Wie ein Gedicht entsteht

Textentstehung Elke Erb über Tagebuch schreiben, Gedanken festhalten und die Entwicklung ihrer Gedichte und Bücher
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Lange hatte ich während meines Studiums versucht, im Tagebuch auch Verse (zum Beispiel daktylische) zu schreiben, und sie grauten mich jedes Mal bald hinterher.
Später, als ich schon Texte zu einem Manuskript sammelte, ging es so: drei neue hinein, drei ältere hinaus. Da hatte ich aber zu gleichen Teilen Kurzprosa und Gedichte geschrieben, also zwei Wege gefunden. So blieb es dann durch die Reihe der Bücher hindurch. 1998, in meinem ersten Urs-Engeler-Buch, habe ich die Gedichte fett drucken lassen und so von denen unterschieden, die nur so aussahen wie Gedichte. Eigentlich nur für Leser. Aber da war auf dem Wege das bewusstere Erkennen der besonderen poetischen Energie des Gedichts und eine klare Freigabe der Erörterung. Die Kurzprosa hatte die poetische Bindekraft des Gedichts.
Ich wurde einmal gefragt nach meinen Anfängen und zur Antwort erschien mir eine Fläche aus Lehm, kahl, und auf einmal schlägt eine kleine unbestreitbare Pflanze erdnah ihre Blätter wie Flügel auf. Das Bild sagt deutlich, dass ich nicht wissen konnte, wie sie entstanden ist.

Mit dem Manuskript zum ersten Buch ging es so: Kamen zwei, drei neue Gedichte dazu, wurden zwei, drei ältere, schwächere herausgenommen. Da maßen sie sich am Resultat, nicht an ihrem Ursprung. Man kann wohl sagen, die älteren haben allgemeine Maßstäbe vorgegeben, die die neueren zu übertreffen hatten.
Das Buch heißt „Gutachten“ nach einem Text in ihm, aber es verdankt seine Entstehung einer ständigen Gutachterei (das ist wohl am Anfang immer so, später lernt man nicht mehr so viel. Man könnte sagen, an die Stelle der Unterscheidung tritt die Entdeckung neuer Zusammenhänge und Wirkungen).
Als das Manuskript mit seinem poetischen Teil zu einer gewissen Buch-Fähigkeit angewachsen war, gaben mir die Texte insgesamt das Gefühl ein, sie seien „draußen“. Es verwunderte mich. Dieses Wort sagt wieder, dass sie aus etwas herausgekommen sind, und es sagt nicht, wie.

Die Gedichte und die „Kurzprosa“ umfassten 61 Seiten. Hinzu kamen Prosa-Texte, in verschiedenen Graden & Arten einer (bei Lyrikern typischen) poetischen Organisation, dann Aufsätze, zuletzt Nachdichtungen (Alexander Block und Marina Zwetajewa).
Der Aufbau-Verlag wollte die neue Autorin in ihrem Werk-Zusammenhang vorstellen. Es gefiel mir ebenso, dass der Verlagsleiter auch im Poesie-Teil statt der 3 Sternchen Titel verlangte.
Das Thema, dem ich hier folge, ist nicht Buch-Entstehung, sondern Text-Entstehung. Was gesehen wird, sind die Resultate, der Prozess bleibt unsichtbar. Ich weiß wohl, dass meine Urteilsfähigkeit anwuchs. Und man kann sie wohl nicht eigentlich „unbewusst“ nennen. Besser wäre schon „ganzheitlich“. In dem Wortgebilde sich auskennen ... In vielfacher Unterscheidung entscheiden. Mit der Klarheit der Intuition.

Nach 1990 nahm die Zahl der Lesungen deutlich zu. Ich schrieb noch wie vorher, aber wenn es Herbst wurde und ich vom Land nach Berlin zurückmusste und an die Lesungen dachte, wurde aller neue Text noch einmal korrigiert, für das Ohr. So half ihm diese Art Veröffentlichung.

Literarische Vorbilder hatte ich nicht.

Später habe ich die Gedichte aus den regelmäßig geführten Tagebüchern entwickelt. (So trug dann das erwähnte erste Urs-Engeler-Buch den Untertitel Gedichte und andere Tagebuchnotizen.)

Der Hergang war der: Ein Gedanke springt auf. Nimm das Heft. Halte ihn fest. Ich beeile mich, solche Impulse sind ja selbst schnell, und sie habe sich durch eine taube Masse hindurchzuschwingen, durch einen sonst stummen Komplex. Der sie, eile ich nicht, verschluckt! Ich spüre seinen kreativen Ansatz, folge ihm sofort, augenblicklich, wie ein Tier durch eine Lücke im Käfig. Dann folgt die Klärung. Wo es sich ergibt, dass nur eine poetologische Klärung, eine poetologische Energie dem Ansatz gerecht wird, entsteht ein Gedicht. Sie verwandelt die Notizen in Lebewesen. Der Anfang im Kopf hieß: „Aber es ist doch eigentlich so.“

Später sah ich das in der Notiz steckende Gedicht auch gleich. Es gab dann Notizen, die forderten und lockten: Hol das Gedicht hier heraus. Eins 2004, eins 2009 ...

Eine Sonderentwicklung war die des Buchs „Sonanz“. Aus 5-Minuten-Notaten, nahezu täglichen, über 3 Jahre hinweg (2004 – 06), ohne Vorgabe von Thema oder Titel, ergab sich ein Buch von 399 Gedichten. Ich schrieb die aus meinem, wie ich es nannte, subkutanen Lebewesen ohne Schwierigkeiten hervorgelockten Wortfolgen in den Computer ab und bearbeitete sie. – Nicht selten behielten sie einen hohen Grad von Wörtlichkeit.

Jetzt spüre ich, welche Notizbuch-Notiz ein Gedicht werden will. Und trage sie auch schon als Gedicht-Vorhaben ein. Die Sonanz-Notizen waren absichtslos.

Schließlich gibt es eine Reihe von sehr kurzen Gedichten, die sozusagen unversehens den Lippen entspringen und die man während der Arbeit sofort in das Notizbuch einträgt, damit sie nicht verloren gehn: Im Wald // ein Reh geht, es nickt / im Takt mit den Schritten / 16.11.06. Oder: Zur Liebe so begabt / wie der Ararat / ins Tal blickt und lächelt. / 24.10.10. – Aber sie alle verblassen neben diesem:

* * *
Das Aus hat (wie
der Laut sagt)
keinen Garten.

Da habe ich mich wohl selbst übertroffen und weiß nicht, wie. – Es fällt mir aber auf, dass etliche den Spruch sofort verstehen. – Meine Freundin trug ihn mit Beifall in einer Kneipenrunde vor, die sie öfter aufsucht. – Ein Freund schrieb ihn sich augenblicklich auf, nachdem ich ihn vorgelesen hatte. – Vielleicht liegt es an den Lauten, den beiden au, und dem überraschenden Garten dann. Wie kann man das erklären? Offenbar doch mit einer geheimen Resonanz. Einem folgsamen Gehör in uns? Das Gehör geht mit und entscheidet selbst. – Es geht auch mit bei ähnlichen Folgen in anderen Gedichten. Aber nicht so isoliert wie hier. – Ich habe den Spruch in einem Zug aufgeschrieben, ohne zu überlegen.

Elke Erb, Dichterin, lebt in Berlin

00:00 12.09.2016
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