Wie eine Kernschmelze

Iran Greifen die USA das Land an, würde das alles Bisherige an Gewalt in der Region in den Schatten stellen. Was macht Europa?
Wie eine Kernschmelze
Der US-Flugzeugträger „Abraham Lincoln“ im roten Meer

Foto: Getty Images

Kommt es zu einem US-geführten Krieg gegen den Iran? Noch ist die Entscheidung nicht gefallen, noch mag Präsident Trump an einen Deal mit Teheran glauben: „Ruft mich an.“ Doch die Hardliner im Weißen Haus, die Architekten der Konfrontation mit der Islamischen Republik, Sicherheitsberater John Bolton und Außenminister Mike Pompeo, wollen nichts weniger als einen Regimewechsel – ganz egal, wie Teheran sich verhält. Drastisch haben die USA den Druck auf die iranische Führung erhöht. Die Ausnahmegenehmigungen für den Import iranischen Öls zugunsten Chinas, Japans, Südkoreas, Indiens und der Türkei hat Washington zum Monatsbeginn widerrufen und damit die wirtschaftliche Kriegsführung gegen Teheran verschärft. Diese „sekundären Sanktionen“, die auch Drittstaaten jeden Handel mit dem Iran untersagen, sind völkerrechtswidrig. Aber es gehört zu den Privilegien einer Weltmacht, internationales Recht ignorieren zu dürfen. Darüber hinaus hat Washington die Revolutionsgarden, die Elitetruppe des Regimes, zu einer Terrororganisation erklärt, Kriegsschiffe und B-52-Bomber in die Golfregion verlegt. Die Strategie der US-Falken ist offenbar, Teheran in die Kapitulation zu zwingen – nötigenfalls, zu einem späteren Zeitpunkt, mit begrenzten, aber massiven Bombardements und Raketenangriffen, jedoch ohne Bodentruppen.

Teheran wird aber nicht kapitulieren. Darin genau besteht der amerikanische Denkfehler, sofern nicht blanker Zynismus Regie führt. Seit 9/11 haben die USA in Afghanistan, im Irak und in Libyen Regimewechsel federführend herbeigeführt. In Syrien haben sie es versucht, sind jedoch infolge der russischen und iranischen Intervention gescheitert. Im Jemen unterstützen sie aktiv das saudische Regime bei dessen mörderischer Kriegführung gegen die Huthi-Rebellen, die vorsätzlich die jemenitische Zivilbevölkerung aushungert und ins Visier nimmt. Sollte es zum Krieg gegen den Iran kommen, wäre es die sechste Militärintervention der USA in einem islamischen Land in weniger als 20 Jahren. Wer ernsthafte Antworten sucht auf die Frage, wo eigentlich der islamistische Terror herrührt, wie Organisationen vom Schlage des Islamischen Staates gedeihen konnten und können – hier, in diesen Interventionen, der systematischen Zerstörung ganzer Staaten und damit der Zukunft von Millionen Menschen, liegt eine wesentliche, wenn nicht die entscheidende Ursache.

Auf diesen Zusammenhang hinzuweisen, gilt in transatlantischen Kreisen, die Politik und Medien hierzulande prägen, gern als anti-amerikanisch. Es ist aber wenig mehr als die Benennung des Offenkundigen. Ein Angriff auf den Iran würde alles Bisherige an Gewalt in der Region in den Schatten stellen. Die iranische Führung weiß angesichts der amerikanischen und israelischen Politik seit Jahren, dass damit zu rechnen ist. Sie weiß auch, militärisch unterlegen zu sein und einen konventionellen Krieg niemals gewinnen zu können. Also bereitet sich Teheran auf einen asymmetrischen, einen Guerillakrieg vor. Irans Feinde unterschätzen, dass der Iran nicht der Irak unter Saddam Hussein ist oder Syrien unter Assad. Ein Großteil der mehr als 120 Millionen Schiiten weltweit wird einen Angriff auf den schiitischen Iran als einen Angriff auf sich selbst empfinden. Irans Außenminister Zarif sagte vor einiger Zeit sinngemäß: Unsere Feinde mögen den Zeitpunkt bestimmen können, wann sie uns den Krieg erklären. Wir aber bestimmen, wann er endet.

Ein Angriff auf den Iran wäre vergleichbar mit der Kernschmelze in einem Atomreaktor. Ist sie erst einmal eingetreten, kann sie nichts mehr aufhalten. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Israel wären die ersten Staaten, die in diesen Krieg hineingezogen würden. Mit allen Folgen, die sich für die Weltwirtschaft, wegen der explodierenden Ölpreise, und den Weltfrieden ergeben – Russland und China werden sich hinter Teheran stellen.

Lau ist die Haltung der Europäer. Sie geißeln nicht etwa Washington für die Verschärfung der Krise, deren Ursprung in der US-Aufkündigung des 2015 geschlossenen Atomabkommens liegt. Sondern den Iran, weil Präsident Rohani die Europäer aufgefordert hat, innerhalb der nächsten zwei Monate dafür Sorge zu tragen, dass sein Land wieder Zugang zu den Öl- und Finanzmärkten erhalte. Andernfalls werde Teheran die Urananreicherung langsam wieder hochfahren. Außenminister Heiko Maas hat das „mit großer Sorge vernommen“.

Was aber erwarten er und seine EU-Amtskollegen? Dass der Iran seine wirtschaftliche Strangulierung und die wachsende Kriegsgefahr klaglos hinnimmt? Auf der Ebene von Lippenbekenntnissen halten Großbritannien, Frankreich, Deutschland und die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini am Atomabkommen fest. De facto haben sie nichts unternommen, um die Sanktionen gegen den Iran abzufedern. Diese Vasallentreue gegenüber den USA könnte sich rächen. Was, wenn die USA den hoffentlich nicht eintretenden Iran-Krieg zum NATO-Verteidigungsfall erklären? Werden sich Brüssel oder Berlin in dem Fall verweigern?

Michael Lüders ist Berater und Autor, zuletzt erschien: Armageddon im Orient. Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt

06:00 17.05.2019
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