Wie lange noch?

Karl Marx ­Karl Marx formulierte die anspruchs­vollste und entschiedenste Kritik am Kapitalismus. Terry Eagleton ­verteidigt sie und fordert seine Leser zum Handeln auf

Nicht lange her, da wünschte Peter Ramsauer eines der großen deutschen Denkerpaare auf die politische Deponie: Die Berliner Bronzefiguren von Karl Marx und Friedrich Engels, die ihren angestammten Platz schon wegen eines U-Bahn-Baus verlassen mussten, sollten nach Meinung des bayerischen Bundesbauministers am besten gleich ganz aus dem Stadtzentrum in die Friedrichsfelder Gedenkstätte der Sozialisten verbannt werden – für den CSU-Mann „so eine Art sozialistisches Restezentrum“.

Der Christsoziale steht für jenen Teil der Öffentlichkeit, der schon beim Begriff „marxistisch“ an Weltuntergang denkt. Der Marxismus ist ihnen das falsche Andere, ein mindestens längst überholter Versuch der Weltendeutung, allenfalls eine schöne Theorie mit, falls es dazu käme, zwangsläufig schrecklicher Umsetzung.

Zehn Einwände gegen Marx hat sich jetzt der linke britische Literaturtheoretiker Terry Eagleton vorgenommen, um sie zu widerlegen: Warum Marx recht hat. Der Titel lässt zunächst zwei Fragen aufkeimen: Wollte jemand wie Marx, der die Frage nach der Wahrheit nicht bloß als eine der Theorie, sondern der Praxis begriffen hatte, überhaupt recht haben? Und rennt das Buch nicht ohnehin offene Türen ein? Schließlich ist von Marx seit einiger Zeit wieder verstärkt die Rede. Nicht einmal der Titel von Eagletons Buch ist besondern frisch – vergangenes Jahr erschien bereits Fritz Reheisens Arbeit Wo Marx Recht hat.

Kurzum: Der Name Marx, das konnte man schon vor ein paar Jahren in einem VSA-Sammelband über den ganz und gar nicht „toten Hund“ lesen, genießt „im Grunde genommen einen besseren Ruf, als man das zunächst glauben mag“. Gegen Eagletons Ansatz, ihn zu verteidigen, spricht das nicht. Ebenso wenig die Tatsache, dass die Ausgangsfrage – „Was, wenn die sattsam bekannten Einwände gegen Marx’ Werk falsch sind?“ – sich an der breiten wissenschaftlichen Debatte vorbeimogelt, die über alle politischen Konjunkturen hinweg keineswegs nachgelassen hat.

Mehr Demokratie mit Marx

Aber weder um die Seminarmarxisten geht es Eagleton noch um Kulturphilosophen, Wertkritiker und Marktsozialisten, die über die richtige Marxinterpretation streiten. Es ist kein Buch geworden, das noch einmal die „tausend Marxismen“ in den Blick nimmt und ihnen in der Ära des „Marxismus nach Marx“ eine weitere Lesart hinzufügen will. Der Autor ist vielmehr Aktivist, sein Buch nicht für die Universität gedacht, sondern für die Straße – als Anleitung zur aufklärenden Praxis: Wann immer wieder jemand die egoistische Natur des Menschen gegen Marx bemüht, ihm die realsozialistische Verkümmerung vorhält oder den Stalinismus, soll man in Warum Marx recht hat Antworten finden für die Widerrede.

Eagleton hat mit dem Buch auch eine kleine, durchaus kurzweilige Einleitung in den Marxismus geschrieben, jenes „rein provisorische Projekt“, dessen Sinn darin bestehe, „dass es ein Leben nach dem Marxismus gibt“ – nämlich dann, wenn der Gegenstand der „theoretisch anspruchsvollsten und politisch entschiedensten Kritik dieses System“ entfallen sein wird: der Kapitalismus.

Über die Regenerationsfähigkeit des Kapitalismus, seine Verwandlungskunst und Fortschrittspotenziale erfährt man bei Eagleton ebenso viel wie über seine Verheerungen. Das mutet bisweilen salopp an, entspricht aber dem Charakter praxispolitischer Schriften. Eagleton reitet seinen Marx gegen allerlei Einwände: Dass man es nur mit einer ökonomistisch beschränkten Vorstellung von der Wirklichkeit zu tun habe, dass ein mechanistisch vereinfachendes Geschichtsverständnis vorliege, Marx sich nicht für die geistigen Aspekte des Lebens interessiere und die Anhänger seines Denkens einen Glauben an den allmächtigen Staat pflegten. Er erklärt, warum ein Sozialismus mit Marx gedacht mehr statt weniger Demokratie bedeuten würde und dass die „öde Fixierung auf Klassen“ keineswegs so überholt ist, wie das äußerst seltene Vorkommen des Begriffs „Klasse“ in der öffentlichen Debatte suggeriere.

Aber wenn Marx nun recht hat, warum steht es dann um die politischen Bewegungen so schlecht, die sich auf sein Denken (und das von Engels) beziehen? Einerseits liegt das daran, dass es jede Menge populäre Vorurteile über den Marxismus gibt, die sich institutionell festgesetzt haben; man schaue nur in die deutsche Hochschullandschaft.

Marx zugesetzt haben aber auch jene, die sich seine Gralshüter nannten, die vielen, die mit ihrem auf Marx gegründeten Veränderungsanspruch nicht durchdrangen, denen es nach den „rauschhaften Utopien und glühenden Hoffnungen“ zu langsam voranging oder die selbst lieber in die falsche Richtung davonliefen. Beschädigung am Denkwertstoff Marx haben auch jene verursacht, die irgendwann „ihre Trauer rationalisierten, indem sie behaupteten, wenn sich das System nicht verändern lasse, müsse es eben auch nicht verändert werden“. In erster Linie, resümiert Eagleton, „war für die schwindende Attraktivität des Marxismus ein schleichendes Gefühl politischer Ohnmacht verantwortlich“. Gegen dieses geht es in seinem Buch.

Distanz der Kritiker

Denn ein Optimismus der Veränderung wird sich kaum ausbreiten, wenn die ihn Tragenden ständig mit dem Vorwurf konfrontiert werden, ein wesentlicher Bezugspunkt ihrer Kritik an den herrschenden Verhältnissen sei falsch, überholt oder führe in neuerliche Katastrophen. Dabei sind es nicht einmal so sehr die Ramsauers, deren antimarxistische Abneigung eher zur Folklore der parteipolitischen Auseinandersetzung gehört. Sondern es sind die gegen Klimawandel, Hunger und Armut Engagierten, jene, die für freie Netze, Frauenrechte und mehr „disposable time“ streiten, unter denen die Distanz zum marxistischen Denken für die glühenden Verfechter von Marx ein Problem sind.

Also: Occupy Marx? Der zehnte und letzte Einwand, mit dem sich Eagleton auseinandersetzt, zielt auf die „interessantesten radikalen Bewegungen der letzten vier Jahrzehnte“, von denen er nicht sagen will, dass sie „an die Stelle des antiquierten Klassenkampfs getreten“ seien. Quatsch, meint Eagleton. Wer die Diskussionen der Empörten und Bankenkritiker kennt, mag freilich erahnen, dass hinter einem systemkritischen Transparent nicht notwendiger Weise ein bekennender Marxist läuft – und ein Marxist nicht notwendiger Weise einer Demonstration gegen die „Gier“ des Finanzkapitals voranschreiten wird.

Dennoch: Der große Mann aus Trier hat zu den heutigen Verhältnissen immer noch mehr zu sagen als viele andere zusammen. Und an ihm vorbei wird auch in Zukunft nicht kommen, wer darüber nachdenkt, wie eine Welt nach dem Kapitalismus aussehen könnte. „Wie lange“, fragt Terry Eagleton, „wollen wir ihm noch geben?“

Warum Marx recht hatTerry Eagleton Ullstein Berlin 2012, 286 S., 18

11:05 16.03.2012

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