Claus Leggewie
19.04.2017 | 15:00 14

Wie man zum Adenauer-Linken werden konnte

Zeitgeschichte Vor 50 Jahren starb Konrad Adenauer. Unser Autor erinnert sich, wie man als Linker Adenauers Innenpolitik ablehnen, der Westbindung aber einiges abgewinnen konnte

Am 25. April 1967 beobachtete ich von einer Kölner Rheinbrücke, wie die sterblichen Überreste Konrad Adenauers, des ersten Bundeskanzlers, nach dem Trauergottesdienst im Dom per Dampfer flussaufwärts an die Grabstätte auf dem Rhöndorfer Waldfriedhof überführt wurden. An meiner Seite war E., meine erste Liebe, die ich einige Wochen vorher am Rosenmontag erobert hatte. Dass wir uns von den Mitschülern, die bei der Zeremonie Spalier standen, absentiert hatten, erinnere ich als kleine Aufmüpfigkeit gegen ein Elternhaus, das dem „Alten“ weltanschaulich nahe stand und um ihn trauerte.

Die Bewunderung für den Gründungsvater der Bundesrepublik konnte noch auf den jungen Schüler überspringen, aufgekratzt hatten wir ihm und Charles de Gaulle in Köln zugejubelt. Aber dann schob sich die jugendliche Gestalt eines John F. Kennedys vor das Indianergesicht des Uraltkanzlers. Auch verdunkelte der Genuss des kulturellen Westens die Aureole des „Kanzlers der Alliierten“, wie die Sozialdemokratie seinerzeit gegen die von ihm eingeleitete und garantierte Westbindung geätzt hatte – nur um sie wenige Jahre später selbst nachzuvollziehen.

Wenige Wochen später, am 2. Juni, verschob sich das Koordinatenkreuz erneut. Beim Staatsbesuch des persischen Schah in Berlin war der Demonstrant Benno Ohnesorg von einem Polizisten (und wie man heute weiß: Stasi-Agenten) erschossen worden. Diese nicht dagewesene Tat machte einen 17-Jährigen empfänglich für Gerüchte der Art, in Deutschland drohe ein neuer Faschismus. Als 16-Jähriger hatte er schon gegen Adolf von Thadden und seine NPD demonstriert, dann auf dem Kölner Neumarkt mit Tausenden gegen Fahrpreiserhöhungen protestiert, dies eher ein Vorwand, um rebellische Energie freizusetzen.

Die späten Jahre des Alt-Kanzlers, der im Herbst 1963 dem ungeliebten Ludwig Erhard widerwillig Platz gemacht hatte, gaben immer weniger Anlass zur Identifikation.
„Der Alte“, wie wir ihn nun ganz abschätzig nannten, stellte seinen Namen einer Deutschland-Stiftung zur Verfügung, die vom Ex-Nazi Kurt Ziesel geleitet wurde. Den ersten Adenauer-Preis verlieh sie an Armin Mohler, den größten Kritiker des Adenauerschen "Gärtnerkonservatismus". Dieser Mohler hatte den Mythos von der Konservativen Revolution erfunden, dessen Kraft die Neue Rechte bis heute antreibt und die das genaue Gegenteil der sich seinerzeit zaghaft modernisierenden CDU war.

Adenauer betrachtete den kulturellen Wandel der 60er Jahre, also die West- und Weltbindung meiner Generation, mit größtem Argwohn, und dem Ende des Kalten Krieges, das uns die Last der Untergangsängste nahm, misstraute er. Er war genau der reaktionäre und altersstarrsinnige Patriarch geworden, als den ihn jüngst der Spiegel ein letztes Mal entlarvte – ein Autokrat, der im Amt seine Gegner als Feinde betrachtete und sie ausspionierte, dabei stets hart am Verfassungsbruch entlang manövrierte und die Wähler insgesamt als Dummköpfe ansah.

Knackpunkt Prager Frühling

Man hätte folgerichtig zu einem Anhänger Willy Brandts werden können, der als Kanzler "mehr Demokratie" ausrief, wäre da 1968 nicht die brutale Niederschlagung des Prager Frühlings gewesen, die den meisten Linken wenig bedeutete, unsereinem aber zeigte, dass Adenauers Einschätzung der "Soffjetunion" mehr als nur ein Körnchen Wahrheit enthielt. Während sich die Spartakisten der DKP sogar zur Verteidigung der Okkupation und "Normalisierung" der CSSR entschlossen, opferte die SPD in ihrem Wunsch nach Fortsetzung der Entspannung die ostmitteleuropäischen Satellitenstaaten bis hin zum Aufstand der polnischen Solidarnosc. Und was das Häuflein antikommunistischer Linker ebenfalls vom Schulterschluss mit der SPD abhielt, war dann spätestens Brandts Nachfolger Helmut Schmidt in seinem kolossalen Unverständnis der sozialen Bewegungen der 1970er Jahre.

Dazu zählte auch die Friedensbewegung, die dann zur Herausbildung einer intellektuellen Strömung führte, die Michael Brumlik später „Adenauer-Linke“ taufen sollte: Linke nämlich, die zwar mit Adenauers reaktionärer Innenpolitik nichts anfangen konnten, wohl aber mit seiner "Westbindung" genannten Verankerung der post- oder soll man in den frühen 50er Jahren sagen: spätnazistischen Bundesrepublik in den westlichen Bündnissystemen: die Aussöhnung mit Frankreich, die gegen den Willen der Deutschen vollzogene Entschädigung Israels, der Beitritt zur NATO, die Gründung der Europäischen Gemeinschaften, die Mitwirkung am Welthandel – und am Ende sogar den Rheinischen Kapitalismus, dessen soziale Marktwirtschaft sich wohltuend von anderen Kapitalismen unterschied. Und ein antiautoritärer Linker war kein Antikommunist à la Adenauer, aber eben auch kein Anti-Antikommunist nach pseudo-linkem Comment.

Das alles machte weder einen Hans Globke, Mitinitiator der Nürnberger Rassegesetze und nach 1949 Adenauers rechte Hand, noch die krummen Geschäfte des BND oder Adenauers anachronistisches Verständnis vom Abendland vergessen. Doch dass Charles de Gaulle und Konrad Adenauer Europa um eine säkular-karolingische Achse herum aufzogen, war auch manchem Außenseiter-Linken sehr recht. Spürbar war dies vor allem, als die westdeutsche Friedensbewegung in den 1980er Jahren mehrheitlich auf einen national-neutralistischen Kurs einschwenkte, der zu Amerika auf Distanz ging und sich Russland annäherte. In diesem Licht zählt zu den größten politischen Leistungen Konrad Adenauers, dass er 1952 den Verlockungen der "Stalin-Note" nicht gefolgt war, die damals noch sehr autoritär gestimmte Republik mit der DDR wiederzuvereinigen – um den Preis der Neutralisierung und Entmilitarisierung, die Gesamtdeutschland womöglich zum Annex der sowjetischen Einflusssphäre gemacht hätten, zur erweiterten DDR also.

Zur Adenauer-Linken zählten früh Intellektuelle wie Dan Diner, der in der Zeitschrift des Sozialistischen Büros links eine "Lanze für die NATO" brach, oder Peter Glotz, der eigensinnige Generalsekretär der SPD, später auch zu Atlantikern bekehrte Realpolitiker wie Joschka Fischer. Und Ende der 1980er Jahre wurde bei vorurteilsfreieren Ausflügen in die Denkfabriken der Union auch klar, dass hier die Potenziale für eine Annäherung zwischen Grünen und Schwarzen lagen, die freilich in den Evangelischen Akademien hängen blieben und bis heute keine realpolitische Gestalt angenommen haben.

Mochte Adenauer in den letzten Lebensjahren gelegentlich klingen wie ein Armin Mohler und wettern gegen die "Fäulnis" meiner Generation, der politische Fuchs hatte sehr wohl verstanden, dass man Westbindung nur haben konnte, wenn man ihren kulturellen Unterbau in Kauf nahm. Man kann nur hoffen, dass dieser Unterbau stark genug ist, einen erratischen Donald Trump zu überstehen und einem Wladimir Putin zu widerstehen. Und auf den Fundamenten der deutsch-französischen Allianz Europa neu aufzubauen.

Kommentare (14)

kürsche 19.04.2017 | 20:26

Auch beim Thema Adenauer wird das notorische SPD-bashing fortgesetzt. Den Ausführungen stimme ich nur zum Teil zu. Weshalb sollte man dem Brandt-Aufruf, bei uns im Westen mehr Demokratie zu wagen, auch nach den Prager Ereignissenn icht folgen?

Hunderttausende junger Leute taten das. Mehr Demokratie nach aussen hieß auch statt mehr Konfrontation mit den Sofffjets mehr verhandeln . Strauß wollte Westberlin aufgeben, die Frontlinie begradigen, Adenauer auf die Ostdeutschen verzichten (Die sind weg). Die Brüder und Schwestern spielten auch keine Rolle, als die Russen die Neutralisierung Gesamtdeutschlands anboten. Eine ernsthafte Prüfung fand nicht statt. Die Vision einer neutralen Zone mit den Ländern D, Ö und CH wurde verworfen zugunsten der Angstvision , dass die Kommunisten auch Westdeutschland unterlaufen würden.

Das nenne ich Populismus. Adenauer war ein Alt-Ppopulist.

"Die SPD ist die fünfte Kolonne der Soffjets." Dazu das Wahlplakat mit dem russisch bemützten Mongolenkopf , dessen Blicke strahlenförmig auf den erschreckten Bundesbürger zielten.

Populistisch der Hinweis auf das Exil des politischen Gegners während "wir" unsre Pflicht getan haben.

Über Populismus hinaus ging die Bezeichnung Willy Brandts als "der Herr Fram" .

Am Ende bleibt die Kritik an A. marginal. Da hat er Glück gehabt.

Weil die Geschichte so lief und nicht anders. Und weil er in der CDU war.

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Ehemaliger Nutzer 20.04.2017 | 00:04

Heute allerdings hat man es eher mit Kohl-Linken zu tun - oder nicht?

Und bei A. von Glück zu reden - nunja: Männer der Stunde eben, die dem "Glück" früher Geburt gefrönt haben - wie alle "Großen", die es sich eingerichtet haben.

Wie aber der Essay das Narrativ der Nachkriegsrepublik weiterspinnen möchte: gelungen - gleich in welche Richtung...

kürsche 20.04.2017 | 02:38

Eher Kohl-Linke ? Vielleicht haben Sie Recht. Oben outet sich gerade ein Adenauer-Linker. Ich wußte gar nicht, dass es solche und so viele Linke gibt.

Und Adenauer hatte Glück mit seinen Entscheidungen, z.B. mit seiner Konfrontationspolitik, die gottseidank zurückgefahren werden konnte. Ihm ist nachträglich kein Fehler nachzuweisen.

Kohls Glück der späten Geburt ist fernab von Entscheidungen.

w.endemann 20.04.2017 | 11:22

Was für eine wirre Argumentation. Der Begriff links wird vollständig entsubstantialisiert, so daß man Adenauer-links sein und den in der Realpolitik angekommenen Joschka Fischer für einen Linken halten kann. Der Autor unterschlägt den dritten Weg und kann nicht Kommunismus von Stalinismus unterscheiden. Man kann vielleicht eine marxistische, eine anarchistische und eine kulturtheoretische Linke gegeneinander abgrenzen, freilich mit vielen Überschneidungen, alle drei stimmen im Antikapitalismus und in einer allerdings changierenden Vorstellung von Kommunismus überein, Anarchisten und ein Teil der Kulturlinken (westlicher Marxismus) meinte mit Antikommunismus Antistalinismus und den institutionalisierten Totalismus der realsozialistischen Kommunisten. Insofern konnte man als Linker nicht prokommunistisch sein, aber keineswegs antikommunistisch. Marxisten haben bekanntlich einen Sozialismus in einem unterentwickelten Land ausgesprochen problematisch gesehen, weil sie sich des Doppelcharakters der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft bewußt waren. Daher wurde die kulturelle Assimilation einer reaktionär-autoritären postwilhelminischen und postnazistischen Gesellschaft, die schon Weimar vermasselt hatte, an den bürgerlichen Westen begrüßt. Dafür standen die pluralistischen fünf Nachbarländer, mit denen die Europäische Gemeinschaft gegründet wurde, in ihnen waren starke kommunistische Parteien akzeptiert. Der rheinische Kapitalismus war relativ erträglich, weil er den brutalen Kapitalismus ausbremste, aber er war genaugenommen eine Mischung aus Kapitalismus und autoritär-konservativer Bindung, aus Gegenwart und Vergangenheit, keine Zukunft. Sehr früh kam das Unbehagen über die Integration in den vom angelsächsischen Kapitalismus dominierten Gesamtwesten. Insbesondere die Nato war von Anbeginn ein antikommunistisches, prokapitalistisches Bündnis Kalter Krieger, und der kulturelle Liberalismus des Westens beruhte auf einem gnadenlosen wirtschaftlichen (Neo-)Liberalismus. Das haben die Linke, die Frauen-, die Friedens-, alle linksorientierten Partialbewegungen sehr schnell begriffen. Leggewie offensichtlich bis heute nicht, er weiß nicht, wovon er spricht, wenn er von links redet.

willibald hamster 20.04.2017 | 14:36

Transatlantische, antikommunistische und russophobe Propaganda im "Freitag" in Reinform. Erstaunlich, wie jetzt der aus der DKP-nahen "Deutschen Volkszeitung" und der VVN-nahen "Tat" hervorgegangene "Freitag" sogar die SPD schon rechts überholt, wobei die Abarbeitung an der historischen Brandt-SPD wohl als Aufforderung an die Schulz-SPD gelesen werden soll, sich dieses außenpolitischen Erbes nun doch endgültig zu entledigen (nachdem der sozialdemokratische Marxismus schon vor Jahrzehnten zu Grabe getragen wurde).

Die Spitzen gegen die Friedensbewegung der 80er Jahre sind selbsterklärend: Die Kombination aus "sich Russland annäherte" und "national-neutralistischen Kurs" deckt sich mit den gegen die Friedensbewegung seit 2014 vorgebrachten Vorwürfen, eine ominöse "Querfront" zu schmieden, d.h. "rechtsoffen" zu sein und gleichzeitig quasi im Auftrag des Kreml zu handeln. Diesen Vorwürfen wird so eine historische Weihe verliehen, indem sie ex post nun auch auf jene Friedensbewegung der 80er Jahre bezogen werden.

aseghers 21.04.2017 | 10:41

“Wofür ich demonstriere“ (Claus Leggewies Artikel vom 23. März erstaunt wegen der Kargheit der vorgetragenen Argumente. Genau wie beim Andenauer Artikel fragt man sich wozu er die vielen Worte benutzt? In seinen „sieben Punkten“ ist so viel Öde, die sozusagen symptomatisch für die derzeitige linke Theorienwelt steht. Hier ein paar Gedanke zu seinen sieben Punkten:

Erster Punkt: Wut, Populismus: Sie bagatellisieren die wirkliche Angst und Ungleichheit, die von den Menschen erlebt wird. Die Wut ist in diesem Fall angebracht. Populismus wird von der Mittelschicht zur Zeit gern benutzt, um auf die verarmte arbeitende Klasse herabzuschauen. Alle Politiker sind populistisch, das ist nicht den Rechten vorbehalten.

Zweiter Punkt: Sie sprechen sich gegen eine abstrakte Verteidigung der EU aus, aber haben selbst nichts anzubieten, sondern sagen einfach zu den Brexiteers ich will ein gerechteres Europa. Das ist so allgemein, dass es für fast alle Parteien zutrifft. Tote im Mitttelmeer? Ja eine Strategie, die Millionen von armen Menschen aus Afrika einlädt, weil man Arbeitskräfte braucht und sich als Gutmensch profilieren möchte, kann man nicht einfach auf und zumachen, wie einen Wasserhahn.

Dritter Punkt: Echte Feinde! Erdogen in einem Atemzug zu nennen mit Putin ist ja wohl die Höhe! Putin wird vom Westen bedroht. NATO stationiert Waffen an Russlands Grenze, was nie hätte geschehen dürfen. So war es 1991 verabredet. Erdogens Politik muss scharf kritisiert werden und die unserer Regierung. Schliesslich ist er mit uns in der NATO. Ihre Argumentation spricht den Waffenproduzenten aus dem Herzen.

Vierter Punkt: Seltsame internationale Nationalisten! Was soll das denn bedeuten? Die Flüchtlingssache ist zu allererst eine breitangelegte Kampagne der neoliberalen Globalisierer, welche darauf hinausläuft, Europas Mittelschicht abzuschaffen. Das hat nichts mit Internationalismus zu tun. Sondern es geschieht, indem Menschen ins Land geholt werden, die nichts von unseren jahrhundertealten Kämpfen zur Verteidigung der arbeitenden Menschen wissen. Gewerkschaften, 8 Stunden Tag, gesichterte Löhne, Feriengeld usw sind hart erkämpft worden. Jetzt werden im Zug von Billigstlöhnen und Schwarzarbeit alle diese Errungenschaften Stück für Stück abgeschafft. Da braucht man nicht eine Konferenz anzuregen: Die Fluchtursachen sind jahrelange westliche Kriege, von denen die besagten Waffenproduzenten profitieren.

Fünfter Punkt: Mehr Generationsgerechtigkeit! Allgemeiner gehts wohl nicht.

Sechster Punkt: Es bedarf konkreter Ziele. Ja sicher. Gemeinsame Aussen- und Sicherheitspolitik und Umweltdenken, sagen sie. Alles ganz allgemein.

Siebter Punkt: Da sprechen Sie nur von wolkigen Wünschen „den parteipolitischen Eliten Dampf machen...“

Leider ist das alles ziemlich nichtssagend und hat als einzige These im Hintergrund wir müssen einfach weiter hoffen und uns alles gefallen lassen. Es ist eigentlich ganz leicht zu verstehen, dass die erstarkenden `´Rechten`` eben so viel Erfolg haben, weil eine Linke mit Courage und der richtigen Analyse fehlt.

aSeghers