Wie man Muslime macht

Klischees 700.000 Aleviten unter den Deutschtürken wurden bislang schlicht übersehen. Vielleicht, weil sie die Konsistenz unserer Vostellung von "uns" als Christen und dem Anderen, dem Islam, bedrohen

Zwischen Zwanzig- und Vierzigtausend schwanken die Zahlen, auf alle Fälle war es eine imposante Menge von Teilnehmern, die vor zwei Wochen von den alevitischen Gemeinden für eine Demonstration in der Kölner Innenstadt mobilisiert werden konnte. Tatsächlich wäre diese Protestveranstaltung ein ausgezeichneter Anlass gewesen, über die deutsche Einwanderungsgesellschaft nachzudenken - aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Zunächst hatte man in der hiesigen Öffentlichkeit die Aleviten als politischen Faktor noch gar nicht auf der Agenda gehabt. Die Mehrheit der Bevölkerung dürfte kaum wissen, was die Aleviten eigentlich unterscheidet von "den Muslimen" - und das, obwohl es in Deutschland nach Angaben der Gemeinden etwa 700.000 Gläubige gibt. Daher waren viele einheimische Einwohner von Köln auch der Auffassung, dass die Demonstration eine Art Folgeveranstaltung des "Karikaturen-Streits" seien - man nahm an, es gehe um verletzte religiöse Gefühle. Der Protest richtete sich jedoch gegen eine Institution des deutschen Fernsehens, den Tatort, genauer gegen die Tatort-Folge Wem Ehre gebührt. Darin ging es um einen Fall von Missbrauch in einer Familie mit türkisch-alevitischem Hintergrund. Die Folge sorgte für Empörung, weil die Unterstellung des Inzests zu den gängigen Klischees über Aleviten gehört; allerdings nicht bei der deutschen Mehrheitsbevölkerung, sondern unter den überwiegend sunnitischen Muslimen in der Türkei sowie vielen türkischen Einwanderern hierzulande.

Dieses Klischee konnte sich vor allem deshalb über Jahrhunderte so hartnäckig behaupten, weil sich der Gottesdienst der Aleviten sich von jenem der Sunniten erheblich unterscheidet. In den alevitischen Versammlungshäusern - sie beten gewöhnlich nicht in Moscheen - nehmen Frauen und Männer gemeinsam an den religiösen Feiern teil, zu denen auch Musik und Tanz gehören. Auch im Glauben bestehen erhebliche Unterschiede. So anerkennen die Aleviten die "Scharia" nicht als göttliche Offenbarung an, sondern betonen die individuelle Beziehung des Menschen zu Gott. Zwar werden sie nicht mehr wie noch im Osmanischen Reich als Häretiker verfolgt, doch auch in der türkischen Republik, die auf den Papier laizistisch ist, wurden die Aleviten, die immerhin zwischen 15 und 25 Prozent der Bevölkerung ausmachen, stets diskriminiert.

Tatsächlich ist die Trennung zwischen Staat und Religion in der Türkei nicht wie in den USA geprägt durch Ignoranz der Behörden gegenüber dem Glauben, sondern durch seine staatliche Auslegung. Das Amt für religiöse Angelegenheiten, ein riesiger Apparat mit Zehntausenden Angestellten, definiert, wie der Islam praktiziert wird und bevorzugt die orthodoxe sunnitische Variante.

Noch immer gibt es bei den Aleviten Auseinandersetzungen darüber, ob das Alevitentum überhaupt als Teil des Islam begriffen werden kann; jedenfalls lässt sich die Gruppe nur höchst ungern unter der Bezeichnung "die Muslime" führen. Da unter den türkischen Einwanderern hierzulande die Zahl der Aleviten höher ist als in der Türkei - was auch daher rührt, dass viele von ihnen nach dem Militärputsch von 1980 als Oppositionelle in Deutschland Asyl suchten - hätte der Protest der Aleviten gegen die Tatort-Folge Anlass geboten, in der Öffentlichkeit darüber nachzudenken, wie unangemessen die Vorstellung ist, dass in Deutschland drei Millionen "Muslime" leben, die alle Anhänger "des Islam" sind. Nicht nur werden so alle Atheisten türkischer, arabischer oder iranischer Herkunft simpel zu Muslimen erklärt, auch die erheblichen Unterschiede im Glaubensbekenntnis werden eingeebnet. In der "Deutschen Islamkonferenz" sitzen der Vertreter der "alevitischen Gemeinde" und der Vertreter der "Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion" (DITIB) ganz selbstverständlich auf der gleichen Seite des Tisches. DITIB jedoch - im übrigen Bauträger der Kölner Moschee - ist zumindest historisch schlicht ein Ableger der türkischen Religionsbehörde.

Auch in den jüngsten Versuchen, den Stand der "Integration" und damit auch das Radikalitätspotential "der Muslime" zu ergründen, werden Differenzen ausgeblendet. In der viel diskutierten Untersuchung des Innenministeriums über "Muslime in Deutschland" wird zwar die Heterogenität der betreffenden Gruppe betont, bei der Präsentation der Ergebnisse werden dessen ungeachtet Aussagen über "die Muslime" getroffen. Jene Aleviten, die sich nicht als Muslime bezeichneten, wurden bei der Erhebung einfach nicht berücksichtigt. Über was also geben die Zahlen der Untersuchung Auskunft? Tatsächlich ist diese Forschung in erste Linie damit befasst, eine Minderheit namens "die Muslime" überhaupt erst ins Leben zu rufen. Das ist wohl auch der Sinn von Einrichtungen wie der "Islamkonferenz". Denn im Grunde ist unklar, welche Bedeutung dieses Zusammentreffen über die Symbolik hinaus hat. Auf Landesebene etwa schreitet die pragmatische Anerkennung der unterschiedlichen Verbände weiter fort. Der Berliner Senat hat etwa das "Kulturzentrum anatolischer Aleviten" als Religionsgemeinschaft akzeptiert, was auch bedeutet, dass in Berlin alevitischer Religionsunterricht stattfinden kann. Insofern scheint das allerorten geführte Gespräch über "die Muslime" sowie der angestrebte Dialog mit "den Muslimen" die Erfindung einer neuen Minderheit zu befördern - einer Minderheit, der man ein Gefühl vom eigenen "Wir" gegenüber stellen kann. So wird wie im Vorbeigehen die Gesellschaft neu definiert, als religiös, denn angesichts der drei Millionen "Muslime" werden die anderen 80 Millionen zu Christen. Und plötzlich leben "Wir" nicht mehr in einem Land, in dem Religion dramatisch an Bedeutung verloren hat, in dem es dennoch viele verschiedene Glaubensrichtungen gibt, sondern in einem Land mit christlich-abendländischer Prägung und einer "muslimischen" Minorität.

Über ein weiteres Thema hätte man anlässlich der Proteste der Aleviten sprechen können: über die Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund am politischen Leben in der Bundesrepublik. Denn es mangelt in der Konstellation nicht an Absurditäten: Da findet die erste große politische Artikulation der Aleviten in Deutschland statt, und die richtet sich ausgerechnet gegen eine Tatort-Folge, in der, im übrigen von einer Regisseurin mit Migrationshintergrund (Angelina Maccarone) Klischees verbreitet werden, die vor allem in der Türkei und unter türkischen Migranten virulent sind. Nun mangelte es in letzter Zeit nicht an Ereignissen, gegen die sich Protest seitens der Migranten türkischer Herkunft gelohnt hätte: Ausbürgerungen, Verschärfungen im Zuwanderungsrecht, das Aufrichten erheblicher Hürden im Einbürgerungsprozess, Diskriminierung an Schulen, Verdächtigungsdiskurse aller Art. Aber die erste große politische Willensbekundung seit geraumer Zeit richtet sich gegen Ressentiments innerhalb des nationalen Herkunftskontextes. Niemand möchte den alevitischen Gemeinden ihre berechtigte Empörung streitig machen, doch dieser Protest ist ein doppeltes Symptom. Zum einen zeigt er, dass die Verbände der Migranten jetzt erst beginnen, sich in Deutschland lautstärker zu artikulieren, zum anderen zeigt er, wie weit sie mit ihrer Problemagenda noch entfernt sind vom hiesigen politischen Geschehen.

Zum guten Schluss hätte man selbstverständlich auch über den Tatort diskutieren können. "Ich erhielt den Auftrag", sagte Angelina Maccarone der Süddeutschen Zeitung, "einen Tatort zu schreiben, der im deutsch-türkischen Milieu spielt. Ich erdachte einen Fall, der sich in jeder Familie jeder Nationalität und jeder Religion so ereignen könnte: ein Mord wegen einer Inzest-Schwangerschaft." Darüber hinaus habe sie ganz bewusst zeigen wollen, dass es "keine Homogenität unter türkischen Migranten" gibt. Tatsächlich ist ihr genau das gelungen. Es gehört zur Absurdität der deutschen Einwanderungsgesellschaft, dass dies nur im Medium des Klischees möglich war. Hier stößt man auf ein generelles Problem der Arbeitsweise der deutschen Fernsehunterhaltung, und auf den Grund, warum deutsche Serien oftmals so schlecht sind. Die Anweisung nämlich, mal einen Film zu schreiben, der im "Milieu" spielt, egal in welchem, macht die Abbildung des Gewöhnlichen, Alltäglichen, gewissermaßen Universellen unmöglich: Am Ende steht das Klischee.

Über all diese Themen hätte man diskutieren können - nach den Protesten der "Aleviten" gegen den Tatort. Aber das wäre zu kompliziert gewesen. Roland Kochs "ausländische Intensivtäter" waren der bessere Tatort.

00:00 11.01.2008

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