Wie die Barbaren in Rom

Imperium Die von den USA geführten Kriege sind auch im Land umstritten. Von den US-Muslimen jedoch erwarten die meisten vor allem Dankbarkeit

Am 11. September 2001 lebte ich in Cambridge, Massachusetts. Weil ich keinen eigenen Fernseher besaß, eilte ich, nachdem ich von den Anschlägen erfahren hatte, auf den Campus der Harvard-Universität, um mir in einem der Studentenwohnheime die Nachrichten anzusehen. Neben mir saß ein weiterer arabisch-amerikanischer Student. In Anbetracht des Schreckens gab es nicht viel zu sagen, so dass wir schweigend die Berichterstattung verfolgten. Als wir dann irgendwann doch ein paar Worte auf Arabisch wechselten – die Sprache, die wir sonst auch immer untereinander verwendeten – drehten sich zwei andere Studenten, die ein paar Meter vor uns saßen, zu uns um und sahen uns misstrauisch an. In diesem Augenblick wurde mir klar, dass das Leben für in den USA lebende Araber und Muslime nie wieder so sein würde wie zuvor.

Vorbei waren die Tage, an denen man im Flugzeug eine arabischsprachige Zeitung lesen konnte und die Leute einem freundliche Fragen über die Schönheit der arabischen Schrift stellten. Die misstrauischen Blicke, mit denen uns jene beiden Studenten bedacht hatten, sollten uns fortan nicht mehr verlassen. Sie multiplizierten sich und wurden zu einem kollektiven Starren.

Es spielte keine Rolle, dass keiner der 19 Terroristen arabisch-amerikanisch oder muslimisch-amerikanisch war. Im öffentlichen und politischen Diskurs wurden gigantische Barrieren errichtet und ersetzten schnell die Bindestriche zwischen den Begriffen „arabisch“ und „amerikanisch“ oder „muslimisch“ und „amerikanisch“. Wir waren schuldig, weil wir in der Vorstellung der anderen Amerikaner irgendwie zu „denen“ gehörten. Wir mussten uns in ritueller Weise stets aufs Neue von den Terroristen distanzieren und für Taten entschuldigen, die von ein paar wenigen begangen worden waren, von denen angenommen wurde, sie hätten den gleichen Hintergrund und die gleichen Glaubensvorstellungen wie wir.

Nur kleine Unterschiede?

Für die meisten US-Amerikaner bestehen nur geringe Unterschiede zwischen „Arabern“ und „Muslimen“. Noch im Jahr vor dem 11. September hielt der CNN-Moderator Larry King den Dalai Lama für einen Muslim. Eines der ersten Opfer der Hassverbrechen nach dem 11. September war ein Sikh. Sein Turban war Beweis genug, dass er einer von „denen“ war. Und auch die dunkle Haut und der Name eines ägyptischen Kopten reichten aus, ihn zum Opfer werden zu lassen.

Die Medien beschworen den „Kampf der Kulturen“, um der Öffentlichkeit die Anschläge und den Terrorismus zu erklären und sie in einen kulturellen Kontext zu stellen, anstatt sie politisch und geschichtlich zu begreifen. Die arabisch-islamische Kultur wurde als die Sphäre abgegrenzt, die die Terroristen und deren Angriffe hervorgebracht hat. Das Interesse an arabischer und islamischer Kultur wuchs. Die Leute kauften sich den Koran und lernten Arabisch. Ein Teil dieses Interesses war echt, oft ging es darum, „den Feind“ kennenzulernen. Oder es handelte sich um ein „forensisches“ Interesse, motiviert durch die falsche Auffassung, die Antworten auf die Frage, wie es zu den Anschlägen hatte kommen können, seien in der islamischen Kultur zu finden.

„Entweder, man steht auf unserer Seite oder auf der Seite der Terroristen“, sagte Präsident Bush. Ich aber war gegen den Krieg in Afghanistan und begann später, mich auch gegen den Krieg im Irak auszusprechen. Es war bewegend und inspirierend, mit Mitgliedern von Peaceful Tomorrows (PT) durch das Land zu reisen und uns für den Frieden einzusetzen. PT ist eine Organisation, die von Angehörigen der Opfer des 11. September ins Leben gerufen wurde, die sich weigerten, dass das Andenken ihrer Lieben von einer Tötungsmaschine vereinnahmt wird. „Nicht in unserem Namen“, lautet ihr Slogan. In den Mainstream-Medien erhielten sie nicht viel Platz.

Als Iraker wurde von mir Dankbarkeit dafür erwartet, dass der Irak von seinem bösen Diktator befreit wurde. Aber ich musste auch an den Schrecken denken, der im Golfkrieg 1991 die irakische Bevölkerung erfasst hatte, als der Irak nach den Worten von General Schwarzkopf „ins vorindustrielle Zeitalter zurückgebombt“ wurde.

Als Madeleine Albright 1996 in einem Interview mit der Tatsache konfrontiert wurde, dass eine halbe Million irakischer Kinder aufgrund der Wirtschaftssanktionen gegen den Irak gestorben waren, antwortete sie: „Die Entscheidung ist äußerst schwer, aber der Preis – wir denken, er ist es wert.“

Ich kann nicht aufhören an all die afghanischen Zivilisten zu denken, die niedergemetzelt wurden, die heute noch von Dronen gejagt werden. Aber anders als die Opfer der Ersten Welt, deren Namen verlesen, erinnert und in Gedenktafeln eingeschrieben werden, hat die Barbaren, die dem Empire zum Opfer fielen, keiner gezählt. Rom betrachtet weiter seinen Nabel.


Sinan Antoon
ist ein im Irak geborener Lyriker und Schriftsteller. Er ist Assistenz-Professor an der New York University. Zu seinen Werken zählen unter anderem The Baghdad Blues und Irakische Rhapsodie





Dieser Text ist Teil der Freitag-Sonderausgabe 9/11, die der Perspektive der arabisch-muslimischen Welt auf die Terroranschläge und ihre Folgen gewidmet ist. Durch einen Klick auf den Button gelangen Sie zum Editorial, das einen ausführlichen Einblick in das Projekt vermittelt. In den kommenden Tagen werden dort die weiteren Texte der Sonderausgabe verlinkt.

Übersetzung: Holger Hutt

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09:00 11.09.2011

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