Alexander Ulfig
22.01.2010 | 15:33 147

Wie atheistisch ist die Linke noch?

Diskussion Die Kritik, die von linker Seite am Christentum geübt wurde, wird gegenüber dem Islam kaum geäußert. Ein Beitrag nicht nur zum Zustand der Religionskritik

Die Linken standen früher an vorderster Front im Kampf gegen die Religion. Sie haben den modernen Atheismus erfunden und setzten sich auch politisch mit allem Nachdruck für die Beseitigung der Religion ein. Karl Marx schreibt am Anfang seines berühmten Buches Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“. Marx bestimmt Gott in Anlehnung an Feuerbach als ein Produkt des Menschen, genauer: ein Produkt der Projektion menschlicher Fähigkeiten und Wünsche. Die Religion ist für ihn Ideologie, falsches Bewusstsein. Sie lenkt als „Opium des Volks“ die Menschen von ihren eigentlichen Problemen ab. Mit ihrer Hilfe wird das Volk von der herrschenden Klasse unterdrückt. Ein Ziel des Kommunismus ist daher die Abschaffung der Religion.

Die Linken nach Marx folgten diesem radikal atheistischen und antireligiösen Standpunkt. Die orthodoxen Marxisten versuchten in den von ihnen errichteten kommunistischen Diktaturen, die Religion langfristig auszumerzen. Die Neomarxisten der 68er Bewegung bekämpften das Christentum und die katholische Kirche, indem sie die sexuelle Revolution in Gang setzten, sich für das Recht auf Abtreibung und gegen den Religionsunterricht aussprachen. Der Mensch sollte sich in einem Emanzipationsprozess von allem, was ihn behindert, also auch von religiösen Schranken, befreien. Die 68er Bewegung war eine antiautoritäre Bewegung. Sie lehnte jegliche Autorität, sei es familiärer, erzieherischer, staatlicher, intellektueller oder religiöser Art ab.

Wiederkehr des Religiösen

Ich kann mich daran erinnern, dass noch in den 80er Jahren, in meiner Studienzeit, die Mitglieder der Katholischen Studentengemeinde von linksgerichteten Studenten gar nicht ernst genommen, oft wegen ihres Glaubens ausgelacht wurden. Nebenbei bemerkt: Studenten aus dem islamischen Kulturkreis, die ich damals kennen gelernt habe, waren ausnahmslos links. Es waren Marxisten, Kommunisten und Sozialisten, die völlig areligiös waren. Sie kamen meist aus der Türkei, dem Iran und Palästina.

Alles änderte sich mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und mit der in den 90er Jahren einsetzenden sog. „Wiederkehr des Religiösen“, insbesondere dem Erstarken des Islam. Die Linken (dazu zähle ich die Partei Die Linke, die linksalternativen Grünen und die Linken in der SPD) änderten ihre Haltung gegenüber religiösen Menschen. Sie zeigen nun nicht nur Verständnis für Gläubige, sondern solidarisieren sich mit ihnen. Allerdings betrifft es nicht die Christen, sondern nur die Muslime.


Die Linken zeigen Verständnis für den Islam, also für eine Religion, die wesentlich mehr als das (heutige) Christentum deren Welt- und Lebensauffassungen widerspricht. Es handelt sich hierbei nicht so sehr um das monotheistische Weltbild, das beiden Religionen gemeinsam ist, als vielmehr um die Bereitschaft, religiöse Überzeugungen kritisch zu hinterfragen, aber auch um das Verhältnis zur Sexualität und zur Pluralität von Lebensgemeinschaften.

Die Kritik, die von linker Seite seit der Aufklärung gegenüber dem Christentum vorgetragen wurde, wird gegenüber dem Islam gar nicht geäußert. Gemeint ist nicht nur die Religionskritik der französischen Aufklärer (La Mettrie, Holbach, Diderot) sowie die Religionskritik von Feuerbach und Marx, sondern auch die in der Psychoanalyse geäußerte Ablehnung des Monotheismus. Für Freud und viele andere Psychoanalytiker, wie z.B. Fromm, ist Gott eine Vaterfigur, von der sich der einzelne Mensch lösen muss. Religion ist eine „universelle Zwangsneurose“, die auf der Verdrängung ungelöster Triebkonflikte basiert. In der auf Emanzipation des Menschen ausgerichteten 68er Bewegung spielte die Mischung aus marxistischer und psychoanalytischer Religionskritik eine wichtige Rolle.

Die Einzigen aus dem linken Spektrum, die eine homogene Kritik am Islam äußern, sind Feministinnen wie Alice Schwarzer. Doch sie kritisieren den Islam nicht aus links-atheistischer, sondern aus frauenrechtlicher Perspektive. Sie machen aufmerksam auf Phänomene wie die Ungleichbehandlung von Frauen in islamischen Ländern, den Zwang zum Kopftuch-Tragen, die Zwangsheirat, den Ehrenmord und die Genitalverstümmelung.

Gemeinsame Front

Betrachtet man das Verhältnis der Linken zu Muslimen, muss man zwischen dem gebotenen Einsatz für die Rechte von Minderheiten und dem Eintreten für die eigenen atheistischen Überzeugungen unterscheiden. Doch von dem Letzteren hören wir von linker Seite gar nichts mehr. Überhaupt scheint das kritische Reflexionspotential, das aus linkem Atheismus und linker Religionskritik hervorgegangen ist, ausgestorben zu sein. Schade, denn würden die Linken ihren Atheismus wie früher offen und konsequent vertreten, könnte eine kontroverse Debatte über die Rolle von Religion in Gang gesetzt werden. Sie würde sich vermutlich wesentlich von der heute geführten Debatte unterscheiden.

In dem Streit um den Bau der Kölner Moschee z.B. stellten sich linke Organisationen, die Partei Die Linke und die Grünen, auf die Seite der Bau-Befürworter. Das war widersprüchlich, denn von ihrem atheistischen und antireligiösen Standpunkt aus hätten sie sich gegen den Bau jeglicher Gotteshäuser aussprechen sollen. In dem Streit um das Minarett-Verbot in der Schweiz zeigten sich linke Politiker aller Schattierungen empört über die Entscheidung der Schweizer. Nach einer Besinnung auf ihre eigenen atheistischen Überzeugungen konnten wir auch diesmal vergeblich suchen.

Es fällt ihnen offenbar nicht schwer, ihre tiefsten Überzeugungen zu verstecken, solange es ihrer politischen Strategie nützt.
Für Oskar Lafontaine gibt es sogar „Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion“. Sie bestehen in der Hervorhebung der Gemeinschaft, in der Verpflichtung zu teilen und im Zinsverbot. Die unüberwindbaren Unterschiede wie die Verneinung der Existenz Gottes und die Ablehnung jeglicher Religion sowie jeglicher religiöser Autorität, aber auch die Befürwortung der Abtreibung, der sexuellen Freizügigkeit und der gleichgeschlechtlichen Ehe durch die Linken werden von ihm verschwiegen.

Die Linken sind an einem echten Dialog mit dem Islam gar nicht interessiert. Um einen solchen Dialog zu führen, müssten sie sich mit religiösen Inhalten auseinander setzen, wozu sie verständlicherweise nicht bereit sind. Da eine inhaltliche Auseinandersetzung nicht möglich ist, spannen sie den Islam für ihre politischen Ziele ein. Die von ihnen angestrebte Allianz mit dem Islam soll sich in einer gemeinsamen Front gegen die Politik der USA und Israels sowie in dem gemeinsamen Kampf gegen das Kapital und das freie Unternehmertum manifestieren. Sie denken nach dem Motto: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“ Doch die Aussichten für die Etablierung einer solchen Allianz sind klein, denn nichts ist für die Muslime so fremd wie die gottlosen Linken.

Wenn die Linken ihre Glaubwürdigkeit in puncto Religion nicht gänzlich verlieren möchten, täten sie gut daran, sich auf ihre atheistischen Wurzeln zu besinnen und konsequent ihre atheistischen Überzeugungen zu vertreten. Damit würden sie ihrer historischen Mission, einen säkularen Staat zu schaffen und ihn gegen seine Feinde zu verteidigen, genüge tun.


 

Alexander Ulfig arbeitet als freier Autor. Er veröffentlichte u.a. Die Überwindung des Individualismus.

Kommentare (147)

Baszlo 22.01.2010 | 17:05

Sehr guter Artikel! Es ist wirklich immer wieder verblüffend, wie schnell viele sogenannte Linke bereit sind, die Werte und Errungenschaften der Aufklärung über Bord zu werfen, sobald die Sprache auf den Islam kommt. Gerade die Grünen outen sich damit immer als rechtskonserativ im Denken.
Ich hoffe ja immer noch, dass mit dem wiedererstarken der Religionen, auch eine Renaissance der Aufklärung stattfindet. Leider bewegt sich da nur wenig.

Azenion 22.01.2010 | 17:58

Der Artikel entspricht genau meiner Meinung.

Die unsägliche "Der-Feind-meines-Feindes-ist-mein-Freund-Regel" untergräbt beträchtlich die Glaubwürdigkeit der Linken.

Die Furcht vor Beifall vom politischen Gegner darf doch nicht dafür sorgen, daß man seine wohlbegründeten Prinzipien aufgibt.

Ich jedenfalls bin bekennender Linker und Islamgegner - einfach weil der Islam als Ideologie gegen Skeptizismus und individuelle Freiheit steht, und weil seine Sexualmoral so ziemlich das repressivste ist, was man sich denken kann.

miauxx 22.01.2010 | 18:10

Ja, da muss ich auch zustimmen: Das quasi verpflichtende Eintreten für Minderheitenrechte läßt Distanznahme auch zum Islam vermissen.
Allerdings gibt es eben (leider) nicht 'die Linke'. Einer der heutigen Streitpunkte, der auch zur Zerrissenheit beiträgt, ist die Frage der Parteinahme für Israel. Es gibt 'linke' Gruppen, die auf eine nicht zu hinterfragende Unterstützung Israels bestehen. Das ist ebenso problematisch angesichts der Frage religiöser Parteinahme.

Kann man Alice Schwarzer wirklich als 'links' bezeichnen? Ich weiss ja nicht ...
War in der alten BRD alles und jeder, der in gewissen Fragen nonkonform mit der offiziellen, bürgerlichen Linie war gleich links?

Fro 22.01.2010 | 18:39

Ich finde es anmaßend, Religionen zu kritisieren. Anhänger einer Religion zu sein, oder ihre Rituale zu praktizieren, ist Privatsache. Die Zeiten, in denen man versucht den Menschen zu erzählen, wie sie denken sollen, sind vorbei.
Etwas anderes ist es, wenn im Namen einer Religion oder einer Ideologie Menschenrechte verletzt werden. Dann geht es um die Verletzung der Menschenrechte und den Hinweis, dass hier eine Religion missbraucht wird.

Auch die Idee der Demokratie wird missbraucht. Im Namen der Demokratie werden Afghanen getötet. Und im Namen des Sozialismus sind hunderttausende Menschen hingerichtet worden.

Viele Christen und Muslime tun Gutes im Namen ihrer Religionen.
Und Demokraten und Sozialisten streiten für Menschenrechte.

Es geht um die Taten. Und wenn jemand die Menschenrechte verletzt ist es zweitrangig, in wessen Namen. Sie müssen eingehalten werden – da gibt es kein Pardon.

Und die Zurückhaltung wenn es um die Kritik am Islam geht, ist auch darin begründet, dass es eine von interessierter Seite veranstaltete Kampagne gegen de Islam gibt, um unsere Gesellschaft zu spalten und den Kriegseinsatz in Afghanistan zu rechtfertigen.

Und Marx hat nie die Religionen bekämpft, er hat lediglich von einer Welt geträumt, in der sie überflüssig sind.

derDonnerstag 22.01.2010 | 18:58

@Fro
"Anhänger einer Religion zu sein, oder ihre Rituale zu praktizieren, ist Privatsache."

Eine Religion abzulehnen und ihre Rituale nicht zu praktizieren, ist ebenso Privatsache. Deshalb kann es auch nicht per se anmaßend sein, Religionen zu kritisieren.

"Die Zeiten, in denen man versucht den Menschen zu erzählen, wie sie denken sollen, sind vorbei."

Offene Kritik an einer Religion bedeutet nicht per se, den Anhängern dieser Religion den Glauben an eben diese verbieten zu wollen.
Ich schätze, Du meinst mit Deinem Satz: "Die Zeiten ... sollten vorbei sein". Faktisch sind sie nicht vorbei. Wie die Menschen zu denken haben, wird ihnen heute nur meist auf subtilere Art beigebracht. Z.B. durch neoliberalen Neusprech und die penetrante Wiederholung verbogener Begriffe wie "Eigenverantwortung".
Grundsätzlich betrachte ich Religionen als Untermenge von Ideologien. Es darf wohl als Konsens gelten, dass man Ideologien kritisieren darf, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob sich deren Anhänger eventuell beleidigt fühlen könnten. Wer dasselbe für Religionen abstreitet, sollte dafür gute Gründe anführen können.

Frnk 22.01.2010 | 19:19

Atheismus heißt einfach Verneinung eines letzten Orientierungspunktes. Der Begriff dient als Vorwurf gegen Feinde der politisch-religiösen Ordnung, wie z.B. die frühen Christen im Imperium Romanum, oder er wird selbst ins Feld geführt von Leuten, die letztlich orientierungslos in die Irre gehen. Die politische Religionskritik dagegen fängt mit der Bibel an und mit Israels Rebellion gegen die von alters herrschenden Götter Ägyptens. Hier liegt die Wurzel aller Emanzipationsversuche in der Geschichte des Westens.

miauxx 22.01.2010 | 19:26

Was ich noch ergänzen wollte: Genauso leicht wie Alice Schwarzer im Artikel zu Linken wird, werden hier Feuerbach, Marx etc. bereits zu 'Linken' erklärt. Heutige Linke werden also auf Vordenker vieler ihrer Ideale festgenagelt, wie eben diese Vordenker umgekehrt auf jene Linke. Gleichsam wird 'links' mit der antiautoritären Haltung der 68er erklärt. Das ist zu simpel und geht historisch nicht auf.

Auch Fro würde ich zustimmen - man muss nicht, wenigstens heutzutage nicht mehr, religionsbekämpfende Haltungen einnehmen. Insofern "dürfen" Linke doch auch Verständnis für Muslime aufbringen - wenn auch weltanschaulich da grundsätzliches auseinandergeht.

Fro 22.01.2010 | 19:30

@derDonnerstag
„Die Zeiten, in denen man versucht den Menschen zu erzählen, wie sie denken sollen, sind vorbei.“

Damit meine ich, dass es nicht mehr zeitgemäß ist – es hilft nicht und schafft nur Widerstand.
Dass es täglich tausendfach und ganz subtil geschieht ist klar.
Ich bin auch kein Fan von Religionen, aber für viele sind sie aus unterschiedlichen Gründen wichtig und nützlich. Da will ich mich nicht einmischen – das wäre für mich anmaßend.

Eine allgemeine Kritik an der Funktionsweise und den Missbrauch von Religionen und Ideologien finde ich ok. Und da wir uns hier im Kreise von irgendwie Linken befinden, wäre das Thema Ideologiegläubigkeit vielleicht noch angebrachter, weil darüber wahrscheinlich mehr Kenntnisse vorhanden sind als zum Islam. Ideologiegläubigkeit und Religionsgläubigkeit gehören zusammen – das sehe ich genauso wie Du.

kinkelstein 22.01.2010 | 19:55

Zitat:
"Damit würden sie ihrer historischen Mission, einen säkularen Staat zu schaffen und ihn gegen seine Feinde zu verteidigen, genüge tun."

Und ich dachte immer die ganze Kommunismusgeschichte soll irgendwann mal in den staatenlosen Zustand führen. Aber vielleicht sind Kropotkin, Landauer und Mühsam auch einfach keine "Linken"...

Mein Fazit: Einer der oberflächlichsten und verkürzten - infolgedessen dümmsten - Artikel die ich zu diesem Thema bislang lesen durfte.

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sachichma 22.01.2010 | 21:38

Hier in Frankreich ist Religion erst einmal Privatsache, ist Sekularität Prinzip. Gibt übrigens auch keine Kirchensteuer.

Das Chliché "leben wie Gott in Frankreich" stammt aus der Zeit als die Franzosen den Klerus, wegen seiner Nähe zu dem vampirischen Adel ablehnten, und damit Gott arbeitslos machten.

Allerdings möchte ich doch 'mal daran erinnern das die Linken sich zwischen 92 und 95 mit allen Mitteln gegen die Entstehung eines "muslimischen" Staates in Europa gewehrt hatten. Die momentane Befürwortung für sakrale Gebäude entspringt wohl eher einem Opportunismus. Auf meine Reportagen über Roma Sinti reagieren in erster Linie bestimmte Gruppen die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten, der Rest, egal ob links oder rechts interessiert die Diskriminierung von 5.000.000 Menschen in Europa einen Dreck!

Und wenn Oskar über "Schnittmengen" laut nachdenkt ist das genauso Populismus.

derDonnerstag 22.01.2010 | 21:41

@Fro
Ok, ich verstehe, was Du meinst. Ich bin fast Deiner Meinung. Wenn ich als "Ungläubiger" mit einem Gläubigen über seine Religion diskutiere, dann kommt dabei i.d.R. wenig herum. Ich habe es schon einige Male versucht, dabei den Fokus auf den historischen Gehalt der betreffenden Religion (Christentum; kath./ev.) zu legen. Führte aber zu nichts, da Gläubigen der Realitätsgehalt ihrer Religion in aller Regel völlig schnuppe ist. Der Gläubige glaubt eben und ich nicht. Solche Diskussionen kann man sich also sparen. Man diskutiert ja auch nicht mit einem Bayern-München-Fan, um ihn zu St. Pauli zu bekehren - es sei denn unter Alkoholeinfluss.
"Anmaßend" würde ich eine solche - direkte - Religionskritik dennoch nicht nennen. Es gibt z.B. mindestens ebenso gute Gründe, die "Jungfräulichkeit" Marias anzuzweifeln, wie daran zu glauben. Diskussionen mit Gläubigen darüber sind überflüssig.
Dennoch sollten Atheisten und Agnostiker ihre Meinung auch zu religiösen Inhalten genau so offen vortragen wie Gläubige das tun, meine ich. Religionen neigen nun einmal dazu, Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen und ihre Glaubensinhalte zum Maßstab des Handelns zu erklären. Z.B. im Religionsunterricht.

André Rebentisch 22.01.2010 | 23:22

Bis in die 90er Jahre hatte die sogenannte Befreiungstheologie eine starke Stellung, das war Marxismus in neuen Schläuchen. Ebenso war lange Zeit die evangelische Kirche ein Hort einer "linken" Interessenvertretung und Agitation. Mir war das immer sehr unangenehm, und mir sind es immer noch die Interventionen von meiner Bischöfin in die Politik.

Ich habe den Eindruck, dass die atheistischen Aufklärer des 19. Jh. Religion nicht verstanden haben. Theologisch gesprochen muss man den "Sitz im Leben" beachten und die soziale Funktion von einer Ritualisierung. Es ist schwer einen ausserreligiösen Grund anzugeben, warum unsere Toten nicht in einer Müllverbrennungsanlage entsorgt werden. Religion ist auch immer eine Art gefrorerene Geschichte, Identitätsstifter, Mythologie die literarisch memetisierte Geschichte des Religionsstreites, eine durch und durch politischen Kampfes um das "richtige Leben". Und gerade der Vergleich des Abendlandes mit dem Islam zeigt, dass Religion durchaus eine kulturell starke "Software" ist. Nur weil Kritiker oberflächlich Prämissen kritisieren, heisst das nicht, dass sie nicht funktioniert und genau auf den Menschen maßgeschneiderte Angebote hat, dass Religion nicht gewissermassen eine universelle Narration aufbaut. Fehlte sie, was tritt an ihre Stelle? Das ist eine sehr wichtige Frage, die jemand mit einer emanzipatorischen Absicht und 150 Jahre mehr geschichtlicher Erfahrung zu beantworten versuchen sollte.

klonkifanko 23.01.2010 | 01:32

Ich muss mich denjenigen Vorrednern anschließen, die die Pauschalidentifikation zwischen "links" und "atheistisch" kritisieren. Nicht, weil ich selbst gläubig bin, sondern weil ich aus prinzipiellen Gründen der Überzeugung bin, dass der atheistische Standpunkt so wenig begründbar ist wie der theistische.

Ich bin Agnostiker und halte mich - politisch betrachtet - dennoch für links. Nach meiner Auffassung ist die Entscheidung, etwa den Bau der Kölner Moschee zu unterstützen, daher eine rein politisch-strategische und keine "der tiefsten Überzeugungen". Wenn es aber eine solche ist, dann müssen Kalkülabwägungen erlaubt sein. Und, seien wir ehrlich, wärt Ihr selbsternannten Linken lieber mit Pro Köln e.V. demonstrieren gegangen?

Was die politische Bedrohung durch fundamentalistischen Islam betrifft, bin ich natürlich der Auffassung, dass gegen derlei Dogmatismus angegangen werden muss. Es ist jedoch - auch und gerade unter Linken, die sich sonst ihrer kritisch-differenzierten Meinungen rühmen - Pflicht, keine Pauschalurteile über Muslime zu fällen. Islamismus und Islam sind zwei verschieden paar Schuhe. Und, so leid es mir tut, es gibt nun einmal zu viele gläubige Menschen auf der Welt, um Religiosität per "Atheismus-Erlass" am Schreibtisch zu lösen. Wenn es aber stattdessen um Dialog gehen soll, dann ist mehr Offenheit gefragt als es der ebenso dogmatische Standpunkt des Atheismus überhaupt zulässt.

derDonnerstag 23.01.2010 | 02:32

@wolkensieber
Mag sein, dass die Befreiungstheologie "Marxismus in neuen Schläuchen" war. Ich wüsste jetzt aber auf Anhieb nicht zu sagen, wo in der Bibel geschrieben steht, dass Kirche rechts zu sein hat.
Vielleicht haben die Befreiungstheologen auch einfach nur die Bibel interpretiert, ohne Herrschaftsinteressen zu berücksichtigen. Im Gegensatz zur christlichen Tradition, unter Berufung auf "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist ..." vor den Mächtigen zu buckeln und sich zum Dank dafür selbst die Taschen vollstopfen zu dürfen.

Deshalb ist mir Dom Helder Camara auch so sympathisch, obwohl er ein Katholik war. Wegen solcher Aussagen, die er auch in die Praxis umsetzte:
"Wir sind keineswegs nur Hirten, um für die Seelen zu sorgen; wir sind es für den ganzen Menschen."
"Wenn ich den Armen zu essen gebe nennen sie mich einen Heiligen. Wenn ich frage warum die Armen kein Essen haben nennen sie mich einen Kommunisten."

derDonnerstag 23.01.2010 | 02:49

@klonkifanko
"Ich muss mich denjenigen Vorrednern anschließen, die die Pauschalidentifikation zwischen "links" und "atheistisch" kritisieren."
"Ich bin Agnostiker und halte mich - politisch betrachtet - dennoch für links."

So geht es mir auch. Ich finde, es gibt gute Gründe, als Linker Religionsgemeinschaften generell skeptisch gegenüberzustehen. Vor allem monotheistischen Religionen, die glauben, die (göttliche) Weisheit gepachtet zu haben. Dennoch muss man als Linker kein Atheist sein. Man kann sogar ein Linker und zugleich Katholik sein. (s.o.)

Was den Bau der Kölner Moschee betrifft: Natürlich würde ich niemals mit ProKöln gemeinsam demonstrieren gehen. Wäre ich allerdings der Auffassung, dass generell keine Gotteshäuser gebaut werden sollten, dann würde ich meine Meinung dazu auch dann öffentlich vortragen, wenn ProKöln sie teilt - nur nicht mit denen zusammen. Das war jetzt eine rein hypothetische Überlegung. Ich finde es nämlich ok, wenn Kirchen, Synagogen oder Moscheen gebaut werden.
Nicht ok finde ich es, wenn in bestimmten Moscheen Hass gepredigt wird, genau so, wie ich es nicht ok finde, wenn im Kölner Dom mal wieder Hass gepredigt wird.
Ebenfalls nicht ok finde ich es, dass Salman Rushdie um sein Leben fürchten muss, weil irgendwelche Muslime sich wegen seiner "Satanischen Verse" beleidigt fühlen und ein verpeilter Despot wie Khomeini ihn mit einer Fatwa überzogen hat. Deshalb fand ich den Plan von Günter Wallraff, in einer Moschee aus den Satanischen Versen zu lesen, sehr begrüßenswert. Doch leider wurde er daraufhin ebenfalls mit dem Tod bedroht und ließ es.
Das ist in meinen Augen das Hauptproblem: aus (berechtigter) Angst vor Repressalien schweigen viele lieber, wenn es um Kritik am fundamentalistischen Islam geht.

ea3321 23.01.2010 | 08:53

“Alle Kritik beginnt mit der Religionskritik.” sagt Ludwig Feuerbach irgendwo und Richard Dawkins führt aus: “In Bezug auf 99,9% aller bisherigen Götter sind wir alle Atheisten. Manche von uns sind eben schon einen Gott weiter.”
Leider wird der Aspekt “Säkularismus” momentan völlig aus den Augen verloren.
Meiner festen Überzeugung nach müssen gerade die linken Kräfte in einer Gesellschaft besonders wachsam sein, was Wiedererstarken von Religion angeht. Die geschichtliche Erfahrung zeigt, das gerade Linke besonders darunter zu leiden haben. Gerade wir Linken sollten aufgrund der leidvollen Erfahrungen unserer GenossInnen in islamischen Ländern sehr nachdenklich mit dem Thema umgehen. In allen demokratischen Staaten gibt es eine aktive Gewerkschaftsbewegung und ein breites politisches Spektrum von rechtskonservativen bis linkskommunistischen Parteien, die problemlos wählbar sind. Versuche das mal in islamischen Ländern zu finden!
Es ist nicht unsere (linke) Aufgabe, religiöse Bestrebungen und Machtdemonstrationen aus dem Privatbereich hinein in den öffentlichen Raum auch noch zu fördern. Immer wieder wird von gesagt, “freie Ausübung von Religion” sei für Muslime oder Christen nicht möglich. Es ist immer die Frage WIE “freie Religionsausübung” aussieht. Das kann nur im Kontext des Grundgesetzes geschehen. Und das BGB und StGB stehen über heiligen Schriften und Aussagen von Priestern.
Schwimmverbot und Verbot der Teilnahme am Sportunterricht für Töchter muslimischer Eltern, Tragen von Burka, Schleier oder Kopftuch im öffentlichen Dienst, Beschneidung neugeborener Knaben, Kreuze und Nonnen in Schulen, das Schächten von Tieren sind vieleicht Bedürfnisse von Religiösen, aber nicht Teil unserer säkularen und menschenrechtsorientierten Gesellschaft. Ein Paradoxon ist auch, dass die muslimischen Frauen unter Einsatz ihres Lebens in ihren Heimatländern dafür kämpfen, sich vom Schleier zu befreien, während sie ihn teilweise im Westen zurückfordern.
Im übrigen möchte ich das Marx-Zitat noch vervollständigen:
“Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks. Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks: Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.” MEW, Bd.1
Wir als Linke sollten also dafür sorgen, dass die URSACHEN für Leid verschwinden, nicht Philosophien fördern und unterstützen,die auf das Glück in einer jenseitigen Welt verweisen und alle Verbesserungen in dieser Welt vom Willen eines Gottes abhängig machen.
Zu der Minarettfrage empfehle ich euch mal hier: hpd.de/node/8349
oder die Schweizer Feministin Julia Oncken: www.welt.de/kultur/article5404429/Das-Minarett-symbolisiert-unterdrueckte-Frauen.html
Wir dürfen es nicht zulassen, dass diese Diskussionen von den Neonazis und der “PRO XY” Bewegung übernommen wird, die lediglich auf rassistischer Ebene auf Stimmenfang gehen.
Unsere Unterstützung muss immer denjenigen gelten, die wegen ihres Wunsches nach freier Entwicklung ohne Stammes.-Religions.- (Un) Kulturtabus von Gewalt und Tod bedroht sind.
In unseren programmatischen Eckpunkten heißt es:
““Ausgehend von der Verpflichtung des Staates zur weltanschaulichen und religiösen Neutralität treten wir für eine konsequente Trennung von Staat und Kirche/Religion ein.
Wir bekennen uns zur verfassungsmäßig garantierten Religions-, Bekenntnis- und Gewissenfreiheit als Grundsäule der Demokratie und Aufklärung und lehnen gewaltsame Missionierung, staatlich verordnete Indoktrination und gesetzlich privilegierte Sonderstellungen von Kirchen und Religionsgemeinschaften ab.
Das religiöse und weltanschauliche Bekenntnis ist ein Recht und die Freiheit des Individuums (ist) Teil des Privatbereiches jedes Menschen.“”
Gruss Frank

Verwendungszweck 23.01.2010 | 12:11

Ich fasse mal zusammen. Die Linken sollen bitteschön religionsfeindlich sein, aber nicht gegenüber Christen und Juden. Während die Nicht-Linken schon alles richtig machen, wenn sie die Religionsfreiheit und die freie Religionsausübung hochhalten -- ausnehmlich der Muslime.

Ist es möglich, dass neun Jahre Kriegspropaganda in manchem Hirnstamm No-Go-Areas errichtet haben, und die Plastizität des Gehirn manche Gedanken nun auf absonderliche Reisen schickt?

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fidelche 23.01.2010 | 13:06

Sehe ich genauso!
Der beste Artikel, den ich je in der Freitag gelesen habe.
Ich wurdere mich nur, dass er veröffentlicht wurde.
Bisher las ich immer ausweichende und relativierende Artikel bezüglich den menschenverachtenden Zuständen in bestimmten islamischen Ländern. (Steinigungen, Hinrichtungen usw).
Wenn Alexander Ulfig öffters schreiben würde, wäre dies ein Grund die Printausgabe zu kaufen.

oca 23.01.2010 | 13:15

"Für Oskar Lafontaine gibt es sogar „Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion“. Sie bestehen in der Hervorhebung der Gemeinschaft, in der Verpflichtung zu teilen und im Zinsverbot."

Ja, für Oskar Lafontaine wäre da noch die Schnittmenge des Antisemitismus zu nennen, die ja schon im "Zinsverbot" anklingt. Oskar Lafontaine ist bestenfalls linksnational. Der Autor hat wirklich gar nichts verstanden.

oca 23.01.2010 | 14:09

Fazit: konnte man für dieses eigentlich interessante Thema nicht einen fähigen Autor finden?

Einen, der wenigstens dazu in der Lage ist, zwischen Religionskritik und Ressentiment zu unterscheiden?

Und einen, der sich wenigstens die Mühe macht, mal jenseits der Abendnachrichten im ZDF nach linker Kritik an Islam und Islamismus zu suchen?

oca 23.01.2010 | 14:38

"Die von ihnen ['den' Linken, oca] angestrebte Allianz mit dem Islam soll sich in einer gemeinsamen Front gegen die Politik der USA und Israels sowie in dem gemeinsamen Kampf gegen das Kapital und das freie Unternehmertum manifestieren."

Wie oben bereits angemerkt wurde, ist das eine ziemlich üble Verschwörungstheorie. Leider trifft sie für einen sehr kleinen Teil derjenigen, die sich selbst als links verstehen zu und gilt in abgeschwächter Form (wenn man das Wort Allianz streicht und durch so etwas wie falsch verstandene Solidarität ersetzt) auch für einen größeren Teil antizionistischer Linker. Dass das nicht die gesamte "Linke" ist, und in wie weit eine solche Linke überhaupt noch links wäre, kann dem Autor ja egal sein, der hier sowieso nur einen Brei aus Vorurteilen abliefert.

oca 23.01.2010 | 14:40

"Die von ihnen ['den' Linken, oca] angestrebte Allianz mit dem Islam soll sich in einer gemeinsamen Front gegen die Politik der USA und Israels sowie in dem gemeinsamen Kampf gegen das Kapital und das freie Unternehmertum manifestieren."

Wie oben bereits angemerkt wurde, ist das eine ziemlich üble Unterstellung. Leider trifft sie für einen sehr kleinen Teil derjenigen, die sich selbst als links verstehen zu und gilt in abgeschwächter Form (wenn man das Wort Allianz streicht und durch so etwas wie falsch verstandene Solidarität ersetzt) auch für einen größeren Teil antizionistischer Linker. Dass das nicht die gesamte "Linke" ist, und in wie weit eine solche Linke überhaupt noch links wäre, kann dem Autor ja egal sein, der hier sowieso nur einen Brei aus Vorurteilen abliefert.

klonkifanko 23.01.2010 | 15:59

Den ersten Abschnitten zuzustimmen, ist trivial. ;)

Dem letzten stimme ich freiwillig zu. Ich bin auch der Meinung, dass an Kritik zu wenig passiert und dass es inakzeptabel ist, dass beispielsweise keine Karikaturen von "Heiligen" abgedruckt werden dürfen. Das effektiv zu kritisieren ist allerdings eine Frage der Analyse des Zeitgeistes. Einerseits wird dabei Angst bestimmt eine Rolle spielen, andererseits aber auch ein akutes Vakuum an sicheren Perspektiven und Werten seitens der westlich-kapitalistischen Gesellschaften. Schließlich hat auch fundamentalistisches Christentum (gerade in Amerika) wieder mehr Zulauf.

ea3321 23.01.2010 | 15:59

gerade bei Twitter gefunden: Bielefelder Professor löst mit seiner Islam-Kritik Welle der Empörung aus

mt-online.de/lokales/regionales/3344523_Islam-Kritik_beschaeftigt_Ermittler.html

www.nw-news.de/owl/3346293_Muslime_fuehlen_sich_beleidigt.html

Besonders erschreckend: "Dieser Mann ist eine Ameise. Er hat an einer Hochschule nichts zu suchen" fordert Ayhan

Was macht man mit Ameisen? Tottreten? Bekommen wir unseren "nächsten Fall Westergaard" schneller als gedacht?

Gruss Frank

Columbus 23.01.2010 | 16:23

Lieber Herr Ulfig,

Ich weiß nicht, wann ihre Zeit des Kennenlernens „Linker“ gewesen ist. Aber unbestritten ist doch, dass die Befreiungstheologie oder auch eine große Strömung in der evangelischen Kirche in Deutschland, sich dem linken Denken verbunden fühlte und manche sich noch heute so einordnen. Denken Sie einmal an Leonardo Boff oder Ernesto Cardenal, denken Sie an Dorothee Sölle, natürlich an Karl Barth, der in Jesus Christus einen, nein, seinen Marxisten sah,oder denken Sie an Johann Baptist Metz. - Vielleicht hat der Druck, der zur Zeit Marxens doch erheblich lastete, die Dogmatik der katholischen Kirche, Gottesgnadentum ausgedrückt in der gesellschaftlichen Position oder im Reichtum, die Prädestinationslehre, doch erheblich nachgelassen. - Meinen Sie nicht auch?

Viele Kommunisten und Sozialisten saßen mit den widerständigen Priestern und Pfarrern in den KZs der Nazis und später näherte sich die theologische Fundamentalkritik bezüglich der Wirtschaftsordnung sehr stark dem Marxismus an, so, wie umgekehrt Linke eine Konzept der „Bewahrung der Schöpfung“ annehmen konnten, ohne gleich zu konfessionell Gläubigen zu werden.

„Die Linken (dazu zähle ich die Partei Die Linke, die linksalternativen Grünen und die Linken in der SPD) änderten ihre Haltung gegenüber religiösen Menschen. Sie zeigen nun nicht nur Verständnis für Gläubige, sondern solidarisieren sich mit ihnen.“, schreiben Sie.

Mittlerweile, -nein, schon lange-, kann man Kommunist oder Sozialist sein, ohne Atheist zu sein, kann dazu schwul, jüdisch, katholisch, evangelisch oder korangläubig sein. Und das ist auch gut so! Genau so, halten es viele bei der Linken, in der rosaroten SPD, bei den Resten der linken und angeblich emanzipierten Grünen. Vom Ausland, mit langer migrantischer Tradition und längerer demokratischer Entwicklung, ganz zu schweigen. Da ist das seit hundertfünfzig Jahren so.

Die wirkliche Bedrohung hier auf unserer Erde kommt nicht mehr aus den Religionen und ihrer Dogmatik, -das ist ein Eiapopeia-Märchen von Leuten mit ganz anderen Planungen- , sondern aus dem Prozess, der zur völligen Aushöhlung irgend eines Gemeinschaftsprinzips, sei es atheistisch oder religiös untermauert, geführt hat. Das ist die Art, wie wir die Wirtschaft auf dieser Erde organisiert haben.

Ich frage mich auch, warum Sie unbedingt einen Widerspruch konstruieren wollen, wo doch selbst in den Kirchen die „Frauenfrage“ oder die „Gerechtigkeitsfrage“ heftig umstritten ist und Frau Schwarzer doch bei vielen Linken und vielen Gläubigen als Dogmatikerin der „PornNo“-Kampagnen und der gepredigten Spießigkeit, verschrien ist. - „Die Einzigen aus dem linken Spektrum, die eine homogene Kritik am Islam äußern, sind Feministinnen wie Alice Schwarzer.“ - Was ist denn eine „homogene Kritik am Islam“? - Meinten Sie dauerhaft und medienwirksam, meinten Sie Links blinkend und nach Rechts abbiegend, nur um populär und öffentlich dabei sein zukönnen, als weibliches und linkes Pendant zu rechten TV-Grüßaugusten?

Die Psychoanalyse in diesem Zusammenhang anzuführen, schlägt dem Fass den Boden aus. Denn Psychoanalytiker können Sie heute mit und ohne Religion und sogar als Muslim sein. Das regelt sich, völlig zu Recht, nach ganz anderen Maßstäben. Freud und vor allem die linken Analytiker, Steckel, Kronfeld, die Reichs, Otto Fenichel, Melanie Klein, aber auch die Ethnoanalytiker und psychoanalytisch beeinflussten Sozialwissenschaftler hätten Ihnen allerdings den Marsch geblasen, wenn Sie ihre diffuse Angst, oder ist es bei Ihnen einfach nur eine Verkrampfung aus ideologischen Gründen, hier als anzustrebendes Ideal darstellen.

„In dem Streit um den Bau der Kölner Moschee z.B. stellten sich linke Organisationen, die Partei Die Linke und die Grünen, auf die Seite der Bau-Befürworter. Das war widersprüchlich, denn von ihrem atheistischen und antireligiösen Standpunkt aus hätten sie sich gegen den Bau jeglicher Gotteshäuser aussprechen sollen.“ - Das schreiben Sie, bei real, je ca. 24.000 evangelischen und katholischen Kirchen, nebst zahlreicher weiteren Einrichtungen, wie Schulen, Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen und Gemeindezentren und gerade einmal 3500 Moscheen und Gebetsräumen, selbst wenn alle Bauten die derzeit anstehen und geplant sind, verwirklicht werden. - Entweder sind Sie realitätsblind, oder Sie wollen eine besondere linke Sekte gründen! Nach ihrem Maßstab im Tornister, hätte es nach dem Kriege auch keine einzige neu errichtete oder wieder hergestellte Synagoge gegeben.

Worin sich aber aktuell die maßgeblichen Theologen der beiden christlichen Konfessionen und auch muslimische Theologen einig sind, das ist doch genau der Punkt, der auch die Linke umtreibt.
Die Verteilung der Güter und des Wohlstands ist nicht gerecht, sie widerspricht den religiösen Grundannahmen aller monotheistischen Religionen und eben auch den Vorstellungen des demokratischen Sozialismus. Sie wird nicht von demokratischen Spielregeln oder einem bestimmten religiösen Wertgefüge bestimmt, sondern von der Struktur und Macht des Eigentums, von den Besitzverhältnissen und ihrer beständigen ökonomischen Optimierung, die aber nicht die das Wohl der Gesellschaften oder Gemeinschaften im Blick hat, sondern die Chancen Einzelner maximiert.

Die Chancen Einzelner und seien sie noch so groß ausgemalt, die Chancen der Individuen, das dürfte sowohl für die Bewahrung der Schöpfung, als auch für die Lebenswelt der Vielen mit irgend welchen Möglichkeiten, auf Dauer nicht ausreichen und die Basis von dem zerstören, was doch Allen verheißen wurde! - Hier treffen sich Theologen, Sozialisten und Kommunisten.

Wie Sie glauben können, die Neomarxisten der 68er hätten die sexuelle Revolution in Gang gesetzt, bleibt mir ein Rätsel. Welche Neomarxisten sollen das gewesen sein?

Ich kann auch nicht nachvollziehen, wie Sie zu der Überzeugung gelangen konnten, die 68er hätten keinen Respekt vor Autoritäten gehabt. - Zumindest eine Autorität stand jedenfalls sowohl bei den kulturellen, als auch bei den wissenschaftlichen Köpfen der 68er ganz weit oben: Wissen und Bildung. In volksnäherer Form hieß das „Bildung und Kultur für Alle“. Daher standen Kulturhäuser, sogar diejenigen in kirchlicher Observanz, Museen mit freiem Eintritt, die Hochschulreform, mit freiem Zugang zur universitären Bildung, das Studium Generale, der Aufbau von Bibliotheken und Mediatheken, der zweite Bildungsweg, so im Vordergrund der politischen Diskussionen die die Linke einstmals anführte, und gab es in manchen Gemeinden nichts Wichtigeres, als Volkshochschulen aufzubauen und die Theater gut auszustatten. Zugegeben, manchmal ohne hinreichenden Erfolg, wurden die Schulbauten und die Lehrerzahlen an die neuen Jahrgänge angepasst. - Heute wird Bildung und Kultur nur so weit entwickelt, dass wir damit „konkurrenzfähig“ bleiben. Ein rein instrumentelles Verhalten zur eigenen Kultur und Geschichte hat offensichlich auch viele Linke erfasst und benebelt.

Über den Begriff der „Arbeit“, also die „Entfemdung“, „die Bestätigung und Selbstfindung in der Arbeit“, über die Möglichkeit einer anderen Arbeitswelt und Lebenswelt wurde doch zu keinem Zeitpunkt in der jüngeren Geschichte mehr von befreiten Theologen und nicht-staatssozialistischen Linken nachgedacht und publiziert, als in den 60er- und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Hier gab es starke Annäherungen der christlichen Religionen und der sozialistischen Strömungen.

Sie schreiben, Linke hätten heute mehr Verständnis für den Islam, als je für die christlichen Religionen und sehen dies als Paradox, weil es doch dort „auch um das Verhältnis zur Sexualität und zur Pluralität von Lebensgemeinschaften“ gehe. - Ja, wir haben wirklich ein großes Problem mit Sexualität und ein noch viel größeres mit der Pluralität von Lebensgemeinschaften! Das haben Sie gut hingeschrieben, aber überhaupt nicht erkannt. Denn die eigentlichen Probleme damit, liegen nicht in den paar „Ehrenmorden“ und der vorgeblich massenhaften Unterdrückung türkischer und kurdischer Muslima in Deutschland, also nicht da, wo Sie sie gerne, aus welchen Gründen auch immer, hin verorten.

Wir haben ein Akzeptanz und Toleranzproblem mit den Muslimen, die hier bei uns als Bürger leben wollen. Viele wollen diese Muslime nicht so wie sie sind. Wenn das kein Problem mit Pluralität ist, dann weiß ich es nicht besser und bin völlig blöd.

Wir können aber mit den deutschen Muslimen nicht so umgehen, als seien das zu erziehende Kinder oder gar Menschen, die wir aufgrund eines dogmatischen Atheismus, -bei Ihnen, Herr Ulfig, klingt das ja eher instrumentell-populistisch, nach ein wenig Rabbatz, damit man ihre Bemerkungen zur Kenntnis nimmt-, kategorisch ablehnen. So muss auch eine linke Kritik am Islam, deren Berechtigung außer Frage steht, nicht die Fehler wiederholen, die Sie, aus ziemlich undurchsichtigen Motiven, der Linken im Umgang mit der Religion anempfehlen.

In Wahrheit will eine wachsende Minderheit in dieser, unserer Gesellschaft, keine Pluralität des Glaubens, der Lebens- und Arbeitsverhältnisse und schon gar nicht der Kulturen. - Die Gleichförmigkeit springt, bunt reklamiert und kaschiert, überall förmlich ins Auge. Wir ertragen ja nicht einmal den Banker ohne Kravatte, den Arzt ohne Kittel und den Muslim mit Bart, geschweige denn die Muslima mit einem Kopftuch. - Alles Verhalten ist für uns Ausdruck und Symbol von etwas, was, weil wir es nicht kennen und vor allem nicht akzeptieren wollen, wir daher um so heftiger ablehnen. -Wo ist da Pluralität, bitteschön?

Dazu unterstellt ein größer werdender Bevölkerungsteil den Muslimen, sie könnten nicht kritisch denken, seien unproduktiv und sogar, weil sie zu Allah beten, eine Gefahr für unsere Zivilisation.

Anstelle dessen empfehlen Sie ja ein Modell, welches die Religion des Islam, aber auch die anderen Religionen, den Gläubigen als individuelle Glaubensfreiheit zwar belässt, - Sie wollen ja Freiheit, denn ein Verfassungsfeind sind Sie nicht. -, andererseits pflegen Sie einen alten, abgestandenen Hypersäkularismus, der die Zeichen des Religiösen weitgehend aus der Öffentlichkeit verbannen möchte. Warum? Was ist ihr Interesse daran? Was wäre ihr persönlicher Gewinn an Gemeinschaft und Freiheit? Das ist leider überhaupt nicht erkennbar.

Unsere familiären Lebensgemeinschaften werden zunehmend als öknomische und psychologische Zugewinngemeinschaft verstanden und ihr Wert wird auch genau so ein- und abgeschätzt. Wenn dieser Zugewinn nicht erreicht wird, den eigenen Ansprüchen nicht genügt, dann folgt eine neue Lebensabschnittspartnerschaft.

Mit dem Sex klappt es in unserer Gesellschaft offenbar ebenfalls seit geraumer Zeit so schlecht, dass nicht einmal die banale Grundfunktion, seid fruchtbar und mehret euch, erfüllt wird.
Es werden so viel weniger Kinder geboren, die die sexuell „Befreiten“ aus ökonomischen und egoistischen Gründen, mit aller Intensität, und allen Mitteln zu verhindern trachten müssen, dass der stille demografische Generationenvertrag zu kippen droht. Dies müsste uns aufhorchen und forschen lassen, den es hat was mit sozialer Realität und einer Scheingemeinschaft zu tun, die in Wahrheit keine ist. Die Entscheidungen der Einzelnen haben mit Freiheit und Emanzipation nichts, mit Zukunftsangst und berechtigter Sorge um die Lebensverhältnisse in nächster Zukunft, viel zu tun.

Andererseits vergeht kein Tag, an dem nicht zumindest in den Sitten einer Person im Tabloid- oder Teleillustrierten Format herum gewühlt und gesuhlt wird und sich daran mittlerweile Leute beteiligen, die tatsächlich den Mut haben, sich immer noch als Linke zu bezeichnen.

Beides Dinge, die islamische und andere monotheistisch religiöse Menschen, trotz aller Tabus und Vorschriften, irgendwie entspannter und weniger eng auslegen, als wir es bereit sind, überhaupt wahrzunehmen und zu zu gestehen. Was sie wohl auch für überzeugte Atheisten, die zu diesen Dingen vernünftiger nachenken, erträglicher macht, als jene verrannte und verbohrte Pauschaldogmatik der Pseudoatheisten und Pseudolinken, die heute von „den Linken“ insgesamt eine Haltung einfordern, die sich doch eher bei den ganz Konservativen und ganz Rechten wiederfinden lässt.

Ihre Position Herr Ulfig ist eher unterwürfig und devot, dabei so voller antiemanzipatorischer Reflexe gegen Religionen überhaupt und gegen den Islam insbesondere, dass daraus, folgten ihr nennenswert „die Linken“, nur eine populistischer, aber letztlich menschenfeindlicher neuer Dogmatismus erwachsen würde.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

André Rebentisch 23.01.2010 | 16:49

Es ist jedenfalls bemerkenswert, dass Personen definieren "was ist [Orientierung]" in der Frage x.

Oder: wenn man "links"/"rechts" ist, dann ist man "für"/"gegen" Israel/Islam/Christentum/Immigration/Nationalstaat etc.

Das finde ich ganz und gar unbefriedigend. Aber wenn Menschen einen über ihnen stehenden Orientierungsrahmen brauchen, nun gut. Sie arbeiten dann sehr ähnlich wie Religionen, indem sie nämlich ein weltanschauliches Bekenntnis inhaltlich und symbolisch aufladen. Sie müssen sich in acht nehmen, dass man sie nicht manipuliert, ihnen mitteilt, was man als Mensch mit der Orientierung zu denken und zu fordern habe.

oca 23.01.2010 | 17:14

Lieber Christoph Leusch, vielen Dank für diesen Text, der im Gegensatz zu dem von Herrn Ulfig sehr lesenswert ist. Ich stimme Dir in vielem zu, möchte aber ergänzen, dass die Kritik der antiemanzipatorischen Inhalte vieler religiöser Strömungen eine wichtige Aufgabe der Linken bleibt. Religion kann bis zu einem gewissen Grad emanzipatorisch sein. In den Formen, in denen sie uns zur Zeit überwiegend begegnet ist sie es allerdings meistens nicht. Dass aus der Religionsfeindlichkeit, wie sie Herrn Ulfig vorschwebt, "nur eine populistischer, aber letztlich menschenfeindlicher neuer Dogmatismus erwachsen würde", damit haben Sie aber natürlich recht.

derDonnerstag 23.01.2010 | 18:32

@Columbus
Ich halte den Artikel von A. Ulfig auch für kritikwürdig, vor allem hinsichtlich der Prämisse, Linke müssten Atheisten sein.
Ihre Kritik finde ich allerdings stellenweise ebenfalls etwas pauschal. Z.B. hier:
"Denn die eigentlichen Probleme damit, liegen nicht in den paar „Ehrenmorden“ und der vorgeblich massenhaften Unterdrückung türkischer und kurdischer Muslima in Deutschland"
Würden Sie "Ehrenmorde" auch in Anführungszeichen setzen und sie mit einem vorangestellten "ein paar" verharmlosen, wenn diese sich nicht unter Muslimen, sondern, sagen wir: unter Evangelikalen ereignen würden?

"Mit dem Sex klappt es in unserer Gesellschaft offenbar ebenfalls seit geraumer Zeit so schlecht, dass nicht einmal die banale Grundfunktion, seid fruchtbar und mehret euch, erfüllt wird.
Es werden so viel weniger Kinder geboren, die die sexuell „Befreiten“ aus ökonomischen und egoistischen Gründen, mit aller Intensität, und allen Mitteln zu verhindern trachten müssen, dass der stille demografische Generationenvertrag zu kippen droht."

Seit der Erfindung der Pille kann man aus der Geburtenrate wohl nicht mehr direkt auf die Häufigkeit von Sex schließen, oder?

"Was sie wohl auch für überzeugte Atheisten, die zu diesen Dingen vernünftiger nachenken, erträglicher macht, als jene verrannte und verbohrte Pauschaldogmatik der Pseudoatheisten und Pseudolinken, die heute von „den Linken“ insgesamt eine Haltung einfordern, die sich doch eher bei den ganz Konservativen und ganz Rechten wiederfinden lässt."

Was Sie oben über sexuelle Befreiung und die angeblichen Gründe des Geburtenrückgangs sagen, hätte so auch Udo di Fabio sagen können. Fast klingt es so, als würden Sie dafür plädieren, von den Religionen zu lernen, die Sex nur zwecks Fortpflanzung genehmigen. Und da kommt eine Religion wie der Islam, dessen Anhänger zu großen Teilen noch nicht so weichgespült sind wie unsere Protestanten, gerade recht.
Ich will Ihnen diese Haltung nicht persönlich unterstellen. Dazu kenne ich Sie zu wenig. Generell kommt es mir allerdings so vor, als ob nicht wenige Linke selbst zum Dogmatismus neigen - vielleicht aus Resignation, weil ihre eigenen Positionen keine demokratische Mehrheit finden?
Man kann es sich natürlich einfach machen wie oca und kurzerhand selbst definieren, wer ein Linker ist. Lafontaine z.B. ist "bestenfalls linksnational". Und die Linkspartei ist wahrscheinlich auch nicht links, bloß die MLPD oder was weiß ich.
Joschka Fischer war mit Sicherheit nie links, nur ein Opportunist und das schon immer. Immerhin gab es aber mal eine Zeit, in der er vorgab, links zu sein. Und wie Jutta Ditfurth zu berichten weiß, vollzog Joschka im Gefolge der "islamischen Revolution" eine merkwürdige Bewusstseinswandlung. Erst fand er Religion doof, dann entdeckte er, dass Religion ein probates Mittel zur Indoktrination der Massen und damit zum Machtgewinn und -erhalt sein kann. Da lernte er die Mullahs lieben. Zitat (Jutta Ditfurth): "Bald darauf betete Fischer den islamischen Fundamentalismus an und schwärmte für die 'Glaubenskraft' der Mullahs im Iran. In Verdrehung dieser Peinlichkeit schmiedete er später das Schimpfwort 'Fundamentalisten' für seine innerparteilichen Gegner."
Quelle: www.ulrich-wegener.de/spd_dsv/spd_dsv_diskussion/gruene/dittfurt_gruene.pdf

Mir kommt das alles sehr bekannt vor.

oca 23.01.2010 | 19:40

@derDonnerstag: ich habe es mir nicht "einfach gemacht" und selbst definiert, wer links ist und wer nicht, sondern angemerkt, dass man sich über diese Frage durchaus Gedanken machen muss, wenn man wie Herr Ulfig einen Text über "die Linken" schreibt. Oder soll man Begriffe wie "links" und "rechts" einfach so verwenden, ohne sie zu definieren?

Zu meiner Bewertung Oskar Lafontains, dass man hier dem "links" zumindestens ein "national" anhängen sollte, stehe ich aber. Ich habe keine Lust, hier einen präzisen Begriff dafür zu suchen, was Lafontain ist, aber man muss sich doch dagegen verwehren dürfen, dass Lafontaine einfach so als Beispiel eines typischen Linken angeführt wird, wie Ulfig das vorführt.

"MLPD" - das finde ich aber gar nicht schmeichelhaft. Wenn Du schon forderst, nicht zu definieren was links ist, dann widersteh auch bitte dem Drang, mich bei irgend einer Partei einzuordnen.

Michael Angele 23.01.2010 | 19:41

Lieber Herr Leusch,

ihre Einlassung besonders zur Psychoanalyse finde ich absolut weichgespült. Sie schreiben:

"Denn Psychoanalytiker können Sie heute mit und ohne Religion und sogar als Muslim sein. Das regelt sich, völlig zu Recht, nach ganz anderen Maßstäben."

Polemisch gefragt (ich kann nun einmal nicht anders): Steht uns also in den islamisch geprägten Ländern eine Blütezeit der Psychoanalyse bevor?

Der Tagesspiegel listete unlängst 16 (!) arabische Psychoanalytiker weltweit auf. Ich weiß: das bedeutet nicht unbedingt islamische. Die Antwort, die einer von ihnen, der Palästinenser Gehad Marzaweh, auf die Frage gibt, warum es so wenig sind, finde ich trotzdem interessant, weil sie nichts verklärt:

www.tagesspiegel.de/zeitung/Sonntag-Sonntag-Palaestina-Nahost-Psychoanalyse;art2566,2850304

Schöne Grüße

micha74 23.01.2010 | 19:56

Deine (Ihre) Kritik am Artikel ist wirklich unsachlich und reichlich überheblich. Man sollte zwischen der Meinung / Intention des Auors und derjenigen über die er schreibt unterscheiden könnnen. Abgesehen davon: Die Grundthese des Autors ist, dass viele Linke einen widersprüchlichen Umgang mit Religion haben. Was ist daran falsch?

PS: Lafontaine ist natürlich nicht antisemitisch.

derDonnerstag 23.01.2010 | 20:01

@oca
Tut mir leid, ich habe mich da etwas missverständlich ausgedrückt. Ich gebe Dir Recht, dass Ulfig es sich etwas einfach meint, wenn er die Positionen einzelner Linker herausgreift und daraufhin auf "die Linken" einprügelt.
Ich finde allerdings, es gibt diese Linken, von denen er spricht und nicht in geringer Zahl. M.M.n. sind SPD und Grüne i.e.S. keine linken Parteien, die Linkspartei allerdings schon. Du magst da anderer Ansicht sein. Ich finde, es ergibt keinen Sinn, darüber zu streiten.
Mir kam Deine Argumentation nur so vor, als würdest Du behaupten, es gäbe solche Linke, wie von Ulfig angesprochen, nicht. Weil per definitionem solche Linken keine Linken seien. Gegen diese Art der Argumentation habe mich gewandt. (Falls ich das falsch aufgefasst haben sollte, korrigier mich bitte).
Für mich ist Lafontaine durchaus ein Linker, Chavez ebenfalls. Beide haben ihre guten und ihre schlechten Seiten. Bei Chavez z.B. ist die Neigung zu dem genannten Freund-Feind-Denken nur zu offensichtlich. Oder warum sonst sollte er in einem bekennenden Antisemiten und Despoten wie Ahmadinedschad, der Andersdenkende zu Tode foltern und hinrichten lässt, einen Freund sehen?

odranoel-64 23.01.2010 | 20:15

Atheismus wird wohl noch einige Zeit brauchen, um sich gegen die erfolgreichste Gehirnwäsche auf Erden (ausgenommen China) durchzusetzen.
Wieso wird im Artikel das Christentum zu den monotheistischen Religionen gezählt? Da gibt´s doch drei Götter (Vater + Sohn + hl. Geist in Form eines Vogels) und die drei sind einer!! Das kann wohl nicht einmal der Papst glaubwürdig erklären. Entspricht eher dem Krankheitsbild von Schizophrenie!
Und vom Gründer und Verbreiter des Islam ist ja seine schwere Erkrankung - krankhafte Vergrößerung der Hirnanhangdrüse - mit all seinen Folgen - siehe Haditen - bekannt, wie Verfolgungswahn, Waschzwang infolge übermäßiges Schwitzen, Zeugungsunfähigkeit (er hatte 10 Frauen und unzählige Nebenfrauen und nur ein!! Kind mit allen), übergroße Extremitäten, die letzten Endes zum Tod führte.
Und alle religiösen Eiferer (Jesus, Brahma usw.) sowie Geisteskranken sollen Vorbilder für die Menschen sein?

Magda 23.01.2010 | 20:24

Ich danke auch, das ist eine prima Polemik.

Auch wegen dieses Einstieges:
"Denken Sie einmal an Leonardo Boff oder Ernesto Cardenal, denken Sie an Dorothee Sölle, natürlich an Karl Barth, der in Jesus Christus einen, nein, seinen Marxisten sah,oder denken Sie an Johann Baptist Metz."

Ich denke auch, dass Religion hierzulande nicht mehr so herrchaftsnah ist, wie früher und deshalb geht es ja auch immer um Verbündete.
Der obige Beitrag liest sich sehr nach "ideologischer" Reinheit.

Eigentlich altmodisch.

oca 23.01.2010 | 21:16

@derDonnerstag: Missverständnisse ausgeräumt. Deinen letzten beiden Statements kann ich nur zustimmen, z.B. zum Thema Chávez. Die Diskussion ist halt nicht ganz einfach, und ich neige zugegebenermaßen dazu, jemanden als nicht links zu bezeichnen, wenn er/sie nicht emanzipatorisch ist. Eigentlich ergibt es doch keinen Sinn, antiemanzipatorisch-links zu sein, aber die Gruppe der "Linken" schrumpfte in der Tat gewaltig, wenn man nach diesem Kriterium ginge.

Es ist generell ein Problem mit den Worten: bezeichnet man sich als "freiheitsliebend", kommt gleich jemand von der FDP...

(Übrigens fand ich den Einwurf zur MLPD deswegen so fies, weil ja gerade Lenin für das autoritäre antiemanzipatorische Moment innerhalb der Linken steht.)

Columbus 23.01.2010 | 22:14

Ad derDonnerstag schrieb am 23.01.2010 um 17:32:

Ich gebe Ihnen Recht, was manche pauschale Bemerkung und auch ziemlich lässige Formulierung angeht. Ich habe ja auch schnell und als Kommentar gedacht, auf die „Hammerthesen“ unseres Philosophen geantwortet. - Über die eigentlichen Hintergründe des Artikels selbst, für wen, für welches Publikum, er ursprünglich und vor allem gedacht war, hat ja Rahab (17:46) schon Auskunft gegeben. - Man könnte glauben, in der „Der Freitag“ Redaktion sitzt so ein kleiner Flaschenteufel, der sich diebisch freut, solche „gehaltvollen“ Thesen unter die geneigten Leser zu verteilen.

„Ehrenmord“ habe ich in Anführungszeichen geschrieben, weil es für mich so etwas nicht gibt. Es ist eben Mord und der wird bei uns als solcher verfolgt und bestraft. Wir haben ja auch, stillschwiegend, aber bürgerlich mit viele mehr Verständnis analysiert und betrachtet, den „Mörder aus verlorener Ehre“. Wer mordet ist ein Mörder. Seine Motive gehören allerhöchstens vor Gericht, aber in der Gesellschaft schaffen Mörder und Mordmotive kein Recht und keinen Berechtigung. Das teilen selbst dogmatische Gläubige und dokrtinäre Linke.

Das, was kriminalistisch meist „Beziehungstat“ genannt wird, aber genau in den von Psychotherapeuten und Analytikern erforschten Zurücksetzungen und Kränkungen, in Partnerschaftkonflikten, etc. seinen Ausgang nimmt, nämlich verschmähte Liebe oder einseitige Beendigungen von Partnerschaften, kann töten. - Ich bin überfragt ob die relativ strikten Tötungsverbote der monotheistischen Religionen genügend Moral und Skrupel aufbauen, um hier einzuwirken, oder aber, ob z.B. Atheisten in der Lage sind, ausreichend Hürden aufzubauen. Aber, was ich sicher weiß ist, dass solche Straftaten und Verbrechen viel, viel häufiger sind, als die so genannten „Ehrenmorde“.

Zudem ist das ein Punkt, bei dem sich die Familien oder Einzeltäter klar außerhalb der Gebote ihrer Religion bewegen, aber Traditionen folgen, die nicht aus dem Islam, aber auch aus keiner anderen Religion stammen, sondern aus einem bäuerlich-vorindustriellen Clan und Großfamilien-Denken.

Sie haben auch damit Recht, dass ich den Aspekt Freizügigkeit und Sexualität als eng verbunden mit einer eigentlichen „Unfreiheit“ etwas überspitzt dargestellt habe. Das war aber nötig, weil wir uns angewöhnt haben, Herr Ulfig unterstützte das indirekt, unsere jeweiliges Sexual- und Beziehungsverhalten für absolut zu setzen. Dieser absolute Anspruch jedoch weder mit religösen Motiven, noch mit einer höher zu bewertenden nicht-religiösen Moral etwas zu tun hat.

Das Thema sexuelle Befreiung und Geburtenrückgang, das ist ja gerade meine These, haben miteinander nicht allzu viel zu tun. Aber, der fast übermächtige Wunsch, aus einer Beziehung möglichst keine Kinder zu haben, weil es materiell und vermutlich auch emotional mittlerweile bei vielen Partnerschaften keine tragfähige Basis dafür gibt, auch kein größeres familiäres Umfeld mehr, welches über Schwierigkeiten in beiden Feldern hinweg helfen könnte, führt zu dem erwähnten Phänomen, dass eine materiell reiche und daher für Kinder letztlich auch durchaus materiell ausgestattete Gesellschaft, partout keine Kinder mehr haben will.

Die Gründe dafür sind natürlich viel vielfältiger, als ich sie hier ansprach und selbstverständlich werden die muslimischen Migranten in den nächsten Jahren diese Entwicklung zu einem großen Teil nachholen, weil sich die sozialen Bedingungen weiter verschlechtern. Die Mitscherlichs schrieben nach dem Krieg über die „vaterlose Gesellschaft“, heute wäre es angebracht, einmal über den ungebrochenen Trend zur „kinderlosen“ Gesellschaft ernsthaft nachzudenken. - Leider werden ja solche enrsthaften Versuche immer abgeblockt, weil in den Sozialmileus der Eliten durchaus Kinderreichtum möglich ist und den sozial Schwachen vorgeworfen wird, sie hätten zu viele Kinder. Tatsache ist aber, dass die Geburtenraten in fast allen westlichen Ländern massiv zurück gegangen sind.

Lafontaine ist vielleicht schon und das aus eigenem Entschluss und eigenem Schicksal, nur die Vergangenheit der Linken. - Umso größer meine Hochachtung für diesen Politiker, der sich auch jetzt nicht einspannen lässt für unmenschliche und untragbare politische Ziele. Wenn es nicht mehr geht, persönlich, politisch, dann geht er. Das erlebe ich als konsequent und menschlich, während ihm immer Inkonsequenz medial vorgeworfen wird. Er und vor allem seine Frau haben erkannt, dass die mit originär linken Ideen überhaupt nicht in Zusammenhang stehende Individualisierung unserer Gesellschaft, der Verlust der tragfähigen Beziehungsnetze und der Auflösung familiärer Zusammenhänge nicht nur positiv wirken, sondern dass dem auch eine große Leiderzeugung gegenüber steht.

Nicht nur bei uns, sondern besonders da, wo wir naturgemäß nicht gerne und oft hin schauen mögen. Materielle Ressourcen werden nicht gemeinschaftlich und sinnvoll genutzt und große Teile der Gesellschaft, werden als für deren Fortkommen und Erhalt unwesentlich oder nutzlos eingeschätzt. Einzige Restfrage „Wer soll die bezahlen“, einzige derzeit populäre Antwort (freiheitlich, liberal, christlich-demokratisch und zum großen Teil auch sozialdemokratisch: Jeder solle für sich selbst sehen, wie er klar kommt und in Notlagen hilft dann eine gemeinnützige Organisation und die „Gabe“ des reichen Mannes. - Dafür hagelt es Verdienstorden und Ehrungen.
- Mittlerweile darf sogar öffentlich denunziert werden, ohne ernste Auswirkungen für den Künder solcher Botschaften.

Deshalb machen sich Christa Müller und Oskar Lafontaine seit Jahren auch Gedanken zur Familienpolitik und setzen sich für Familien mit Kindern ein. Sie zählen, ebenfalls seit Jahren, zu den strikten Gegnern der Beschneidung weltweit und in jeder Gesellschaft in der das noch vorkommt und sind in ihrem Engagement in dieser Sache viel hartnäckiger als mancher selbst erklärte Aufklärer vor dem Herrn.

Was Frau Dittfurth über Joschka Fischer sagt, ist mir ziemlich egal. Aber, ich gehe von einer gewissen Voreingenommenheit aus. Schließlich war Fischer nicht gerade ein guter Freund und Helfer und umgekehrt.

Viel wichtiger und (seltsam) kirchennäher ist für mich die Haltung der Linken zum Afghanistan-Krieg. Sie sind die einzige Partei die von Anfang an sagte, wir haben da nichts verloren und verteidigen da auch nichts, weder unseren Lebenstil, noch unsere Sicherheit. - Die anderen Parteien werden in dieser Legislaturperiode alle folgen und einen Abzug, mit Termin und auf Raten, beschließen. Dafür passieren zwei Dinge: Zuerst wird noch einmal ein massiver gewaltsamer Versuch unternommen, die Taliban zu besiegen. Das kostet einen Haufen Unschuldiger und vielleicht auch Schuldiger das Leben, damit wir endlich „mit Ehren“ abziehen können. Dann wird man wirklich abziehen und das Land im Prinzip in etwa auf dem Stand zurück lassen, den es vor dem Konflikt der Sowjetunion mit den Afghanen hatte. Dabei verloren gegangen ist die Glaubwürdigkeit des Westens als „ehrlicher Makler“ und verloren gegangen ist auch der Einfluß dort, der unmittelbar nach dem Afghanistan Debakel der Sowjets groß war, den man aber aus westlicher Perspektive nur als machtpolitische Chance ansah und daher skrupellos jeden gewalttätigen Warlord und Drogenhändler förderte, wenn er sich nur prowestlich deklarierte.

Herr Ulfig hat sich in die Rolle eines selbst fantasierten, dogmatischen und „neomarxistischen“ Linken hinein gedacht. Aber nicht etwa um Linke zu stärken und selbstbewusster zu machen, sondern in Wahrheit, um sie klein zu schreiben und konformer einer Mehrheit zu machen, die weder von linken Ideen, noch von christlichen Botschaften oder gar muslimischen Gedanken, in ihrem Alltagshandeln maßgeblich beeinflusst wird.

Liebe Grüße

Christoph Leusch

Columbus 23.01.2010 | 22:40

Lieber Herr Angele,

Gegenfrage. Könnte es nicht sein, das der Islam in seiner bisherigen Welt keine Psychoanalytiker brauchte, -für was auch-, so wie es auch in China, in Indien, in Afrika und, schon viel weniger eindeutig, die Gründe sind historisch, in Südamerika, keine Psychoanalyse gab.

Mir gefällt, was Fethi Benslama
dazu zu sagen weiß:

de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-516/i.html

Es geht um eine gegenseitige Mißachtung und er nennt die Gründe auf islamischer oder genauer arabischer Seite.

Aber, Sie werden es noch erleben, auch europäische Muslime brauchen analytisch geschulte Psychotherapeuten und so mancher Saudi lässt sich noch in die USA oder nach London ausfliegen, so wie andere bei Urologen in Deutschland und Italien um therapeutische Hilfe nachsuchen.

Sie haben natürlich Recht, ein wenig weichgespült war das schon, angsichts der so kantig und hölzern vorgetragenen Positionen des Herrn Ulfig, der ja vorgibt, die Linken sensibilisieren zu wollen, auf den Pfad des strengen Atheismus zurück zu kehren.

Verzeihen Sie mir die Laxheit und Nachlässigkeit.

Grüße

Christoph Leusch

Columbus 23.01.2010 | 22:41

ad Michael Angele schrieb am 23.01.2010 um 18:41

Lieber Herr Angele,

Gegenfrage. Könnte es nicht sein, das der Islam in seiner bisherigen Welt keine Psychoanalytiker brauchte, -für was auch-, so wie es auch in China, in Indien, in Afrika und, schon viel weniger eindeutig, die Gründe sind historisch, in Südamerika, keine Psychoanalyse gab.

Mir gefällt, was Fethi Benslama
dazu zu sagen weiß:

de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-516/i.html

Es geht um eine gegenseitige Mißachtung und er nennt die Gründe auf islamischer oder genauer arabischer Seite.

Aber, Sie werden es noch erleben, auch europäische Muslime brauchen analytisch geschulte Psychotherapeuten und so mancher Saudi lässt sich noch in die USA oder nach London ausfliegen, so wie andere bei Urologen in Deutschland und Italien um therapeutische Hilfe nachsuchen.

Sie haben natürlich Recht, ein wenig weichgespült war das schon, angsichts der so kantig und hölzern vorgetragenen Positionen des Herrn Ulfig, der ja vorgibt, die Linken sensibilisieren zu wollen, auf den Pfad des strengen Atheismus zurück zu kehren.

Verzeihen Sie mir die Laxheit und Nachlässigkeit.

Grüße

Christoph Leusch

Columbus 23.01.2010 | 23:15

Gehad Mazarweh:

Das Interview mit dem Analytiker ist übrigens wirklich hervorragend. Es geht darin auch überhaupt nicht um die, geschätzt oder gezählt, 16 arabischen Analytiker, sondern bezeichnet genau die Gründe, warum die Psychoanalyse und die Psychotheapie in arabischen Ländern nicht voran kommt und
welche Hürden für die Selbstanalyse, die ja in der Analyse geleistet werden muss,
noch nicht allgemein akzeptiert ist.

Leider führt der von Michael Angele so aufmerksam eingestellte Link nur auf die Tagespiegel Überblicksseite. Hier also der zweite Versuch, mit einer anderen Link-Adresse:

"Ich bin ein Mann mit einem Mutterherzen“
Interview mit Gehad Mazarweh
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 19.07.2009)

www.tagesspiegel.de/zeitung/Sonntag-Sonntag-Palaestina-Nahost-Psychoanalyse;art2566,2850304?_FRAME=33=PRINT

Grüße

Christoph Leusch

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Ehemaliger Nutzer 23.01.2010 | 23:34

Der Autor trägt seine Botschaft - Linke Arm in Arm mit Islam - im Text weitgehend gleich durch verschiedene "Meinungsmedien". Angefangen am 01. Dezember 2009 bei bei ef-onleine, der Internetausgabe von "eigentümlich frei" einer zeitschrift die Sarrazin und Sloterdijk als Stauffenbergs und Scholls unserer Tage preist
tinyurl.com/ylxpwc9

unter dem griffigen Titel: "Marx und die Moschee: Die Linken und der Islam"

tinyurl.com/ykgygcq

danach Anfang Januar unter dem Titel "Die Linken und die Religion"

www.freiewelt.net/blog.php?id=1325=2

als Blogger bei "Die freie Welt". Aus dem dortigen Impressum:

"Deutschland befindet sich in einem Erneuerungsprozess. Alte Strukturen und verkrustete Entscheidungsprozesse geben mangelhafte oder verzögerte Antworten und Lösungen auf politische, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Fragen und Probleme der Bürger von heute.

Die FreieWelt.net will dazu beitragen, den Erneuerungsprozess in dieser Aufbruchszeit, in der Überholtes durch Neues ersetzt wird, den Erneuerungskräften und Bewegungen aus der Zivilgesellschaft den Weg zu öffnen und eine Bühne zu bieten, so dass sie an der Gestaltung von Antworten und Lösungen aktiv mitwirken können.

( ... )

Über die Qualität und die Erfahrung unserer Bloggergemeinde, einer wachsenden Zahl kompetenter Autoren, wollen wir die Freiheit der Meinung, den Meinungsaustausch und den Meinungsbildungsprozess in den unterschiedlichen Lebensbereichen in Deutschland bestärken."

Ist es nicht aufmerksam und zuvorkommend, dass der Autor jetzt auch den Meinungsbildungsprozess bei freitag.de in Gang bringen möchte und ist es nicht megasupergeil dass er in den ersten Kommentaren gleich bestärkt worden ist?

WhiteHaven 23.01.2010 | 23:54

Monotheismus egal ob Judentum, Christentum oder Islam sind vom Kern her alle faschistoid und daher unter den Religionen die gefährlichsten von allen!
Du sollst keine anderen Götter (Oppositionspolitiker)neben mir haben sonst fährst du in die Hölle, bist du des Todes oder kommst ins KZ...
Interessantes Detail dabei ist, das im Zentrum des christlichen Glaubens ein schwarzmagisches Ritual, nämlich ein kannibalistisches Menschenopfer, steht! (Das Opfer und der Leib und das Blut Christus...)

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Ehemaliger Nutzer 24.01.2010 | 00:43

@columbus
"Alte Strukturen und verkrustete Entscheidungsprozesse"
ist dem Vokabular der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und Bertelsmann-Stiftung entnommen, hundertfach wiedergekäut in den Talkshows meiner Abende mit Sabine Christiansen - und ihrer späteren weiblichen und männlichen Klone. Ist mir dank dieser Gehirnwäsche unauslöschlich im Gedächtnis geblieben.
Aus Notwehr - und aus Einsicht - schau ich nur noch Fußball, ohne Reporterton.

PS."Meine Sonntage mit 'Sabine Christiansen'" ist ein vorzügliches Buch des Freitag-Autors Walter von Rossum

Fro 24.01.2010 | 00:48

Die Neoliberalen wollen den Begriff „Freiheit“ für die Verbreitung ihrer Ideologie für sich vereinnahmen.
„Freie Welt“ ist anscheinend ein Projekt zur Verbreitung ihrer neoliberalen Ideologie. So macht es zumindest auf den ersten Blick den Eindruck. Hier wird für die Privatisierung unserer solidarisch finanzierten Vorsorgesysteme und auch direkt für den Neoliberalismus geworben. Z.B. hier: "Mehr neoliberalismus wagen"

So erscheint der obige Artikel natürlich in einem ganz anderen Licht.
Die Neoliberalen Strategen kennen den Zeitplan der Politik – sie haben Interesse daran, dass sich die Linken mit sich selbst oder mit dem Islam beschäftigen. M.E. sollte man sich von diesen vordergründigen Versuchen nicht vereinnahmen lassen und die politischen Aufgaben, die anstehen nicht aus dem Focus geraten lassen.

Wirklich seltsam, dass der Freitag derartige Artikel einkauft.

Der letzte Satz dieses Beitrages sagt doch schon Alles.

„Wenn die Linken ihre Glaubwürdigkeit in puncto Religion nicht gänzlich verlieren möchten, täten sie gut daran, sich auf ihre atheistischen Wurzeln zu besinnen und konsequent ihre atheistischen Überzeugungen zu vertreten. Damit würden sie ihrer historischen Mission, einen säkularen Staat zu schaffen und ihn gegen seine Feinde zu verteidigen, genüge tun.“

AlexUl 24.01.2010 | 01:14

Ich kann meine Thesen veröffentlichen, wo und so oft ich möchte. Das ist nicht verboten.
Ich dachte mir, dass meine Thesen ein linkes Publikum interessieren würden. Schließlich geht es in meinem Beitrag um die Linken: um ihr Verhältnis zur Religion. Deshalb habe ich sie im DER FREITAG zur Diskussion gestellt.
Danke für die Kommentare! Manche von ihnen haben mich weiter gebracht - sie waren konstruktiv, andere haben mich tief getroffen, weil sie destruktiv waren und mir etwas unterstellen. Ich möchte auf diese Unterstellungen nicht eingehen, weil sie absurd sind. Mich interessieren sachliche Fragen, z.B. die Frage, die mich seit 20 Jahren, also seit dem Untergang des Ostblocks, nicht in Ruhe lässt: Wo ist der linke Atheismus geblieben? Oder vielleicht noch wichtiger: Worin würde heute eine linke Religionskritik bestehen? Welche Elemente würden zu dieser Religionskritik gehören? Könnten einige konkrete Beispiele für eine aktuelle linke Religionskritik gegeben werden?
Ich hoffe, dass sich die Diskussion nicht um meine Person, die wirklich nicht so wichtig ist, sondern um die Sache selbst, um das Verhältnis der Linken zur Religion und zum Atheismus drehen wird.
Nochmals vielen Dank für die Kommentare!

Mit Grüßen

Alexander Ulfig

AlexUl 24.01.2010 | 01:23

Ich kann meine Thesen veröffentlichen, wo und so oft ich möchte. Das ist nicht verboten.
Ich dachte mir, dass meine Thesen ein linkes Publikum interessieren würden. Schließlich geht es in meinem Beitrag um die Linken: um ihr Verhältnis zur Religion. Deshalb habe ich sie im DER FREITAG zur Diskussion gestellt.
Danke für die Kommentare! Manche von ihnen haben mich weiter gebracht - sie waren konstruktiv, andere haben mich tief getroffen, weil sie destruktiv waren und mir etwas unterstellen. Ich möchte auf diese Unterstellungen nicht eingehen, weil sie absurd sind (und ich hoffe, dass es nicht zum linken Diskurs gehört, anderen ständig etwas zu unterstellen). Mich interessieren sachliche Fragen, z.B. die Frage, die mich seit 20 Jahren, also seit dem Untergang des Ostblocks, in dem ich nebenbei bemerkt aufgewachsen bin, nicht in Ruhe lässt: Wo ist der linke Atheismus geblieben? Oder vielleicht noch wichtiger: Worin würde heute eine linke Religionskritik bestehen? Welche Elemente würden zu dieser Religionskritik gehören? Könnten einige konkrete Beispiele für eine aktuelle linke Religionskritik gegeben werden?
Ich hoffe, dass sich die Diskussion nicht um meine Person, die wirklich nicht so wichtig ist, sondern um die Sache selbst, um das Verhältnis der Linken zur Religion und zum Atheismus drehen wird.
Nochmals vielen Dank für die Kommentare!

Mit Grüßen

Alexander Ulfig

Fro 24.01.2010 | 03:58

Hallo Herr Ulfig,
ich glaube nicht, dass Sie die Kritik an Ihrem Artikel persönlich nehmen müssen. Es geht um den Inhalt Ihres Beitrags und ihre Aufforderung an die Linken, den säkularen Staat gegen seine Feinde zu verteidigen. Und aus Ihrem Beitrag kann man herauslesen, dass Sie in erster Linie den Islam als Feind betrachten. Der Islam ist nicht das Hindernis einer politischen Erneuerung, die die Linke auf ihrer Agenda hat. Wenn Sie Religionskritik zur Diskussion stellen wollten, dann wäre die Kritik an der Ideologie des Neoliberalismus deutlich nutzbringender als die Kritik am Islam. Viele Menschen im Lande glauben immer noch, dass es vollkommen natürlich ist, wenn Einzelne frei und ungeniert ihre Gier auf Kosten anderer ausleben. Nur wenige im Lande glauben, dass die Politik nach den Gesetzen des Korans gestaltet werden sollte.
Wir im „Der Freitag“ sind hoch sensibilisiert, wenn es um Menschenrechte und Religionsfreiheit geht. Und Sie erkennen an den Kommentaren, dass das Thema Religion und Religionsfreiheit auf hohem Niveau diskutiert wird. Ich glaube Sie kommen mit Ihrer Aufforderung, die Muslime als Feinde zu betrachten und eine Angriffsverteidigung zu initiieren hier einfach nicht an.

Natürlich dürfen Sie Ihre Beiträge veröffentlichen, wo Sie wollen, aber es mutet schon etwas seltsam an, wenn Sie Ihren Beitrag erst einmal in einer eher neoliberal anmutenden Blogzeitung veröffentlichen, die von Linken wahrscheinlich nicht gelesen wird. Das reicht für mich allerdings nicht aus Sie als neoliberalen Propagandisten zu sehen, aber es macht Ihre Aussage, dass Sie Interesse haben, eine klärende Diskussion innerhalb der Linken anzuregen etwas fragwürdig.

zelotti 24.01.2010 | 04:44

Es gibt auch strukturellen Antisemitismus (*). Über Antisemitismusvorwürfe zu reden ist aber politisch eine feige Sache, wenn man keinen Antisemitismus dulden will. Das gerät dann zur Denunziation.

*) Den Älteren unter uns auch als "verkürzte Kapitalimuskritik" bekannt. Es ist ja aberwitzig wie in der Finanzkrise plötzlich eine hirnentleerte Moraldiskussion über die werten Bankmanager los getreten wird. Die Gier des Menschen ist Schuld, wenn der Staat in seiner Ordnungsfunktion über supranationale Märkte versagt. Lösung ist natürlich auch nicht eine internationale Finanzordnung, sondern Moraltherapie und Bonusräson für Bankvorstände, was für ein Blödsinn.

Nur weil ein linker Aufklärer nicht versteht, welche gesellschaftliche Funktion die Religion bei uns seit Jahrtausenden für den Einzelnen wahrnimmt, und meint sie ersatzlos rausoperieren zu können, heisst das nicht, das Religion sinnlos ist.

Was die Islamkritiker mit ihrer üblen Polemik an Ressentiments vom Stapel lassen, passt einfach nicht in ein emanzipatorisches Projekt. Denn an einem aufgeklärten Islam haben sie gar kein Interesse, der wird für unmöglich gehalten.

zelotti 24.01.2010 | 04:56

Du verkennst Theologie als politisch-rechtlichen Diskurs. Die Dogmen deckeln bestimmte tausende Jahre alten Konflikte verschiedener Gruppen, und lassen Raum für die Flexibilität. Dem Philosophen lassen sie die Freiheit. Die Dreifaltigkeit ist ein Formelkompromiss, den niemand verstehen muss, und der auch keine praktische Relevanz besitzen mag. Sieh das einfach wie ein Jesuit... Natürlich ist das Christentum monotheistisch, eine monotheistische Religion muss aber immer Migrationspfade bauen. Zum Beispiel durch das Angebot eines weiblichen Ansprechpartners, in Form der heiligen Jungfrau, welche die Attribute bestehender weiblicher Kulte erbt und integrieren kann. Das Christentum als Theologie ist ein kulturelles Verfahren zur Verbreitung der Prinzipien der Bergpredigt.

zelotti 24.01.2010 | 05:03

Es kann an Religion schön rumgedeutet und rumgebastelt werden, das machst auch du, indem du originell das Wort "faschistoid" benutzt. Monotheistische Religionen sind die Überwindung der polytheistischen Religionen, und da gibt es weit mehr Opferung und Firlefanz. Das symbolische Opfer ersetzt das Tier- und Menschenopfer. Das ist viel mächtiger, so wie ohne Abdankung des Kaisers kein Diktator möglich ist. Der Monarch ist in vielen Ländern konstitutioneller Monarchien nicht mehr als ein Platzhalter. Und genau das finden wir auch in der Religion. Wie führe ich eine animistische Religion in die Aufklärung. Das Christentum ist ein Beispiel dieses Prozesses der Befreiung.

AlexUl 24.01.2010 | 05:35

Ich betrachte den Islam nicht als Feind. Das ist eine sehr unfaire Unterstellung. Der Islam als Religion ist doch gar nicht mein Thema. Mein Thema ist das Verhältnis der Linken zur Religion. Es geht mir um den Widerspruch, den ich bei den Linken sehe: Frühe atheistisch, heute nicht mehr, oder heute wird er nicht mehr geäußert.
Und wieder haben Sie mir meine Fragen, die ich oben gestellt habe, nicht beantwortet, vor allem die Frage: Wie würde eine zeitgemäße linke Religionskritik aussehen?

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Ehemaliger Nutzer 24.01.2010 | 11:43

@AlexUl
Sie können Ihre Thesen nicht dort veröffentlichen, wo Sie wollen, sondern dort, wo man Sie lässt.
Unter dem Gesichtspunkt ist es interessant, was Sie dem Text, je nach Plattform, hinzufügen bzw. was Sie weglassen.

"Wenn die Linken ihre Glaubwürdigkeit in puncto Religion nicht gänzlich verlieren möchten, täten sie gut daran, sich auf ihre atheistischen Wurzeln zu besinnen und konsequent ihre atheistischen Überzeugungen zu vertreten"

kommt nur beim 'Freitag' vor, hingegen wird der Schlenker zu "TAZ" und "junge welt" weggelassen. Deswegen ist Ihre Beteuerung

"Mich interessieren sachliche Fragen, z.B. die Frage, die mich seit 20 Jahren, also seit dem Untergang des Ostblocks, in dem ich nebenbei bemerkt aufgewachsen bin, nicht in Ruhe lässt: Wo ist der linke Atheismus geblieben? Oder vielleicht noch wichtiger: Worin würde heute eine linke Religionskritik bestehen?"

zu billig.

Zentral in allen Texten:

"Es fällt ihnen (den Linken -b2bm) offenbar nicht schwer, ihre tiefsten Überzeugungen zu verstecken, solange es ihrer politischen Strategie nützt."

Es geht eben nicht UM DAS VERHÄLTNIS DER LINKEN ZUR RELIGION, sondern um die Mär, die Linke wolle sich mit den antiwestlichen islamististischen Strömungen gegen USA und Israel verbünden.
Hier also meine These:
Nachdem die zweite Welt des realen Sozialismus vom Planeten verschwunden ist, das Feindbild Kommunismus durch das des Islam ausgetauscht wurde, ist dies ein unbeholfener [linkischer ;-)] Versuch, beide Bilder übereinander zu kopieren.

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rahab 24.01.2010 | 12:14

einspruch. monotheismus ist nicht überwindung von... sondern durchsetzung eines anderen welt-verständnisses und einer anderen herrschaftsordnung. monotheismus verlangt, im unterschied zu poly..., dass alle sich an diese ordnung zu halten hätten, und sei es um den preis der allumfassenden unterwerfung.
weshalb, wie ich immer wieder beobachte, ein aus mono... heraus entstehender a-theismus auch scheitert. denn der führt in aller regel nur das fort, was mono... kennzeichnet: for men only.

Michael Angele 24.01.2010 | 12:43

Lieber Herr Leusch

danke für den Hinweis auf den Artikel von Fethi Benslama. Er ist wirklich hochinteressant, vor allem was seine Theorie des fernen Gottes betrifft. Mir war, zugegeben, bisher nicht so bewusst, dass der Islam einem recht abstrakten Gottesbild anhängt, und damit einem Infantilismus, wie er dem christlichen Gottesbegriff bekanntlich innewohnt, gerade entgegenläuft. Darüber lohnt sich nachzudenken, finde ich.
Schöne Grüße

AlexUl 24.01.2010 | 13:05

Ein Text und auch die Gedanken des Autors zu einem Thema entwicklen sich in einem Prozess von These und Kritik. In diesem Prozess ändert der Autor gegebenenfalls seine Thesen/Überzeugungen. Das ist mein Verständnis von einem kritischen Diskurs. Deshalb stelle ich meine Texte, da wo ich es nur kann, zur Diskussion.
Sie sehen aber offensichtlich hinter jeder Aussage von mir eine Verschwörung, sei es neoliberaler oder anderer Art.
Natürlich erlaube ich mir in einer als links geltenden Zeitschrift einige "Ratschläge" an die Linken zu machen, die ich einer anderen Zeitschrift nicht machen würde.
Einige konstruktive Kritiken in diesem Forum haben meine Überlegungen zu diesem Thema weiter gebracht, z.B. der Hinweis, dass es vielen Linken Theoretikern gar nicht um einen Staat, sondern um die Abschaffung des Staates geht (es waren nicht nur die erwähnten Mühsam, Landauer und Kropotkin, sondern natürlich auch Marx und Engels). Deshalb ist meine Formulierung "die historische Mission, einen säkularen Staat zu schaffen ..." nicht korrekt. Ich hätte schreiben können "die Aufgabe heute" (so habe ich es auch gemeint). Ich verstehe auch nicht, warum es für einige so schlimm ist, einen säkularen Staat zu fordern (säkular heißt die Trennung von Religion und Staat zu akzeptieren).
Vielleicht geht es Ihnen nicht um das Verhältnis der Linken zur Religion. Mich und auch viele andere Forum-Teilnehmer interessiert aber dieses Thema sehr.

oca 24.01.2010 | 14:08

@Ulfig: wenn "die Linken" ihren Ratschlägen folgen und sich bei den Themen Minarettverbot und Moscheebau in der von Ihnen offenbar gewünschten Form einmischen, wären sie nur leider von den ganz Rechten nicht mehr unterscheidbar.

Ich bin Atheist und Linker, und ich wende mich gegen jede antiemanzipatorische religiöse Strömung, sei es im Christentum oder im Islam oder sonstwo. Der von Ihnen vorgeschlagene Kampf gegen Minarette und Moscheen ist aber einfach nur blinde Übernahme rechter Ideologie. Mit Religionskritik oder, präziser gesagt, Kritik der politischen Religion, hat das nichts zu tun. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, dass sie wirklich so dumm sind, alle "Linken" in einen Topf zu werfen und Positionen abseits der von Ihnen zitierten drei bis vier Beispiele nicht kennen. Entweder sie haben keine Ahnung von "der Linken", oder sie basteln sich aus anderen Gründen eine "Linke" zusammen, wie sie Ihnen in den Kram passt.

oca 24.01.2010 | 14:18

"Die Einzigen aus dem linken Spektrum, die eine homogene Kritik am Islam äußern, sind Feministinnen wie Alice Schwarzer."

Dieser Satz wurde schon zitiert. Ich mache das hier noch einmal, weil darin deutlich wird, dass sie vom "linken Spektrum" nicht die leiseste Ahnung haben (wollen). Mit dem unsinnigen Wörtchen "homogen" lassen Sie sich noch ein Hintertürchen offen, durch das Sie wahrscheinlich durch nachträgliche Erläuterung, was damit gemeit ist, zu verschwinden gedenken. Bitte ersparen Sie uns die Diskussion darüber.

oca 24.01.2010 | 14:18

"Die Einzigen aus dem linken Spektrum, die eine homogene Kritik am Islam äußern, sind Feministinnen wie Alice Schwarzer."

Dieser Satz wurde schon zitiert. Ich mache das hier noch einmal, weil darin deutlich wird, dass sie vom "linken Spektrum" nicht die leiseste Ahnung haben (wollen). Mit dem unsinnigen Wörtchen "homogen" lassen Sie sich noch ein Hintertürchen offen, durch das Sie wahrscheinlich durch nachträgliche Erläuterung, was damit gemeint sei, zu verschwinden gedenken. Bitte ersparen Sie uns die Diskussion darüber.

Fro 24.01.2010 | 14:22

@AlexUl
Ja, wen meinen Sie denn aktuell, wenn Sie von den Feinden des säkularen Staates schreiben, die es zu bekämpfen gilt?

Und dann schreiben Sie:

„Die von ihnen (den Linken) angestrebte Allianz mit dem Islam soll sich in einer gemeinsamen Front gegen die Politik der USA und Israels sowie in dem gemeinsamen Kampf gegen das Kapital und das freie Unternehmertum manifestieren.“

Das sieht aus, wie eine legendenbildende Unterstellung - ein Kampagnenvorschlag, um die Linke insgesamt und insbesondere die Kritik der Linken am Afghanistankrieg und der Israelischen Außenpolitik zu diskreditieren.

So kommt es jedenfalls bei mir an.

oca 24.01.2010 | 14:34

@Fro: Es ist ja nicht so, dass es das von Ulfig genannte Phänomen der Anbiederung einiger Teile der Linken bei islamistischen Bewegungen nicht gäbe. Es gibt ja genügend "Linke", auch hier in den Freitag-Foren, die Alles bejubeln, was gegen die USA und Israel gerichtet ist (Einige Blogger, die sich selbst sicherlich als links definieren, kommentierten eine eindeutig antisemitische Rede Ajmadinedjads von nicht allzu langer Zeit sehr zustimmend). Aber das ist eben zum Glück nicht die gesamte Linke, wie Ulfig unterstellt.

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Ehemaliger Nutzer 24.01.2010 | 15:04

@ AlexUl
"Sie sehen aber offensichtlich hinter jeder Aussage von mir eine Verschwörung, sei es neoliberaler oder anderer Art."

Die Unterstellung einer Verschwörungstheorie ist zwar beliebt, kann aber aus meinen Sätzen nur absichtlich falsch herausgelesen werden.
Ich orientiere mich strikt an Ihren Aussagen:

"Es fällt ihnen (den Linken -b2bm)offenbar nicht schwer, ihre tiefsten Überzeugungen zu verstecken, solange es ihrer politischen Strategie nützt."

Wenn es Ihnen "um das Verhältnis der Linken ZUR RELIGION" ginge, hätten Sie sich nicht nur auf den ISLAM konzentriert und DEN LINKEN unterstellt, sie wollten eine

"Allianz mit dem Islam (diese Allianz -b2bm) soll sich in einer gemeinsamen Front gegen die Politik der USA und Israels sowie in dem gemeinsamen Kampf gegen das Kapital und das freie Unternehmertum manifestieren"

Der ISLAM ist nicht DIE RELIGION.

Im übrigen gibt es DIE Linke nur als Namen für eine Partei. Die Komintern und das Motto "Die Partei hat immer recht" ist schon lange Vergangenheit. Die Meinungsvielfalt unter den Linken ähnelt vielmehr den zig Sekten des Christentums.

Zu empfehlen wäre da die Lektüre von 'konkret', immerhin das linke Periodikum mit der höchsten Auflage (Bürgerkinder-FAZ "TAZ" mit dem Kriegshetzer Rathfelder ist nicht links und das Parteiblatt "Neues Deutschland" mal außen vor). Dort wird allmonatlich schärfste Islamkritik geübt und der Atheismus ist Programm. Dort finden Sie am ehesten eine Bestandsaufnahme des GEDANKENguts der heutigen Linken.
Online ist dort zwar nicht besonders viel zugänglich, doch für den ersten Überblick reicht's allemal. Geben Sie auf der Startseite

www.konkret-verlage.de/kvv/kvv.php

das Stichwort Islam ein; unter den 54 Treffern werden Sie keinen finden (das sage ich, ohne es überprüft u haben, bin aber dennoch sicher) der auch nur ansatzweise 'eine Allianz mit dem Islam' für möglich hält, im Gegenteil.
Zu empfehlen für eine gründliche Recherche ist die CD-Rom aus 36 Jahren 'konkret'. Dort haben fast alle, die LINKS Rang und Namen haben (hatten, unter anderem auch der leibliche Vater des Freitag-Verlegers) ihre Texte, Spuren hinterlassen.

Columbus 24.01.2010 | 15:07

Sehr geehrter Herr Ulfig,

Zunächst einmal, großes Lob und Anerkennung, für Ihre Entscheidung, sich hier zu Ihrem Text zu äußern und das Lob, wie auch die Kritik anderer, zumindest zu erkennen, wenn auch vielleicht nicht zu akzeptieren.

Warum gibt es weniger Religionskritik von Linken, die es mit ihrem Links-sein ernst meinen? Weil es eine Konvergenz in vielen Thesen zur Gesellschaftsentwicklung zwischen Kirchen und Linken gibt, Linke schon lange nicht mehr Atheisten sein müssen, und der Staatssozialismus, der im Grunde nur eine primitive und ausbeuterische Gegenstruktur zum westlichen Kapitalismus war, zu Recht unter gegangen ist. - Sie aber, wollen ja nicht einmal das anerkennen, wie ihr neuerliches Statement klar zu erkennen gibt.

Wenn Sie die Frage ersnthaft umtreibt, so müssten Sie doch in der Lage sein, ihr Interesse an der Frage begründen zu können. Ihre Wortmeldung belegt ja, dass Sie sich dezidiert nicht als einen Linken betrachten, eher als einen, wie immer eingestellten, Beobachter sehen. Andere Kommentatoren haben das schon mit Auszügen und Quellen ihrer Texte belegt.

Sie empfehlen aber Linken eine Aktivität, eine Verhaltensänderung! Diese sollten sich wieder verstärkt religionskritisch ausrichten, um ihre, von ihnen so gesehenene, historische Mission zu vollenden und einen vollständig säkularen Staat zu schaffen. - Ist das denn ihr Interesse, fechten Sie denn genau dafür? Machen Sie, wenn Sie schon anderen Handlungsanweisungen und Handreichungen geben wollen, doch einmal deutlich, warum Sie das von anderen, denen Sie sich nicht zugehörig fühlen, verlangen möchten.

Leider blieben ja Ihre Andeutungen zu den 68ern sehr nebulös. Wen meinen Sie mit den Neomarxisten? Wer hat den, nach Ihrem Empfinden, die sexuelle Revolution und Emanzipation voran getrieben? Nennen Sie doch Namen, Ereignisse, Bücher, Orte....

Worin könnte linke Religionskritik bestehen?:

- Wenn z.B. wieder starke Missionierungswünsche auftreten, dann sollten sich Linke zu Wort melden. Bsp.: Evanglikale aus Südkorea, die sich mit noch so viel Überzeugung, sie täten damit Gutes auf Hilfsmission an den Hindukusch machen.

- Wenn wieder Absoutheits- und Wahrheitsansprüche in Religionen in den Vordergrund rücken.
So hat die evangelische Kirche Deutschlands unter Bischof Huber durchaus wieder den Anspruch erhoben, Huber schränkt es auf den Kreis der reformiert Gläubigen ein, von Glaubenswahrheit zu sprechen. Den eigenen Glauben entschieden und bewusst in der Öffentlichkeit zu verteten, das kann auch eine ausschließende Formel sein, obwohl natürlich Huber und seine theologischen Mitstreiter nur das Beste wollen. - Dazu gab es ein sehr ausführliches Papier, in dem auch von Mission gesprochen wurde.

- Linke müssen sich äußern, wenn die Kunstfreiheit oder die Pressefreiheit im Namen irgend einer Religion eingeschränkt wird. Aber selbstverständlich kann mit Stellungnahme nicht gemeint sein, dass man sich mit manchem übertriebenen Scherz, mit mancher Beleidigung, die gegen Religionen geäußert werden, gemein macht. Schützen muss man das Recht zur Karrikatur, das Recht zur Kritik, sogar das Recht, eine völlig unbegründete Kritik trotzdem zu äußern, aber man muss sich nicht inhaltlich vor jeden offensichtlichen Unsinn stellen.

Dazu kommt, dass die Presse- und Meinungsfreiheit heute, hier bei uns, aus einer ganz anderen Richtung viel stärker bedroht wird, als ausgerechnet von den großen Religionen.
Auch wenn wir uns bei einer solchen Betrachtung am sichersten bezüglich unserer eigenen Gesellschaft bewegen, gilt das natürlich, wenn auch auf den ersten Blick nicht so eindeutig, z.B. im Iran. Nicht umsonst ist die Farbe des Protestes dort grün.

-Eine (seltsame) Koinzidenz gibt es, zwischen dem Islam und den Linken. So wenig der Islam eine einheitliche Lehrmeinung und eine hierarchische Gemeindeordnung der Gläubigen kennt, fast Alles läuft über den sprichwörtlichen Zulauf für einen Imam, eine Moschee, per stiller Aklamation der Gläubigen, per Anerkennung ohne Abstimmung und ohne eine Vorschrift, wer wen in religösen Fragen anerkennen muss, so sehr ist auch die Linke heute eine nicht mehr doktrinär festlegbare Gemeinschaft. -Ist das nun gut oder schlecht in ihren Augen?
Deutsche neigen ja dazu, alle Einrichtungen, die nicht einen Aufbau in lokalen- bis landesweiten Strukturen kennen, keinen allgemein Verantwortlichen und verbindlich Sprechenden benennen können, von vornherein für bedrohlich zu halten und ihn in Diskussionen nicht ernst zunehmen. So gehen wir ja auch mit linken Intellektuellen um, die wir nicht einer Partei oder einem Lager der Linken zuordnen können. Linke und Muslime kennen kein Zentralkomitee. Die einen mussten es erst abschaffen, die anderen hatten nie eines, aber dafür viel zu früh wohl, eine direkte staatliche Autoritität, die sich den Glauben zu nutze machte. Aber heute herrscht wieder Vielfalt und die Muslime, die tatsächlich zum Kalifat zurück wollen, sind entweder Terroristen oder aber in der Minderheit. - Ist das gut oder schlecht, oder einfach nur auch eine Möglichkeit und Chance?

-Sollen Linke nochmals in den Kampf mit den Gläubigen einsteigen, um fundamentale Glaubenssätze der Religionen anzugehen? Was soll das bringen, in einer zwar getauften, gefirmten, konfirmierten und kommunierten, auch jugendgeweihten Gesellschaft, deren Hauptantriebe und auch deren Gefährdungen nicht aus diesen gesellschaflichen Symbol-Handlungen stammen.

Christen treiben ab, beten weiter und Gott wird sie, wenn sie denn glauben, hören, und nicht verdammen. Christen machen im Prinzip die gleichen Dinge wie Muslime, allerdings oftmals vielleicht nicht mit der gleichen religiösen, rückgebundenen Begründung, sondern mit sozusagen extrinsischen Motiven, die nicht aus der Bibel, nicht aus der Bergpredigt, nicht aus dem Leben Jesu und nicht aus den Kirchenvätern abzuleiten sind. Daran hat die Kirche so zu schaffen, wie die Linke an ehemals Linken zu schaffen hat, die nun die Errungenschaften der Markt- und Mediengesellschaft vorzüglich für sich selbst erkannt haben und nutzen und populistische Thesen durch die Gegend schleudern.

- Linke können sich auch zu Wort melden, wenn die Religionen nicht halten, was sie versprechen. Man kann nicht beständig "Frieden, Frieden, Frieden" rufen und gleichzeitig Segenswünsche über Waffen sprechen. Man kann nicht einerseits gegen Verhütung predigen, ohne andererseits nicht einmal die materiellen Voraussetzungen, um Kindern eine reale Chance zu geben, geschaffen zu haben. Solche Widersprüche sind aufdeckbar.

Was aber überhaupt nicht geht, Herr Ulfig, einen Artikel zu verfassen, der jahrelanges Interesse an der Frage bekundet, aber in keinem Satz eine Kenntnis nachweist, die dieses jahrelange Interesse belegt und dazu noch aus einer Beobachterhaltung heraus Ratschläge erteilt. Sind sie Christ? Sind Sie Muslim? Sind sie parteipolitisch oder intellektuell engagiert bei der Linken dabei? Das wäre dann, in diesem Sinne sehr wichtig zu wissen. - Mit ihrer Person hat das nichts zu tun. Aber ihre Argumente, sofern sie denn keine reinen Scheinargumente sind, Linke dahin zu bekommen, wo Sie sie gerne hin hätten, müssen doch einen realen Boden haben? - Haben Sie sich denn einmal länger mit linken Theologen, Befreiungstheologen, der Stellung der Kiche zum Kapitalismus befasst? Entdecken Sie da Annäherungen an dezidiert linke Positionen, oder eher nicht?

Liebe Grüße
Christoph Leusch

AlexUl 24.01.2010 | 15:35

@oca Meine "Ratschläge" bezogen sich doch darauf, dass die Linken sich auf ihre atheistische Herkunft besinnen und dass sie sich für eine Trennung von Staat und Kirche aussprechen sollten (oder wenigstens ab und zu ihren Atheismus äußern sollten). Warum möchte ich das? Weil ich selbst ein Atheist bin (aber nicht religionsfeindlich, wie es viele hier darstellen; es gibt auch die Möglichkeit der atheistischen Religiosität wie im Buddhismus)und ich es irgendwie schade finde, dass man von der Feuerbachschen, Marxschen und Freudschen Religionskritik nichts mehr hört. Meine "Ratschläge" bezogen sich nicht auf den Bau von Moscheen. Ich fand es nur widersprüchlich oder merkwürdig, dass sich Linke, die früher extrem atheistisch und antireligiös waren, für den Bau von Gotteshäusern aussprachen. Vielleicht hätten sie sagen können: Wir sind für die Religionsfreiheit und für die Rechte von Minderheiten, andererseits sind wir Atheisten. Ich habe keinen Kampf vorgeschlagen, sondern an den Kampf der Linken gegen Religion erinnert.
Sie haben Recht: Ich rede sehr allgemein von "den Linken" und gebe nur einige Beispiele. Ich müste mehr differenzieren, aber dafür bräuchte ich mindestens 10 Seiten. Aus redaktionellen Gründen musste ich mich auf 1-2 Seiten beschränken.
Ich bin an Beschimpfungen und Beleidigung meiner Person ("dumm" usw.) nicht interessiert. Ich bin sehr daran interessiert, von Ihnen zu erfahren, wie eine linke Religionskritik heute aussehen könnte, denn ich habe es bis jetzt in diesem Forum nicht erfahren.

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rahab 24.01.2010 | 15:45

ich find es putzig. theismen werden nicht durch das verbot, gotteshäuser (allein diese bezeichnung ist übrigens sehr irreführend und verweist auf einen sehr christlichen(christologischen a-theismus) zu bauen, aus der welt geschafft. wie auch ein in einer verfassung verankertes minarett-verbot keine zwangsehe verhindert. dazu möchte ich lieber bei den konkreten ordnungen ansetzen und diese verändern.

und wie halten Sie es eigentlich mit der/den feministischen theologie/n? verraten Sie mir das auch noch?

Streifzug 24.01.2010 | 15:57

AlexUl,

linke Religionskritik heute?

Kirchenkritik, Religionskritik, linke Religionskritik?

Linke Religionskritik scheitert meiner Meinung nach daran, dass viele negative religiösen Aspekte der Religion internalisiert wurden/werden und eine linke Religionskritik damit letztlich auf sich selbst zielt.

Linke Religionkritik kann nur funktionieren, wenn die zu kritisierenden Aspekte wirklich externalisiert werden.

kinkelstein 24.01.2010 | 16:38

Hallo Herr Ulfig,

sie schreiben:
"Ich rede sehr allgemein von "den Linken" und gebe nur einige Beispiele. Ich müste mehr differenzieren, aber dafür bräuchte ich mindestens 10 Seiten. Aus redaktionellen Gründen musste ich mich auf 1-2 Seiten beschränken."

Ich denke da liegt der Hase im Pfeffer. So vielgestaltig die "Linke" in ihrer Haltung zur Religion und Atheismus ist, muss ein Atikel wie der ihre am Ende als undifferenziet dastehen. Und seien wir ehlich: Ein "Linker" hätte sich auf ein deartiges Unterfangen jenseits einer Polemik die nur der Popagierung der eigenen politische Linie dient, auch nicht eingelassen. Das Thema eligion in der Gesellschaft ist zu komplex um es in der Kürze eines Zeitschriftenaufsatzes abzuhandeln.

Und ihre Frage danach, wie eine linke Religionskitik heute aussehen könnte möchte ich auf die lesenswerten Beiträge von Herrn Leusch bzw. seinen kurzen Disput mit dem Donnerstag verweisen. Dessen Thesen werden wohl Sozialisten, Kommunisten, Marxisten-Leninisten, Linksalternative und Anarchisten in weiten Teilen zustimmen können.

kinkelstein 24.01.2010 | 16:41

Hallo Herr Ulfig,

sie schreiben:
"Ich rede sehr allgemein von "den Linken" und gebe nur einige Beispiele. Ich müste mehr differenzieren, aber dafür bräuchte ich mindestens 10 Seiten. Aus redaktionellen Gründen musste ich mich auf 1-2 Seiten beschränken."

Ich denke da liegt der Hase im Pfeffer. So vielgestaltig die "Linke" in ihrer Haltung zur Religion und Atheismus ist, muss ein Atikel wie der ihre am Ende als undifferenziet dastehen. Und seien wir ehlich: Ein "Linker" hätte sich auf ein deartiges Unterfangen jenseits einer Polemik die nur der Propagierung der eigenen politische Linie dient, auch nicht eingelassen. Das Thema Religion in der Gesellschaft ist zu komplex um es in der Kürze eines Zeitschriftenaufsatzes abzuhandeln.

Und ihre Frage danach, wie eine linke Religionskitik heute aussehen könnte möchte ich auf die lesenswerten Beiträge von Herrn Leusch bzw. seinen kurzen Disput mit dem Donnerstag verweisen. Dessen Thesen werden wohl Sozialisten, Kommunisten, Marxisten-Leninisten, Linksalternative und Anarchisten in weiten Teilen zustimmen können.

AlexUl 24.01.2010 | 16:52

@born2bmild
Natürlich ist Islam nicht die Religion. Mir geht es um Religionskritik. Die Kritik am Christentum kenne ich sehr gut, weil sie seit ca. 200 Jahren, seit der Aufklärung, geäußert wird. Linke Kritik am Islam ist mir kaum bekannt. Aber ich danke für Ihren Hinweis, ich werde bei "konkret" nachschauen, obgleich ich mehr an einer theoretischen Kritik interessiert bin.
@Columbus
Sie haben sehr viele Punkte angesprochen.
Erstens finde ich auch Ihre Unterstellungen unfair. Sie haben mich als einen Religionsfeid, Hypersäkularisten bezeichnet, als einen, der die Linken auf den richtigen Weg bringen möchte usw. Ja glauben Sie denn, ich bin die Inkarnation von Josef Stalin?
Ich möchte mich zu meiner Person eigentlich nicht äußern, aber Sie zwingen mich dazu. Mein Verhältnis zur Religion und Religiosität ist sehr differenziert. Ich lehne zwar den Monotheismus ab (die Kritiken von Feuerbach, Marx und Freud leuchten mir hier ein), glaube aber an die Möglichkeit von Religiosität/Spiritualität. Man kann religiöse Erfahrungen machen, ohne an einen personalen oder transzendenten Gott zu glauben. Um es kurz zu fassen: Was Religiosität angeht, folge ich der Konzeption von Erich Fromm; er spricht von "atheistischer Religiosität". Ob Sie mir glauben oder nicht, ich bin ein durch und durch spiritueller Mensch.
Mir ist die Strömung der Befreiungstheologie bekannt. Natürlich gibt es dort linke und emanzipatorische Elemente. Die Befreiungstheologie hat jedoch niemals zum linken Mainstream gehört, vielleicht in Lateinamerika, aber nicht in Europa oder in Deutschland. Sie ist - erlauben Sie mir die Formulierung - eine "Splittergruppe" im linken Spektrum. Viele Linke würden sie gar nicht zu "den Linken" zählen.
Zur sexuellen Befreiung fällt mir der schon erwähnte Erich Fromm (und andere Denker der Frankfurter Schule) ein, die sich gegen verkrustete familiäre und auch sexuelle (im weitesten Sinne des Wortes) Strukturen ausgesprochen haben. Und natürlich Herbert Marcuse ("Triebstruktur und Gesellschaft"). Wenn ich von "antiautoritär" spreche, meine ich natürlich personale Autorität, also nicht Wissen oder Bildung.
Danke für Ihre Ausführungen zur zeitgemäßen Religionskritik. Ich muss sie mir in Ruhe genauer anschauen, aber auf den ersten Blick kann ich nur feststellen, dass mir dort die Theorie fehlt, irgendeine theoretische Grundlade, sei es im Sinne des Neomarxismus, der Psychoanalyse oder eines naturwissenschaftlich motivierten Atheismus.
Ich kann mich hier wiederholen: Ich sehe einen Widerspruch in der Haltung der Linken zur Religion (früher atheistisch, heute nicht mehr so, Kritik gegenüber dem Christentum, gegenüber dem Islam nicht so). Gerade das wollte ich mit meinem Beitrag thematisieren.

Fro 24.01.2010 | 17:51

Marx schreibt.
„Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks: Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“

Es geht um das illusorische Glück und die damit einher gehende allgemeine Akzeptanz der herrschenden Verhältnisse.
Dieses illusorische Glück wird aber heute überwiegend von den Illusionsproduzenten in den Denkfabriken der Unternehmensverbände, Werbeagenturen und Parteien produziert – weniger von den Religionen.

Marx würde sich heute wahrscheinlich eher mit der neoliberalen Ideologie befassen, die uns unter den Überschriften „Neue soziale Marktwirtschaft“, „stetes Wachstum“, „freier selbstregulierender Markt“ und „jeder kann Star und Millionär werden“ - über alle Kanäle das Heil versprechen und das als natürlichen - also gottgewollten Weg darstellt – die jede denkbare Alternative als unnatürlich und daher vollkommen abwegig erscheinen lassen soll.

Marx wünschte sich die Auflösung des Schleiers der Illusion, damit wir uns ideologiefrei - frei von dogmatischen religiösen und politischen Denkmustern - um ein gerechtes, angenehmes und zukunftsfähiges Leben auf diesem Planeten kümmern.

Die Kritik an der neoliberalen Ideologie wäre heute in erster Linie angesagt – das würde Marx heute sicher genauso sehen.

Zum neoliberalen Opium:

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Ehemaliger Nutzer 24.01.2010 | 17:57

@AlexUl
Es kommt Ihnen auf Parteiprogramme, auf Aussagen sogenannter Vordenker wie Brie an?
Nun, daran bin ich wiederum nicht interessiert, weil meistens Makulatur, entfernt vom realen Geschehen.
Dafür aber an den Aussagen eines Piwitt.

Leider ist konkret Heft 2002 02
"Hagere Männer mit schwarzem Bart" von Hermann Peter Piwitt zwar unter den Suchergebnissen bei konkret-online ausgewiesen, der Text eines der besten Schriftsteller deutscher Zunge, zudem entschieden links, deswegen vom Literaturbetrieb gemieden, dennoch nicht zugänglich. Deshalb hier ein Auszug:

"Was waren die Untaten der Piraten gegen den Staatsterorismus der herrschenden Mächte? Peanuts. Was war die Zerstörung der Twin-Türme gemessen am legalistischen Bombenerror gegen Vietnam, Kambodscha, Bagdad, Belgrad und Afghanistan? Eine Episode. Nichts war anders danach, als es vorher war.
Ich mag den hageren Mann mit dem langen schwarzen Bart (Bin Laden - b2bm) trotzdem nicht besonders. Soziales Aufbegehren, einmal gründlich abgeblockt, sucht im Wahnsinn seinen Ausweg. In der Regel im religiösen. Es ist die Stunde der Sun-Dance-Bewegung, der Wiedertäufer, der Taliban. Auf einmal soll es noch einmal ein Zurück geben hinter die Greuel kapitalistischer Rationalität. Der militante Islam, der nicht minder greuliche politische Hinduismus sollen es richten. So wie es einmal die Kirchen gerichtet haben. Daß Religiosität kraft politischer Machtvollkommenheit noch einmal Angst und Schrecken verbreitet: bei Gott, nein. Mögen sie glauben an sonstwas Überirdisches, solange sie es ein bißchen mitleidsvoller und barmherziger macht; mögen sie in Rauch aufgehen, wenn nicht."

Fro 24.01.2010 | 18:00

@AlexUl
Marx schreibt.
„Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks: Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“

Es geht um das illusorische Glück und die damit einher gehende allgemeine Akzeptanz der herrschenden Verhältnisse.
Dieses illusorische Glück wird aber heute überwiegend von den Illusionsproduzenten in den Denkfabriken der Unternehmensverbände, Werbeagenturen und Parteien produziert – weniger von den Religionen.

Marx würde sich heute wahrscheinlich eher mit der neoliberalen Ideologie befassen, die uns unter den Überschriften „Neue soziale Marktwirtschaft“, „stetes Wachstum“, „freier selbstregulierender Markt“ und „jeder kann Star und Millionär werden“ - über alle Kanäle das Heil versprechen und das als natürlichen - also gottgewollten Weg darstellt – die jede denkbare Alternative als unnatürlich und daher vollkommen abwegig erscheinen lassen soll.

Marx wünschte sich die Auflösung des Schleiers der Illusion, damit wir uns ideologiefrei - frei von dogmatischen religiösen und politischen Denkmustern - um ein gerechtes, angenehmes und zukunftsfähiges Leben auf diesem Planeten kümmern.

Die Kritik an der neoliberalen Ideologie wäre heute in erster Linie angesagt – das würde Marx heute sicher genauso sehen.

Zum neoliberalen Opium:

AlexUl 24.01.2010 | 18:01

@Columbus @born2bmild
Noch etwas: Da Sie ständig Werbung für mich machen, indem Sie auf andere Publikationen von mir verweisen, möchte ich auch auf etwas verweisen: Ich habe mich in meinem Buch "Die Überwindung des Individualismus" mit dem Konzept der atheistischen Religiosität auseinander gesetzt, dort im Zusammenhang mit einer Kritik an dem sog. Selbstverwirklichungsmilieu, das mit dem links-alternativen Milieu gleichzusetzen ist. Also hat auch dieses Buch etwas mit "links" zu tun, mit links-alternativen Identitäten und Lebensformen. Und noch etwas, woruf ich besonders stolz bin: Ich habe im Jahre 2000 das Kapital von Karl Marx im Verlag Parkland herausgegeben (eine preiswerte Volksausgabe). Der Band entält auch eine längere Einleitung von mir. Ich weiß aber nicht mehr, ob dieses Buch noch im Handel ist. Weitere Publikationen von mir unter:http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Ulfig

Columbus 24.01.2010 | 20:41

Nein, Herr Ulfig,

Weder sind Sie ein Stalinist, noch, nach Ihrer jetzigen biografischen Aussage ein Glaubensfeind. Aber, um so unverständlicher ist es, wenn Sie den Linken einen strengen Atheismus empfehlen, selbst mit der für Linke doch einigermaßen seltenen und, ich sage einmal, gewöhnungsbedürftigen, persönlichen "atheistischer Religiosität", für die sie sich auf Erich Fromm berufen. - Die wünschen Sie dann einer Mehrheit der heute existierenden und handelnden Linken?

Was dürfte näher an einer Minderheitenposition bei denkenden Linken sein, die "atheistische Religiosität" oder aber die Haltungen und Vorstellungen der "Befreiungstheologie" und der von mir genannten linken Theologen?
Was wäre eine Zielvorgabe: Die Verständigung mit den in Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen zunehmend hellsichtigeren großen Religionen (lesen Sie die Enzykliken des Papstes), oder die Vertretung einer "Religiosität und Spiritualität" ihrer Denkungsart, die Ihnen ja zusteht, die Sie aber so nicht anderen Leuten aufs Auge drücken können.

In Ihrem Ausgangsartikel, das ist ja auch von sehr vielen hier bemerkt worden, geht es jedoch sehr einfach gestrickt darum, die Linken und die Rechten auf der gleichen Flöte gegen den Islam, nicht etwa gegen den Islamismus spielen zu lassen. Daher ihr Nachkarten mit dem Beipiel der Moschee in Köln, -an deren Entstehen übrigens Nicht-Muslime mit und ohne konfessionelle Bindung einen großen Anteil hatten, sowohl bei der Planung, als in der Beratung, als dann für die Entscheidung - , daher ihr Versuch, die 68er in Haft für einen Säkularismus zu nehmen und ihnen, den Linken, zu unterstellen, sie engagierten sich nicht ausreichend gegen radikale und dogmatische Haltungen im Islam.

Sie wollen ja noch mehr. Kirchenbauten, zumindest Neubauten, sollte es ihrer Meinung nach, lesen Sie ´mal ihren Text, nicht mehr geben.
Also bitte, mit dieser Philosophie können Sie die Linke höchstens in eine ein Prozent Splitterpartei verwandeln.

Nur um diese Sachverhalte geht es und nicht um Ihre Person. Wahrscheinlich kann man mit Ihnen gut ein Bier trinken, in den Kölner Dom gehen und bei der Eröffnung der Ehrenfelder Moschee das Fest mitfeiern.

Liebe Grüße

Christoph Leusch
Liebe Grüße

Christoph Leusch

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Ehemaliger Nutzer 24.01.2010 | 21:06

Ja, wenn es Ihnen darum geht ...
Mit dem Freitag oder Ihren anderen Publikationsorganen finden Sie nicht die rechte Verbreitung. Bieten Sie's der ZEIT an, Überschrift:

"Marx Mullahs - Opi um Halbmond besorgt?"
Oder ähnlich.
br>Di Lorenzo lädt Sie danach in seine Talkshow, und schon geht's weiter zu Frank Willner. Sie halten überall Ihr neuestes Werk hoch - und bald darauf erteilt Sloterdijk Ihnen den philosophischen Ritterschlag.
Sie haben es sich VERDIENT.

derDonnerstag 25.01.2010 | 01:49

@Rahab
Schade, wie konnte ich das nur vergessen. Feministische Theologie können Linke ja gar nicht ablehnen, da sie sich sonst als unverbesserliche Chauvis outen würden. Ist klar, Jesus hieß eigentlich Jesuine und war 'ne Frau, seine Jünger waren ebenfalls alle Frauen, bis auf Judas. Herodes und Pontius Pilatus waren natürlich auch Männer. Wie im echten Leben halt.
Und wie ist das im Islam? Mohammed war auch 'ne Frau. Seine diversen Frauen und Sklavinnen waren Männer. Ja, ich denke, so wird es gewesen sein. Oder ist die Umpolung beim Islam nicht nötig, weil der ja eh sakrosankt ist?

Lethe 25.01.2010 | 10:45

beide, Christentum wie Islam, stehen in Mitteleuropa unter Druck; die Art des Druckes unterscheidet sich allerdings gewaltig. Das Christentum hat mit Interesselosigkeit zu kämpfen - was die alten Männer in Rom oder der Priester/Pfarrer vor der Gemeinde zu sagen haben, interessiert inhaltlich zunehmend weniger Menschen, hat eher Mantra-Charakter bekommen (selbst wenn das mediale Interesse immer noch gewaltig ist, zumindest gewaltig hoch gehalten wird). Dieser Druck auf das Christentum geht in gewisser Weise von den vormaligen Gläubigen selbst aus, die sich Schritt um Schritt emanzipieren, selbst da, wo sie Mitglied in den Kirchen bleiben.

Der Druck auf den Islam ist sehr viel stärker politisch geprägt. Es geht bei der Religionskritik am Islam den wenigsten Kritikern um die Religion Islam, als vielmehr: der Islam arabischer Prägung passt nicht in unser politisches Wertegefüge, er ist vor allem ein politischer Feind (viele berücksichtigen ja noch nicht einmal, dass es genuinen europäischen Islam gibt, dem die meisten Bösartigkeiten des arabischen Islams völlig fehlen). Um zu einer Religionskritik am Islam zu gelangen, ist es derzeit erst einmal nötig, sich durch die Schichten politischer Kritik durchzukämpfen, um überhaupt freien Blick auf die Religion zu bekommen. Das ist anstrengend, und ich vermute, für viele zu anstrengend, weil damit auch eine Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen verbunden ist. Da ist es einfacher, es bei der politischen Kritik zu belassen, auch für Linke.

Querdenker 25.01.2010 | 18:30

Überfälliger Artikel, Herr Ulfig. Auch wenn ich den Eindruck hatte, Ihnen fehlte am Ende etwas die Zeit. Die Herausbildung einer proislamischen Strömung innerhalb der Linken ist auch deshalb besonders bemerkenswert, da sich ja gleichzeitig eine antideutsche (proisraelische) Bewegung in Deutschland entwickelt hatte (Robert Kurz hat das Thema in seinem Buch "Die antideutsche Ideologie" umfassend aufgearbeitet). Hier bedingungslose Solidarität mit dem Islam, dort bedingungslose Solidarität mit Israel. Was ist das eigentlich? Extremistischer Altruismus? Kulturkampf gegen sich selbst?

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fidelche 25.01.2010 | 20:58

Wenn Islamisten Menschen den Kopf abschneiden zugleich Koranverse singen, diese Aktionen filmisch dokumentieren und ins Internet stellen, ist dies keine Privatsache. Wenn islamische Hassprediger zu Terroraktionen aufrufen ist dies auch keine Privatsache.
Wenn Frauen aufgrund von Religionstexten (Bibel, Koran) diskriminiert werden, dürfte es auch keine Privatsache sein, oder?
"Gott sei Dank" hatten wir die Aufklärung, Napoleon usw - im Gegensatz zur islamischen Welt.

h.yuren 25.01.2010 | 22:58

liebe leute, wo lebt ihr denn?
habt ihr schon mal was von der giordano-bruno-stiftung gehört?
das wörtchen 'atheist' ist das produkt eines theisten, der sich erdreistet, denjenigen, der nicht an gespenster glaubt, taufen zu wollen.
nicht der theismus des voltaire und anderer aus der sogenannten epoche der aufklärung ist das richtige bewusstsein (von den intensiven geisterbeschwörern will ich nicht reden). der mensch, der ein wenig aufklärung genossen hat und diese auch vertritt, hat weder zwerge im vorgarten noch himmlische heerscharen im kopf.
hier werden zwei dinge durcheinandergeworfen: politisch mehr oder weniger linke und die aufgeklärten bürger/innen. personalunion soll vorkommen, ist aber nicht die norm.
der artikel möchte den leser/innen das denken abgewöhnen.

Fritz Teich 26.01.2010 | 09:07

Andere Laender, andere Sitten. Die Religion eines anderen ist eine ganz andere Frage als die, ob ich selber religioes bin, sein sollte oder nicht. Es geht um Toleranz. Eigentlich ganz einfach. Alles andere waere Missionierung. Das muss mich nicht davon abhalten, die Verhaeltnisse in Saudi Arabien oder dem Iran oder Israel oder den USA zu kritisieren. Wo Politik und Religion in der einen oder anderen Weise vermischt werden. Die Religion als solche ist aber tabu.

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fidelche 26.01.2010 | 17:52

Lieber Herr H.Yuren, wo leben Sie denn und welcher Sekte gehören Sie denn an?
Atheismus bezeichnet die weltanschauliche Grundauffassung, dass es keinen Gott gibt. Als Atheist wird bezeichnet, wer es ausdrücklich ablehnt, an Gott oder Götter zu glauben.
Wenn Linke den praktizierten Aberglauben im Islam nicht erkennen oder ignorieren, dann ist dies zumindest problematisch.
Es wäre gut wenn Sie den Artikel nochmal lesen würden!

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fidelche 26.01.2010 | 18:13

@ born2bmild

Konkret dürfte neben der Jungle World die einzige linke Zeitung sein, bei der es "keine Allianz mit dem Islam" gibt.
Ich bin seit fast 30 Jahren Konkret-Leser und kann dies bestätigen.
Ich bin aber davon überzeugt, dass diese Position schon lange nicht mehr repräsentativ innerhalb der Linken ist.
Ich stelle in den Fragen Islam-Israel-USA-Antisemitismus eine Querfront von Linken und Rechten fest.

SPB 27.01.2010 | 00:41

Mit dem Fakt im Hinterkopf, dass der Autor recht eindeutig ein religiöser und politischer Christ ist, ein paar Kommentare eines Säkulärhumanisten:

Dass die Linke sich mit dem Untergang des Ostblocks auch in ihrem Umgang mit Religion weiterentwickelt hat, ist eine gute Sache - und die eigene Weiterentwicklung anzuerkennen ist auch eine Kernforderung des Christentums. Linke setzen sich heute für Freiheit und Gleichbehandlung der Relgionen ein, anstatt für ihre Abschaffung. Auch damit sollte ein Christ eigentlich keine Probleme haben.

Der Unterschied, den ich nun zwischen dem Christentum und dem Islam sehe, ist Toleranz - oder eher ihre Abwesenheit. Freiheitlich und menschenrechtlich denkende Muslime treten islamistischem Fundamentalismus klar und deutlich gegenüber, zu sehen etwa in der St. Petersburg-Declaration. Sie tolerieren sie nicht. Und das, obwohl sie meist in Ländern leben, in denen der gesamte Islam als frauenfeindlich, gewalttätig und rückständig betrachtet, teilweise sogar politisch diskriminiert wird, wie in der Schweiz.

Die meisten Christen auf der anderen Seite, speziell Katholiken, scheinen kein großes Problem mit ihren erzreaktionären Glaubensbrüdern zu haben. Ihre Solidarität, alleine durch die Zugehörigkeit zu denselben Kirchen, die sich gegen ein modernes Familienbild und gegen das Recht auf Verhütung selbst in Afrika aussprechen, verschafft diesen Kirchen eine Legitimation in der Gesellschaft, die sie nicht mehr verdient haben, als fundamentalistische Muslime.

Ich mache mir nicht die Illusion, dass dieser Gedankengang hinter jedem linken Bemühen für Toleranz gegenüber der muslimischen Gemeinschaft steht, aber er kann deutlich machen, dass alle drei Seiten, Christen, Muslime und Säkuläre ihre Schwächen haben, vor allem aber auch ihre Stärken. Und die muss man ihnen zuerkennen.

Dreamtimer 27.01.2010 | 18:33

Nach meiner Beobachtung findet zweierlei statt. Zum einen wird Anti-Islamismus mit Fremdenfeindlichkeit assoziiert. Es ist ein Thema der Rechten, bei dem es um Ausgrenzung von Minderheiten geht. Da möchte sich die Linke nur ungern gemein machen, was auch verständlich ist.

Zum anderen und das ist fundamentaler und nicht bloß einem Abgrenzungskalkül geschuldet, gibt es eine Art "Royismus", den ich nach Arundhati Roy benenne, die sich nach 9/11 hinstellte und sagte, die islamischen Fanatiker seien eigentlich verirrte Linke, die gegen Armut und Ungerechtigkeit vorgingen, ein Standpunkt, den man aus historischer Perspektive sogar verteidigen kann, zumindest mit Blick auf die Wurzeln der Hamas und der ägyptischen Muslimbruderschaft.

Wichtig am Royismus ist v.a. den Islamismus als Epiphänomen eines sozio-ökonomischen Weltsystems zu verstehen, statt als eine Kraft sui generis. Letztlich läuft alles auf die USA bzw. den "Westen" zurück, der über die Islamisten vermittelt, mit sich selbst spielt, der an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan Djihadis heranzieht, die dann gegen ihn losschlagen, woran wiederum der militärisch-ökonomische Komplex verdient und in einem orwellianischen, ewigen Scheinkrieg, die Bürgerrechte abgeschafft werden. Man kann ihn also systemisch aufheben und den Kapitalismus zu kritisieren, genügt dazu vollauf.

Selten wird hier tiefer ins Detail gegangen. Der Hinweis, Bin Ladin und Co. seien Agenten des CIA, gilt, trotz Konformität mit den Grundüberzeugungen, als Verschwörungstheorie, die ihrerseits struktureller Anti-Semitismus ist und mit einer Art Bilderverbot belegt wird: wie in allen soziologischen Systemtheorien müssen Fakten und Personen austauschbar und irrelevant bleiben. Erst wenn der Bann gebrochen und das System gesprengt ist, werden wir wieder Menschen.

Im Royismus bleibt der politische Islam eingeschlossen in den Spiegelgefechten des Westens. Es kann nur einen Gott gegen, nämlich unseren Gott und der ist westlich, kapitalistisch und christlich.

derDonnerstag 28.01.2010 | 02:59

@Dreamtimer
Ich finde zwar auch, dass Religionen heute maximal einen Asbach Uralt wert sind ...
aber da dummerweise viele Leute da anderer Meinung sind, sollte man sich vielleicht doch gelegentlich mit ihnen beschäftigen.

"Letztlich läuft alles auf die USA bzw. den "Westen" zurück"
In der Realität oder im Traum?

"Selten wird hier tiefer ins Detail gegangen. Der Hinweis, Bin Ladin und Co. seien Agenten des CIA, gilt, trotz Konformität mit den Grundüberzeugungen, als Verschwörungstheorie"
Was meinen Sie mit "Konformität mit den Grundüberzeugungen?" Meinen Sie, den USA ist es gerade recht, wenn Al Qaida Terroranschläge verübt? Diese Logik erschließt sich mir nicht.

"die islamischen Fanatiker seien eigentlich verirrte Linke, die gegen Armut und Ungerechtigkeit vorgingen"
Die islamischen Fanatiker sind verirrte Fanatiker, die statt gegen Armut und Ungerechtigkeit vorzugehen, den bösen Westen für alles Unheil dieser Welt verantwortlich machen und ihr Heil in einer antiquierten, menschenfeindlichen Ideologie suchen. Ganz ähnlich wie seinerzeit die Nazis. Die Parallelen sind augenfällig: die USA und die Juden (heute: die "Zionisten") sind schuld.
Wobei es natürlich solche und solche Islamisten gibt und solche und solche Nazis gab. Z.B. verpeilte Linke, die zum Nazi wurden wie in "Mephisto" von Klaus Mann beschrieben. Die meisten Nazis waren aber wohl einfach nur Nazis, so wie die meisten Islamisten einfach nur Islamisten sind.
Letztlich macht es auch leider keinen großen Unterschied. Gregor Strasser war auch so ein verpeilter Linker, der leider Antisemtismus auch ganz ok fand und daher meinte, es sei eine gute Idee, sich den Nazis anzuschließen. Dummerweise war das "S" in der "NSDAP" aber nicht wörtlich gemeint. Und das "N" ...

Dreamtimer 28.01.2010 | 10:02

[Was meinen Sie mit "Konformität mit den Grundüberzeugungen?" Sie, den USA ist es gerade recht, wenn Al Qaida Terroranschläge verübt? Diese Logik erschließt sich mir nicht.]

Wieso nicht? Die Terroranschläge waren die Legitimation für den Einmarsch in den Irak, für den Patriot Act und das Ministerium für Heimatschutz, für Geschäfte der Rüstungsindustrie usw. Man kann dies als ruchlosen Pragmatismus verstehen, also unter den gegebenen Umständen und Interessen, das beste aus der Situation zu machen, dann bleibt der Islamismus eine autonome Kraft, der sich im asymmetrischen Krieg mit dem Westen versucht und ihn aus dem Nahen und Mittleren Osten verdrängen will. Oder man vermutet eine Intelligenz des Westens, die nicht nur reagiert. Dann hält er nach wie vor alles in der Hand und die Folgen von 9/11 waren von Beginn an bezweckt.

I.ü. finde ich, dass der Islam, anders als die Linke oder Rechte heute, in der Lage ist, das Kollektive zu artikulieren. Die Religionen füllen eine Lücke, die von Nation, Rasse oder Klasse nicht mehr geschlossen werden können. Sie setzt dabei anders, als das New Age oder esoterische Strömungen, auf lange erprobte Muster und vorhandene Kulturen. Der Vorwurf, sie seien Asbach Uralt prallt komplett an ihnen ab. Alter gilt wieder als Qualitätsmerkmal und nur die Benutzung der Medien wird auf den neuesten Stand gebracht.

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tomgard 28.01.2010 | 13:17

An der wohlmeinend aufklärerischen Debatte möchte ich mich nicht beteiligen und bitte um Nachsicht, daß ich deshalb nur ein Bruchteil der Kommentare zur Kenntnis genommen habe.

Das Elend schon der marx'schen Religionskritik war nämlich ihre von Marx selbst vorgenommene und akzeptierte aufklärerische und verbalradikalistische Aufweichung, deren populärste Gestalt eben jener Spruch war, den auch Ulfig zitiert: "Opium fürs Volk". Was Ulfig weiter dazu sagt, ist sachlich unrichtig:

"Marx bestimmt Gott in Anlehnung an Feuerbach als ein Produkt des Menschen, genauer: ein Produkt der Projektion menschlicher Fähigkeiten und Wünsche."

In der "Judenfrage" hatte Marx m.E völlig zureichend, und in scharfer Opposition zu Feuerbach gezeigt, der religiöse Mensch sei eine verhimmelte Abspaltung des "Bourgeois", des Wirtschafts- v.a. Konkurrenzbürgers, der erst in der Gestalt des vollentwickelten Staatsbürgers, des "Citoyen" gleichsam "zu sich selbst" komme. So war definitiv abgeleitet, Religion sei eine frühe Gestalt des Nationalismus!
Shucks!
Das liegt im Falle der alten Theokratien völlig offen zutage, nicht wahr?! Jeder bessere Schüler kennt z.b. die Geschichte der Hinrichtung Sokrates und die lüsternen Greuelgeschichten aus den babylonischen und ägyptischen Tempelaristokratien. Unkenntlich wird das dem Bourgeois ausgerechnet und doch logischerweis dann, wenn der Nationalismus nicht urban, sondern rural ist, wie im Falle des Christentums, des Islam und z.t. auch des Buddhismus. Wenn er von der tribalen Seite und der Seite ruraler Kultgemeinschaften kommt, die aus technischen Gründen bzw. zu Schaffung und Erhalt von Wehrhaftigkeit zu einem urbanen Herrschaftsnetz verknüpft werden, erkennen Bauer wie Bürger die Verhimmelung der irdischen Heer- und Herrscharen nicht mehr.

Nichts ist daher sachfremder und - mit Verlaub im Sinne einer saftigen Polemikkultur - auch dämlicher, als Religion, religiöse Motive udn Bedürfnisse aufkläricht zu Hirngespinsten, Einbildungen, gar "Gespenstern" (h.yuren) usw. zu VERklären! Diese "Gespenster" gehen seit 3000 Jahren verflucht mörderisch zu Werke!
Die Verklärung ist tendentiell auch in Ulfig Artikel angelegt, denn nach dem, was ich oben zitierte, rückt der Satz:
"Die Religion ist für (Marx) Ideologie, falsches Bewusstsein."
den Begriff "falsches Bewußtsein" praktisch in die Klasse der "Hirngespinste".

Das Elend der Kritik ist die mangelhafte Kritik des Elends!

Tom

Harm 29.01.2010 | 05:38

Der Artikel stellt die falschen Fragen. Der Autor missversteht meines Erachtens die Solidarität.

Ich denke, dass Solidarität mit den Muslimen und Religionskritik sich nicht widersprechen. Ich sehe mich zum Beispiel als ziemlich religionskritisch. Wir leben jedoch in einem christlichen Land. Da fange ich doch nicht bei einer religiösen Minderheit im eigenen Land an. Da macht mir der amerikanische Kreationismus und andere Tendenzen viel größere Sorgen.

Mir ist die Islamkritik zu plump und kurzsichtig.

Wenn ich mich mit dem Islam solidarisiere, dann nicht aus religiösen, sondern aus politischen Gründen. Ich sehe große Unterschiede in der allgemeinen Religionskritik und in der gezielten Kritik am Islam. Die gezielte Kritik am Islam hat für mich eindeutig einen fremdenfeindlichen Beigeschmack. Das ist für mich alles andere als links. Das ist eindeutig rechts!

Ausserdem will ich mich als "linker Pazifist" nicht am "Clash of the Cultures" beteiligen. Die Islamkritik ist ja kein Zufall. Da stecken doch ganz andere Interessen dahinter.

Dreamtimer 29.01.2010 | 12:04

Die linke Intelligenz beschränkt sich also auf eine "Kritik im Allgemeinen"? Davor fürchtet sich die Religion ungefähr so, wie der Kapitalismus vor seinen Widersprüchen.

Die Rechte wird hier übrigens zu eine Art teuflischem Überich, dem man mit Selbstzensur begegnet. Andererseits, warum auch nicht? Links uns Rechts definieren sich ja ohnehin in wechselseitiger Abgrenzung und wenn man seinen Sinn, als politischer Mensch, darin sieht, auf die eine Seite der Unterscheidung zu fallen, dann muss man diese Anstrengung eben immer wieder erneuern, so wie ein Opfer für die Götter. Was jemand der in einem gepflegten, politischen Ritual lebt allerdings an "Religion im Allgemeinen" kritisiert, scheint doch etwas anderes zu sein, als das was Religion als Vollzug und Begründung des Rituellen eben ist. Stimmts?

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Ehemaliger Nutzer 29.01.2010 | 12:32

@Harm
Die gezielte Kritik am Islam hat für mich eindeutig einen fremdenfeindlichen Beigeschmack.

Das ist vereinfacht gesagt, aber besser kann man es in einem Satz nicht sagen. Das ist genau der Punkt: fremdenfeindlich.
Das Wiedererstarken des Islam in den traditionell islamischen Ländern hat doch sehr wenig mit Religion zu tun. Diese Länder sind unter den Einfluß des Westens geraten und sind nun dabei, sich von diesem Einfluß zu lösen und sich auf ihre eigene Identität zu besinnen. Die Grundlage ihrer Identität aber ist der historisch gewachsene Islam, so wie bei uns das Christentum die Grundlage unserer Kultur ist. Auch als Atheist bin ich umgeben vom Christentum und all seinen direkten und (vor allem) indirekten Folgen.
Meinen Söhnen, beide konfessionslos, habe ich geraten, den Religionsunterricht zu besuchen. Nicht nur deshalb, weil sie dort gut unterhalten werden mit abenteuerlichen Stories. Das Hauptmotiv war, daß ich die abendländische Kultur überhaupt nicht richtig verstehen kann, wenn ich von Christentum keine Ahnung habe. Und wenn ich von Christentum ein bißchen was verstehe, dann verstehe ich, quasi nebenbei und zwanglos, schon mal einiges vom Judentum.

Ciao
Wolfram

mustermann 29.01.2010 | 12:33

Der Koran ist im Übrigen die wörtliche Offenbarung Gottes an Mohammed, kein Wort darf verändert werden. Der Koran ist von gläubigen Moslems wörtlich zu befolgen. Dies steht in völligem Gegensatz z.B. zu den Christen mit ihrer Bibel.
Zur Person von Mohammed, der u. a. an einem Tag die Köpfe von mehr als 300 Juden abgeschlagen hat, zitiere ich Wikipädia über seine "Lieblingsfrau": "Aischa war bei ihrer Heirat mit Mohammed sechs und beim "Vollzug der Ehe" neun Jahre alt."
Es wäre nett, wenn die Linke auch hierzu Stellung nimmt. Der Dialog sollte auch mit Erdogan geführt werden. Ein kleiner Auszug einer Wahlkampfrede vom Tayyip Erdogan: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten." - auf einer Wahlveranstaltung am 6. Dezember 1997, zitiert in "Die Welt", 22. September 2004: Quelle: Wikipedia

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Ehemaliger Nutzer 29.01.2010 | 16:56

@Harm
Ja, natürlich war das vereinfacht dargestellt. Der Artikel war ja auch eine sehr vereinfachte Kritik an die Solidarität der Linken.

Pardon, meine Formulierung mit der vereinfachten Darstellung war keine Kritik an deinen Ausführungen. Weil ich schon Mißverständnisse geargwöhnt hatte, habe ich extra noch den folgenden Satzteil "... aber besser kann man es in einem Satz nicht sagen." in Fettdruck hinzugefügt.
Und: Eine einfache Darstellung eines komplexen Problems ist, wenn die einfache Darstellung gelingt, das Bringen auf den Punkt.

Ciao
Wolfram

Columbus 30.01.2010 | 02:16

Lieber Herr Mustermann,

Ihr erster Satz ist der einzig Richtige. - "Wörtlich zu befolgen", das ist allenfalls bei radikalen muslimischen Sekten so. Der Koran kennt als wichtigstes Prinzip, sogar bei den strengen Regeln, davon gibt es nur ganz wenige,nämlich so viele, wie Sie Finger and er Hand haben, als erstes Gebot die Vergebung und die Gnade, er kennt die Schwächen der Menschen und er will, das steht wortwörtlich so im Koran, es dem Glaubenden einfach machen. - Das war ja, um es mit heutiger säkularer Sprache zu sagen, genau das Alleinstellungsmerkmal und der Vorteil des Korans, im Vergleich mit den Stammesreligionen und den beiden anderen monotheistischen Religionen, ein Grund für seine schnelle Verbreitung und seine Anziehungskraft bis heute.

Ich bin ein überzeugter Atheist. Aber, so viel Nonsense, z.B. wieder einmal das typische "Aischa"-Gewäsch, auf einem Haufen, geht einem langsam auf den Geist.

Freundliche Grüße

Christoph Leusch

derDonnerstag 30.01.2010 | 17:57

@Harm @Wolfram Heinrich
Mit welchem Islam soll ich mich denn als Linker solidarisieren - aus politischen Gründen?
Nehmen wir den Iran: Muss ich mich mit den Machthabern solidarisieren, die ihre Gegner foltern und ermorden oder darf ich mich auch mit den Regimegegnern solidarisieren?
Das Regime begründet seine Todesurteile gegen Menschen, die sich ein wenig mehr Freiheit und Demokratie wünschen, u.a. damit, diese seien Feinde Gottes. Folgt daraus, dass ich mich auf die Seite der reaktionärsten Kräfte in diesem Land schlagen muss? Und das soll links sein?

Harm 31.01.2010 | 00:20

@ derDonnerstag:

Das ist doch schon der erste Denkfehler!
"Mit welchem Islam soll ich mich denn als Linker solidarisieren?"
"Nehmen wir den Iran:"

Der Iran ist keine Religion! Die Religion wird nur benutzt, um die Bürger zu kontrollieren und zu lenken.

Es gibt jedoch weltweit über eine Milliarde Muslime. Zumindest vor dem 11. September und der katastrophalen Aussenpolitik von George W. Bush haben uns viele islamische Länder nicht weiter gestört/schockiert.

Jetzt gibt es ein paar Länder, die ihre Politik mit dem Islam rechtfertigen, und wir kritisieren nicht das Regime, sondern geben der Religion die Schuld und schmeissen alle Muslime in einen Topf. Das es aber auch in Malaysia sehr viele Muslime gibt, die friedlich mit vielen anderen Religionen in einem Land leben, interessiert uns nicht im geringsten. Die werden trotzdem mit in den großen Topf der "Terroristen" geworfen!

Die Hassprediger des Islam handeln genauso wie unsere Hassprediger. Sie sehen den "Gotteskrieger" George W. Bush, der seine kranke Politik mit seinem Glauben begründet hat, und schmeissen uns alle in einen großen "christlichen" Topf. Warum? Weil wir alle (zumindest von aussen betrachtet) christliche/westliche Länder sind. Ungerecht? Ja. Deswegen sollten wir nicht den selben Fehler machen.

Texas hat übrigens auch viele Todesurteile. Italien verabschiedet sich auch zunehmend von der Demokratie. Polen behandelt Homosexuelle mindestens so schlimm wie die Türkei ... Halt! Das ist nicht ganz richtig! ... in der Türkei gibt es immerhin schon CSDs und homosexuelle Clubs. (Auch wenn die Türkei noch viel für die Rechte der Homosexuellen verbessern muss.) Dennoch ist Polen in der EU und die Türkei nicht, weil die Türkei sich als muslimisches Land viel mehr beweisen muss, als es der Rest von Osteuropa tun musste.

Man kann doch nicht sagen, dass eine bestimmte Religion schlechtere Politik macht als die andere. Das ist großer Blödsinn. Politik kann gut oder schlecht sein, unabhängig von der Religion. Aber JEDE Religion kann für schlechte Politik missbraucht werden! Deswegen bin ich generell kritisch gegenüber Religionen. Aber ich stelle keine Rangliste auf, welche Religion besonders schlecht bzw. besonders gut ist.

Ein Buchtipp:
www.highlightzone.de/comic/ralf_koenig_dschinn_dschinn.html

Zugegeben, dies ist "nur" ein Comic von Ralf König. Aber es hat eine sehr schöne Botschaft!

derDonnerstag 31.01.2010 | 14:38

@Harm
Ich stimme Dir insoweit zu, dass man sich mit Muslimen solidarisieren sollte, wenn sie diskriminiert werden. Oder wenn, wie Du schreibst, alle Muslime in einen Topf geworfen werden.
Wenn ... Nach meiner Wahrnehmung behaupten das nämlich etliche Linke auch dann, wenn das gar nicht der Fall ist. Um ja nicht in den Verdacht zu geraten, fremdenfeindliche Strömungen zu unterstützen, wird jede kritische Auseinandersetzung mit dem Islam unter ebenjenen Generalverdacht gestellt.

"Man kann doch nicht sagen, dass eine bestimmte Religion schlechtere Politik macht als die andere. Das ist großer Blödsinn."

Ich finde nicht, dass das Blödsinn ist. Man kann zwar leicht feststellen, dass jede Religion politisch instrumentalisiert werden kann. In den letzten 10 oder 20 Jahren haben in vielen islamisch geprägten Ländern (Iran, Afghanistan, Algerien, Ägypten ...) reaktionäre Kräfte Aufwind bekommen. Wenn Islamisten ihr Ziel erreichen und einen "Gottesstaat" gründen, dann stellen sie nicht nur eine Bedrohung für freiheitsliebende Menschen in ihrem eigenen Land dar, sondern auch für andere - für Israel z.B.
Der Islam eignet sich offenbar für solche Zwecke. Das Christentum würde sich vermutlich auch dafür eignen. Ich bin daher auch generell kritisch gegenüber Religionen. Ich wüsste nur nicht, warum ich dabei den Islam ausnehmen sollte.
Ich könnte schon eine Rangliste aufstellen, welche Religionen mir (als Agnostiker) mehr oder weniger sympathisch sind. Ich dürfte es auch (Religionsfreiheit), lasse es aber, weil es meine Sache ist und keinen interessieren dürfte. In der Rangliste der am häufigsten und intensivsten instrumentalisierten Religionen dürfte der Islam aber derzeit ganz oben stehen (s.o.). Die Konsequenz daraus sollte nicht sein, den Islam zu verteufeln. Aber wenn man diese Instrumentalisierung beim Namen nennen will, kommt man nicht umhin, auch das Wort "Islam" zu gebrauchen.
Zum Vergleich Polen - Türkei: Der Grund dafür, dass in der Türkei Homosexuelle eher besser behandelt werden, dürfte wohl in der laizistischen Grundhaltung zu suchen sein, die Atatürk diesem Land vor ca. 90 Jahren eingeimpft hat. In Saudi-Arabien oder im Iran werden Schwule bekanntlich öffentlich hingerichtet. Umgekehrt haben in Polen reaktionäre katholische Kräfte immer noch starken Einfluss. Wenn in der Türkei die Islamisten an Einfluss gewännen, dürfte das für die Homosexuellen kaum von Vorteil sein.

Offensichtlich gilt die Regel: Je stärker der Einfluss religiöser Gruppen auf die Politik eines Landes, umso schlechter ist es um die Rechte von Minderheiten bestellt. Siehe: Iran, Afghanistan unter den Taliban etc. Meine Konsequenz daraus ist, dass ich mich mit denjenigen solidarisiere, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen, egal ob in Polen, Italien oder im Iran.
Oder in den USA, wo es damit auch nicht zum Besten bestellt ist. Der Vergleich Iran - Texas hinkt allerdings, denn in den USA gibt es zumindest keine Schauprozesse, in denen Leute zum Tode verurteilt werden, weil sie an einer Demonstration teilgenommen haben - unter dem Vorwand, sie seien "Feinde Gottes" und nebenbei "ausländische Spione".

Harm 31.01.2010 | 21:21

@ derDonnerstag:

Siehst Du. Wir nähern uns mittlerweile an und merken, dass unsere Positionen gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Ich kann viele Deiner Standpunkte durchaus nachvollziehen und zum Teil sogar zustimmen. Ich sehe das Grundproblem nur ganz woanders. Nämlich im westlichen Kapitalismus.

Ich sehe natürlich auch, dass der Islam zur Zeit sehr stark instrumentalisiert wird. Und ja ... vielleicht kann man doch eine kleine Rangfolge aufstellen. Nur würde ich alle drei monotheistischen Religionen an erster Stelle setzen. Israel und viele christliche Länder sind nicht weniger fundamentalistisch in ihrer Rhetorik.
Der Islam wird halt in der heutigen Welt eher in ärmeren Entwicklungsländern praktiziert. Deswegen sind die Machthaber vielleicht weniger subtil in ihrer Praxis Oppositionelle zu unterdrücken. Das passiert in den westlichen Ländern natürlich viel cleverer. Man lässt sie einfach nicht in den "glamourösen" Mainstream-Medien vorkommen. Man macht sie auf ganz andere Art und Weise Mundtot! Das ist in sofern clever, weil man sich so nicht der fehlenden Meinungsfreiheit schuldig macht.

Ich finde es ausserdem sehr interessant, dass wir uns immer viel stärker um die Meinungsfreiheit in den Ländern sorgen, in denen die westliche Meinungen (bzw. kapitalistische Freiheiten) unterdrückt werden. Wo ist denn die Solidarität mit Honduras in diesen Tagen? Was war unsere Rolle in Chile? Wer hat die Taliban und Al Qaida überhaupt so stark gemacht? Und warum interessiert niemanden, dass die Herrschaft der Mönche für die normalen Bauern in Tibet auch kein "Zucker schlecken" war?
(Damit will ich nichts rechtfertigen. Ich will nur eine Gewisse Doppelmoral ansprechen. Diese kann ich keiner Person im einzelnen Vorwerfen. Aber unserem System und unseren Mainstream-Medien, die uns diese vorgefertigten Meinungen einimpfen.)

Und man kann den kapitalistischen Staaten sicher eine starke Mitschuld geben, warum diese sogenannten "Hassprediger" überhaupt an die Macht gekommen sind.

Ausserdem würden viele Hassprediger überhaupt kein Gehör finden, wenn es den Menschen nicht wegen unserer kapitalistischen Aussenpolitik so dreckig gehen würde.

Der Rüstungs- und Sicherheitslobby dürfte doch so etwas wie "Weltfrieden" gar nicht recht sein. Und das ist "leider Gottes" eine der mächtigsten Lobbies der Welt. Und gerade die religiöse Rechte in Amerika ist vernarrt in ihre Waffen.

Innenpolitisch solidarisiere ich mich mit dem Islam, weil ich kein Bock auf Unruhen zwischen den Kulturen habe. Wir haben doch erst seit der Berichterstattung über den "Terrorismus" und der angeblich "drohenden Islamisierung" Probleme mit unseren Muslimen. Wer kann es den jungen Muslimen übel nehmen, wenn sie Deutschland kritisieren und sich mit ihren Wurzeln solidarisieren. Ich glaube nicht, dass diese "Gangsta" sonderlich religiös wären, würden unsere Medien sie nicht dazu ermuntern ihre Wurzeln zu verteidigen. Ich würde mich hier mittlerweile auch nicht mehr willkommen fühlen, wäre ich Muslim.

Vor 2001 hätte ich niemals eine so misstrauische und zum Teil sogar fremdenfeindliche Haltung gegenüber unseren muslimischen Mitbürgern für möglich gehalten. Ich dachte wir hätten mehr aus unserer Geschichte gelernt.

derDonnerstag 01.02.2010 | 01:55

@Harm
Es gibt sicher einen Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und Rückbesinnung auf traditionelle Werte und Religion. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass es daneben nicht auch noch andere Gründe gibt. Mag sein, dass es nach "9/11" schlimmer geworden ist, die Probleme gab es aber auch schon vorher. Bei uns sicher in geringerem Ausmaß. Aber z.B. der Bürgerkrieg in Algerien brach schon 1992 aus.
Außerdem setzt so eine Rückbesinnung (und Gettoisisierung) leicht eine Spirale in Gang. Wer sich selbst ausgrenzt, muss sich nicht wundern, wenn er daraufhin noch mehr ausgegrenzt wird. Generell scheint es mir der falsche Weg zu sein, da Religion mehr Probleme schafft als sie löst - m.M.n.
Was die Doppelmoral der Medien betrifft, stimme ich Dir im Grundsatz zu. Tibet wird gerne verklärt, was aber sicher auch mit der "Kulturrevolution" zu tun hat, die auch nicht gerade ein Ruhmesblatt war.
Im Iran z.B. werden allerdings nicht nur westliche Freiheiten unterdrückt. Nicht jede Meinung, die den machthabenden Mullahs nicht gefällt und angeblich gegen Koran oder Scharia verstößt, ist eine "westliche" Meinung. Abgesehen davon, haben auch Menschen in anderen Ländern das Recht, westliche Meinungen zu vertreten. Und westliche Meinungen sind auch nicht immer verkehrt ...
Noch eins zum Thema Medien und Doppelmoral: Als die Ägypterin Marwa E. in Dresden im Gerichtssaal erstochen wurde, war das den deutschen Medien meist nur eine kurze Meldung wert. Erst als die Wogen höher schlugen, wurde ausgiebig berichtet. Dieselben Zeitungen (die Süddeutsche vorne weg) lassen sich nun beständig über "Islamophobie", Rassismus etc. aus.
Da frage ich mich, ob es den betreffenden Journalisten wirklich so sehr um die davon betroffenen Menschen geht oder ob sie sich nicht vielmehr in die Hosen machen - aus Angst, der "Kampf der Kulturen" könnte eskalieren.
Ich will diesem "Kampf" nicht das Wort reden. Nur finde ich, sollte man beim Bemühen, diesen zu verhindern, dennoch gewisse Maßstäbe nicht verlieren. Z.B. sollte man nicht so tun, als wären westliche "Islamkritiker" wie Necla Kelek daran schuld, dass ein Russlanddeutscher zum Rassisten wird. Und wenn in Kairo oder Teheran Demos stattfinden, in denen "Deutschland" für den Mord an Marwa verantwortlich gemacht wird, dann muss man sich solche Pauschalvorwürfe nicht zu eigen machen. Und den Demonstranten wäre zur raten, mal darüber nachzudenken, dass auch in Ägypten gelegentlich Kopten wegen ihres Glaubens ermordet werden und dass im Iran die Bahai von Staats wegen verfolgt werden - in diesem Fall wäre also tatsächlich "der Iran" bzw. dessen Regierung die richtige Adresse für Protestbekundungen.

Harm 01.02.2010 | 03:41

@ derDonnerstag:

Ich bin nicht überzeugt.

Habe aber eigentlich auch keine Lust mehr, weitere ewig lange Texte zu verfassen.

Eins sollte uns jedoch klar sein:

Wir werden nicht medial gegen den Islam mobil gemacht, um irgendwelche Menschenrechte im Iran, Afghanistan oder sonst irgendwo zu erkämpfen. Es geht hier doch nur um Rohstoffe und geostrategische Motive.

Zeitgleich werden gerade bei uns sehr viele Bürgerrechte für "den Kampf gegen den Terror" angegriffen oder gänzlich geopfert. Die Angst vor dem "Terror" wird genutzt, um bei uns ein Überwachungssystem zu installieren, welches sich eigentlich mit unseren so geliebten Freiheiten eigentlich nicht vereinbaren lässt.
(Wenn ich z.B. nicht freiwillig dazu bereit bin meinen Fingerabdruck abzugeben, dann ist es auch vorbei mit meiner geliebten Reisefreiheit. Um nur eines von vielen Beispielen zu nennen.)

Ausserdem möchte ich explizit unsere Integrationsprobleme von aussenpolitischen Themen trennen! Das die "Gastarbeiter" keine Sprachkurse bekamen und nicht wie erwartet wieder in die Heimat zurückkehrten ist nicht allein die Schuld der Einwanderer. Und das sie oft "ghettoisiert" leben, ist auch nicht allein deren Schuld. Sie wurden doch diesen (günstigeren) Wohngebieten zugewiesen.

Es ist ungerecht den deutschen Muslimen die Schuld an allem anzulasten. (Ich weiß, dass hast Du so nie getan. Aber in den Medien entsteht leider oft dieser Eindruck.) Sie sind weder an der iranischen Politik schuld, noch kann man ihnen allein die Schuld der misslungenen Integration anlasten. Ausserdem finde ich die Integration nicht im geringsten als so misslungen, wie sie immer dargestellt wird. (Und ich lebe in Berlin!)
Wir haben auch Probleme mit Jugendlichen aus deutschen "Problemfamilien". Das ist ein bildungspolitisches Problem und kein "islamisches" Problem!

Ich finde es übrigens schlimm genug, wenn ich den Islam verteidigen muss, obwohl ich generell Religionen als Risiko empfinde! Das sagt eigentlich schon viel über diese Hysterie aus.

(Und schon wieder habe ich einen Aufsatz geschrieben. Mist!)

derDonnerstag 02.02.2010 | 03:00

@Dreamtimer
Es kann wohl kein Zweifel daran bestehen, dass der Bush-Regierung 9/11 gerade recht kam. Ich bezweifle nur, dass es der jetzigen Regierung recht ist, wenn Al Qaida weiterhin - im Westen - Terroranschläge verübt. Das mag vielleicht indirekt gut für die Rüstungsindustrie sein, aber vermutlich schlecht für das Konsumklima. (Was angesichts der Wirtschaftskrise besonders fatal wäre.) Wer Angst hat, spart lieber - vielleicht liege ich da aber auch falsch ?

derDonnerstag 02.02.2010 | 03:36

@Harm
Noch ein paar Worte ... jetzt sind es bei mir auch wieder mehr geworden. Aber immerhin ... ich glaube, jetzt ist (fast) alles gesagt.

Zunächst mal vielen Dank für Deinen Beitrag. Es ist ja kaum zu erwarten, dass man sich nach dem Austausch einiger Posts plötzlich zu 100 % einig ist. Immerhin wissen wir jetzt in etwa, wo wir anderer Meinung sind oder eine andere Wahrnehmung haben. Das ist schon sehr viel, finde ich. Immerhin kann man dann weiter nachdenken.
Ich werde z.B. darüber nachdenken, ob an der "medialen Mobilmachung" gegen den Islam nicht vielleicht mehr dran ist, als ich bis dato dachte. Dass es eine Kampagne gibt, um diverse Kriege um Öl zu legitimieren, sehe ich auch so. Nur nehme ich nicht jede "Islamkritik" als Teil einer solchen Kampagne wahr.
Ich bin auch dafür, Integrationsprobleme von außenpolitischen Problemen zu trennen.
Nur meine ich eben, dass über bestimmte kulturell bedingte Integrationsprobleme tatsächlich zu wenig gesprochen wird - wenn auch sicher heute mehr als noch vor zehn Jahren. Über das Ausmaß dieser Probleme will ich mir kein Urteil anmaßen. Ich stelle nur Vergleiche an und suche nach Ursachen für Unterschiede.
Was mir Sorgen macht, ist eher, dass Menschen wie Seyran Ates (und Theo van Gogh, egal was man von ihm halten mag) ihre Meinung nicht öffentlich verbreiten dürfen, ohne mit dem Tod bedroht zu werden - von Wenigen, aber das reicht, um Denkverbote zu etablieren. Was Leute, die wirklich zum Rassismus neigen, in ihren Vorurteilen bestätigen dürfte. Gegen Fanatiker (ich meine: die Attentäter) ist schwer anzukommen, jedenfalls wünsche ich mir mehr Solidarität für solche "Islamkritiker", die bestimmt nicht von der amerikanischen Rüstungsindustrie bezahlt werden. :)
Außerdem macht es mir Sorgen, dass wir ein schleichendes Revival der Religionen erleben. Jeder soll glauben, was er will. Ich bin nur dagegen, dass für den Islam Ausnahmen gemacht werden*, denn ich fürchte, dass die christlichen Kirchen versuchen, auf diesen Zug aufzuspringen und ebenfalls mehr Einfluss fordern. Bei den Evangelikalen lässt sich das ja z.T. schon beobachten, und die Katholen starten auch schon zaghafte Versuche. Am Ende könnte es sich herausstellen, dass unsere Freiheit nicht nur von neuen Überwachungssystemen bedroht wird.
*) Mit Ausnahmen meine ich natürlich nicht den Bau von Minaretten. Ich meine scheinbare Kleinigkeiten, wie muslimische Schülerinnen, die nicht am Sportunterricht teilnehmen. Solche Extrawürste sollten m.M.n. grundsätzlich nicht wegen (z.T. vorgeschobener) religiöser Überzeugungen genehmigt werden. Diese Ablehnung ist auch kein Kampf gegen "den Islam", eher gegen Macho-Attitüden, die sich hinter dem Islam (oder wahlweise fundamentalistisch-christlichen Anschauungen) verstecken.