Wie links ist Aufbau?

Replik Über "Latte-Macchiato-Publizistik" und kalten Kaffee

Wer redet von Aufbau, fragt Ingo Arend im letzten Freitag (29/ 2007), um dann gewohnt meinungsstark gegen die "Populisten" im vermeintlichen östlichen Spiegelbild von Suhrkamp zu wettern: Kitsch und Politik hätten sie fusionieren wollen und damit nur eine "programmatische Selbstentleibung" perpetuiert.

Ach, hätte er doch nur einen geringeren Teil dieser Verve in Recherche investiert, das Lesen von Aufbau-Büchern etwa, dann wäre womöglich etwas Informatives herausgekommen statt bloß einer flott zu lesenden Polemik. Aber ein bisschen Populismus darf wohl auch im Freitag sein - was nicht daran hindern sollte, zur Abwechslung einen Blick auf die Fakten zu werfen.

Vor der DDR, vor Suhrkamp wurde 1945 der Aufbau Verlag gegründet (dieselben Väter hoben ein Jahr später den Freitag-Vorläufer Sonntag aus der Taufe). Das Programm: die Exilautoren zurückzuholen, das "Erbe" der deutschen Klassik wiederzubeleben, durch die bedeutendsten Werke der Weltliteratur den Blick zu weiten und den wichtigsten Autoren der Gegenwart eine Stimme zu geben. Ob dergleichen ein "linkes" Programm ist oder ein aufklärerisches, mag dahingestellt bleiben; sein ökonomischer wie Prestige-Erfolg jedenfalls öffnete in der Folge Freiräume, die engagiert genutzt wurden.

Genau diese programmatische Tradition - und nicht irgendeine verquaste Vorstellung von linker Massenkultur - definiert den geistigen Bezugspunkt für die Arbeit des Verlages von der Privatisierung bis heute. Dabei versteht sich Aufbau beileibe nicht als Traktatanstalt gleich welcher reinen Lehre. Der Verlag muss und will sich auf einem Markt behaupten, der von beinharten Gesetzen einer massenorientierten Erfolgsarithmetik regiert wird. Das kann man harsch geißeln, als Verlag aber nur um den Preis des Suizids ignorieren. Daher setzt ein Suhrkamp-Verlag kommerziell (mit Fernsehwerbung für so Hochliterarisches wie Zorro!) auf Isabel Allende, Fischer auf die mopplige Frau Froehlich. Aufbau hingegen liefert in seinen Imprints Gustav Kiepenheuer und Rütten Loening intelligente Unterhaltung von Susanne Fengler bis Taavi Soininvaara, von Eliot Pattison bis Deon Meyer.

Und was ist mit Aufbau selbst, der "publizistischen Resterampe"? In manchem hat Ingo Arend ja recht: Zugegeben, der Verleger bekennt sich zu seiner linken Vergangenheit, und wahrhaftig, er ist mit manchen seiner Autoren befreundet. Auch Tatsache, seit 14 Jahren leitet einer die "geistige Institution" Aufbau, der (nach faulen Jahren als Uni-Dozent und Suhrkamp-Übersetzer) bei den Profis von Lübbe gelernt hat. Jedoch: Abgehalfterte Autoren gibt es bei Aufbau nicht, statt dessen solche, die mitunter stärkere, zuweilen auch weniger starke Bücher schreiben. "Lektorische" Nachlässigkeit? Was immer das sein soll, es hat nichts mit der editorischen Qualität der hoch gerühmten Aufbau-Ausgaben von Seghers bis Zweig, von Schiller bis Fontane zu tun. Für die gibt es nämlich ein grandioses Lektorat und ein Engagement, das seinesgleichen sucht. Nur damit sind übrigens immer wieder Aufbau-typische Erfolge wie Bräunigs Rummelplatz zu bewerkstelligen.

Und ein Sachbuchprogramm, das mit Micha Brumliks Wer Sturm sät oder Luc Jochimsens Essay über Herzl Position bezieht, entlarvt billige Bonmots über "Latte-Macchiato-Publizistik" als kalten Kaffee. Der Geschwister-Scholl-Preisträger Mark Roseman, Heinrich Hannovers Republik vor Gericht, die Beiträge von Hannes Heer, Friedrich Schorlemmer, Robert Misik, Wolfram Wette - sollten wir das alles ausgerechnet vor dem Freitag geheim gehalten haben?

Wo bleibt sie denn nun, die so tief beklagte Aufbau-Krise? Abgesehen davon, dass Aufbau einen Verleger und keinen Mäzen hat, die Finanzdecke also nicht dicker ist als bei anderen Verlagen unseres Schlages, steht der Verlag 2007 ausgesprochen gut da: 25 Prozent mehr Umsatz, erzielt mit weniger Titeln, starker Einverkauf des starken Herbstprogramms - darunter Richard Wagner, Aliza Olmert, Yann Appery, Fallada, Fontane, sensationelle Exilbriefe, Robert Misik, Annelies Laschitzas Portrait der Liebknechts, der neue Wolfgang Engler, die Biographie von Susan Sontag ... Ach ja, und natürlich der neue Robert Schneider, eine wirkliche Offenbarung. Vielleicht sollte Ingo Arend einfach mal ein Leseexemplar anfordern.

René Strien ist Geschäftsführer und Programmleiter des Aufbau-Verlages.


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00:00 27.07.2007

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