Wie du mir, so ich dir

Eventkritik Tauschen statt kaufen: Beim "Swap Market" in Berlin sind trotz Designermode die Kleiderbügel wenig interessant. Es geht eher darum, wer mit wem ins Geschäft kommt

Brav stehen etwa 25 Frauen, die sich kurz vor 20 Uhr am Eingang zum Stadtbad in der Oderberger Strasse eingefunden haben, in einer Schlange und warten auf Einlass. Etwas weiter hinten steht Heike Makatsch mit einer ganzen Gruppe von attraktiven und gut gekleideten Frauen. Auch sie werden gleich, quasi im Laufschritt, Kleiderstange für Kleiderstange und Bügel für Bügel nach Schnäppchen abgrasen. Allerdings hängen gar nicht so viele Schnäppchen da wie erwartet. Wirkliche Perlen sucht man vergebens, es sei denn, man zählt einige schon etwas schäbige Negliges der Musikerin Peaches für jeweils 40 Wertpunkte, was 40 Euro entspricht, dazu.

Marc Hosemann – Wikipedia sagt, er sei ein deutscher Schauspieler, der sein Filmdebüt 1994 in einem Film namens "Die hirnlose Frau" gab – spendete Anzüge und einen Wollmantel, Wigald Boning einen seiner schrägen (Schlaf-)Anzüge und Peter Fox ein T-Shirt seiner Tournee. Ansonsten gibt es Flohmarktware. Eines der wenigen Schätzchen hat Anna Piasecka ergattert. Die 21-Jährige ist vor fünf Jahren aus Polen nach Deutschland gezogen und arbeitet heute als Fahrradkurier. Sie trägt einen ungetragenen Seidenschal der Firma Lala Berlin zur Tauschkasse. "Ich kenne die Marke nicht mal", sagt sie, "aber ich mag Tücher so gern." Sie hat sich den Schal und einen Kulturbeutel mit Anti-Agingprodukten (der vom Designer Michael Michalsky gespendet wurde) mit den Anzügen ihres Opas finanziert. Für sie hat sich der Abend auf jeden Fall gelohnt. Auch Heike Makatsch ist fündig geworden und geht nicht nur mit mehreren Kleidungsstücken nach Hause, sondern auch mit vier Designerstühlen, jeweils 150 Punkte (wir erinnern uns: Euro) wert.

Tauschen oder saufen

Helga Fahldiek aus Marzahn-Hellersdorf steht dagegen etwas verloren in der grossen, ehemaligen Schwimmhalle herum. Mit ihren 65 Jahren sticht sie definitiv aus dem Gros der Gäste hervor, das aus jungen, hippen Berliner Mittemenschen besteht. Sie hat in der Zeitung von dem Swap Market gelesen und wollte ohnehin ihren Kleiderschrank ausmisten. "Ich wusste nur, dass mein Mann mich auf keinen Fall hierher begleiten würde", sagt sie. Also hat sie überlegt, wer verrückt genug ist, um mit ihr auf diese junge Veranstaltung zu gehen und hat nun ihre gleichaltrige Freundin mitgebracht. Wie alle anderen, hat sie vorher ihre abgelegten Lieblingsteile in einen Secondhandladen in der Torstraße gebracht und dafür Wertpunkte erworben, die sie nun auf der Kleiderbörse in Jetons und diese gegen Kleidung eintauschen darf. Hat sie denn auch etwas erbeutet? "Ja", sagt sie und zeigt stolz zwei Oberteile vor. Den Rest der Jetons wollen ihre Freundin und sie jetzt gepflegt vertrinken.

Apropos Trinken: Da ein Wodkahersteller Sponsor der Veranstaltung ist, gibt es nur wodkabasierte Getränke für jeweils drei Jetons. Die Getränke sind lecker (zumindest ein Cocktail namens "Red Passion"), aber die Riesenwerbetafel, die prominent in der Halle steht und kühles blaues Licht ausstrahlt, ist vielleicht etwas übertrieben. Sie zeigt aber deutlich, dass der Swap Market keinesfalls ein Sympton der Wirtschaftskrise oder gar des Untergangs des Kapitalismus ist, zu dem ihn im Vorfeld einige stilisieren wollten. Von einer Rückbesinnung auf Werte, die mit Geld nichts zu tun haben oder gar darum, dass man mehr aus dem machen sollte, was man schon hat – darum geht es hier ganz und gar nicht.

Die Frage ist: Wer mit wem?

Schöne und einzigartige Momente entstehen auf dem Tauschmarkt vor allem dadurch, dass man beobachten kann, welche Personen Interesse an den eigenen Klamotten zeigen und man der neuen Besitzerin ein "Viel Spaß" und seinem ehemaligen Lieblingskleid ein leises Servus zuraunen kann. Überhaupt kommt man viel ins Gespräch miteinander. Mit ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Veranstalter lediglich einen Spiegel und nur eine Umkleidekabine eingeplant haben. Da kommt es dann zu Stau. So müssen die Frauen notgedrungen Spiegel füreinander sein: "Meine Freundinnen sagen, die Hose sei zu weit. Was meinst Du?", ist ein viel gehörter Satz (Die Hose steht der Dame übrigens ausgezeichnet).

Gut überlegt ist allerdings, dass die Tauschware peu à peu herausgehängt wird, so dass auch diejenigen, die an diesem Samstag erst gegen 22 Uhr zum Swap Market kommen, noch eine reelle Chance haben, Kleider zu erstehen. Zu dieser Zeit beginnt sich dann auch langsam das Verhältnis zwischen Männern und Frauen anzugleichen. Thomas Hermanns vom Quatsch Comedy Club findet sich beispielsweise erst kurz vor 23 Uhr ein und schlendert gemütlich die Kleiderstangen ab. Daniel Brühl hingegen gibt gar nicht erst vor, wegen der Kleidung da zu sein. Er zeigt weit regeres Interesse an denjenigen, die in den kurzen Sommerkleidchen stecken.

Gegen Mitternacht werden die Kleiderstangen dann abgeräumt und der zweite Veranstalter des Abends übernimmt das Ruder: Die Partyveranstalter des Broken Hearts Clubs machen verlässlich gute Feiern. Diesmal muss man allerdings ein wenig Geduld mitbringen, denn mit der Verpflichtung des Kreativchefs von Joop!, Dirk Schöneberger, und der Schauspielerin Jana Pallaske als Djs, hat man sich keinen Gefallen getan. Die beiden mögen in ihren jeweiligen Bereichen sehr gut sein, als Plattenaufleger sind sie es eher weniger. Bei Dirk Schöneberger zeigten sich die Menschen noch geduldig, Jana Pallaske musste dann schon einige nach unten gerichtete Daumen ertragen, was sie mit einem souveränen "Fuck you" hinnimmt. Erst gegen 2 Uhr morgens, als die Berliner Djanes Sick Girls auflegten, stimmt die Musik, was von der rappelvollen Halle entsprechend gefeiert wird. Die meisten hatten zu diesem Zeitpunkt ihre kleinen blauen Tüten mit den erworbenen Kleidungsstücken schon unter irgendwelche Bänke gestopft. Helga Fahrdieck und ihre Freundin allerdings, sind da schon lange wieder auf dem Weg zurück nach Marzahn-Hellersdorf.

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12:35 03.08.2009

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