, den Furor des Nichterwachsenwerdenkönnens, die Terrorreligion des Kapitals, das Sterben und den Kontostand nicht. "When music can turn matter into spirit": nicht als Metapher gesehen, aber als Möglichkeit, technisch.

Ein Gedanke, der so einfältig beim Anhören der Platten nicht länger scheint. Einfacher, wie Keith Richards es sagt: "The art of music is listening to it, not playing it." Die wirkliche Kunst ist das Hören, Reflexion Bedingung des Schaffens. Konsum als hohe Kunst betrachtet, Produktion vorausgesetzt als ebensolche. Wo Glaube und Ideologien ausgedient haben, tritt der Stil an, Ethik wird zur Ästhetisierung der Existenz. Die Who haben dieses Konzept vor 40 Jahren im Schlaglicht der Mod-Szene entworfen; Townshend komponierte 1973 mit Quadrophenia die Tragödie und arbeitet seither sein Satyrspiel ab.

Aus Materialschlachten sind Rückzugsgefechte geworden, deren Wirkung weniger auf Massen aus ist als auf, zum Beispiel, Solidarität mit sozial benachteiligten Gruppen. Das Alter spielt keine Rolle dabei, das Sterben spielt mit. Spät gekommene Konsumenten dieses Konzepts hat von Beginn eins interessiert: Wie singen die Alten ihr Lied von No Satisfaction, My Generation, wie sieht der Protest der Gebrechlichen aus, die vor dem Altwerden verbrennen wollten, wie ihr Widerstand.

Still ist dieser Alte nicht geworden, kein Grandseigneur, kein Greis, wie die Anwürfe lauten. Der Mann, der nicht bereit ist, ein Gedicht vom Leben zu trennen, ist ein gründlicher Mann.

The Lifehouse Chronicles, 6-CD-set, Eel Pie Records EPR 002/01-002/06


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00:00 20.05.2005

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