Wie ein großer Block

Alltag Der Sozialarbeiter Detlef S., 38 Jahre alt, wohnt in Berlin. Er ist süchtig

Ich habe in meinem Elternhaus nie positive Aspekte von Sexualität kennen gelernt. Sexualität war immer Teufelswerk, war immer etwas Verbotenes. Es war nicht einmal etwas, was im Rahmen der katholischen Ehe für die Kinderzeugung zulässig war - selbst das konnte ich mir nicht vorstellen. Sexualität lag für mich außerhalb jeder Moral, außerhalb der normalen Empfindungen. Und diese verquere Sexualmoral, denke ich, hat ganz stark mit der Entstehung von Sexsucht bei mir zu tun.
Außerdem spielt es meiner Überzeugung nach eine große Rolle, dass ich in meinem Elternhaus keine körperliche Nähe kennen gelernt habe. Ich habe meine Mutter immer erlebt als eine sehr kalte, distanzierte Sauberfrau, die vor allen Dingen darauf geachtet hat, dass ich ordentlich gekleidet bin und ordentlich aussehe. Aber ich hatte nie das Gefühl, ich könnte mich ihr nähern. Zwischen ihr und mir war immer ein Waschlappen oder ein Staubtuch. Sie hat mich höchstens angefasst, um mir den Hemdkragen ordentlich zu machen oder mir den Scheitel zu ziehen.
Sexualität war das Verbotene - und hat mich deshalb schon sehr früh angezogen. Ich habe mich als Jugendlicher sehr häufig selber befriedigt. Und schon sehr früh habe ich sexuelle Befriedigung dann gesucht, wenn ich ansonsten gerade Frust hatte. Später dann bin ich zu Prostituierten gegangen.
Ich habe mir immer eingeredet, dass ich das Problem schon in den Griff bekommen werde. Ich dachte: Ich muss mich nur mal genügend anstrengen, oder ich muss die richtige Frau kennen lernen - dann verschwindet der Zwang zur Sexualität mit Prostituierten von selbst. Oft habe ich mir auch einfach eingebildet, dass ich mein Sexualverhalten im Griff habe. Zum Beispiel wenn ich es einmal für drei Tage geschafft hatte, nicht zu einer Prostituierten zu gehen.
Ich habe schon viele Jahre geahnt, dass das so eigentlich nicht normal ist. Normal in Anführungszeichen. Dass meine Sexualität in Bahnen gekommen ist, die in keiner Weise befriedigend, sondern die ganz im Gegenteil ausgesprochen destruktiv sind. Heute würde ich sagen, es ist genau so wie bei einem Alkoholiker. Ich brauchte einige sehr schwierige Krisen, in denen meine zwanghafte Sexualität mich immer mehr im Griff hatte, bis ich so weit war, mich selber als sexsüchtig zu bezeichnen. Mir ist irgendwann klar geworden, dass Sexualität einen viel zu großen Inhalt in meinem Leben einnimmt. Die Suche oder schon die Phantasie von Sexualität mit Prostituierten beschäftigt mich zu einem Großteil des Tages und ich habe den Eindruck, dass ich auch keine Kontrolle mehr darüber habe. Mein Denken zentriert sich um Sexualität und andere Interessen gehen zurück. Die Sexsucht ist wie ein großer Block, der mein Leben weitgehend bestimmt und mein sonstiges Leben das gruppiert sich drum herum. Vor allem wird die Sexualität ja wider meinen Willen zu einer so zentralen Angelegenheit.
Das ist nicht durchgängig so. Ich bin nicht jeden Tag ununterbrochen auf der Suche nach käuflicher Sexualität. Aber es gibt Phasen, wo ich den Eindruck habe, ich zu nichts anderem komme, ich vernachlässige meine Arbeit, ich vernachlässige meine sonstigen sozialen Beziehungen und alles, mein ganzes Denken und Handeln dreht sich dann um die Sexsucht. Von daher habe ich schon den Eindruck, dass es massiv in meinen Alltag und in die Gestaltung meines Lebens hineinwirkt.
Vor allen Dingen habe ich nicht die Kontrolle darüber. Ich mache es, obwohl ich ganz fest entschlossen bin, es nicht zu tun. Nicht zu einer Prostituierten zu fahren. Solche Besuche einzuschränken oder ganz sein zu lassen. Und ich bin zehn Minuten nach diesem festen Entschluss auf der Straße und suche mir eine Prostituierte. Und insofern habe ich den Eindruck, es gibt so etwas wie einen Kontrollverlust. Und deshalb, obwohl ich Schwierigkeiten mit dem Begriff habe und es mir schwer fällt, mich als sexsüchtig zu definieren - es ist sozusagen eine mir schwer fallende Erkenntnis, aber letztendlich kann ich mich der nicht verschließen: Ja, ich bin sexsüchtig. Konkret heißt Sexsucht für mich auch, dass ich viele zehntausend Mark Schulden habe und manchmal den Überblick verliere. Das ist schon etwas, was mich natürlich auch bedrückt und mir Sorgen macht.
Diese Besuche bei Prostituierten sind eine Form von Sexualität, die mit Beziehung und Liebe nichts zu tun haben. Das Sich-gut-Fühlen, das Sich-aufgehoben-Fühlen, das Sich-bestätigt-Fühlen hinterher - all das was man bei Sexualität in einem Liebesverhältnis erlebt - solche Erfahrungen habe ich mit dieser Art von Sexualität nie gemacht. Meine Sexualität hat eher den Charakter einer zwanghaften Suche nach Nähe. Und gleichzeitig ist es programmiert, dass ich hinterher unbefriedigt bin, weil ich Nähe auf diese Art und Weise unmöglich bekommen kann. Ich fühle mich nachher immer schlecht. Ich fühle mich genauso allein wie vorher. Es kommen außerdem auch sehr starke Schamgefühle hinzu. Manchmal geht das bis hin zu Suizidgedanken.
Ich bin vor einigen Jahren schließlich in eine Therapie gegangen. Der erste Schritt war für mich, überhaupt erst einmal das Problem zu akzeptieren. Ich musste ehrlich zu mir selbst sein und mir eingestehen, dass ich ein Problem habe, das ich nicht mit einem guten Vorsatz heute Abend oder morgen lösen kann. Ein weiterer wichtiger Schritt für mich war, mit anderen Leuten darüber zu reden. Über viele Jahre meines Lebens hinweg habe ich mein Problem, möglichst mit großer Anstrengung, geheim gehalten. Ich habe mich sehr bemüht, zu verheimlichen, habe ein Doppelleben geführt. Habe immer darauf geachtet, dass mich niemand sieht, wenn ich zu Prostituierten gehe. Habe mit niemandem darüber geredet.
Ich denke, dass Sexsucht etwas mit Selbstwertzweifeln oder einem negativen Selbstbild zu tun hat. Jedenfalls war es bei mir so. Ich denke, dass ich über Sexualität mit Prostituierten auch so etwas wie Selbstbestätigung gesucht habe. Dass es ein Versuch war, mir so etwas wie Lebendigkeit zu verschaffen, mich selbst zu spüren, alles solche Geschichten.
Aber da ich das, was ich tue, moralisch verurteile, da ich es ja gar nicht machen will, sondern eher zwangsweise handele, ist die Sexsucht ein schwerer Schlag für mein Selbstwertgefühl. Das, was ich tue, ist mit meinen Vorstellungen von Männlichkeit oder von Mitmenschlichkeit nur sehr schwer zu vereinbaren.
Der wichtigste Schritt für mich wird sein, zu lernen, Sexualität und Liebe zueinander zu bringen. Das Wichtigste für mich wird sein, beziehungsfähig zu werden. Offener zu sein für andere Menschen. Gefühlen nicht mehr so stark auszuweichen. Wenn ich zum Beispiel bessere Freundschaften hätte, ich weiß, dass dann die Frage der Sexualität einen viel geringeren Stellenwert haben würde. Den richtigen Stellenwert müsste man vielleicht sagen.
Früher war ich sehr isoliert von anderen Menschen und dann war die Sexualität möglicherweise der einzige Weg, um überhaupt irgendeine Form von Nähe zu einem anderen Menschen zu spüren. Mir ist erst vor ein paar Jahren aufgefallen, dass ich sehr wenige Freunde habe, männliche Freunde. Ich habe vor ein paar Jahren mal mein Adressbuch in die Hand genommen und festgestellt, dass es zwar ein paar Adressen von Männern gibt. Aber das waren dann meistens welche, mit denen ich beruflich oder sonst irgendwie in einer sachlichen Form zu tun hatte. Meine gesamten Privatbekanntschaften waren Bekanntschaften zu Frauen. Es gab eigentlich über den weitaus größten Teil meines Lebens überhaupt wie so etwas wie einen privaten oder freundschaftlichen Kontakt zu einem Mann.
Ich hatte nie einen richtigen Freund. Also einen Mann, mit dem ich über alle Dinge geredet hätte, auch über meine Probleme und über meine Sexualität. Das war für mich schlicht unvorstellbar, so etwas mit anderen Männern zu bereden. Bei Frauen ist das anders. Wenn es mir nicht gut ging, dann fiel es mir viel leichter, mit einer Frau darüber zu sprechen. Bei einem Mann hätte ich große Hemmungen gehabt, Konkurrenzgedanken. Es war für mich außerhalb meiner Vorstellungen. Ich habe dann erst in den letzten Jahren gemerkt, wie wohltuend es ist, auch einen Mann zu haben oder Männer zu haben, mit denen ich reden kann. Das ist ein ganz wichtiger Mosaikstein, um aus der Sexsucht heraus zu finden.
Ich bin nicht sehr optimistisch, dass ich es mit Hilfe von Therapie und einer Selbsthilfegruppe schaffe, das Problem ganz zu überwinden. Möglicherweise muss ich lernen, damit zu leben, zumindest für lange Zeit.

Selbsthilfegruppen Anonymer Sexsüchtiger treffen sich in vielen deutschen Städten. Kontakte vermittelt die Nationale Koordination von Selbsthilfegruppen (NAKOS) unter der Telefonnummer 030 - 891 40 19.


00:00 14.06.2002

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