Wie ich unter die Moralapostel fiel

Bücher Als ob sie ein Geheimbund seien, die allerorts stilles Regiment führen. Jan Fleischhauers Buch "Unter Linken" sagt mehr über den Autor aus als über die Linken selbst

Walt-Disney-Filme, Cola und Big Macs wurden ihm in seiner Kindheit vorenthalten. Stattdessen gab es Bio-Haferflocken. Bis zu seinem 13.Lebensjahr, schreibt Jan Fleischhauer, sei er überdies "ohne Apfelsinen aufgewachsen", weil diese seinerzeit entweder aus den verhassten USA oder aus Diktaturen importiert wurden. "Dass mein Bruder und ich nicht dem Skorbut zum Opfer fielen, verdanken wir dem Hinscheiden Francos mit 82 Jahren im November 1975." Und mit seinen Eltern musste er zu allem Überdruss diskutieren, wenn das Thema Politik zur Sprache kam.

Herr Fleischhauer, um den es hier geht, Jahrgang 1962 und Redakteur beim Spiegel, ist ein Mensch, der in seinem Leben so schrecklich gelitten hat, dass einen "Erkundungsbericht aus dem Imperium der Linken" schreiben musste, mit dem er nun seine Leidensgeschichte erfolgreich aufzuarbeiten hofft. Sein Trauma besteht darin, dass er in einem sozialdemokratischen, bürgerlichen Elternhaus aufgewachsen ist, "unter Linken", wie er es nennt.

Und tatsächlich gelingt es ihm, all jenes Altbekannte an "der Linken" zu kritisieren, das bereits von anderen zu genüge moniert wurde: ihr Pathos, ihre Selbstgerechtigkeit, ihr Idealismus, ihr religiöser Eifer, ihre naive Utopiegläubigkeit, ihre Sentimentalität, ihre romantische Zivilisationskritik, ihre beängstigende Humorlosigkeit, ihre calvinistische Ideologie des Verzichts. "Die Linke hat die Energien absorbiert, die den Protestantismus lange so überaus erfolgreich machten, das inwendig Beseelte und Entschiedene, das besonders auf fundamentalistisch gesinnte Geister seinen Reiz ausübt, den unerschütterlichen Glauben an die eigene Unfehlbarkeit."

Moralapostel und Fanatiker

Nur verhält es sich mit Fleischhauers Buch, in dem er sich darauf beschränkt, Häme über "der Linken" auszugießen, wie mit anderen Publikationen dieser Sorte: Es gibt uns freilich weit mehr Auskunft über die Verirrungen und -wirrungen und die psychologische Disposition des Autors als über "die Linken", deren Wesen er zu beschreiben vorgibt.

In seinem Buch, in dem er sich groteskerweise stolz dazu bekennt, jetzt endlich genauso zu denken und zu reden, wie es von ihm erwartet wird, und die von ihm brav erbrachte Anpassungsleistung, seine Abkehr von "der Linken", als einen Akt des Widerstands glorifiziert, betet er die öde Litanei von den schmallippigen, verbohrten und intoleranten linken Moralaposteln und Fanatikern herunter, die ihre Kinder zu "neuen Menschen" modeln wollten, und lässt dabei außer acht, dass er – 1972 war er 10 Jahre alt – in der goldenen sozialdemokratischen Ära, zur Zeit des größten Wohlstands in der Bundesrepublik aufgewachsen ist.

Eines seiner Verfahren ist die Verallgemeinerung: Fortwährend schreibt er ebenso simplifizierend wie unverdrossen von "den Linken", ganz so, als handle es sich dabei um eine Art Geheimbund, der allerorts sein stilles Regiment führt. Folgt man der fixen Idee des Autors, sind in einem Aufwisch alle diffus "links", und zwar vom Redakteur des Springer-Verlags bis hin zu den Autonomen. So erzählt er ebenso munter wie wild durcheinander von lustfeindlich-verkniffenen, protestantischen Sozialdemokraten, naiv-utopieseligen Enthusiasten, Tugendwächtern, "Steinzeitkommunisten", Hippies und altsozialistischen Staatsfetischisten, ebnet fröhlich jeden Unterschied ein und ignoriert die Tatsache, dass die von ihm dergestalt zusammenphantasierte "Linke" ausschließlich in seinem Kopf existiert.

Wobei obendrein "die Linken", die er uns präsentiert, Zerrbilder bleiben. Man stelle sich vor, jemand verwende dasselbe Verfahren im Hinblick auf "die Rechten". Hätte das nicht zur Folge, dass gestandene Neonazis sich plötzlich Seit' an Seit' mit sozialliberalen Christdemokraten fänden? "Ohne Verallgemeinerung kommt man zu keiner Erkenntnis", schreibt Fleischhauer. Man wird in dem Buch, das sich rasch als eine Ansammlung der handelsüblichen Ressentiments entpuppt, ohne die eine geschickte Denunziation "der Linken" nicht auskommt, viele lustige Sätze dieser Sorte finden, bei deren Lektüre man feststellen wird, dass das Gegenteil des Gesagten der Fall ist.

Eine einflussreiche Politsekte

Da bleibt es nicht aus, dass der Mann dazu neigt, sich als unterdrückten Konservativen zu inszenieren, den Lesben und Emanzen seiner männlichen Identität berauben wollen und der sich an jeder Straßenecke verfolgt sieht von Linksliberalen und Homosexuellen, die ihm seine Projektionen und seine Verschwörungsphantasien austreiben wollen, an denen er tapfer und beharrlich festhält. "Die Linken", oder besser: die, die er für solche hält, sind ihm zufolge eine Art im Verborgenen herrschende, allgegenwärtige, einflussreiche Politsekte, "die unsere Kultur bestimmt" und erfolgreich die Gesellschaft mit ihren Funktionären durchsetzt hat: "Sie haben ihre Meinung weitgehend durchgesetzt ... in den tonangebenden Kreisen, also da, wo sie sich vorzugsweise aufhalten."

Als ein Beweis für die von ihm imaginierte Macht der Linken dient ihm etwa der Umstand, dass es hierzulande, wo kaum ein Tag vergeht, an dem Rechtsextremisten nicht ihnen unliebsame Menschen zusammenschlagen, keine "Rock-gegen-links"-Konzerte gibt. Doch nicht nur deshalb sind Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des Autors angebracht. "Den Linken", wenigstens so viel ist gewiss, gibt es freilich genauso wenig wie "den Neger".
"Es ist nicht so schlimm, nicht mehr links zu sein: Man verliert ein paar Freunde und gehört in bestimmten Kreisen nicht mehr dazu, aber dafür verbessert sich schlagartig die Stimmung", bekennt Fleischhauer. Damit hat er Recht: Die "Stimmung" bessert sich, wenn man beschließt, fortan Kritik einfach bleiben zu lassen, und sich bereitwillig mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen zum Affirmationsonkel formieren lässt. Historische Beispiele dafür gibt es zu genüge. Verwaltete Welt? Verblendungszusammenhang? Nie gehört. Und dafür, dass man "in bestimmten Kreisen nicht mehr dazugehört", wird man vollauf dadurch entschädigt, dass man fortan zu anderen Kreisen gehört.


 

Unter Linken.Jan Fleischhauer. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2009. 350 S., 16,90 E

12:00 31.05.2009

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