Gert G. Wagner
09.12.2010 | 10:45 2

Wider den Zahlen-Zwang

Glücksfrage Wer die Steigerung des amtlich gemessenen Glücks zum Politikziel macht, ersetzt die Demokratie durch eine Statistik-Technokratie

Das Sozialprodukt sagt wenig darüber aus, wie es den Menschen geht. Und neben der wachstumskritischen öffentlichen Diskussion in den siebziger und achtziger Jahren gab es mit der „Sozial-Indikatoren-Bewegung“ auch eine sozialwissenschaftliche Schule, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Qualität des Lebens umfassend statistisch darzustellen. In der aktuellen „Beyond GDP“-Bewegung wird dieser Ansatz nun auf die Spitze getrieben, wenn man fordert, dass das Sozialprodukt durch einen Lebensqualitäts-Indikator ersetzt werden soll, der die verschiedenen Aspekte des „guten Lebens“ in einer Maßzahl zusammenfasst. Während mit der Maximierung des Sozialproduktes unerwünschte Nebenwirkungen einhergehen, etwa Umweltzerstörung, Stress in der westlichen und Elend in der Dritten Welt, würde laut den Befürwortern die Optimierung eines Lebensqualitäts-Indikators die Lebensqualität tatsächlich erhöhen. Einige, wie jüngst der britische Premierminister David Cameron, fordern gar, dass man sich direkt an dem gemessenen Ausmaß von „Glück“ und „Zufriedenheit“ orientieren sollte – wie es schon in Buthan geschieht.

Diese Ansätze sind allerdings keineswegs so einfach umsetzbar wie das auf den ersten Blick erscheint. Es ist sicherlich sinnvoll, dass wir so gut wie möglich statistisch alle relevanten Aspekte des Lebens erfassen. Denn nur anhand von statistischen Indikatoren kann man Politik rational diskutieren und über ideologische Überlegungen hinausgehen. Freilich sollte man nicht versuchen, demokratisch legitimierte politische Entscheidungen durch eine Statistik-Technokratie zu ersetzen. Eine Verpflichtung der Politik, sich an statistische Kennziffern zu binden, wäre gefährlich, denn dann würden politische Entscheidungen vermeintlichen Sachzwängen überlassen. Am Beispiel der Glücks- und Zufriedenheitsforschung lässt sich dies gut zeigen.

Geld macht kaum zufrieden

Zuerst einmal sei festgehalten, dass es sich bei der „Glücks“-Forschung meistens gar nicht um Glück dreht (also um die kurzen Momente, in denen wir uns glücklich fühlen). Sondern es wird Lebenszufriedenheit gemessen, nämlich die Bewertung des Lebens insgesamt oder von einzelnen Aspekten. Viele Analysen basieren auf der Frage „wie zufrieden“ die Befragten mit ihrem „Leben insgesamt“ oder „ihrer Gesundheit“ oder „Freizeit“ sind. Damit wird eine Art momentaner Lebens-Bilanz gezogen.

Etliche Studien haben festgestellt, dass in Staaten wie Dänemark, der Schweiz oder Österreich die Menschen besonders zufrieden sind. Dieser Befund leuchtet vielen Menschen in Deutschland ein, wenn sie davon überzeugt sind, dass etwa die skandinavischen Länder Vorbild für die deutsche Politik sein können. Aber kann man aus derartigen Befunden wirklich Entscheidungshilfen zur Steigerung der Lebenszufriedenheit in Deutschland ableiten? Streng genommen sagt das Ergebnis des Vergleichs nur, dass ganz unterschiedliche Ausgestaltungen der Gesellschaft und des Sozialstaates zum Ziel führen können. Man muss sich nur die institutionellen Unterschiede zwischen der Schweiz und Dänemark klar machen. Aus solchen Statistiken kann man nicht unmittelbar Entscheidungen ableiten, sondern diese Statistiken können nur der Ausgangspunkt für vertiefte Analysen sein.

Analysiert man die Lebenszufriedenheits-Daten, dann stellen eine Vielzahl von Autoren fest, dass die Lebenszufriedenheit kaum vom Einkommen, sondern vor allem von guter Bildung abhängt. Die wiederum geht mit guten Arbeitsbedingungen einher, die Spielraum für eigene Entscheidungen geben. Eine Einkommenserhöhung steigert dann die Zufriedenheit, wenn sie zu einer relativen Positionsverbesserung führt. Der Haken an der Sache ist: Wenn jemand innerhalb der Arbeitshierarchie aufsteigt, dann muss zwangsläufig ein anderer an Status verlieren.

Unstrittig ist das Ergebnis, dass Arbeitslosigkeit verheerend wirkt. Sie reduziert die Lebenszufriedenheit schlagartig und die Unzufriedenheit wird im Durchschnitt auch nicht sofort überwunden, wenn Erwerbslose wieder Arbeit finden.

Der Befund zu den Effekten von Arbeitslosigkeit erklärt auch, warum viele Wachstumskritiker gleichzeitig in der Wirtschaftspolitik „Keynesianer“ sein können – also Befürworter von staatlichen Maßnahmen zur kurzfristigen Erhöhung des Wachstums – ohne sich selbst zu widersprechen. Die Zufriedenheitsforschung zeigt ja, dass es auf das Niveau des Sozialprodukts und des Einkommens gar nicht so sehr ankommt, Wachstumsskepsis wird also bestätigt. Arbeitslosigkeit sollte aber unter nahezu allen Umständen verhindert werden, weil diese die Lebenszufriedenheit extrem und nachhaltig absenkt. Und wer davon überzeugt ist, dass keynesianische Wirtschaftspolitik Arbeitslosigkeit verhindert, der kann als Wachstumskritiker offenbar gleichzeitig Keynesianer sein.

Wie vorsichtig man jedoch mit politischen Schlussfolgerungen aus der Zufriedenheitsforschung sein muss, zeigt der Befund, dass Menschen, die eine ehrenamtliche Tätigkeit ausüben, zufriedener sind als andere. Dadurch ist keineswegs bewiesen, dass Ehrenämter auch diejenigen, die erst durch politische Maßnahmen ein Ehrenamt annehmen würden, oder gar sanft dazu gedrängt würden, zufriedener machen würde.

Strategische Angaben

Was ist also zu Ideen zu sagen, „Zufriedenheit“ oder „Glück“ amtlich zu messen und zur unmittelbaren Grundlage von politischen Entscheidungen zu machen? Nun: In westlichen Demokratien sind Manipulationen kein Problem von Statistiken. Man kann den statistischen Ämtern zu recht vertrauen. Und trotzdem ist eine amtliche Zufriedenheitsstatistik, die zur Leitlinie der Politik gemacht würde, nicht sinnvoll. Das Problem besteht darin, dass dann, wenn einfache statistische Zielwerte zum Maßstab der Politik gemacht werden, das Regierungshandeln sich in der Regel daran – gegebenenfalls mit Tricks – anpasst. Das statistische Ziel wird herbeigeführt, aber das eigentliche Ziel, das erreicht werden sollte, wird vergessen. Dann aber verliert das statistische Ziel seine Aussagekraft und es wird sinnlos, wenn nicht gar gefährlich, dorthin zu steuern. Ein Beispiel ist die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Weltweit sind politische Manipulationen am Begriff des „registrierten Arbeitslosen“ üblich. So wird den konservativen britischen Regierungen nachgesagt, dass sie den Begriff der Arbeitslosigkeit 50 mal verändert haben, um mit niedrigen Quoten glänzen zu können. Würde man die erfragte Lebenszufriedenheit unmittelbar zu einem regierungsoffiziellen Zielindikator machen, dann würde wahrscheinlich nicht nur die Regierung versuchen Bevölkerungsgruppen durch „Wohltaten“ zu hohen Zufriedenheitsangaben zu bewegen, sondern Opposition und zivilgesellschaftliche Bewegungen könnten zu strategischen Unzufriedenheitsangaben aufrufen, um Vorteile für sich herauszuschlagen. Für die Befragten wäre dies risikolos. Es kann ja nicht geprüft werden, ob jemand bei einem Survey – und sei es ein hochamtlicher – lügt.

Da Befragte ihre Antworten auf Zufriedenheitsfragen umso weniger strategisch „wählen“, je weniger die Politik diese direkt zur Steuerung einsetzt, liegt eine „Doppelstrategie“ nahe: Wenn Politiker die Lebenszufriedenheit ihrer Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen wollen, dann sollten sie einen „Zufriedenheitsindikator“ nicht zu einem verbindlichen Zielwert machen. Die Erhebung von Lebenszufriedenheiten ist allerdings äußerst aussagekräftig, wenn die Erhebung und Analyse im Wissenschaftssystem erfolgen.

Gert G. Wagner lehrt Volkswirtschaft an der TU Berlin und leitet die Längsschnittstudie SOEP am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung

Kommentare (2)

Lethe 29.08.2012 | 14:48

Dei Psychologie der Arbeit, das, was Arbeitslose wollen und nicht wollen, das was nicht-Arbeitslose von ihrer Arbeit wollen und was sie in ihr finden, dürfte deutlich komplexer sein als alles, was absichtsorientierte Interpretationen der angebotenen Art sich je vorstellen dürften. Zufriedenheit durch Arbeit in einer sich selbst entfremdeten Welt - selten so gelacht.