Wie ein Leben zu Ende ging

Robinson Der Ecuadorianer Humercindo "Mico" Añapa Melchor - die letzten Tage

Die Arbeit des Regisseurs Rainer Simon in Lateinamerika begann 1988, als er in Ecuador einen Spielfilm über Alexander von Humboldt drehte - Die Besteigung des Chimborazo war eine Koproduktion zwischen der DEFA und dem ZDF. Der Streifen kam im September 1989 in die Kinos, kurz bevor die Mauer fiel. Zuvor hatte Simon unter anderem bei den DEFA-Spielfilmen Die Frau und der Fremde (1984), Jadup und Boel (1980/81) und Till Eulenspiegel (1973/74) Regie geführt.

In den neunziger Jahren entstanden weitere auf dem Subkontinent angesiedelte Filmprojekte wie Florian oder das Lächeln des Mondes und Girolamo Benzoni - die Entdeckung der neuen Welt. Simons Dokumentation Die Farben von Tigua beschäftigte sich 1994 mit der indigenen Malerei in der Anden-Region, während es beim Streifen Mit Fischen und Vögeln reden vier Jahre später um die letzten Zápara-Indianer im Urwald Ecuadors ging. 2000 dann folgte der Spielfilm Der Ruf des Fayu Ujmu, gedreht nach einer Legende der Chachi-Indianer.

Im vergangenen Jahr erschienen Simons Roman Regenbogenboa, der die außergewöhnlichen Erfahrungen eines Deutschen beschreibt, der 30 Jahre in einer indianischen Gemeinde in Amazonien lebt, sowie die Autobiografie Fernes Land - die DDR, die DEFA und der Ruf des Chimborazo. Das Manuskript für einen Foto-Text-Band Amerika - der Traum von einer Zukunft liegt vor. Rainer Simon sagt von sich, Ecuador sei zu seiner zweiten Heimat geworden, er fühle sich besonders von der indigenen Welt dieses Landes angezogen und kehre immer wieder dorthin zurück - zu Freunden und Patenkindern.


Ende 2000 drehten wir - Kameramann Frank Sputh, der ecuadorianische Filmemacher Alejandro Santillán, der Schauspieler Christian Kuchenbuch und ich - gemeinsam mit den Chachi-Indianern, die am Rio Cayapas in Ecuador leben, den Film Der Ruf des Fayu Ujmu. Die Legende über einen bösen Geist, der den Indianern das Gehirn aussaugt.

Der damals 13jährige Humercindo Añapa Melchor, von allen "Mico" genannt, ein wildes, fröhliches Kind des Urwalds, spielte eine Hauptrolle. Im Frühjahr 2003, als wir den Film in Ecuador aufführten, lebte Mico - inzwischen 16 Jahre alt - nicht mehr im Urwald. Die Verlockungen der westlichen Zivilisation hatten ihn sein Glück in der Hauptstadt Quito suchen lassen, wie so viele junge Indígenas. Er arbeitete für 80 Dollar Monatslohn in einer Gärtnerei und freute sich sehr, als wir wiederkamen aus dem fernen Deutschland, dass wir ihn nicht vergessen hatten und ihn mitnahmen zu den Vorführungen unseres Films.

Auch während meiner Aufenthalte in Ecuador 2004 und 2005 trafen wir uns - und so hatte ich es auch für dieses Jahr vorgesehen. Doch kurz vor meinem Abflug aus Deutschland schickte mir Samuel Añapa, ein Führer der Chachi und seit Jahren ein guter Freund, mit dem wir unser Filmprojekt entwickelt hatten, die Nachricht, Mico sei schwerkrank.

Quito, 1. Februar 2006

Mein guter Freund Rainer,

ich weiß, Dir werden die Seele und das Herz schmerzen, aber ich muss es Dir mitteilen, dass dein guter Freund, der Chachi-Darsteller Mico, nach einer vertraulichen Information meines Bruders Oswaldo, des Arztes, HIV-positiv und die Krankheit schon in einem Endstadium ist.

Mein Bruder rief mich an, um mir diese schreckliche Nachricht mitzuteilen und zu sagen, dass er nach Quevedo fahren werde, wohin die Mutter Mico mitgenommen hat, um den Jungen nach Quito zu holen und weitere Tests zu machen. Fürs Erste wird mein Bruder die Kosten übernehmen, doch wir möchten gern wissen, ob Du und Frank und Euer Verein - in diesem Fall wichtiger als jemals zuvor - uns helfen könnt, um Mico beizustehen.

Es ist wirklich eine sehr traurige Sache, besonders weil er noch jung ist und das ganze Leben noch vor sich hätte. Ich bedaure es sehr und weiß, dass Du unseren Schmerz teilst.

Grüße - Samuel

Meine Reise nach Ecuador ist für den 7. Februar geplant, und ich sage Samuel Añapa meine Hilfe zu. Von unserem Verein Lebendige Erde - Sacred Earth e.V. kann ich fürs Erste 800 Euro Spendengelder mitnehmen.

In Quito eingetroffen treffe ich mich sofort mit Samuel, wir telefonieren am 9. Februar mit Quevedo, einer Stadt im Tiefland westlich der Anden, wo der kranke Mico bei seiner Mutter lebt, und vereinbaren, dass er am folgenden Tag nach Quito gebracht wird. Aber die Reise verzögert sich, sie bekommen zunächst keine Fahrkarten.

Mico kommt nach Quito

Am 12. Februar, einem Sonntag, kommt Mico abends allein mit dem Bus in Quito an und übernachtet bei Freunden in Nayón, wo er einst in der Gärtnerei gearbeitet hat. Er weiß noch nichts von der vermuteten Krankheit, man hat ihm nur gesagt, dass er Tbc hat. Einen Tag später bringt Samuel den Jungen zum HIV-Test.

Mittags treffen wir uns, Mico ist abgemagert, kaum wieder zu erkennen. Er ist jetzt 18 Jahre alt. Als er mich sieht, fällt er mir um den Hals: "Papa!"

Samuel hat Mico im Hotel Dorado untergebracht. Mico legt sich ins Bett, hat Husten, die Lunge schmerzt, manchmal blutet die Nase, einmal ist ihm kalt, dann wieder heiß. Ich halte seine Hand und streichle seinen kurzgeschorenen Kopf, es scheint ihn etwas zu trösten. Wir erinnern uns an die schönen Tage im Strandhotel Pura Vida nach der Aufführung unseres Films am Rio Cayapas. Im Fernsehen ist von der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft die Rede. Ich hatte für Mico zu Hause ein WM-Shirt gekauft, bevor ich erfuhr, dass er krank ist - damit liegt er nun im Bett.


14. Februar, Samuel und ich holen den Befund des Tests ab, die Bestätigung: HIV-positiv. Samuel ruft seinen Bruder Oswaldo an. Der rät uns, sofort ins Hospital Vozandes zu gehen, dort hätten sie ein Hilfsprogramm und außerdem immer schon gute Beziehungen zum Volk der Chachi.

Mico erfährt, welche Krankheit er hat. Er ist wie erschlagen. Eine Ärztin im Vozandes sagt ihm auch, er dürfe nicht darauf hoffen, geheilt zu werden. Nur Linderung sei möglich.

Mico erzählt mir später, er hätte nur mit zwei Mädchen sexuellen Kontakt gehabt. Ich weiß nicht, ob ich ihm das glauben soll. Nur was hilft es schon zu wissen, wo er sich angesteckt hat. Es wäre nur schlimm, wenn Mico wiederum andere im Urwald am Rio Cayapas infiziert hätte.

Zurück im Hotel sprechen Samuel Añapa und ich eindringlich mit ihm. Dass nichts verloren sei, dass er gegen seine Krankheit kämpfen müsse, und dass wir ihm in diesem Kampf mit all unserer Kraft und auch finanziell beistehen. "Quiero vivir" - ich möchte leben - sagt Mico. Ich bestelle das Abendessen aufs Zimmer, denn das Treppensteigen bereitet ihm große Mühe.


15. Februar, wieder bei Mico im Hotel, nachmittags kommen Samuel und Ruth Rödel, eine pensionierte deutsche Lehrerin, die vor drei Jahren versucht hat, Mico das Lesen und Schreiben beizubringen. Es tröstet ihn, wenn ich meine Arme um ihn lege und ihn streichle. Als ein Flugzeug über uns dröhnt, sagt er, dass er gern auch einmal fliegen würde. Ich verspreche, ihn nach Deutschland einzuladen, sobald er wieder gesund ist. Und nichts hätte ich lieber getan, als dieses Versprechen eingehalten.

16. Februar, wieder Untersuchungen im Hospital Vozandes, eine Ärztin spricht lange mit Mico. Es sei fraglich, ob man ihn in Quevedo behandeln könne. Auch wisse man nicht, wie seine Familie auf die Krankheit reagieren werde. Es käme vor, dass sich die Angehörigen in einem solchen Fall von dem Kranken abwenden.

Gemeinsam mit Samuel rufe ich noch am gleichen Tag einen Schamanen an, aber der gibt zu verstehn, dass er in einem solchen Fall nicht helfen könne.

Da Mico immer größere Schwierigkeiten hat, im Hotel die Treppe zu steigen, wechseln wir in ein Zimmer weiter unten. Die Leute erkundigen sich besorgt, was der Junge habe. Die Ergebnisse der Untersuchung würden noch ausstehen, sagen wir ihnen ...

Ich bestreiche Micos Energiezentren, vor allem den Punkt zwischen den Augen, es tut ihm gut, er hält still, bis er mit einem ruhigen Kindergesicht einschläft.


17. Februar, früh um acht im Vozandes. Erneut wird Mico untersucht. Der Arzt vermutet Tbc, auch andere Folgekrankheiten könne man nicht ausschließen. Deshalb sind weitere Untersuchungen notwendig, Röntgenaufnahmen, Blutentnahmen und so weiter.

Es hat keinen Sinn, Mico länger im Hotel zu lassen, er wird jetzt in der Herberge des Hospitals Vozandes untergebracht. Die Zimmer sind einfach, aber sauber, die hygienischen Bedingungen in der Toilette und im Duschraum aber miserabel, da diese Räume auch von den Bauarbeitern genutzt werden, die den ganzen Tag mit Presslufthämmern direkt vor der Herberge arbeiten, viel Lärm und Staub. Im Zimmer neben Mico sind fünf Personen aus dem Küstenort Limones untergebracht - zwei hilfsbereite schwarze Frauen mit einem kleinen Mädchen und eine Mutter mit ihrem zwölfjährigem Sohn, der wegen seiner verkrüppelten Beine nur auf den Armen und seinem Unterkörper rutschen kann und wegen einer Therapie im Vozandes ist. Joselito hockt oft vor Micos Tür.

Mico wird ins Hospital eingeliefert

18. Februar, früh in der Herberge bei Mico, er möchte nach draußen, also setzen wir uns auf die Mauer vorm Hospital. Er hat Lust auf Früchte und Eis. Mittags fahre ich mit Alejandro Santillán weit in den Norden von Quito, um die Fundación Eudes, eine dort ansässige AIDS-Stiftung, aufzusuchen. Edison Porras, der Direktor, ist gerade 26 Jahre alt, sein Koordinator Edgar Pin 25 und selbst krank, aber äußerlich ist ihm nichts anzusehen. Freilich hätten die Medikamente Nebenwirkungen und seien sehr teuer. Aber dieses Geld sei mit Hilfe der Stiftung über das staatliche Aids-Hilfeprogramm zu bekommen. Könnte das auch für Mico die Lösung sein? Damit er die Medikamente bekommt, die er braucht?

Ich fahre am Nachmittag wieder ins Hospital, doch meine guten Nachrichten von der Stiftung erreichen Mico kaum, er klagt über Bauchschmerzen und Durchfall. Da hilft nur streicheln, bis er einschläft.

Abends kommt Micos Onkel Luis aus Loma Linda am Rio Cayapas, um als Mitglied der Familie dem Jungen beizustehen. Micos Mutter kann nicht von zu Hause weg, da sie ein Baby und zwei weitere kleine Kinder zu versorgen hat.


19. Februar, am Vormittag bringe ich Mico zum Ejido-Park, wo er gern hin möchte, weil er dort früher oft mit anderen in Quito lebenden Chachi-Indianern Fußball gespielt hat. Es wird sein letzter Spaziergang sein.


20. Februar, nachmittags kommt Edison Porras, der Leiter der Fundación Eudes, ins Hospital, um mit Mico allein zu sprechen. Danach ist er bereit, den Jungen sofort aufzunehmen. Ein Glücksfall, wir verabreden uns für den nächsten Morgen, aber es verschiebt sich.


21. Februar, wieder im Vozandes, Micos Onkel muss zurück nach Loma Linda, eine Tagesreise liegt vor ihm, Familie und Arbeit warten. Mico hört Radio, er wünscht sich, dass ich für ihn Erdbeeren kaufe, "diese kleinen roten Früchte". Aber vor allem geht es ihm gut, wenn ich ihn streichle, dann sieht sein Gesicht so sanft aus, als würde er die Krankheit vergessen.


22. Februar, die Bauarbeiten finden jetzt direkt vor der Zimmertür statt, es ist unerträglich laut und staubig. Ich bringe Mico zu einem weiteren Tbc-Test, wenn auch dieser ohne Ergebnis bleibt, muss er ins Krankenhaus, das soll 500 Dollar kosten. Abends, während eines Essens, erzähle ich Micos Geschichte dem deutschen Botschafter, Herrn Sproeth, der mir seine Hilfe zusagt.

23. Februar, Mico geht es sehr schlecht, in der Nacht hat er gebrochen und klagt über starke Bauchschmerzen. Samuel Añapa und Edison Porras sind gekommen, in der Hoffnung, dass wir Mico in die Aids-Stiftung bringen können, aber er kann sich nicht einmal mehr bis zum Sprechzimmer bewegen, so dass der Arzt in die Herberge kommt und sofortige stationäre Behandlung anordnet - Mico in die Stiftung mitzunehmen, sei lebensgefährlich.

Nach Verhandlungen mit der Sozialabteilung und dank der Fürsprache des Arztes werden die Kosten auf 100 Dollar reduziert. Mico wird in der kleinen AIDS-Station des Hospitals an die Schläuche gehängt, später bekommt er ein Einzelzimmer, abgeschirmt wegen Tbc-Ansteckungsgefahr. Am Nachmittag wird eine Bronchoskopie durchgeführt, eine Sonde wird in die Lunge eingeführt. Mico leidet schrecklich. Als er aus dem Behandlungszimmer kommt, wimmert und weint er vor Schmerz, ich halte seinen Kopf, während ihn die Schmerzmittel allmählich beruhigen. Er fleht mich an, es dürfe nie wieder eine solche Untersuchung mit ihm gemacht werden.

Abends ruft der Botschafter an, um mir zu sagen, er habe mit einem Vertreter des Erzbistums München Kontakt aufgenommen - von dort sei ihm finanzielle Hilfe für Mico aus einem Notfonds zugesagt worden.


24. Februar, Mico wirkt ruhiger, weil ruhig gestellt. Die Tbc ist nun eindeutig diagnostiziert. Er soll bis Montag - den 27. Februar - im Krankenhaus bleiben, dann will ihn Samuel in die Stiftung bringen. Ich bin das verlängerte Wochenende mit meinen Patenkindern zusammen, für die ich bisher kaum Zeit fand. Es ist so schön wie immer mit ihnen.

Mico bekommt ein Einzelzimmer mit TV

1. März, Mico ist noch im Hospital, ich höre von Dr. Vásconez, seinem Arzt, dass der AIDS-Test sehr schlecht ausgefallen sei: "estado final". Organe wie Leber, Milz und Bauchspeicheldrüse seien infolge der Immunschwäche stark angegriffen. Mico ist sehr schwach. Ich bleibe noch ein Weilchen, sage ihm, dass ich ihn gern habe, und warte, bis er einschläft.

Frank Sputh teilt mit, dass in Deutschland erste Spenden eingegangen sind.


2. März, eigentlich soll Mico heute in die Fundación entlassen werden. Ich bin deshalb mit ihrem Leiter, Edison Porras, verabredet, aber der steckt irgendwo auf der Straße zwischen Santo Domingo und Quito fest. Ich fühle mich außerstande, den ganzen Papierkram für die Entlassung aus dem Hospital allein zu regeln. Alejandro Santillán kommt mir zu Hilfe, und wir erreichen, dass Mico noch einen Tag länger im Hospital bleiben kann.

Am Abend lese ich in der Asociación Humboldt in Quito aus meinem Roman Regenbogenboa. Aus meiner Autobiografie Fernes Land habe ichdas Kapitel über die Dreharbeiten am Ruf des Fayu Ujmu ausgewählt, bei denen ich Mico als 13-Jährigen kennen lernte, und bitte um Spenden.


3. März, zusammen mit Samuel Añapa, Edison und Edgar von der Fundación Eudes holen wir Mico aus dem Hospital ab. Ich befürchtete, dass uns eine horrende Rechnung präsentiert wird, aber wir müssen nichts weiter bezahlen. Samuel kümmert sich um die Papiere, die Kopien der Untersuchungsergebnisse, die Krankengeschichte. Wenn Mico in der Stiftung ist, wird die Behandlung im Staatlichen Hospital del Sur Enrique Garcés fortgesetzt und soll kostenlos sein. Mico ist so schwach, dass er sich nicht einmal allein anziehen kann. Er kann nur noch im Rollstuhl fortbewegt werden.

Die Fundación Eudes liegt im Stadtteil Cotocollao im Norden Quitos und direkt unter der Startbahn des Flugplatzes. Wenn ein Flugzeug startet, ist keine Verständigung möglich. In dem kleinen Haus leben etwa 15 Patienten - von einem dreijährigen Kind, dessen Mutter infiziert ist, bis zu einem 60-Jährigen, der nicht mehr aufstehen kann. Mico bekommt ein Einzelzimmer mit TV, die Ironie des grausamen Schicksals, wahrscheinlich hat er noch nie in seinem kurzen Leben so komfortabel gewohnt.

Die jungen Leute aus der Stiftung kümmern sich darum, dass Micos Wäsche gewaschen wird, sie werden Tag und Nacht um ihn sein, sie beginnen sofort mit den Einkäufen für die spezielle Diät, die er vom Hospital verordnet bekam. Beim Studieren der Testergebnisse stellen wir fest, dass Micos Bluttest gar nicht so schlecht ausgefallen ist, 55 gute Zellen noch, Edgar Pin, der Koordinator der Stiftung, hatte nur noch 36. Wir schöpfen wieder etwas Hoffnung.

Wir fahren Mico im Rollstuhl zum Markt von Cotocollao, hier entspannt er sich etwas und sieht Kindern beim Fußball zu, er würde auch gern wieder Fußball spielen, sagt er und wird doch mit jedem Tag magerer und schwächer.

Mico gefällt die Musik von Bach

6. März, nachmittags wieder zu Mico. Ich zeige ihm Fotos von meinem Aufenthalt bei der Fiesta der Urwaldgemeinde Sarayacu vom vergangenen Jahr. Als er einen jungen Mann mit einem Gewehr sieht, sagt er, so eins wolle er später auch einmal haben, für die Jagd. Carlito, der 19-jährige Junge aus dem Küstenort Machala, der für Mico in der Fundación kocht, begleitet uns auf der Rollstuhlausfahrt. Er ist HIV-positiv, aber die Krankheit ist bei ihm noch nicht ausgebrochen, er ist witzig und intelligent, und wir spielen uns die Bälle zu, um Mico etwas aufzuheitern. Er lächelt, wir überreden ihn, ein paar Schritte zu gehen. Als wir an einem CD-Verkaufsstand vorbeikommen, wünscht sich Mico Cumbia-Musik, die CDs kosten einen Dollar, Schwarzmarktware. Carlito meint, klassische Musik sei sehr gut sei zur Beruhigung der Kranken.


7. März, Mico ist umgezogen ins Zimmer von Carlito, der ihn Tag und Nacht betreut. Ich habe in meinem "Geschenkreservoir" eine CD von Bachs Brandenburgischen Konzerten gefunden. Was ich nicht erwartet hatte, Mico gefällt die Musik, er hört sich die gesamte CD an. Ich zeige ihm mein Buch Fernes Land und übersetze ihm das Kapitel, in dem auch über ihn geschrieben wird. Er sieht sich die Fotos an und blättert andächtig und sehnsüchtig, wie mir scheint, die Seiten mit diesen vielen Schriftzeichen durch, die zu lesen und zu schreiben er nie gelernt hat.

Mico klagt über Schmerzen im Rückgrat, wir wissen nicht, ob sie nur vom Liegen kommen. Auch hat er kaum Lust zum Essen, und Carlito und Edgar müssen all ihre liebenswürdige Überzeugungskraft aufbieten, damit er die Medikamente nimmt. Er wiederholt: "Quiero vivir" - ich möchte leben. Ich streichle seinen schmerzenden Rücken, bis er einschläft.

In der Stiftung ist er sehr gut aufgehoben. Würde man solch prachtvolle Menschen wie Edison, Edgar und Carlito doch unter anderen Umständen treffen!


9. März, gestern überraschte mich Mico mit den Worten: "Me voy" - ich gehe. Er hatte mit seiner Mutter telefoniert und sie aufgefordert, ihn abzuholen. Wir wollen an diesem Nachmittag unseren Film Der Ruf des Fayu Ujmu in der Stiftung zeigen. Mico jammert vor Schmerzen, er wird trotz der Medikamente immer schwächer, aber er sagt: "Quiero irme" - ich will weg - und ist wütend, weil er selbst fühlt, dass es nicht geht. Seine Mutter ist angeblich schon in Quito eingetroffen, ohne zu wissen, wie sie zur Stiftung kommt. Samuel fährt also zum Busbahnhof am anderen Ende der Stadt und findet die Frau schließlich. Schon auf dem Weg hat er sie überzeugt, dass es vollkommen unmöglich ist, Mico mitzunehmen.

Wir haben unterdessen den Film angesehen, und Mico hat sich gefreut darüber. Seine Mutter wird die Nacht über in der Stiftung bleiben.


12. März, Mico geht es sehr schlecht. Edgar Pin sagt, nach der Abreise der Mutter sei er sehr deprimiert gewesen. Er wird immer schmaler, die Wangen sind eingefallen, er kann sich kaum noch aufrichten. Ich kann ihn auch nicht überzeugen, mit mir im Rollstuhl eine Runde zu drehen. Ich unterhalte mich mit Edgar, er nimmt täglich einen Cocktail von 35 Tabletten, die im Monat über 1.000 Dollar kosten, jeden Morgen ist er im Internet, in der Hoffnung die Nachricht zu finden, dass eine Medizin gefunden wurde, die AIDS nicht nur lindert, sondern heilt. Vielleicht gibt es ja längst eine, aber haben die Pharmakonzerne mit ihren Milliardengewinnen ein Interesse daran?

Morgen soll Mico ins Hospital del Sur Enrique Garcés gebracht werden, um mit den Ärzten dort die weitere Behandlung abzustimmen und ihn in das staatliche Aids-Hilfeprogramm aufnehmen zu lassen.

Edgar Pin wird die Nacht bei Mico bleiben

13. März, was zu befürchten war, ist eingetreten, sie müssen Mico im Hospital behalten. Ich fahre mittags hin, dieses Mal weit in den armen Süden Quitos. Mico befindet sich noch auf der Notaufnahmestation. Edgar Pin empfängt mich in der Infektionsabteilung, wo gerade ein anderer AIDS-Kranker, der sich schon im Koma befindet, von seiner Familie abgeholt wird. "Zum Sterben", sagt Edgar. Er erzählt, Mico habe am Morgen gesagt: "No quiero sufrir mas, quiero morir" - ich will nicht mehr leiden, ich will sterben. Später bringt Edgar Mico im Rollstuhl nach oben. Den lautlosen Hilfeschrei in Micos Blick werde ich nie vergessen. Er hängt wieder an Schläuchen und muss ins Bett gehoben werden. Ich frage ihn, ob er Schmerzen habe, er schüttelt den Kopf, ich frage ihn, ob er mir etwas sagen möchte, er schüttelt den Kopf. Unter den halb geschlossenen Augenlidern sind die Augen nach oben gedreht, so dass man nur das Weiße sieht.

Ich halte sein eingefallenes Gesicht in meinen Händen, ich streichle seinen Kopf. Unter der Atemmaske, die ich tragen muss, kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Edgar Pin wird die Nacht bei Mico im Hospital bleiben, das hängt wohl auch damit zusammen, dass es in diesem staatlichen Krankenhaus viel weniger Schwestern gibt als in der reichen Privatklinik Vozandes, die den nordamerikanischen Evangelisten gehört.


14. März, eine starke Erkältung hindert mich, ins Krankenhaus zu fahren. Edgar Pin sagt mir am Telefon, Micos Zustand hätte sich stabilisiert. Am Nachmittag besucht ihn Ruth Rödel, die Lehrerin. Außer sich vor Erregung ruft sie mich danach an. Eine junge Ärztin, die weder Micos Krankengeschichte noch seine Testergebnisse kannte und auch von der Stiftung angeblich nichts wusste, hätte den Jungen mit einem Schwarm von Studenten visitiert - Mico hätte gestöhnt wie ein Tier. Ruth wurde von der Ärztin aufgefordert, Medizin und Watte zu kaufen. Wenn dies nicht geschehe, würde der Kranke nicht versorgt. Wir erfahren dann, dass kurz nach Ende der Besuchszeit Edgar wieder zu Mico zurückgekehrt ist und sich um ihn gekümmert hat, auch um die benötigten Medikamente. Das Verhalten dieser Ärztin bleibt unverständlich, sagt aber einiges aus über die Zustände in solchen Krankenhäusern.


15. März, der Tag meiner Abreise. Edgar ruft früh an und bezeichnet Micos Zustand als stabil, aber er hätte Probleme mit der Kehle und könne nicht schlucken und deshalb nicht essen.

Gegen Mittag ruft Samuels Bruder Oswaldo an: Mico ist tot.

Edgar Pin bestätigt mir die Nachricht, Mico sei ruhig gestorben, sagt er.

Leere. Der Schmerz ist Leere.

Eine Stunde, bevor ich zum Flugplatz muss, kommt Samuel Añapa. Er wird sich um die Überführung unseres toten Freundes in seine Heimat am Rio Cayapas kümmern. Er hat Micos Mutter schon informiert, auch sie ist auf dem Weg nach Quito.

Mico ist zum Rio Cayapas zurückgekehrt

18. März, ich bin wieder in Deutschland. Von Samuel ist eine Mail aus Esmeraldas eingetroffen:

Mein guter Freund Rainer,

es ist für mich sehr traurig, das Weitere über unseren Freund zu berichten, aber ich muss es tun. Du glaubst nicht, Rainer, welches Problem es war, den Leichnam unseres Freundes nach Borbón zu bringen.

Am Mittwoch, als Du wegfuhrst, bin ich mit den Formalitäten nicht mehr weit gekommen. Am Donnerstag wollte ich Mico wegbringen, aber ich verlor den Tag damit, ein Auto aufzutreiben. Am Nachmittag dieses Tages, als ich mich versichern wollte, dass der Leichnam unseres Freundes gekühlt aufbewahrt wurde, merkte ich, dass der am Mittwoch Verstorbene auf einer Trage in einer Ecke eines Krankensaals gelassen wurde wie irgendein Objekt ohne Wert. Welcher Zorn mich ergriff, nachdem ich den Leuten im Krankenhaus geglaubt hatte, was sie mir versichert hatten! Was für eine Wut und was für eine Trauer!

Gestern gegen Mittag konnte ich dann ein Auto bekommen, nachdem der Vormittag wieder mit Formalitäten verloren gegangen war. Sie sagten mir, ich würde die Erlaubnis der Gesundheitsbehörde der Provinz benötigen, um den Toten dorthin überführen zu dürfen. Und sie machten mir solche bürokratischen Schwierigkeiten, dass ich den Toten schließlich ohne Erlaubnis wegbrachte. Glücklicherweise gab es unterwegs keine Probleme, und ich kam schließlich neun Uhr nachts in Borbón an.

Dort erwarteten sie mich mit einem kleinen Kanu, in das nur der Tote passte, der Fluss führte sehr viel Wasser, und so denke ich, dass er jetzt gerade, heute am Sonnabendmittag, in Loma Linda angekommen ist.

Ich glaube, ich habe etwa 250 Dollar ausgegeben oder etwas weniger. Es ist also noch etwas von dem Geld übrig, das Du mir gegeben hattest.

Ich werde damit tun, was Du mir sagst, Rainer, würde aber gern Micos Mutter und seinen kleinen Geschwistern helfen, die - bis auf den Stiefvater - alle mit Tuberkulose angesteckt zu sein scheinen. Ich würde dafür sorgen, dass sie untersucht und in das staatliche Hilfsprogramm eingegliedert werden. In jedem Fall werde ich Dir in Kürze die Details der Abrechnung schicken, für heute reicht es, um ein bisschen von all diesen Sorgen ausruhen zu können. Tausend Dank, Rainer, wirklich tausend Dank. Bei aller Traurigkeit und Ohnmacht, die ich fühle, bleibt mir die Befriedigung, dass wir gekämpft und einen großen Teil unserer Energie aufgebracht haben, um das Leben eines Freundes zu retten, aber die Natur und das Gesetz des Lebens waren stärker als wir. Ich weiß, dass Du von Deiner Seite alles getan hast, um ihn mit Deiner Hilfe zu retten, aber die Krankheit war schon zu weit fortgeschritten ...

Nochmals meine Dankbarkeit an Dich und Frank und an all die Deutschen hier in Ecuador und in Deinem Land, die diesem Jungen, den wir verloren haben, auf die eine oder andere Weise beigestanden haben. Wir haben ihn kämpfend verloren ... Muchos saludos y abrazos

Samuel Añapa

20. März, wenn ich dies aufschreibe, erscheint es mir wie ein kleiner Trost, dass Mico nach Loma Linda am Rio Cayapas, in seinen heimatlichen Urwald, zurückgekehrt ist, und nicht in einer dieser kühlen Steinwände der Friedhöfe von Quito oder Quevedo beigesetzt wurde.

Ein Trost ist auch die Menschlichkeit der guten Freunde, die sich für Mico eingesetzt haben, Samuel Añapa, der nicht mit Mico verwandt ist, aber sich wie ein echter Führer seines Volkes verhalten hat, Ruth Rödel, die deutsche Lehrerin, die viele Stunden am Krankenbett Micos verbracht hat, Edison, Edgar, Carlito, die großartigen jungen Männer aus der Fundación Eudes, hoffentlich können sie gerettet werden.

Ich bin froh, dass ich in diesen letzten Tagen an Micos Seite war.


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00:00 14.04.2006

Ausgabe 37/2021

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