Wie man zum Adenauer-Linken werden konnte

Zeitgeschichte Vor 50 Jahren starb Konrad Adenauer. Unser Autor erinnert sich, wie man als Linker Adenauers Innenpolitik ablehnen, der Westbindung aber einiges abgewinnen konnte

Am 25. April 1967 beobachtete ich von einer Kölner Rheinbrücke, wie die sterblichen Überreste Konrad Adenauers, des ersten Bundeskanzlers, nach dem Trauergottesdienst im Dom per Dampfer flussaufwärts an die Grabstätte auf dem Rhöndorfer Waldfriedhof überführt wurden. An meiner Seite war E., meine erste Liebe, die ich einige Wochen vorher am Rosenmontag erobert hatte. Dass wir uns von den Mitschülern, die bei der Zeremonie Spalier standen, absentiert hatten, erinnere ich als kleine Aufmüpfigkeit gegen ein Elternhaus, das dem „Alten“ weltanschaulich nahe stand und um ihn trauerte.

Die Bewunderung für den Gründungsvater der Bundesrepublik konnte noch auf den jungen Schüler überspringen, aufgekratzt hatten wir ihm und Charles de Gaulle in Köln zugejubelt. Aber dann schob sich die jugendliche Gestalt eines John F. Kennedys vor das Indianergesicht des Uraltkanzlers. Auch verdunkelte der Genuss des kulturellen Westens die Aureole des „Kanzlers der Alliierten“, wie die Sozialdemokratie seinerzeit gegen die von ihm eingeleitete und garantierte Westbindung geätzt hatte – nur um sie wenige Jahre später selbst nachzuvollziehen.

Wenige Wochen später, am 2. Juni, verschob sich das Koordinatenkreuz erneut. Beim Staatsbesuch des persischen Schah in Berlin war der Demonstrant Benno Ohnesorg von einem Polizisten (und wie man heute weiß: Stasi-Agenten) erschossen worden. Diese nicht dagewesene Tat machte einen 17-Jährigen empfänglich für Gerüchte der Art, in Deutschland drohe ein neuer Faschismus. Als 16-Jähriger hatte er schon gegen Adolf von Thadden und seine NPD demonstriert, dann auf dem Kölner Neumarkt mit Tausenden gegen Fahrpreiserhöhungen protestiert, dies eher ein Vorwand, um rebellische Energie freizusetzen.

Die späten Jahre des Alt-Kanzlers, der im Herbst 1963 dem ungeliebten Ludwig Erhard widerwillig Platz gemacht hatte, gaben immer weniger Anlass zur Identifikation.
„Der Alte“, wie wir ihn nun ganz abschätzig nannten, stellte seinen Namen einer Deutschland-Stiftung zur Verfügung, die vom Ex-Nazi Kurt Ziesel geleitet wurde. Den ersten Adenauer-Preis verlieh sie an Armin Mohler, den größten Kritiker des Adenauerschen "Gärtnerkonservatismus". Dieser Mohler hatte den Mythos von der Konservativen Revolution erfunden, dessen Kraft die Neue Rechte bis heute antreibt und die das genaue Gegenteil der sich seinerzeit zaghaft modernisierenden CDU war.

Adenauer betrachtete den kulturellen Wandel der 60er Jahre, also die West- und Weltbindung meiner Generation, mit größtem Argwohn, und dem Ende des Kalten Krieges, das uns die Last der Untergangsängste nahm, misstraute er. Er war genau der reaktionäre und altersstarrsinnige Patriarch geworden, als den ihn jüngst der Spiegel ein letztes Mal entlarvte – ein Autokrat, der im Amt seine Gegner als Feinde betrachtete und sie ausspionierte, dabei stets hart am Verfassungsbruch entlang manövrierte und die Wähler insgesamt als Dummköpfe ansah.

Knackpunkt Prager Frühling

Man hätte folgerichtig zu einem Anhänger Willy Brandts werden können, der als Kanzler "mehr Demokratie" ausrief, wäre da 1968 nicht die brutale Niederschlagung des Prager Frühlings gewesen, die den meisten Linken wenig bedeutete, unsereinem aber zeigte, dass Adenauers Einschätzung der "Soffjetunion" mehr als nur ein Körnchen Wahrheit enthielt. Während sich die Spartakisten der DKP sogar zur Verteidigung der Okkupation und "Normalisierung" der CSSR entschlossen, opferte die SPD in ihrem Wunsch nach Fortsetzung der Entspannung die ostmitteleuropäischen Satellitenstaaten bis hin zum Aufstand der polnischen Solidarnosc. Und was das Häuflein antikommunistischer Linker ebenfalls vom Schulterschluss mit der SPD abhielt, war dann spätestens Brandts Nachfolger Helmut Schmidt in seinem kolossalen Unverständnis der sozialen Bewegungen der 1970er Jahre.

Dazu zählte auch die Friedensbewegung, die dann zur Herausbildung einer intellektuellen Strömung führte, die Michael Brumlik später „Adenauer-Linke“ taufen sollte: Linke nämlich, die zwar mit Adenauers reaktionärer Innenpolitik nichts anfangen konnten, wohl aber mit seiner "Westbindung" genannten Verankerung der post- oder soll man in den frühen 50er Jahren sagen: spätnazistischen Bundesrepublik in den westlichen Bündnissystemen: die Aussöhnung mit Frankreich, die gegen den Willen der Deutschen vollzogene Entschädigung Israels, der Beitritt zur NATO, die Gründung der Europäischen Gemeinschaften, die Mitwirkung am Welthandel – und am Ende sogar den Rheinischen Kapitalismus, dessen soziale Marktwirtschaft sich wohltuend von anderen Kapitalismen unterschied. Und ein antiautoritärer Linker war kein Antikommunist à la Adenauer, aber eben auch kein Anti-Antikommunist nach pseudo-linkem Comment.

Das alles machte weder einen Hans Globke, Mitinitiator der Nürnberger Rassegesetze und nach 1949 Adenauers rechte Hand, noch die krummen Geschäfte des BND oder Adenauers anachronistisches Verständnis vom Abendland vergessen. Doch dass Charles de Gaulle und Konrad Adenauer Europa um eine säkular-karolingische Achse herum aufzogen, war auch manchem Außenseiter-Linken sehr recht. Spürbar war dies vor allem, als die westdeutsche Friedensbewegung in den 1980er Jahren mehrheitlich auf einen national-neutralistischen Kurs einschwenkte, der zu Amerika auf Distanz ging und sich Russland annäherte. In diesem Licht zählt zu den größten politischen Leistungen Konrad Adenauers, dass er 1952 den Verlockungen der "Stalin-Note" nicht gefolgt war, die damals noch sehr autoritär gestimmte Republik mit der DDR wiederzuvereinigen – um den Preis der Neutralisierung und Entmilitarisierung, die Gesamtdeutschland womöglich zum Annex der sowjetischen Einflusssphäre gemacht hätten, zur erweiterten DDR also.

Zur Adenauer-Linken zählten früh Intellektuelle wie Dan Diner, der in der Zeitschrift des Sozialistischen Büros links eine "Lanze für die NATO" brach, oder Peter Glotz, der eigensinnige Generalsekretär der SPD, später auch zu Atlantikern bekehrte Realpolitiker wie Joschka Fischer. Und Ende der 1980er Jahre wurde bei vorurteilsfreieren Ausflügen in die Denkfabriken der Union auch klar, dass hier die Potenziale für eine Annäherung zwischen Grünen und Schwarzen lagen, die freilich in den Evangelischen Akademien hängen blieben und bis heute keine realpolitische Gestalt angenommen haben.

Mochte Adenauer in den letzten Lebensjahren gelegentlich klingen wie ein Armin Mohler und wettern gegen die "Fäulnis" meiner Generation, der politische Fuchs hatte sehr wohl verstanden, dass man Westbindung nur haben konnte, wenn man ihren kulturellen Unterbau in Kauf nahm. Man kann nur hoffen, dass dieser Unterbau stark genug ist, einen erratischen Donald Trump zu überstehen und einem Wladimir Putin zu widerstehen. Und auf den Fundamenten der deutsch-französischen Allianz Europa neu aufzubauen.

15:00 19.04.2017

Kommentare 14

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community