Wie in einer Blase

Eheleben In Thailand entstehen Vorortsiedlungen nach amerikanischem Vorbild. Dort wohnen Rentner aus dem Westen mit ihren thailändischen Ehefrauen in luxuriösen Häusern zusammen

Peters Freunde lachten schallend, als er ihnen von der seltsamen Sitte erzählte, dass thailändische Frauen nur zweimal im Monat Sex hätten. Wie Peter sind alle seine Freunde weiße, in Thailand lebende Ausländer – Farang werden sie genannt. Und sie sind alle mit Thailänderinnen verheiratet. Mit seiner Erzählung hatte Peter, 67 und Rentner, seinem Freundeskreis unbeabsichtigt offenbart, dass seine Frau nicht gerne mit ihm schläft.

Wenn man von "thailändischen Ehefrauen" hört, hat man sofort ein Klischee vor Augen: Der weiße Mann mittleren Alters, der seinen relativen Reichtum und seine relative Macht nutzt, um an eine viel jüngere und hübschere Frau heranzukommen, als es ihm sonst möglich wäre. Eine Beziehung, die auf gegenseitiger Ausnutzung basiert – er nutzt sie sexuell aus, sie ihn materiell.

In Pimon Chol findet man diese Vorurteile zunächst schnell bestätigt. Das Viertel ist eine amerikanisch anmutende Vorortsiedlung am Rand der 140.000-Einwohner-Stadt Khon Kaen im Nordosten Thailands. Um hineinzugelangen, muss man die Kontrolle eines privaten Sicherheitsdienstes überstehen. Dahinter: ruhige Einbahnstraßen, teure Autos vor neuen Häusern, makellose Rasenflächen, Swimmingpools. Farang mit nacktem Oberkörper gehen mit ihren Hunden Gassi, arbeiten im Garten oder spielen Tennis. Ihre thailändischen Ehefrauen besuchen sich währenddessen gegenseitig zum Kaffeetrinken. Die ganze Siedlung wirkt wie eine Blase, eine Parallelwelt, die kaum etwas mit der ungeordneten Stadtlandschaft um sie herum gemein hat. Thailändische Männer tauchen hier nur als Bauarbeiter oder Sicherheitskräfte auf.

Zurückgelassene Ehen und Hypotheken

Der 60-jährige John lebt seit zwei Jahren in Pimon Chol. Früher war er Geschäftsführer einer britischen Spezialgummi-Firma. Er ließ zwei gescheiterte Ehen und vier erwachsene Kinder zurück, um in Khon Kaen mit seiner neuen Frau neu anzufangen. Peter ist sein Nachbar. Er hat früher bei einem Versicherungsunternehmen gearbeitet und hat zwei Kinder aus Ehen mit einer Frau aus Honduras und einer aus den Philippinen. Jetzt ist er mit Pear verheiratet, der Frau, die sich weigert, mehr als zweimal im Monat mit ihm zu schlafen. Die Farang in der Siedlung kommen aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Schweden oder den USA. Wie John und Peter haben die meisten Ehen, Hypotheken und Familien zurückgelassen. In Pimon Chol ist das Leben billig, die Immobilienpreise sind günstig. Ein Haus mit drei Schlafzimmern und Pool gibt es für rund 50.000 Euro.

Die Ehen in dieser Enklave scheinen nichts mit jenen zu tun zu haben, die die Männer in Europa oder den USA mit ihren dortigen Frauen führten. Der Alters- und Kulturunterschied ist deutlich zu erkennen. Bei gesellschaftlichen Anlässen gibt es eine natürliche Geschlechtertrennung, weil Männer wie Frauen wegen ihres ähnlichen Hintergrundes und der gemeinsamen Muttersprache automatisch zusammenfinden.

Zu Hause sitzt John in seinem riesigen Wohnzimmer und schaut englischsprachiges Fernsehen, während seine Frau Tuey sich im Zimmer nebenan thailändische Filme ansieht. In der Regel nehmen die Männer sich auch gewisse sexuelle Freiheiten heraus – viele machen ab und zu ohne ihre Frauen Urlaub in Bangkok oder auf einer der Inseln. Sie gehen dort in die Bars und „treffen“ andere Frauen.

Wegen all dem könnte man vermuten, dass die Paare einander nicht besonders nahe stehen, vor allem, weil sie sich meist nicht einmal besonders gut verständigen können – viele Ehepaare unterhalten sich in einem seltsamen Mischmasch aus Pidgin-Englisch und Pidgin-Thai. Und trotzdem kann man, wenn man etwas länger hinschaut, auch als Außenstehender beobachten, dass es zwischen vielen Paaren in Pimon Chol eine gewisse Zuneigung und auch gegenseitigen Respekt gibt, die unsere Vorurteile in Frage stellen. Die Zuneigung entspringt sicher dem Tauschhandel, der die Beziehungen dominiert. Außenstehende mag es dabei besonders überraschen, dass die Paare überhaupt keine Versuche unternehmen, dies zu verstecken. Weder die Thai-Frauen noch ihre Farang-Männer finden, dass sie sich für irgendetwas schämen müssten.

Die Frauen sind stolz

Die Frauen von Pimon Chol genießen einen hohen Lebensstandard inmitten der ärmsten Provinz Thailands. Sie sind stolz darauf, für ihre alternden Eltern sorgen, ihre Kinder zur Schule schicken und sie in klimatisierten Häusern großziehen zu können. Und die pensionierten Männer aus dem Westen fühlen sich, als hätten sie den Jackpot geknackt: tropisches Klima, günstiges Essen und Frauen, die sich um sie kümmern, ohne viel dafür zu erwarten – keine Romantik und oft noch nicht einmal Treue.

Solange beide von Anfang das Gleiche wollen, sagen diese Paare, wird die Beziehung halten. Und nur weil das Verhältnis durch und durch praktisch ist, heißt das nicht, dass es darin nicht auch Zuneigung geben kann. Sie mag nur anders aussehen, als wir sie uns gemeinhin vorstellen.

Pia Muzaffar Dawson arbeitet im Social-Media-Bereich und als freie Autorin in London. Carl Bigmore lebt ebenfalls in London und hat als Fotograf den Arbeitsschwerpunkt Südostasien. Mehr Bilder von ihm gibt es unter: carlbigmore.co.uk

Übersetzung: Zilla Hofman

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16:00 24.09.2011

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