Wie im kleinen Großarmenien

Territorien Staatsgrenzen stehen in Europa wieder in Frage, nicht nur in den östlichen Krisenzonen. Ein Rundblick zum Abschluss unserer Reihe
Martin Leidenfrost | Ausgabe 37/2014 3

Entlang der Straße von Eriwan nach Bergkarabach ist ein langer Gerölldamm aufgeschüttet. Das Geröll, von dem in der Gegend genug herumliegt, ist gerade hoch genug, damit armenische Autofahrer nicht von Kugeln durchsiebt werden können. Hinter dem Wall liegt die aserbaidschanische Exklave Nachitschewan. Der Gerölldamm wird ab und zu von einer freien Stelle unterbrochen, in der sich meterhohe Haufen von Melonen zum Verkauf türmen. Wenn Aserbaidschan Armenien hier angreift, zerfetzt es als Erstes Tonnen von Melonen.

In einem Sammeltaxi sitze ich an einen alten Schuldirektor gepresst, dessen funkensprühende Bildungsbegeisterung mich an meinen alten Deutschlehrer aus der österreichischen Klosterschule erinnert. Der Eriwaner kommt aus einem winzigen Bergdorf in Karabach. „Ich lebe dort mit meiner Alten – die Kinder sind in Eriwan geblieben.“ Er erzählt euphorisch von seiner Schule, sechs Lehrer für elf Kinder, „alles Einserschüler“. Die Lehrer seien sehr gut bezahlt. „Wir haben alles. Das ist eine Schweiz dort oben!“

Bei Nacht komme ich an die Grenze. Armenien und die ausschließlich von Armeniern bewohnte Republik Bergkarabach sind ineinander verwachsen, schon zum zweiten Mal ist ein Karabacher Präsident von Armenien, und an der innerarmenischen Grenze werden nur Nichtarmenier kontrolliert.

Im Grunde betrete ich die international nicht anerkannte Abspaltung von Aserbaidschan mit einer gewissen Sympathie: Das armenische Volk hat einen Genozid hinter sich, und auch im Krieg mit Aserbaidschan hieß es David gegen Goliath. Beim Durchstreifen dieses inzwischen „ethnisch homogenen“ und historisch betrachtet immer noch recht kleinen Großarmeniens überkommen mich aber Fragen: Die Hälfte der Armenier lebt in der Hauptstadt, Verkehrsverbindungen zwischen den Regionen führen ausschließlich über Eriwan, die zweitgrößte Stadt Gjumri hat sich immer noch nicht völlig vom Erdbeben 1988 erholt, und besonders die zwecks Arrondierung eroberten Gebiete zwischen Armenien und Karabach sind mit Bevölkerungsdichten von zwei Einwohnern pro Quadratkilometer beinahe menschenleer. Die Republik Bergkarabach macht 28 Prozent der gesamtarmenischen Fläche aus, aber keine fünf Prozent der Menschen leben dort. Wozu hat man sich dieses Territorium erkämpft, wozu mussten 15.000 Armenier sterben, wenn man die Provinzen dann doch verrotten lässt und sich in einem Stadtstaat Eriwan zusammendrängt?

Fragen wie diese lasteten wie Bleigewichte auf mir in diesem Jahr, da ich für den Freitag die hiermit zu Ende gehende Serie Europa transit schrieb. Das Jahr ist düster, der Geist ist aus der Flasche, Staatsgrenzen stehen in Europa wieder zur Disposition. Ich erinnere mich an eine Winterreise durch den ukrainischen Donbass vor Jahren: In schwermütigen Bergbaustädten wie Stachanow oder Antrazyt musste ich lange nach einem wärmenden Teller Suppe suchen. Damals wurde ich immerhin mit den Feierlichkeiten des Kreisgerichts zum „Tag des Richters“ entschädigt, nun wird Antrazyt von Donkosaken regiert. Die Kohle aus dem Donbass fehlt der Ukraine, die ukrainischen Behörden kündigen Stromabschaltungen an. Welcher Status auch immer für das Gebiet der Sezessionisten übrig bleibt – der verwundete Donbass wird depressiver sein denn je.

Ich kleiner Trottel

Die Liste der Gegenbeispiele ist kurz: Montenegros Ausscheiden aus der Bundesrepublik Jugoslawien 2006 oder das Votum über eine mögliche Unabhängigkeit Schottlands am 18. September 2014 – auf mehr geordnete Scheidungsverfahren hat es die europäische Zivilisation nicht gebracht. Die Madrider Zentralregierung spielt mit dem Feuer, indem sie Katalonien sein Unabhängigkeitsreferendum verweigert, vom explosiven Baskenland ganz zu schweigen. Das Königreich der Belgier ist seit dem Siegeszug des „Konföderalismus“ der flämisch-nationalistischen Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA) in die Phase eines entschleunigten Siechtums eingetreten. Nur Italiens Separatismen nehmen sich vorläufig noch als Clownerien aus.

Die bosnische Entität Republika Srpska hingegen wartet nur auf die Gelegenheit, die Unabhängigkeit in vollem Ernst auszurufen. Wie die aus sozialen Gründen ausgebrochene Winterrevolte im Februar gezeigt hat, verliert das dysfunktionale Ethnoquotenprotektorat Bosnien-Herzegowina seine Bürger. Wenn die Idee der Vereinigung einer Nationalität in einem Nationalstaat erst einmal Furore macht, ist kaum ein Staat dagegen gefeit. Auch nicht das vorbildliche Montenegro.

In diesem Jahr genoss ich die multikulturelle Vitalität des Grenzstädtchens Tuza. 60 Prozent Albaner, der Rest Bošniaken und Montenegriner, alle Religionen vertreten. Auf dem Markt warfen mir Roma für ein paar Groschen Tito-Bildbände nach. Auf dem Hauptplatz ein einziges unentwegtes Beine-Ausstrecken und Espresso-Trinken. Kein nennenswerter Konflikt, außer dass sie sich gern von der Großgemeinde Podgorica, der Hauptstadt also, lösen und eine eigene Kommune bilden würden. Im albanischen Frisiersalon sprachen sie ausgezeichnet Serbokroatisch. Als ich aber die gewisse Frage stellte, antworteten die ethnischen Albaner wie ein Mann: „Man lässt uns nicht. Wenn man uns aber lässt …“ Dann würden sie für Großalbanien stimmen.

Und dann noch die ungarische Frage. In diesem Jahr schrieb ich auch über das Szeklerland, eine ungarische Sprachinsel inmitten Rumäniens. Es ging um verweigerte Autonomie, um einen Kleinkrieg abgenommener und erneut gehisster Fahnen und um das erschreckende Unwissen von Szeklern und Rumänen über die jeweils anderen. Der Fernsehsender Antena 3, für seine nationalistischen Kampagnen berüchtigt, brachte einen manipulativen Bericht über meinen Text zum Szeklerland. Darauf brach ein Orkan über mich herein, sowohl von ungarischer als auch von rumänischer Seite. Eine Woche lang tat ich nichts anderes, als Beschimpfungen zu lesen. Ich sei ein „Kaka-Visionär, bezahlt von den Ungarn“, erfuhr ich, „ein kleiner Trottel und Nazi wie im Grunde alle Österreicher“. Dem widersprach ein anderer Diskutant heftig: „Er ist keineswegs vertrottelt, sondern ein Agent Provocateur.“ – „Seit wann interessiert uns die Meinung einer österreichischen Skandalnudel, die wie ein Zigeuner mit Zelt durch verschiedene Staaten zieht?“

Nach diesem Skandal, der immerhin meinem Rumänisch-Wortschatz zugute kam, besuchte ich einen Politiker der Szekler. Er bereitete gerade ein Autonomie-Referendum vor, von Bukarest vorab für illegal erklärt. Man präsentierte mir Umfragen: 97 Prozent der Szekler unterstützten den nationalkonservativen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, als zweitpopulärster Politiker tauchte aber plötzlich der russische Präsident Wladimir Putin auf. Mit 60 Prozent die Meinung, „unsere Leute sind von der EU enttäuscht“. Eine andere Frage hatte die Partei der Ungarn in Rumänien UDMR schon 2011 stellen lassen: „Würden Sie für eine Autonomie Ihr Leben opfern?“ Drei Prozent der Szekler antworteten: Ja, auf jeden Fall. Fünf Prozent: Ja, unter Umständen. Klar, und diesen Beteuerungen schenke ich sogar Glauben, niemand will sich von Rumänien abspalten, niemand will Krieg. Und wenn die Gelegenheit gerade günstig ist? Wenn man mit „höflichen Leuten“, „grünen Männchen“, mit in einem Nachbarland „urlaubenden Soldaten“ Territorium hinzugewinnen kann?

Mit solchen Fragen reise ich in Bergkarabach ein. In die sich seit 22 Jahren behauptende Republik, weltweit von keinem einzigen Staat anerkannt. Die gebirgige Route führt über den Latschin-Korridor, die einzige Straßenverbindung zwischen Armenien und Bergkarabach. Latschin war 1923 bis 1929 Hauptort des sowjetischen Experiments „Rotes Kurdistan“, 1992 Schauplatz einer Staatsgründung der besonderen Art. 1992 reisten 70 Eriwaner Kurden in Bussen an und riefen die „Latschiner Kurdenrepublik“ aus, „als Statement für die Geschichte“. Die Stadt war aber bereits abgefackelt, die letzten Latschiner Kurden waren vor den armenischen Truppen geflohen.

Und was nun?

In Karabachs Hauptstadt Stepanakert empfängt mich Karabachs Außenminister Karen Mirzoyan. Der joviale Intellektuelle, der sich selbst einen „schwachen Diplomaten“ nennt, erinnert sich gut an die teils jesidischen Kurden – er saß seinerzeit mit ihnen in der Eriwaner Akademie der Wissenschaften. „Die tranken Tee und diskutierten über Großkurdistan.“ Mirzoyan erklärt, Karabacher seien es gewohnt, sich „nur auf die eigene Stärke zu verlassen“. Sollte Aserbaidschan dennoch angreifen, „dann ist die Chance groß, dass es als unabhängiger Staat zu existieren aufhört“. Karabach trete stets für das Recht der Völker auf Selbstbestimmung ein, „aus diesem Grund unterstützen wir Schottland, die Krim, den Südsudan und sogar Kosovo, obwohl das schwierig war.“ – „War das schwierig, weil es gegen Russland ging?“ – „Ja.“ – Bergkarabach habe, sagt er mir weiter, „mit 150.000 Einwohnern ein stabiles Bevölkerungswachstum“. Und wie will er Armenier bewegen, ins entvölkerte Karabach zu übersiedeln? Er nennt „ernsthafte Errungenschaften“, „in Stepanakert haben schon 80 Prozent rund um die Uhr fließend Wasser. Das gab es in der sowjetischen Zeit nicht.“

Bei Nacht spaziere ich durch Stepanakert. In Karabach kehren alte Menschen unentwegt die Straßen. Meist machen das Frauen, für umgerechnet 75 Euro monatlich, in orangefarbene Leuchtjacken gesteckt. Diesen Sommer haben Aserbaidschaner und Armenier wieder geschossen, 18 Tote gab es. Wladimir Putin, der beide Seiten mit Waffen beliefert, rief hinterher die Präsidenten Armeniens und Aserbaidschans vermittelnd nach Sotschi. Ich aber bleibe, auf Armenier und all die anderen unruhigen Völker blickend, mit der Frage zurück: Jetzt habt ihr euer Territorium. Und was nun, was fangt ihr damit an?

Martin Leidenfrost schrieb zuletzt über den Edinburgher Fjord und das schottische Unabhängigkeitsreferendum

 

06:00 24.09.2014

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