Wie die Dinge gehen: im Kreis

Recycling Gezielte Entrümpelung macht aus Abfall Mehrwert

Ein nasskalter Winternachmittag in der Berliner Bergmannstraße. Die Hochparterre-Wohnung ist vollgestopft mit Klapptischen, Büchern, Nippes, Vitrinen. Ausgestopfte Wildkatzen stehen, Bestecke liegen herum, ein Sammelsurium ohne jegliches verkaufsförderndes Ambiente. Es ist einer der 225 in Berlin eingetragenen Läden zum "Handel mit sonstigen Gebrauchtwaren", dem Handel mit Überresten eines vergangenen Lebens, für die sich niemand mehr interessiert. Es sei denn, sie finden den Weg zum Entrümpler.

"Onkel Abou Dabou" ist einer der Berliner Gebrauchtwarenhändler. Die schwarze Lesebrille tief auf der Nase, mit ebenso konzentriert skeptischem Blick wie unwiderstehlichem Lächeln sitzt er hinter einem mit Papieren, Kaffeetassen, Aschenbechern, Vasen, Kunstlexika überhäuften Schreibtisch und hört zwei Männern zu. Keiner weiß, wer ich bin, und keiner fragt mich danach, so dass ich Zeit habe, die Formationen übereinandergeschichteter Teppiche auf dem Boden zu betrachten, während Worte wie Auktion, Niederlande, Expertise und - ja wirklich: Rembrandt erklingen. Die Wohnungstür öffnet sich und ein junger Mann überrascht mich mit einladender Geste: Ich sei sicherlich die wegen der Nerze. Obwohl ich den Kopf schüttle, darf ich inmitten der Runde Platz nehmen. Ein weiterer Mann erscheint, Abou Dabou wechselt ins Arabische und ein Stapel Geldscheine den Besitzer. Schließlich wird der Vielleicht-Rembrandt aus dem Zimmer getragen. Ein Foto und drei Zeugen bleiben.

Abou Dabou lächelt. Und lächelt mich an, nebenan bereitet der Nerzfan einen Kaffee, während der Chef erzählt, was man tut, wenn man sich verliebt. In eine schöne Frau oder in alte Bilder: umschwärmen, kämpfen, bis man sie hat. Er habe sich irgendwann in alte Bilder verliebt und seitdem macht er sich auf die Suche nach ihnen. Viel Schrott muss er durchwühlen, Schrott, vor dem sich die Angehörigen ekeln, Schrott, der letztlich auf der Müllkippe landet, auch wenn an manchem der Gegenstände mal ein Herz hing. Aber Abou Dabou wühlt gern. Und er behauptet, froh zu sein, nicht immer ein Schätzchen zu finden, das die kurzsichtige Verwandtschaft nicht entdeckt hat. Dann triebe ihn ja nicht mehr die Hoffnung. Einstweilen nimmt er ein Sammelsurium mit.

Wohnungsauflösungen sind kein Phänomen der vergangenen Jahre. Am 25. Juli 1872 führte die Zwangsräumung eines Handwerkers in der Blumenstraße 52 zu Tumulten von 4.000 bis 5.000 erregten Berlinern, die sich gegen Wohnungselend, Wuchermieten und Zwangsräumungen auflehnten. Schon vier Wochen später umstellten Polizisten eine Obdachlosensiedlung am Landsberger Tor, vertrieben die Bewohner und transportierten die Möbel ab. Wie viele Zwangsräumungen es heute jährlich in Berlin gibt, weiß niemand genau, denn eine Meldepflicht gibt es nicht. Michael Seeger von der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales hält sich deshalb bedeckt. Ende des dritten Quartals 2003 hätten 3.312 gerichtliche Mitteilungen über Räumungsklagen vorgelegen, was aber nichts über tatsächlich ausgeführte Zwangsräumungen sage.

Nur wer je unerwünschten Besuch vom Gerichtsvollzieher in seiner Wohnung hatte, kann sich vorstellen, welche Erschütterungen das hervorruft. Vielleicht sind sie so zu beschreiben, wie die Schriftstellerin Colette es tut: "Einige meiner Domizilwechsel scheinen schlagartig vor sich gegangen zu sein. Ich verglich sie damals mit jenen Sprengungen, die man im Film sieht. Bei der Explosion wurde also das Ganze, ohne viel Aufhebens in alle Winde zerstreut: seine Bewohner, seine Möbel, sein Nippes. Ich musste versuchen, hier etwas Überflüssiges, dort etwas Notwendiges wieder aufzugabeln. Unwillkürlich gebärdet man sich zuweilen wie ein Lumpensammler."

Über Zwangsräumungen wird heute in der Branche nicht gern gesprochen. Christian Reichenberg*, Gerichtsvollzieher aus Bremen, beteuert zwar, dass ihm "die Leute natürlich manchmal leid" täten, seine Arbeit mache aber "Spaß ohne Ende". Er kann seine bis zu 150 wöchentlichen Wohnungsbesuche zwecks Zwangsvollstreckung notfalls mit Durchsuchungsbefehl und einem Schlosser durchführen und so Wohnungen betreten, in die er niemals eingeladen worden wäre.

Der Entrümpler Bernd Peschke, der seine Firma seit 25 Jahren in Zehlendorf betreibt, lässt davon lieber die Finger, denn er "reißt nicht gerne Leuten, die noch leben, den Boden weg." Zu Bernd Peschke kommen allerdings manchmal auch Aufträge, die niemand wirklich wollen kann. Während der gemütliche Geschäftsmann mit sieben Festangestellten mir in seinem ordentlichen Büro, mit Bildern eines Traumhauses am Peloponnes auf dem PC, leicht erzürnt erzählt, wie er mit Steuern und Sozialabgaben "die Konkurrenz BSR subventioniert", vergisst man nämlich fast, dass die Entrümpler meistens ein Geschäft mit dem Tod machen. Das klingt anrüchig, ohne es zu sein. Gestorben wird nun mal, und oft gibt es niemanden, der sich darum kümmert. Peschke nimmt Anrufe von Anwälten entgegen. Diese werden als Nachlassverwalter eingesetzt, wenn sich keine Erben melden. Ein ganz bürokratischer Vorgang. "Zu Mauerzeiten haben viele Verwandte im Westen komplizierte Erbschaftsformalitäten gescheut", so Bernd Peschke, deshalb gebe es gerade in Berlin so erstaunlich viele Entrümpelungsfirmen. Der Tod war lukrativ.

Ein paar Tage später zeigt sich die hässlichste Seite dieses Geschäfts. Der Mann, der schon viel Elend gesehen hat, hatte mich auf seine schätzungsweise 10.000ste Wohnungsauflösung vorbereitet. Aber der Kopf vermochte die Sinne nicht zu kontrollieren: Die durchaus mittelständisch eingerichtete Wilmersdorfer Zweizimmerwohnung ist zu einem Horrorkabinett geworden. Nichts wurde beseitigt, jetzt ist nur zusätzlich der Kaffee in der Kaffeemaschine verschimmelt. Die leergegessenen Töpfe auf dem Couchtisch und die Blutlachen auf dem gesamten Teppichboden und den weißen Ledersofas sowie die Blutspuren an allen Türrahmen sind lediglich getrocknet und strömen einen atemnehmenden, unvergleichlichen Gestank aus. Der Kalender in der Küche zeigt Oktober. Heute Abend muss die Wohnung, deren Mieter sich vor über zwei Monaten die Pulsadern aufgeschnitten hat, besenrein sein. Für diese Arbeit wird der Entrümpler nicht mit Geld bezahlt, sondern er tauscht Arbeit gegen Waren. Sein Verdienst entsteht aus dem Verkauf der in seinen Besitz übergegangenen Utensilien der geräumten Wohnung. Also werden Bücher, Kleidung und Geschirr, kurz alles, was sich jemals wieder verkaufen oder auf Auktionen versteigern lässt, in Kisten gepackt. Eine Leiter, die Möbel, Elektrogeräte führt das Team extra auf. Ungeöffnete Post, schmutzige Handtücher fliegen gleich in den Müll. Übrig bleibt ein Erlös von rund 800 Euro inklusive eines Goldkettchens, das Bernd Peschke gefunden hat. Das scheint wenig, aber die Rechnung geht auf.

Ortswechsel: Die verpackten Dinge, die jeglichen emotionalen Wert verloren haben, finden immer dienstags neue Besitzer auf einer Auktion hinter dem Funkturm, die das Ehepaar Beier organisiert. Hier laden die Entrümpler das ab, was sie in ihren Läden nicht verkaufen können und suchen anderes, was sie vielleicht an den Mann oder die Frau bringen könnten. Junge Leute, aber auch distinguierte Damen im Pelz bieten mit bei der Auktion, diskrete genauso wie lautstarke Flohmarkthändler und eine alte Dame auf der Suche nach einem Geschenk für ihre Schwiegertochter. Am Nachmittag kann sie Armband und Ring die ihren nennen. Sie strahlt beglückt. Die Chefin im apricotfarbenen Kostüm grüßt alle wie alte Bekannte, eine Angestellte verkauft selbstgebackenen Kuchen. Ganze Regale mit Hausrat inklusive einem Glas Rotkohl gehen für ein paar Euro in den Besitz von überwiegend nichtdeutschen Händlern über. In der nächsten Halle reiht sich Kleiderstange an Kleiderstange. Auch die aus besagter Wilmersdorfer Wohnung begegnet mir wieder und geht für 22 Euro weg. Aber deren Geschichte kennt außer mir niemand. Der Jurist René Franken*, der seit Jahren in dieses Auktionshaus kommt, gerät fast in Streit mit seiner Begleiterin, als diese sagt, sie werde sentimental, wenn hier eine lebenslang angelegte Sammlung von Kameras auseinander geschlagen würde. Ihm dagegen ist es egal, ob ein Studienrat gestorben ist, jeder müsse mal sterben. Der Bilderhändler, der mich am frühen Morgen durch die Hallen wie durch sein Wohnzimmer geführt und in die Geheimnisse dieser Welt eingeweiht hatte, bewundert die "archaische Form des Kapitalismus". Wie bei Abou Dabou wird bar bezahlt, auch die Münzsammlung für 2.600 Euro.

Wenn breite Schichten mehr anhäufen können, als sie verbrauchen, entstehen bürgerliche Sammlungen, mit deren Bestandteilen auch Brecht sich gern solange umgab, "bis man eine spätere sozialistische" Welt habe, wie er 1954 aus der Chausseestraße an Peter Suhrkamp schrieb. Solche Sammlung findet man irgendwann vielleicht im Museum. Das Andere tritt in einen Kreislauf von Verkaufen und Kaufen ein, der die Wegwerfmentalität ganz unideologisch unterwandert. Manch einer bringt auch alles einst Ersteigerte, wenn es zuviel wird, wieder ins Auktionshaus zurück, wo es dann ein Kollege von Abou Dabou im Regal findet.

*Namen geändert


00:00 05.03.2004

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