Widerstand war möglich

Steinzeit In seinem Roman "Mein Jahr als Mörder" recherchiert Friedrich Christian Delius das Schicksal der NS-Widerstandsgruppe "Europäische Union"

Da wieder einmal eine Hitlerwelle das Land überschwemmt und die Sicht auf die NS-Geschichte ebenso unverfroren wie massenwirksam auf eine einseitige und bequeme Perspektive verkürzt wird, ist es besonders wichtig, auf einen Roman hinzuweisen, der in bester Aufklärungstradition auf die Opfer und aktiven Widerständler eingeht. Dem Berliner Schriftsteller Friedrich Christian Delius ist ein solcher Roman gelungen, ja man kann sagen, dass die Fakten, die er ausgegraben und zum Ausgangspunkt seines Romans gemacht hat, geradezu sensationell sind.

Es geht um eine bislang kaum bekannte Widerstandsgruppe um den Arzt Georg Groscurth und den (später in der DDR prominent gewordenen) Chemiker Robert Havemann, die ihre privilegierten Positionen - Groscurth wird als junger, doch höchst kompetenter Facharzt und Wissenschaftler sogar Leibarzt von Rudolf Hess - nutzen, um Verfolgten des Regimes, vor allem Juden und nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeitern, zu helfen. Schließlich bauen sie mit zwei anderen Freunden und weiteren Mitgliedern eine konspirative Untergrundorganisation, die "Europäische Union", auf, die sich auf die Zeit nach Hitler vorbereitet. Die ersten Flugblätter und Kontakte zu einem angeblichen Verbindungsmann zur Sowjetunion werden jedoch zum Verhängnis. Die Gruppe fliegt im Sommer 1943 auf. Am 6. Dezember 1943 werden die meisten Mitglieder in einem der üblichen Schauprozesse an Freislers Volksgerichtshof zum Tod verurteilt. Versuche, die Exekution aufgrund kriegswichtiger Forschungen hinauszuschieben, sind nur im Fall Robert Havemanns erfolgreich; Georg Groscurth wird am 8. Mai 1944 mit anderen Mitgliedern der Gruppe hingerichtet.

Fast erübrigt sich der Hinweis, dass der von aktivem Humanismus geprägte und höchst vorbildliche Widerstand jahrzehntelang übergangen wurde oder gänzlich unbekannt blieb, zumindest im Westen, wo es sogar bis zu den Sechzigern dauerte, bis man den Attentatsversuch aristokratischer Offiziere im Juli 1944 erst halbherzig, dann als repräsentativen Widerstand überhaupt feierte. Doch damit nicht genug. Delius zeigt am Beispiel Anneliese Groscurths, die als Frau Georg Groscurths überlebte, wie es den Angehörigen von Widerständlern in den Fünfzigern und Sechzigern, der "Steinzeit der Demokratie", wie Delius sie nennt, ergehen konnte. Vor allem wenn sie sich erdreisteten, demokratische Grundrechte in Anspruch zu nehmen und im Sinne humanistischer oder pazifistischer Ideale aktiv zu bleiben, ließen sich diese doch problemlos als kommunistisch ausgrenzen. Anneliese Groscurth, der als zweiter Heldin die volle Sympathie des Autors gehört, gerät zwischen die Fronten des Kalten Krieges, wird wegen ihres Engagements vom Berliner Tagesspiegel als "kommunistische Hexe" diffamiert und obendrein in einen zwei Jahrzehnte währenden Kleinkrieg mit einer gnadenlosen Justiz verwickelt. Doch Anneliese Groscurth leistet erneut Widerstand, hält an ihrem Beruf als Ärztin fest (ihre Stelle als Amtsärztin verliert sie aber ebenso wie ihre Rentenansprüche und sogar ihren Pass), gibt nicht auf und lässt sich auch ideologisch nicht verhärten. Den Idealen, die sie mit ihrem hingerichteten Mann teilte, bleibt sie treu.

Delius belässt es nicht bei diesen gut dokumentierten und spannend zu lesenden Fakten, sondern kleidet das Ganze in einen autobiographisch verbürgten fiktiven Rahmen. Er wählt 1968 als Einstieg, genauer gesagt, den 6. Dezember 1968, den Tag, an dem Hans Joachim Rehse, Beisitzer am Volksgerichtshof und als Richter verantwortlich für das Todesurteil gegen Georg Groscurth, freigesprochen wird. Rehse hatte nach 1945, wie fast alle Richter, unbehelligt überlebt und sogar zeitweise als Hilfsrichter fungiert, bis er 1967 angeklagt und verurteilt, 1968 aber in höherer Instanz freigesprochen wurde. Der Ich-Erzähler, der auch persönlich betroffen ist - er kennt Groscurths Söhne seit seinen Kindheitstagen im hessischen Wehrda - will es nicht bei Protestschreiben oder spontanen Demonstrationen belassen. Er verfällt stattdessen auf die Idee, den "furchtbaren Juristen" Rehse zu ermorden, um so, in einer Art nachgeholtem Widerstand, ein "Zeichen zu setzen". Der Mordplan, minutiös ausgemalt, wird freilich nicht realisiert, doch er wird zum Anlass der ausführlichen Recherchen.

Stück für Stück trägt der Ich-Erzähler das Material über die "Europäische Union" und ihre führenden Mitglieder zusammen, konsultiert dabei auch Anneliese Groscurth, deren Schicksal in den fünfziger Jahren ihn ebenfalls beschäftigt. Das Ganze soll zu einem Buch führen, das zeitgleich zum Attentat auf Rehse veröffentlicht werden soll, um so die Fundiertheit des Mordplans und die nötige Publizität zu sichern. Am Ende kommt es allerdings weder zum Mord - Rehse stirbt 1969 eines natürlichen Todes, und der Fall wird eingestellt - noch zum Buch. Das liefert der Autor erst viel später, nach 35 Jahren, im Rückblick auf die damalige Empörung.

Delius hat also weit ausgegriffen. Er rekonstruiert nicht nur das Schicksal der "Europäischen Union" und deren exemplarischen Widerstand, sondern nimmt auch die fünfziger und sechziger Jahre ins Visier, entscheidende Jahrzehnte, in denen sich zeigen sollte, wie (oder ob) man die NS-Vergangenheit verarbeitete. Delius verbindet die Zeitebenen geschickt und kontrastiert höchst effektiv die Vierziger mit den Fünfzigern und frühen Sechzigern. Auf die Details der Widerstandsarbeit und deren Scheitern folgt, in hartem Schnitt, der Wechsel zum zähen Überlebenskampf Anneliese Groscurths zehn Jahre später, fast aussichtslos angesichts der vielköpfigen "Hydra" der Berliner Justiz. Und gleichzeitig fällt so ein Schlaglicht auf die politische und gesellschaftliche Verstocktheit und Verfahrenheit im antikommunistischen Westdeutschland und Westberlin dieser Jahrzehnte.

Dass hier trotzdem nicht der große zeitenüberspannende Generationenroman zustande kam, den der Verlag versprechen möchte, liegt vor allem an der dritten Zeitebene, der Perspektive von 1968, die der um dreieinhalb Jahrzehnte ältere (und weisere) Autor nun rekonstruiert. Dabei ist die Mordidee nicht nur literarisch-technisch gesehen halbherzig und inkonsequent: Dem Ich-Erzähler, einem recht braven Einzelgänger aus dem Umkreis der Studentenbewegung, nimmt man den eiskalten Mordplan zu keiner Phase ab; und zudem begeht er, trotz der "Beichte", die er abliefert, den Mord nicht. Schwerwiegender noch erscheint die durchgängige Ironisierung der 68er-Bewegung, die teils mit berechtiger Kritik, teils höchst klischeehaft vergegenwärtigt wird, aber nicht in ihrer kritischen Distanz zum NS-Regime und zu den verstockt-antikommunistischen Fünfzigern gesehen wird. Dass es erst der Anstoß der Studentenbewegung sowie früherer Protestbewegungen war, die zur Kritik am NS-Regime und dessen unverarbeitetem Nachleben führte, auf diesen Gedanken kommt ein Leser bei diesem Roman nicht.

Friedrich Christian Delius: Mein Jahr als Mörder. Roman, Berlin: Rowohlt, 2004, 304 S., 19,90 EUR


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00:00 18.02.2005

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